dieses Wochenende gibt’s wieder Stadt satt. Bevor sich Berlin aber platt feiert unter der Regenbogen-Sonne (alle Fragen und Antworten zum CSD hier), regen wir uns lieber noch mal berlinisch auf. Natürlich zuerst über die Touristen, die gestern Abend durch Kiezhausen spazierten und sich staunend zuriefen: „Das ist also Prenzlauer Berg – hier ist es ja genauso, wie es in den Reiseführern steht.“ Stopp mal kurz: So schlimm schon?
Aber es kann ja immer noch schlimmer kommen. Zum Beispiel in der Geschichte, die gleich nebenan spielt und von Menschen handelt, die nicht im Reiseführer stehen: alte Leute, die in unserer Stadt auch noch schön leben wollen. Die vor lauter elektrisch betriebenem Touristenspielzeug kaum auf den Bürgersteigen entlangkommen. Und wenn doch, dann autogerechte Ampelschaltungen und manch selbstgerechten Radfahrer fürchten. Für die es immer weniger Sitzgelegenheiten ohne kostenpflichtigen "Coffee for hier" gibt. Oder die sogar befürchten müssen, ganz aus dem schönen Touristenkiez herausgeworfen zu werden: wie die 66 betagten Bewohnerinnen und Bewohner im St. Josefsheim in der Pappelallee. Sie dachten, sie seien das letzte Mal umgezogen – nun müssen sie das Seniorenheim in bester Innenstadtlage verlassen: Brandschutzgründe, sagt die Caritas. Zufall, dass man hier mit später geplanten Seniorenwohnungen mehr Geld verdienen kann. Zufall, dass es schon seit letztem Jahr eine Machbarkeitsstudie gibt, wie man das Gelände weiterentwickeln könnte. Zufall, dass es einen Erbbaurechtsvertrag gibt, laut dem die Caritas das Gelände „in den ersten zehn Jahren im Wesentlichen nur zum Betrieb eines Pflegeheims“ nutzen darf. Zufall, dass diese Frist bald abläuft. „Ein Zufall“, sagt Bärbel Arwe, Geschäftsführerin der Caritas Altenhilfe GmbH, zu Letzterem tatsächlich. Ach so, ein Gutachten der Feuerwehr zum Brandschutz gibt es ganz zufällig nicht, wie mein Kollege Sebastian Leber recherchiert hat. Die Geschichte (nachzulesen hier) stößt uns auf die Frage, in welchem Berlin wir eigentlich leben, welches wir erleben und auch den Touristen vorleben wollen.
Wenn die Verdrängung aus der Innenstadt weitergeht, dann wird es kein Zufall mehr sein, dass irgendwann bald die Älteren, die Schwerfälligeren, die Mühemachenden aus unserem Bild der Stadt verschwinden. Der würde dann etwas Entscheidendes fehlen: eine ganze Menge Leben.
Telegramm
Okay, welche der folgenden Meldungen ist Quatsch?
1.) Eine Krankenkasse empfiehlt amtlich Selbstbefriedigung zum Einschlafen.
2.) Eine Etappe der Tour de France wurde wegen Schneefalls abgebrochen.
3.) Auf Zigarettenkippen soll es bald Stummelpfand geben.
Richtig geraten: 4.)
Nicht genug aufs Holz geklopft haben offenbar die Macher des Holzmarkts. Im Streit mit dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg um das kreative und bei Mietpreisen auch vergleichsweise karitative Bauareal am Holzmarkt sind die Kompromisse ziemlich lange aus dem Leim gegangen. Mit Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) rissen Gesprächs- und Geduldsfäden. Nun könnten die Stadtlebenkünstler aus der unmittelbaren Projektentwicklung herausgenommen werden. Und plötzlich fragen sich alle: Wer hatte hier zu lange ein Brett vorm Kopf?
Schlechte Meldung aus dem Wald von Jüterborg: Schon wieder wütet ein Feuer auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz. Das Gelände südlich von Berlin ist mit Munition verseucht; die Feuerwehr kann deshalb nur am Brandrand löschen. Am Freitag standen bereits 100 Hektar Fläche in Flammen.
