„Eine Frage nach dem Warum kann nicht beantwortet werden“

Das Wahlergebnis muss erneut korrigiert werden: Berlinweit gab es bei Nachzählungen große Abstimmungsveränderungen. Die Bezirke waschen ihre Hände in Unschuld. Von Nina Breher und Anke Myrrhe

„Eine Frage nach dem Warum kann nicht beantwortet werden“
Zahlen, bitte: Beim amtlichen Endergebnis traten einige Diskrepanzen im Vergleich zum vorläufigen auf. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Lässt sich das Chaos in Berlin messen? Eine Frage, die Philosophinnen in dieser Stadt ebenso umtreibt wie Burgerbuden-Betreiber. Für beide (und natürlich die Politik) haben wir weiteres Zahlenfutter gesammelt. Sie ahnen es, genau: Es geht, mal wieder, um die Wahlen. Denn zwischen dem vorläufigen und dem amtlichen Ergebnis der AGH-Zweitstimmen brutzeln ein paar, nun ja, heiße Unterschiede (über zwei berichteten wir bereits hier und hier). Frischer Stoff für Spekulationen, bitteschön:

+++ Wahllokal 702 in Mitte: Im finalen Ergebnis büßt die AfD 70 Prozent der im vorläufigen Endergebnis verzeichneten Stimmen ein (erst 89, dann doch nur 26). Dafür wurde die Linke dort offenbar zunächst vergessen: Jetzt bekommt sie 89 statt 0 Stimmen. „Übertragungsfehler“, heißt es vom Bezirk Mitte, „schlicht ein versehentliches Missgeschick“ der Person, die die Ergebnisse eintrug. „Die Frage nach dem Warum kann nicht beantwortet werden.“ Kann ja mal passieren.

+++ In Reinickendorf, Wahllokal 517, erlebte die AfD dafür ein kleines Stimmwunder: aus drei wurden 58. Die SPD erhielt statt der vorläufigen 13 Stimmen am Ende 96.

+++ Besonders auffällig: In gleich zwei Spandauer Wahllokalen (401 und 410) wurden der CDU zunächst exakt 100 Stimmen mehr zugesprochen. Im amtlichen Endergebnis sind es 140 statt 240 beziehungsweise 37 statt 137. Dasselbe geschah in Spandau 410 der SPD – von 132 auf 32 Stimmen. Wieso Spandau gleich in 100er-Schritten korrigiert, wissen wir nicht, der Bezirk reagierte am Montag nicht auf Anfragen. Spandau 410 ist zudem das Lokal mit den berlinweit meisten Stimmkorrekturen (322). Vermutlich ein Schätzfehler.

+++ Auf Rang zwei und drei landen die Wahllokale 6F und 4N in Marzahn-Hellersdorf – auch hier gab’s Zahlenmagie: Die SPD-Stimmen wurden glatt verdoppelt – 110 statt 55 im Briefwahlbezirk 4N. Ähnlich in 6F – SPD final mit 129 statt 72 Stimmen, CDU doch 146 statt 68.

+++ Weiter geht’s mit Friedrichshain-Kreuzberg, Wahllokal 102: Den Grünen mussten 110 Stimmen wieder weggenommen werden, in Briefwahlbezirk 5AA gab‘s dafür 99 dazu. Womöglich ein Rechenfehler „z. B. beim Zusammenzählen der von verschiedenen Zählgruppen ermittelten Einzelwerte“ oder ein „Verständnisfehler“ bei der telefonischen Übermittlung, teilt der Bezirk mit. Hätten sie bloß das Fax genommen.

+++ Im Wahllokal 303 in Charlottenburg-Wilmersdorf halbiert die FDP ihre Ergebnisse: Am Ende waren es 40 statt 80 Stimmen. Ähnliches in ChaWi 310: Hier kam die FDP von 53 auf 28 Stimmen. Aber keine Sorge, woanders wurde kräftig nach oben korrigiert: von 46 auf 66 (Briefwahlbezirk 5S) und 56 statt 37 (Lokal 509). „In elf Stimmbezirken“ waren laut Bezirkswahlleitung ChaWi Nachzählungen erforderlich. „Die Abweichungen (…) beruhen auf (…) rechnerischen Korrekturen und den Ergebnissen der Nachzählungen.“

Die Korrekturen sind im amtlichen Endergebnis enthalten, am Ergebnis – und an den Mandaten – ändert sich nichts. Trotzdem bleibt die Frage: Ist das in diesem Ausmaß normal? Ja, sagt die Landeswahlleitung: Die Veränderungen lägen „etwas höher“ als bei der AGH-Wahl 2016. Das sei aber „aus Sicht der Landeswahlleitung nicht als ungewöhnlich anzusehen“.

Oder besser gesagt: Berliner Normalität. Denn in anderen Bundesländern läuft es durchaus besser. In Hessen beispielsweise wurden die Ergebnisse der sechs großen Parteien um insgesamt 613 Stimmen korrigiert (Gewinne und Abzüge verrechnet). In Berlin waren es mit 1987 mehr als dreimal so viele – bei knapp der Hälfte der Einwohner.