Wochniks Wochenende - 48 Stunden Berlin
Samstagmorgen – Dass der Christopher Street Day Ende und Höhepunkt der Pride Week markiert, ist für Frühaufsteher zunächst Nebensache – die Demo-Parade beginnt nämlich erst mittags. Macht nichts, Engagement geht immer. Studierende der HU veranstalten eine Konferenzreihe „Generation Nachhaltigkeit?!“, in der es um die Transformation der Gesellschaft zu mehr ökologischer und sozialer Verantwortung geht. Der Tag beginnt mit einer Kaffee- und Frühstücksrunde um 8.30 Uhr, um 9.15 dann der erste Programmblock. Wer es kinderfreundlicher möchte, findet ein gar nicht so unähnlich ausgerichtetes Programm im Gropius Bau. Im Rahmen der Ausstellung Garten der irdischen Freuden gibt es Workshops, Installationen, Impulsvorträge und mehr zum Thema Garten als Metapher, Zufluchtsort, Raum, ästhetisches Objekt. Los geht es um 10.30 Uhr mit dem Familienworkshop „Gärten ohne Grenzen“.
Samstagmittag – Um 12.30 Uhr beginnt der Umzug zum Christopher Street Day. Das Motto „50 Jahre Stonewall – Jeder Aufstand beginnt mit deiner Stimme“ erinnert daran, dass der feierliche Teil des Umzugs hart erkämpft worden ist. Daran, dass auch der kämpferische Teil längst nicht abgeschlossenen ist, erinnern die Forderungen des CSD-Forums, die wiederum feierlich vorgetragen werden – so schließt sich der Kreis. Hier entlang zur Route, hier zum CSD-Kernprogramm. Und hier zum weit darüber hinaus gehenden Programm der letzten Tage der Pride-Week.
Samstagmittag – Politische Forderungen und Protest werden in Städten meist weniger getanzt als gesprüht. Es wäre daher sicher vermessen zu behaupten, dass technisch anspruchsvolle Graffitis automatisch besser oder interessanter seien als andere. Dennoch, wer ein unstillbares Bedürfnis hat, sich seine Umgebung nicht bloß vorsetzen zu lassen, sondern sie mitzugestalten, zugleich über interessante Ideen und eine ausgeklügelte Technik verfügt, ist klar im Vorteil – und dessen Nachbarschaft sicherlich auch. Das Sprühen ist schließlich ein Handwerk, und das kann man erlernen. Etwa beim Graffiti Workshop um 14.30 Uhr im Alliiertenmuseum, Clayallee 135 gegen 10 Euro. Anmeldung über 030 8181990.
Samstagabend – Etwa da, wo CSD und Graffito herkommen (die Christopher Street befindet sich nämlich in New York) hat auch der Hip-Hop seine Wurzeln. Und auch der beginnt mit einer Geste kultureller Aneignung: Seit den frühen Achtzigern verfügt nämlich jeder Hinterhofproduzent mit der Sampling-Technik über unbezahlbare, professionell aufgenommene Klänge ganzer Orchester, also Erzeugnisse exklusiver Hochkultur, zur Gestaltung seiner eigenen Musik. Sind im heutigen Mainstream orchestrale Sequenzen zu hören, dann als mehr oder minder bewusste Hommage an diese Zeit. Im Schöneberger Metropol werden die Vorzeichen heute aber wieder umgekehrt: Dr. Dres Album „2001“ von 1999 wird hier nämlich in vollem Umfang in einer Orchesterfassung vorgetragen – mit DJs und Sängerinnen auf der Bühne handelt es sich dennoch um eine Veranstaltung der gehobenen Art: Sitzplätze gibt es nämlich nicht, es wird gestanden oder gebodyshaked.
Samstagabend – Wahrscheinlich hatte Marcel Duchamp keine Ahnung davon, welchen Einfluss sein zufälliges Ziehen von Notennamen aus einem Hut auf John Cage und die moderne Musikgeschichte nehmen würde. Eine Spielart dieser als Aleatorik bekannten Kompositionstechnik mit regelhaftem Zufall gibt es heute im Kühlspot ab 20.30 Uhr live zu hören: Das Publikum würfelt nämlich immerfort Namen der neun Improvisateure, die so in immer neuen Konstellationen auf der Bühne zusammenspielen. Etwas Kombinatorik zur Vergegenwärtigung: Aus neun Musikerinnen lassen sich 36 verschiedene Duette, 84 Trios und 126 Quartette oder Quintette bilden, die jeweils mehr oder weniger gut zueinander passen, was wiederum auf durchaus abwechslungsreiches Geschehen hoffen lässt. Ab 20 Uhr, Eintritt 5 Euro
Sonntagmorgen – „The Great Russian Brunch“ im Cookies & Co ist schon ein Phänomen: Die erste Veranstaltung war nämlich absolut ausverkauft, was, wenn man den Ankündigungstext genau liest, darauf schließen lässt, dass die Nachfrage nach Vodka zum Frühstück groß sein muss in Berlin. Ab 10 Uhr wird in der Senefelderstraße 4 auch heute wieder ausgeschenkt und angestoßen, das allerdings mit reichlich Frühstücksgedeck, welches ein allzu rasches Zukopfsteigen des gesellig machenden Wirkstoffs verhindert. Eine Tischreservierung wird folglich ebenso dringend empfohlen wie die Freiheit von Verbindlichkeiten für den Rest des Tages.
Sonntagmittag – Eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst mit Kindern zu besuchen, fordert vielen Eltern doch einiges an Mut ab – wie sollen sie auch noch vermitteln, womit sie selbst überfordert sein könnten? Die Kunsthistorikerinnen Milly James & Anna Ratcliffe haben eben das erkannt und bieten Führungen durch die Ausstellung in der Galerie König fürKinder im Alter von 5 bis 10 Jahren an, die der englischen Sprache mächtig und in Erwachsenenbegleitung sind. Start um 14 Uhr, wegen begrenzter Plätze ist auch hier die Anmeldung über arttoursberlin@gmail.com Pflicht.
Sonntagabend – Auch als Punks Militärkleidung zur Mode erklärten, war das eine Geste der Aneignung – hier von Insignien einer Gegenkultur. Etwas davon hat auch das Detect Classic Festival, bei dem Kulturschaffende am Neubrandenburger Tollensesee eine ehemalige Torpedoversuchsanlage und Panzerhallen in Festivalgelände umfunktionieren, um darauf klassisch sinfonische, zeitgenössische und elektronische Musik mit Naturerfahrung zu kombinieren. Das Programm verspricht außerdem Tanzperformance, Talks und Debatten, Ausstellungen, Installationen und heißen Sommer mit möglichem Funkenflug – es könnte gewittern am Sonntag. Wer angesichts dessen nicht ganz so weit raus und weg vom heimischen Gefrierschrank fahren möchte, muss das auch nicht. Passend zu den Hundstagen läuft um 21.30 Uhr im Freiluftkino Insel im Cassiopeia nämlich Wes Andersons „Isle of Dogs“ (engl. + UT).