Gute Meldung aus Tegel: Ein brenzliger Start am Flughafen ging glimpflich aus. Womöglich nach einem Vogelschlag fing eine British-Airways-Maschine Feuer mit 203 Menschen an Bord; die Besatzung konnte aber schnell umkehren und in Tegel erfolgreich notlanden. Niemand wurde verletzt.
Falls Sie sich am Wochenende ein Bein ausreißen wollen: Nehmen Sie es bitte danach mit zum Arzt. In Bayern ist einem Jungen gerade erfolgreich ein Unterarm wieder angenäht worden, der ihm bei einem schrecklichen Badeunfall abgerissen worden war, als er von einem Baum in einen See springen wollte und dabei an einem Seil hängenblieb (via „Bild"). Der Dreizehnjährige war nach dem Unglück zu einem Kiosk gegangen und hatte dort Hilfe gerufen, Freunde bargen den Arm und brachten ihn hinterher.
Die Großen lässt man laufen? Aber doch nicht in Berlin. Hier sitzt jetzt auch die Tochter von Anton Schlecker im Gefängnis ein (via „Berliner Zeitung“) – wie ihr Bruder Lars. Meike Schlecker ist wegen Untreue, Insolvenzverschleppung, Bankrott und Beihilfe zum Bankrott des Vaters zu zwei Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt worden. Der Schlecker-Familie wird vorgeworfen, bei Europas größter Drogeriekette vor der Insolvenz 2012 Millionen beiseitegeschafft zu haben. Im Zuge der Pleite verloren Tausende Mitarbeiter ihre Jobs. Nun gewinnen sie wenigstens wieder etwas Vertrauen in den Staat zurück.
Kalt werden wir hier heute nicht mehr. Aber woanders: Auf der Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen wurden gestern leichte 19 Grad gemessen. Und in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg ist es immer seicht gekühlt, berichtet Kollege Gerd Appenzeller. Nur noch zwei Wochen ist hier die Ausstellung „Lotte Laserstein“ zu sehen – die jüdische deutsche Künstlerin, die vor den Nazis ins Exil floh, wurde 95 Jahre alt. Die mitreißende Schau entreißt sie nun dem Vergessen (Rezension hier). Nicht vergessen, noch hinzugehen.
Kurze Meldung aus Dresden (via Twitteruser @fieserHahn): Auf der Toilette des Hygiene-Museums war die Seife alle.
Kurze Meldung von der Ostsee (via „Ostsee-Zeitung"): Auf dem Meer wurde ein schwimmender Teppich gesichtet – aus Blaualgen. Nichts für fisch Verliebte.
Seinen Kindern was vormachen sollte man als Eltern nie. Aber ihnen etwas vorgeben sollte man schon, auch wenn es manchmal unpopulär ist. Solche Ansichten haben Jesper Juul populär gemacht – und bei manch gestressten Eltern auch zu mehr Einsicht und Einfühlung geführt. Nun ist der dänische Familientherapeut nach langer Krankheit im Alter von 71 Jahren gestorben. Sein Credo: „Glücklich zu sein ist keine Kunst. Die wirkliche Kunst ist es, zu wissen was man tun kann, wenn man unglücklich ist.“
Wussten Sie das? Den Zweiten Weltkrieg überlebten nur 91 Tiere des Berliner Zoos. Inzwischen leben in Zoo, Tierpark und Aquarium 28.000 Tiere aus 1400 Arten – einige von ihnen haben sich für unsere Fotogalerie schon mal in Schale und Gefieder geworfen. Am nächsten Wochenende feiert der Zoo mit vielen Fellowern seinen 175. Geburtstag – Ihre schönsten Erinnerungen schicken Sie gerne an berlin@tagesspiegel.de. Und Direktor Andreas Knieriem verrät im Tagesspiegel-Interview, dass er immer mit seinem Hund eine Runde dreht, wenn abends die Menschen weg sind: „Die Formen, die Farben, die Gerüche – mit den Tieren hat man die ganze Welt beisammen.“
Ein Leben ohne Sommerbaustellen? Das wäre nur teer auszuhalten. Also halten Sie sich ran: In einer Woche soll Berlin wieder zugepflastert sein. Schließlich wollen wir nach den Ferien wieder ganz normal den Stau rauslassen.
