Bis zu 21°C und Regenschirm nicht vergessen

1,2 Millionen Euro für nichts? Gesundheitsämter in Berlin können Luca-App kaum nutzenSonderregel für Union: 11.000 Zuschauer trotz hoher InzidenzKlimabericht: Erderhitzung schreitet schneller voran

anderswo geht’s um die Wurst, in Berlin dröhnt der Bass: Getanzt haben bei der ersten Berliner Impfnacht in der Arena in Treptow aber nur die Mitarbeiter. Gut, war auch Montag (da stolpern die letzten sonst noch aus dem Wochenende), es hatte geregnet und die Drinks waren alkoholfrei. Impfen ließen sich trotzdem viele, standen Schlage: in den ersten zwei Stunden allein 350 Menschen. „Ganz, ganz happy“, war der Leiter des Impfzentrums darüber. Und DJs und Barleute hatten sich schick gemacht wie für einen klassischen Berliner Weekender: „Es macht so Spaß, hier zu arbeiten und man rettet nebenbei noch die Welt“, sagte Barfrau Vivien Wolter. „Wir arbeiten die Pandemie weg.“ Frei nach dem Motto: Schaffe, schaffe – Spritze baue.

Der Fall erinnert an Hatun Sürücü: Die Berlinerin Maryam H. wurde 34 Jahre alt, ermordet wohl von ihren eigenen Brüdern. Weil die aus Afghanistan stammende Frau nicht so leben wollte, wie es zu sein hatte. Weil sie das Kopftuch nur dann trug, wenn ihre Brüder sie in der Berliner Flüchtlingsunterkunft aufsuchten. Zwölf solcher sogenannten Ehrenmorde, schätzt das Bundeskriminalamt, gibt es pro Jahr. Ein Drittel, das ergab eine ältere Studie, sind Männer – weil sie schwul sind oder selbst eine Tötung verweigern. Jetzt streitet die Berliner Politik darüber, ob das Ganze als Femizid zu bezeichnen ist – die Tötung von Frauen wegen des Geschlechts – wie er täglich in Deutschland versucht wird und allein durch (Ex-)Partner jeden dritten Tag gelingt. Oder ob sogenannte Ehrenmorde gesondert eingeordnet werden müssen, um sie zu verhindern.

Integrationssenatorin Elke Breitenbach (Linke) lehnt den Begriff ab: „In der Öffentlichkeit wird vom sogenannten Ehrenmord gesprochen. Dieser Begriff ist unpassend, darin steckt die Rechtfertigung der Täter. Bei Mord gibt es keine Ehre“, sagte sie am Montag. SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey antwortete: „Ihr wurde aus verletztem Ehrgefühl das Leben genommen, weil sie so lebte, wie sie es wollte. Es muss klar benannt werden, dass das nichts anderes ist als ein schrecklicher Ehrenmord“, erklärte Giffey.

Wie auch immer man eine solche Tat benennt: Ändern muss sich vor allem, dass Gerichte bei der Tötung von Frauen – ob als Ehrenmord, „Familiendrama“ oder Femizid bezeichnet – noch immer strafmildernd den „kulturellen Hintergrund“ oder „Verbrechen aus Leidenschaft“ anführen. Männer besitzen Frauen nicht. Zumindest in diesem Gedanken gleichen sich aber alle Täter, egal, wo sie herkommen. Ihr kultureller Hintergrund heißt vor allem: Patriarchat. Das muss immer benannt werden, nicht erst (aber auch dann), wenn „Ausländer“ Frauen töten. Das Problem auszulagern, macht es nicht besser.

Themenwechsel: Berlin sucht den heiligen Wohnungsgral. Wer hat das richtige Rezept? Wer schützt Mieterinnen rechtssicher und macht Eigentum nicht unmöglich? Ein Bündnis von 27 Initiativen hat jetzt neue Ideen entwickelt. Die Vorschläge reichen von einer „landeseigenen Ankaufgesellschaft“ von Wohnungen über „quotierte Besetzung aller Vorstände von städtischen Wohnungsunternehmen“ bis zu einer Schiedsstelle zum Schutz von Mietern sozial oder kulturell genutzter Gewerbeflächen. Was die Initiatoren noch alles wollen, hat Ralf Schönball aufgeschrieben.

