Gorillas, Hinterhöfe und Stöberideen für die dunklen Tage
Samstagmorgen – Wer nach dem Aufstehen besseres mit seiner Freizeit vor hat als einzukaufen, bestelle einfach bei Gorillas. Und zwar keine fertigen Speisen, sondern seinen individuell zusammengestellten Wocheneinkauf. Das junge Startup wirbt mit einer Lieferzeit von nur zehn Minuten nach Bestelleingang, was eigentlich unmöglich ist, immerhin muss so ein Einkauf doch zusammengesucht, eingepackt und transportiert werden. Eine wissenschaftlich wackelige Studie, durchgeführt in meinem Freundeskreis, zeugt davon, dass es dennoch funktioniert. Ein Geschwindigkeit fördernder Faktor ist die Auswahl bestimmter Kieze, in denen die Gorillas keine langen Lieferwege haben – noch ist der Service nicht überall verfügbar. Wer das alles verdächtig findet, bestelle entweder probehalber selbst oder beäuge das Phänomen bis auf Weiteres skeptisch. Der Blick in die unternehmensinternen Stellenausschreibungen zeugt jedenfalls davon, dass die Macher:innen noch einiges vorhaben.
Samstagmittag – Zwölf Stunden lang geht es heute nur um Sie, um Dich, um Euch. Allerdings auf Englisch – und das englische You lässt sich eben vielfältig verwenden. Vor allem aber stellt es eine große Absage an das megalomanische Ich dar, das auf allen Bühnen der Welt überpräsent ist. Der Soundkünstler Christof Migone hat daher an die 30 Künstler:innen dazu bewogen, einen klingenden Beitrag zum Wort You zu schaffen und herausgekommen sind eben diese zwölf Stunden Material aus Live-Musik, Text-Stücken, Performance-Einlagen und voraufgezeichnetem Videomaterial. Start ist um 11 Uhr vormittags, Schluss um 11 Uhr abends hiesiger Zeit (12 Uhr GMT).
Der Samstagabend bietet eine gute Gelegenheit, sich auf den aktuellen Stand in Sachen zeitgenössischer Literatur zu bringen. Der alljährliche Xmas Book Market findet dieses Jahr digital statt. Verlage wie Adocs, Botopress, Mikrotext, Textem stellen in 5-Minuten Blitzpräsentationen ab 20 Uhr neue oder besonders interessante Titel vor, deren Autor:innen und Verleger:innen dem Publikum ab 21 Uhr zum Gespräch zur Verfügung stehen – nur Lesen muss man noch selber. Oder Einpacken und Verschenken.
Sonntagmorgen – Wenn es zwei Formate gibt, an deren Stil- und Design-Entwicklung man den Wandel des letzten halben Jahrhunderts besonders gut nachvollziehen kann, dann sind das Tatort und Ikea-Katalog. Letzterer begeht gerade seinen siebzigsten Geburtstag und kommt fortan ausschließlich in digitaler Form. Ein herber Verlust für die Zeitschriftenablagen in Millionen von Badezimmern, ein längst überfälliges Glück für die Umwelt und ein echter Gewinn für Kulturwissenschaftler:innen und stöberfreudige Nostalgiker:innen, denn alle Ausgaben des Kataloges seit 1950 sind fortan kostenfrei verfügbar im neuen Ikea Online-Museum.
Sonntagmittag – Noch vor zwölf Monaten, irgendwo am Äquator Caipirinha schlürfend, hätte wohl kaum jemand gedacht, dass das Reisen selbst einmal in derartige Ferne rücken würde. Dass auch vor der eigenen Haustür ganze Parallelwelten nur darauf warteten, entdeckt zu werden, wohl auch nicht. Das Projekt Berlin Lokal Zeit macht einige davon hörbar. Künstler:innen wie Kim Albrecht, Peter Cusack, Maren Hartmann oder Auinger und Strobl, die diesen Sommer die Halle am Berghain bespeilt haben, haben zahlreiche Hörspaziergänge durch belebte wie abgelegene Plätze, versteckte Hinterhöfe, Tunnel und Schächte aufgezeichnet. Zu hören ist das pandemieberuhigte Berlin auch über Radio Aporee. Letzteres ist übrigens ein GPS-gekoppeltes Klangarchiv, das allein aus dem öffentlichen Raum Berlin aktuell 2235 Audioaufnahmen bietet, durch die man sich unter aufgesetzten Kopfhörern bei schlechtem Wetter durchstöbern kann.
Sonntagabend – Wie jedes Jahr, türmen sich auch in diesem unzählige Jahresrückblicke mit Best-Of-Listen und angeblichen Highlights, die man sich bei vertrauenswürdigen anderen abgeschrieben hat. Eine dieser zuverlässigen Quellen, von denen andere gerne abschreiben, ist die Liste der Top 100 Songs des Jahres, sowie die der Top 50 Alben vom Pitchfork Magazine. Das Gute an diesen Listen: Sie werden von Musikjournalist:innen erstellt, die sich auf ihrem Feld auskennen. Das führt dazu, dass die Listen nicht nur zum abermaligen Hören populärer safe bets verleiten, sondern auch manch kleine unbekannte Künstler:innen entdecken lassen. Wer gänzlich vom Mainstream weg und sich anhören möchte, was die experimentelle Avantgarde 2020 so getan hat, findet im Rewind des Wire Magazine die höchste Instanz, die Ausgabe kostet mit Versand nach Deutschland 8 Pfund Sterling.