Durchgecheckt
Ramona Pop ist Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe sowie Bürgermeisterin von Berlin. Ihre Partei Bündnis 90/Die Grünen ist nach Umfragen die derzeit beliebteste in der Stadt.
Frau Pop, der trockene Sommer ist zurückgekehrt. Wollen Sie bald wieder die BSR zum Gießen der Straßenbäume ausrücken lassen?
Starkregen, Dürre, extreme Hitze – die Klimakrise ist heute schon Realität. Die Bundesregierung versagt beim Klimaschutz – also müssen wir in Berlin tun, was wir können. Längst geht es darum, dass wir mit Folgen der Klimaveränderungen umgehen. Dazu gehört die Bewässerung der Straßenbäume, wir unterstützen die Bezirke auch in diesem Jahr finanziell hierbei. Die Wasserbetriebe bauen riesige Regenwasserstaubecken, um auf Starkregen reagieren zu können. Wir sind also schon jetzt mittendrin, der Klimakrise zu begegnen – und das kostet Geld.
Was tut Sie noch für ein gutes Stadtklima?
Wir reduzieren CO2-Emissionen. Mit dem Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm haben wir einen Klimaschutzfonds, dieser muss aber auch genutzt werden. Als einziges Bundesland werden wir bis 2030 aus der Steinkohle aussteigen, bei der Braunkohle haben wir das schon geschafft. Wir investieren rund 28 Milliarden Euro in den Ausbau des Nahverkehrs. Berlin war zu lange Schlusslicht bei den erneuerbaren Energien - wir fördern nun mit aller Kraft und mit Förderprogrammen den Ausbau. Ich will, dass in Zukunft kein Haus und keine Schule ohne Solardach gebaut wird.
Das Klima auf Radwegen und Bürgersteigen wird ruppiger, weil nun auch noch auf zu engem Platz viele E-Roller herumstehen oder herumfahren. Warum schafft es selbst Rot-Rot-Grün nicht, den Platz des Autoverkehrs zugunsten von Radlern, Rollern und Fußgängern zu beschneiden?
Wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen. Jahrzehntelang hat die Berliner Verkehrspolitik aufs Auto gesetzt. Städte wie Kopenhagen forcieren dagegen seit Jahrzehnten den Ausbau des Radverkehrs. In Berlin haben wir also viel nachzuholen! Mit dem bundesweit ersten Mobilitätsgesetz haben wir den Hebel umgelegt. Wir schaffen geschützte Radstreifen, bauen Straßenbahnlinien aus und werden die Taktung beim ÖPNV erhöhen. Wir geben Fahrrädern, Bussen, Straßenbahnen und Fußgängerinnen und Fußgängern mehr Platz auf der Straße. Ja, es geht auch mir oft nicht schnell genug, aber wir kommen jeden Tag einen Schritt voran.
Auch im Senat stockt es inmitten der Ferien. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat diese Woche überraschend den Stadtentwicklungsplan Wohnen gestoppt, weil zu wenig Neubau von Wohnungen eingeplant sei. Ist dieser Einwand richtig?
Immer weniger Wohnraum steht in Berlin zur Verfügung, bei einer Leerstandsquote von weniger als ein Prozent brauchen wir mehr und bezahlbare Wohnungen. Ich habe genauso den dringenden Wunsch, den Neubau zu beschleunigen. Der StEP Wohnen wurde zwischen allen Verwaltungen diskutiert und soll dem Bedarf an neuen Wohnungen Rechnung tragen. Der Mietendeckel soll verhindern, dass die Mietpreise weiter explodieren. Zusätzlich diskutieren wir im Senat intensiv über Beschleunigungsmöglichkeiten. Da bin ich völlig einig mit Michael Müller.
Frau Pop, haben Sie in Ihrem Urlaub etwas erlebt oder gesehen, was wir hier in Berlin auch mal ganz gut gebrauchen könnten?