Wir machen's kurz und knackig – mit vier Meldungen vom ersten Schultag mit Präsenzpflicht:

+ „Die Kinder sind jetzt seit drei Stunden ihren ersten Tag nach den Ferien in der Schule. Erste Mail: ‚Läusebefall in der Schule‘“.

+ Spandauer Grundschule sagt Feier zur Einschulung ab – aus Sorge vor der Infektionslage. Ein Sprecher der Bildungsverwaltung sagt, die Virusmutationen seien kein „Grund zur Panik“.

+ Vor einer Schule in Wannsee kontrollierte gestern früh die Berliner Polizei Autofahrer, das Ergebnis: 15x zu schnell, 1x fehlender Kindersitz, 1x Mobiltelefon beim Fahren, 1x Ladung nicht gesichert, 1x nicht angeschnallt. Aber hoffentlich getestet.

+ Bund und Länder planen fast volle Freiheit für Geimpfte – und das Ende kostenloser Tests. Das soll auf der heutigen Ministerpräsidentenkonferenz beschlossen werden.

Corona II: 1,2 Millionen Euro hat der Berliner Senat für die Luca-App ausgegeben. Rathauschef Michael Müller sagte vor dem Kauf: „Ich habe die jetzt bestellt. Ich habe die Verträge dafür unterschrieben, ohne dass ich Smudo kennengelernt habe oder mich mit technischen Details auskenne.“ Seitdem rottet die App, zumindest bei mir, auf dem Handy vor sich hin – und die Corona-Warn-App des Bundes kann quasi genau das Gleiche (und noch mehr) leisten. Nur in Sachsen wurde sich für die datenarme Bundeslösung entschieden, die meisten anderen Länder waren zu verzaubert von Smudos Charme.

Jetzt zeigt eine Recherche meines Kollegen Daniel Böldt: Die Berliner Gesundheitsämter können mit der App kaum etwas anfangen. Ein Überblick: „Die Luca-App ist eine ungenutzte Anwendung in unserem Applikationsfundus ohne Anbindung zum bestehenden Softwareprogramm“ (Neukölln), „Luca ist als ergänzende Maßnahme zu sehen“ (Pankow) „Die App hilft gar nicht“ (Reinickendorf), ist „nur begrenzt nutzbar“ (Friedrichshain-Kreuzberg). Technische Details, jaja. Manchmal wichtiger als Smudo. Was genau schiefgeht, lesen Abonnenten hier.

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Telegramm

Klima I: Der Weltklimarat der Vereinten Nationen erwartet einen Anstieg der Welttemperatur um 1,5 Grad schon in den nächsten neun Jahren. Sollte sich der CO2-Anstieg bis 2050 nicht reduzieren, ist ein Temperaturanstieg von bis zu 3,5 Grad möglich. Die Erderhitzung schreitet also schneller voran als gedacht – die schlimmsten Folgen können aber womöglich noch verhindert werden. Warum deshalb keine Panik, sondern schnelles Handeln gefragt ist, schreibt Anna Sauerbrey.

Klima II: Das Berliner Abgeordnetenhaus hat das Energiewendegesetz des Berliner Senats am Montag verschärft. Bis 2030 will die Landesverwaltung CO2-neutral wirtschaften, dazu sollen auf allen öffentlichen Dächern Solaranlagen entstehen, Schulen oder andere Behördengebäude nach der höchsten Energieeffizienzklasse gebaut werden – aber es gibt, wie so oft, einige Ausnahmen. Christian Latz hat alle Details.

Voll gegen die Latte: Obwohl die Sieben-Tage-Inzidenz in Berlin den für die halbe Stadionauslastung festgelegten Grenzwert überschreitet, darf der 1. FC Union zum Bundesliga-Start gegen Bayer Leverkusen vor 11.000 Zuschauern spielen. Die Kopplung an die Inzidenz sei „temporär ausgesetzt“, teilte die Innenverwaltung dem „Kicker“ mit. Wohl die Belohnung für die vielen Verstöße beim letzten Modellversuch und die Uneinsichtigkeit des Union-Präsidenten. Am Wochenende schickt die Innenverwaltung ihre Polizisten dann wieder zur Jagd auf Jugendliche in Parks.