Berlin ist eine Stadt mit viel Wasser, wie viele andere Metropolen weltweit auch. Dort werden auch die Wasserwege für den öffentlichen Nahverkehr genutzt. Warum führen wir nicht auch in Berlin Wassertaxis ein? Selbstverständlich mit Elektroantrieb.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Dass der Christopher Street Day Ende und Höhepunkt der Pride Week markiert, ist für Frühaufsteher zunächst Nebensache – die Demo-Parade beginnt nämlich erst mittags. Macht nichts, Engagement geht immer. Studierende der HU veranstalten eine Konferenzreihe „Generation Nachhaltigkeit?!“, in der es um die Transformation der Gesellschaft zu mehr ökologischer und sozialer Verantwortung geht. Der Tag beginnt mit einer Kaffee- und Frühstücksrunde um 8.30 Uhr, um 9.15 dann der erste Programmblock. Wer es kinderfreundlicher möchte, findet ein gar nicht so unähnlich ausgerichtetes Programm im Gropius Bau. Im Rahmen der Ausstellung Garten der irdischen Freuden gibt es Workshops, Installationen, Impulsvorträge und mehr zum Thema Garten als Metapher, Zufluchtsort, Raum, ästhetisches Objekt. Los geht es um 10.30 Uhr mit dem Familienworkshop „Gärten ohne Grenzen“.
Samstagmittag – Um 12.30 Uhr beginnt der Umzug zum Christopher Street Day. Das Motto „50 Jahre Stonewall – Jeder Aufstand beginnt mit deiner Stimme“ erinnert daran, dass der feierliche Teil des Umzugs hart erkämpft worden ist. Daran, dass auch der kämpferische Teil längst nicht abgeschlossenen ist, erinnern die Forderungen des CSD-Forums, die wiederum feierlich vorgetragen werden – so schließt sich der Kreis. Hier entlang zur Route, hier zum CSD-Kernprogramm. Und hier zum weit darüber hinaus gehenden Programm der letzten Tage der Pride-Week.
Samstagmittag – Politische Forderungen und Protest werden in Städten meist weniger getanzt als gesprüht. Es wäre daher sicher vermessen zu behaupten, dass technisch anspruchsvolle Graffitis automatisch besser oder interessanter seien als andere. Dennoch, wer ein unstillbares Bedürfnis hat, sich seine Umgebung nicht bloß vorsetzen zu lassen, sondern sie mitzugestalten, zugleich über interessante Ideen und eine ausgeklügelte Technik verfügt, ist klar im Vorteil – und dessen Nachbarschaft sicherlich auch. Das Sprühen ist schließlich ein Handwerk, und das kann man erlernen. Etwa beim Graffiti Workshop um 14.30 Uhr im Alliiertenmuseum, Clayallee 135 gegen 10 Euro. Anmeldung über 030 8181990.
Samstagabend – Etwa da, wo CSD und Graffito herkommen (die Christopher Street befindet sich nämlich in New York) hat auch der Hip-Hop seine Wurzeln. Und auch der beginnt mit einer Geste kultureller Aneignung: Seit den frühen Achtzigern verfügt nämlich jeder Hinterhofproduzent mit der Sampling-Technik über unbezahlbare, professionell aufgenommene Klänge ganzer Orchester, also Erzeugnisse exklusiver Hochkultur, zur Gestaltung seiner eigenen Musik. Sind im heutigen Mainstream orchestrale Sequenzen zu hören, dann als mehr oder minder bewusste Hommage an diese Zeit. Im Schöneberger Metropol werden die Vorzeichen heute aber wieder umgekehrt: Dr. Dres Album „2001“ von 1999 wird hier nämlich in vollem Umfang in einer Orchesterfassung vorgetragen – mit DJs und Sängerinnen auf der Bühne handelt es sich dennoch um eine Veranstaltung der gehobenen Art: Sitzplätze gibt es nämlich nicht, es wird gestanden oder gebodyshaked.