Die 18 Jahre alte Noreen Thiel tritt für die FDP in Lichtenberg an. Statt klassischer Politik-Sprüche mit Alliteration oder Paarreim hat sie sich für eine wichtige und gerade in der Politik viel zu selten gesagte Botschaft entschieden: „Mental Health Matters.“

Forever young: Zur Wahl zum Jugendwort des Jahres 2021 stehen Begriffe wie „Sheesh“, „wild“, „cringe“, „Digga“ oder „akkurat“ (Abstimmung ab jetzt hier). Kurt Cobain wird dann wahrscheinlich zum Künstler des Jahres gewählt.

CDU I: Und er hängt doch. Aufmerksame Leserinnen und Leser haben doch noch einige Plakate von Armin Laschet im Stadtgebiet entdeckt. Der beliebteste CDU-Kanzlerkandidat aller Zeiten hängt unter anderem in Zehlendorf, Pankow und Charlottenburg. Am 13. August, zum 60. Jahrestag des Mauerbaus, kommt Laschet sogar fast nach Berlin: Er nimmt gemeinsam mit Söder-Fan Kai Wegner an einer Gedenkveranstaltung an der Glienicker Brücke teil.

Wo Sie sonst noch an den Mauerbau erinnern, gedenken oder dazu lernen können, haben wir hier zusammengefasst.

CDU II: Einen hammermäßigen Social-Media-Hit landete der Schöneberger CDU-Abgeordnete Jan-Marco Luczak, weil er aus unerfindlichen Gründen mit einem schweren Vorschlaghammer auf eine Grasfläche einschlug. Am Ende hupt einer. Schauen Sie mal.

CDU III: Im Osten gibt’s Neues! Die CDU will der Linkspartei ihre alten Hochburgen streitig machen – mit Kümmererpolitik statt rotem Teppich. Hannes Heine hat drei Kandidierende begleitet (T Plus).

Wer Deutscher werden will, muss in Berlin lange warten (Checkpoint vom 30.07.): Deshalb wird in Charlottenburg-Wilmersdorf ab sofort Personal für „das Aufgabengebiet als Sachbearbeiterin/Sachbearbeiter für Einbürgerungs- und Staatsangehörigkeitsangelegenheiten (m/w/d)“ gesucht. Allerdings befristet. Falls die Beliebtheit Berlins abebbt.

Prominent ignoriert: Politiker, die sich über andere Politiker aufregen, weil sie in der falschen Straße Plakate aufgehängt haben. Prominenter sprechen könnte man dagegen über die fast 90.000 Plastikkabelbinder, die allein im Bezirk Lichtenberg verbraucht worden. Auf alle zwölf Bezirke hochgerechnet dürfte das mehr als eine Million Plastikkabelbinder ergeben. Müll, Müll, Sondermüll.

Zitat

„Der neue IPCC-Bericht enthält keine wirklichen Überraschungen. Er bestätigt, was wir bereits aus Tausenden früheren Studien und Berichten wissen – dass wir uns in einer Notlage befinden. Er ist eine kompakte (aber vorsichtige) Zusammenfassung der aktuell besten wissenschaftlichen Erkenntnisse.“

Greta Thunberg kommentiert, ganz nüchtern, den neuesten Klima-Bericht.

 

Tweet des Tages

Eineinhalb Jahre Pandemie, und ich habe gerade kurz überlegt, warum der Typ vor mir einen Kaffeefilter am Ellenbogen hat. Aber wirklich nur ganz kurz.

@quarkkalibur

Stadtleben

Neu in Pankow – Neben dem bewährten Café in Prenzlauer Berg finden Sie einen Abkömmling des Kiez Kaffee Kraft  nun auch am Bleichröderpark in Pankow. Von der Terrasse aus lässt es sich auf Sonnenstühlen ins Grüne blicken. Der kräftige Kaffee, der handgemacht (engl: to craft) zubereitet wird, paart sich gut mit hausgemachten Kuchen. CP-Tipp: Unbedingt das Banana Bread schmecken lassen! Mo-So 8.30-18 Uhr, im Sommer freitags und samstags bis 21 Uhr. Breite Straße 35, S-/U-Bhf Pankow

Das ganze Stadtleben – mit Lyrik, Jazz und Geschichte auf der Leinwand – gibt's im Tagesspiegel-Plus-Abo.