Samstagabend – Wahrscheinlich hatte Marcel Duchamp keine Ahnung davon, welchen Einfluss sein zufälliges Ziehen von Notennamen aus einem Hut auf John Cage und die moderne Musikgeschichte nehmen würde. Eine Spielart dieser als Aleatorik bekannten Kompositionstechnik mit regelhaftem Zufall gibt es heute im Kühlspot ab 20.30 Uhr live zu hören: Das Publikum würfelt nämlich immerfort Namen der neun Improvisateure, die so in immer neuen Konstellationen auf der Bühne zusammenspielen. Etwas Kombinatorik zur Vergegenwärtigung: Aus neun Musikerinnen lassen sich 36 verschiedene Duette, 84 Trios und 126 Quartette oder Quintette bilden, die jeweils mehr oder weniger gut zueinander passen, was wiederum auf durchaus abwechslungsreiches Geschehen hoffen lässt. Ab 20 Uhr, Eintritt 5 Euro
Sonntagmorgen – „The Great Russian Brunch“ im Cookies & Co ist schon ein Phänomen: Die erste Veranstaltung war nämlich absolut ausverkauft, was, wenn man den Ankündigungstext genau liest, darauf schließen lässt, dass die Nachfrage nach Vodka zum Frühstück groß sein muss in Berlin. Ab 10 Uhr wird in der Senefelderstraße 4 auch heute wieder ausgeschenkt und angestoßen, das allerdings mit reichlich Frühstücksgedeck, welches ein allzu rasches Zukopfsteigen des gesellig machenden Wirkstoffs verhindert. Eine Tischreservierung wird folglich ebenso dringend empfohlen wie die Freiheit von Verbindlichkeiten für den Rest des Tages.
Sonntagmittag – Eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst mit Kindern zu besuchen, fordert vielen Eltern doch einiges an Mut ab – wie sollen sie auch noch vermitteln, womit sie selbst überfordert sein könnten? Die Kunsthistorikerinnen Milly James & Anna Ratcliffe haben eben das erkannt und bieten Führungen durch die Ausstellung in der Galerie König fürKinder im Alter von 5 bis 10 Jahren an, die der englischen Sprache mächtig und in Erwachsenenbegleitung sind. Start um 14 Uhr, wegen begrenzter Plätze ist auch hier die Anmeldung über arttoursberlin@gmail.com Pflicht.
Sonntagabend – Auch als Punks Militärkleidung zur Mode erklärten, war das eine Geste der Aneignung – hier von Insignien einer Gegenkultur. Etwas davon hat auch das Detect Classic Festival, bei dem Kulturschaffende am Neubrandenburger Tollensesee eine ehemalige Torpedoversuchsanlage und Panzerhallen in Festivalgelände umfunktionieren, um darauf klassisch sinfonische, zeitgenössische und elektronische Musik mit Naturerfahrung zu kombinieren. Das Programm verspricht außerdem Tanzperformance, Talks und Debatten, Ausstellungen, Installationen und heißen Sommer mit möglichem Funkenflug – es könnte gewittern am Sonntag. Wer angesichts dessen nicht ganz so weit raus und weg vom heimischen Gefrierschrank fahren möchte, muss das auch nicht. Passend zu den Hundstagen läuft um 21.30 Uhr im Freiluftkino Insel im Cassiopeia nämlich Wes Andersons „Isle of Dogs“ (engl. + UT).
Mein Wochenende mit
Bereits im DDR-Fernsehen war Doreen Kutzke jodelnd zu sehen. Seit 1999 gibt sie Jodelworkshops und -unterricht, leitet die Jodelschule Kreuzberg und macht Musik zwischen Experiment und Tradition. Foto: Birgit Kaulfuss
„Den Samstag beginne ich mit einem Kaffee im Ribo, wo ich mit ein wenig Glück Freunde treffe, die dort quasi zum Inventar gehören. Anschließend, wie jeden Samstag, geht es in den Proberaum, um mich auf die kommenden Konzerte vorzubereiten – Dienstag in London und Freitag in Minsk. Außerdem steht als nächstes großes Projekt ein stadtpolitisches Musical am HAU an: Arbeitstitel „Stadt unter Einfluss“, geplant für den September. Auch das will langsam vorbereitet werden. Abends dann bin ich im HKW zur Wassermusik, wo meine Tochter an der Bar arbeitet und es großartige Pizza im Restaurant Weltwirtschaft gibt. Auf dem Heimweg gönne ich mir einen Absacker im KIM, Brunnenstraße 10, weil ich hier Atmosphäre und Menschen so gerne mag. Am Sonntagmorgen geht's raus zum Strandbad Rahmersee im schönen Mühlenbecker Land – so ein wunderbar ostiges Bad mit wirklich gutem Kartoffelsalat findet man sonst kaum noch. Am Nachmittag dann fahre ich in die Kantstraße 33 in ein ganz kleines, superleckeres taiwanesisches Restaurant namens Lon Mens Nudelhaus. Und weil ich Montagmorgen schon um 6 unterwegs sein werde, endet mein Sonntagsprogramm zeitig.“
Leseempfehlungen
Dass der CSD weit mehr ist als eine große Party, bringt die Leitung schon mit dem diesjährigen Motto zum Ausdruck: „50 Jahre Stonewall – Jeder Aufstand beginnt mit deiner Stimme“. Emphase auf die Geschichte des Umzugs. Journalist und Kulturanthropologe Johannes Jakob Ahrens hat die Eckpunkte dieser Geschichte 2007 in einem Fachaufsatz nacherzählt. Ohne akademischen Ton, dafür ein wenig älter und derzeit nur gebraucht erhältlich ist die Essay-Sammlung von Detlef Grumbach, „Over the Rainbow. Ein Lesebuch zum Christopher Street Day“, das das Fest aus unterschiedlichen Perspektiven und reich an Anekdoten beleuchtet.
Und wenn wir schon bei den Themen Geschichte und Aufstand sind – das schönste Buch hier ist schon etwas älter: Walter Benjamin schrieb seinen Aufsatz „Über den Begriff der Geschichte“ im Frühjahr 1940. These: Die Revolution ist nur möglich unter Anrufung der Geschichte. Wer Revolution will und dabei die Geschichte ausblendet, macht keine Revolution. Aber wieso ist es das schönste Buch? Abgesehen davon, dass der Text über weite Strecken wie Lyrik rezitierbar ist: Weil Suhrkamp in der Reihe „Werke und Nachlass“ nicht einfach irgendeine Fassung des Textes abgedruckt hat, sondern gleich alle auffindbaren Überarbeitungen von Benjamin selbst samt Streichungen, Ergänzungen und Faksimiles in ein hochwertiges grafisches Kunstobjekt verwandelt hat.
Wochenrätsel
In Kreuzberg säumen Felsen und grüne Punkte die Straßen, im Hansaviertel sind es rote Leihfahrräder. Wie viele Drahtesel wurden am vergangenen Mittwoch in der Lessingstraße gesichtet?
a) 40
b) 18
c) 63
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Jetzt mitmachenEncore
Wer will, kann im CSD unter anderem eine Aneignung öffentlichen Raums erkennen, im Punk die von Militaria, im Hip-Hop die von Hochkultur und im Graffiti die der Stadt. Eine Nummer kleiner macht es der japanische Kirigami-Künstler Haru Kiru: Nur mit einer Schere seziert er den Müll, sprich die Umverpackungen von Alltagswaren und gewinnt ihnen ganz neue Formen ab – in manchen Fällen überspitzt er Designs, in anderen führt er sie in ganz andere Richtungen und berührt ganz beiläufig Themen wie Markenkult und die Abfallproblematik. In jedem Fall aber zeigt er, was ein fantasievoller Blick aus dem schnöden Alltagstrott alles herausholen kann. Und wie viel mehr an Lebensqualität selbst solche im Vergleich mikroskopischen Eingriffe in eine weitgehend vorgegebene Welt bewirken können. Hier können Sie sich durch die Bildergalerie klicken.
In diesem Sinne wünschen wir auch Ihnen einen inspirierten Blick auf das Geschehen und ein schönes Wochenende.