Berlins Spitzenkandidat:innen-Check

5 x 1: Bis zur Abgeordnetenhauswahl stellen wir den Spitzenkandidat:innen von CDU, FDP, Grüne, Linke und SPD jede Woche eine Frage, die sie mit nur einem Foto beantworten dürfen. Diese Woche: Wie bewegen Sie sich 2030 durch Berlin? Heute: Franziska Giffey (SPD).

Foto: SPD Berlin

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Berliner Gesellschaft

Geburtstag – Nicolas Berggruen (60), deutsch-amerikanischer Investor / Kai Bierbüße (45), „Immonaut -  Älter ist wie jung, nur besser! Auf dein Wohl.“ / Bettina Domer (55), seit 2016 Mitglied des AGH (SPD) / Klaus Emmerich (78), Regisseur / „Berit Frings feiert ihren Geburtstag wie das Känguru aus den gleichnamigen Chroniken mit kaltem Eierkuchen und vielen Schnapspralinen und ganz viel Liebe von Frank.“ / Urs Handschin, „fröhlicher Eidgenosse und herausragender Spieler der Schweizer-Deutschen Hörnli-Equipe bei boule devant Berlin. Alls Gueti zum 60.!“ / Robert Leicht (77), Journalist, ehem. Kolumnist für den Tagesspiegel / Franziska Riemann (48), Comiczeichnerin und Filmregisseurin / Reinhard Naumann (61), seit 2011 Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf (SPD) / Ronald Nitschke (71), Synchronsprecher und Schauspieler / Brigitte Oleschinski (66), Politologin und Schriftstellerin / Emine Sevgi Özdamar (75), Schauspielerin und Schriftstellerin / Oli P., bürgerlich Oliver Petszokat  (43), Schauspieler, Sänger, Moderator / Tatjana Polon (51), Tagesspiegel-Verlagsleiterin Themenspeziale und Magazine / Jörg Thadeusz (53), Moderator

Sie möchten jemandem zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de

Gestorben – Wolfgang Grineisen, * 14. Juni 1938 / Ilge Höhler, * 21. Mär 1956 / Roland Koltermann, * 26. Januar 1946 / Kathrin Röbbecke, 10. April 1969

Stolperstein – Emil Becker (Jg. 1888) lebte gemeinsam mit seiner Frau Anna in der Schubartstraße 36 (heute 61) in Reinickendorf. Im Mai 1943 wurde er als Unterstützer des Widerstandskämpfers Ernst Beuthke in Berlin verhaftet und in Sachsenhausen inhaftiert, wo er heute vor 78 Jahren ohne Gerichtsurteil auf Befehl Heinrich Himmlers erschossen wurde.

Encore

Soll man der Kirche nicht nachsagen, sie könne keinen Wahlkampf: Das Erzbistum Berlin hat sich – was für ein schöner Scherz – mit dem Eissalon „Süße Sünde“ zusammengetan, um der Frage nachzugehen: „Wenn unser Glaube eine Eissorte wäre – wie würde er schmecken?“ Dazu wurden extra Bio-Eissorten entwickelt, die es in den kommenden Wochen in Berlin, Potsdam oder Rügen am – Trommelwirbel! – ParadEIS-Truck gibt. Himmlisch. Am Donnerstag, 14 Uhr, Unter den Linden, wird Erzbischof Heiner Koch höchstselbst die süßen Sünden unters Volk bringen. Gott wird’s wohl vergelten. Seine Lieblingseissorte? Vermutlich ParadEISer.

Recherchiert haben heute Carolin Rückl und Matthieu Praun. Sophie Rosenfeld hat die Stadtleben-Tipps zusammengestellt und Kathrin Maurer alles versandfertig gemacht. Morgen erzählt Ihnen Anke Myrrhe das Neueste aus ParadEIS-City. Bis bald,

Ihr Julius Betschka

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