Wann stellt die Stadt die Arbeit ein?
Im Klinikum Neukölln wurde heute Nacht eine weitere COVID-19-Infektion festgestellt. Und zwei Schulen in der Stadt schließen – eine ohne Erlaubnis. Von Anke Myrrhe
„Where is Paradise?“ lautete das Motto des Berlin Travel Festival. „Abenteuerlustige, Entdecker*innen und Marken von heute“ sollten Besucher am Wochenende in der Arena „auf einer spannenden Mischung aus Reisemesse, Networking-Events, Workshops, Master Classes und Entertainment“ erleben können. Die Messe wurde gestern abgesagt, weil auf die spannende Mischung aus Viren und Menschenmassen derzeit zurecht niemand mehr Lust hat. Im Falle der Reisemesse war es allerdings mehr als nur eine Vorsichtsmaßnahme: Der erste bekannte Coronavirus-Infizierte Berlins arbeitet in der Tourismusbranche, er hatte mit dem Festivalteam Kontakt – und das befindet sich nun komplett in häuslicher Quarantäne. „Als Schutzmaßnahme wurde das Team vom Gesundheitsamt aufgefordert, sich umgehend nach Hause zu begeben. Wir mussten mit sofortiger Wirkung unsere Arbeit einstellen.“
Wo ist jetzt das Paradies? Wann stellt die Stadt ihre Arbeit ein? Wer trifft noch den richtigen Ton zwischen Angstmache und gebotener Vorsicht? Lässt die Panik links liegen neben dem leeren Supermarktregal, ignoriert den Twittertrend „Toilettenpapier“, erklärt den Kindern ganz in Ruhe, dass das mit der Desinfektion nur so eine Phase ist. Bis wann eigentlich?
Den Kindern, die jetzt nicht mehr zur Schule dürfen? Um 22.20 Uhr teilte die Gesundheitsverwaltung gestern mit, dass die Emanuel-Lasker-Oberschule in Friedrichshain ab heute bis auf weiteres geschlossen bleibt. Am Abend wurden zwei weitere Coronavirus-Fälle gemeldet, ein Mann aus Marzahn-Hellersdorf und eine Frau aus Mitte wurden positiv getestet. Der Mann war offenbar Lehrer an der Schule und mit zwei Gruppen aus 74 Schüler/innen und sechs Lehrkräften auf Skifahrt in Südtirol. Bis alle Beteiligten getestet sind, bleibt die Schule geschlossen. „Alle Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte sind angehalten, Zuhause zu bleiben.“
Der entscheidende Satz stand am Ende der neuen Infektionsmeldungen: „Beide Fälle stehen nach jetzigem Stand nicht mit dem ersten Fall in Verbindung.“ Und am noch späteren Montagabend erfuhr der Checkpoint: Es gibt bereits einen weiteren Infizierten im Klinikum Neukölln.
Das Virus hat Berlin endgültig erreicht. Es wird nicht mehr entscheidend darum gehen, die 60 Kontaktpersonen des ersten Patienten zu finden und zu testen. So oder so wird es in den nächsten Tagen immer mehr Fälle geben, viel zu weit hat sich das Virus über Europa ausgebreitet (am Abend wurden die ersten Infizierten in Brandenburg, Thüringen und Sachsen gemeldet). Es wird darum gehen, wie wir alle damit umgehen. Das richtige Maß zu finden, zwischen Vorsicht und Alltag.
An der privaten Metropolitan School in Mitte wurden gestern 1000 Schüler und 200 Mitarbeiter nach Hause geschickt, obwohl es dort keinen Verdachtsfall gibt. Einzig, weil ein Vater Kontakt zu einem Infizierten hatte. Aus der Bildungsverwaltung hieß es am Abend, dass bislang keine Empfehlung der Gesundheitsbehörde vorliege, die Schule zu schließen. Die Gesundheitsverwaltung bestätigte auf Nachfrage: Es gibt keine Empfehlung, weil es keine Symptome gibt. In einer englischsprachigen Mail hatten die Eigentümer, Silke und Holger Friedrich, die Eltern um 13.30 Uhr über die „Vorsichtsmaßnahme“ informiert. Die Eltern seien nicht angehalten worden, ihre Kinder zu Hause zu lassen oder einen Arzt aufzusuchen, erzählt eine betroffene Mutter. Sollte die Schule länger geschlossen bleiben, solle es Lernangebote über eine Onlineplattform geben. Und dennoch könnte den Eigentümern der nächste Ärger bevorstehen: wegen Missachtung der Schulpflicht.
Inzwischen ist es wahrscheinlich, dass jeder von uns schon Kontakt mit jemandem hatte, der Kontakt mit jemandem hatte, der… bleiben Sie ruhig! Denken Sie daran, dass das Virus für gesunde Menschen und Kinder nicht gefährlich ist. Es geht darum, die Ausbreitung zu verlangsamen, weil es für ältere und kranke Menschen gefährlich sein kann (nicht muss). Waschen Sie sich regelmäßig die Hände. Popeln Sie in der S-Bahn nicht in der Nase (gilt übrigens immer) und vor allem: Wenn Sie sich krank fühlen, bleiben Sie zu Hause und rufen Sie Ihren Hausarzt oder die Behördennummer: 030 90282828.
Auch, weil die Hotline in den vergangenen Tagen dauerbesetzt war oder plötzlich abbricht (eine Leserin berichtet von Klingeltönen zwischen vier und 14 Mal, bevor sie aus der Leitung flog), gibt es ab heute, 8 Uhr, eine zentrale Anlaufstelle für Verdachtsfälle am Virchow-Klinikum, wie Senatorin Kalayci Montag Mittag in einer improvisierten Pressekonferenz ankündigte. Die Charité wiederum bat am Abend auf Twitter darum, nicht einfach hinzufahren, sondern trotzdem zunächst den Hausarzt oder die Hotline anzurufen. Einig waren sich aber alle: Bitte nicht in die Rettungsstelle kommen! Denn was passierten kann, wenn ein Patient unerkannt mit Coronavirus in einer Klinik herumläuft (wie der erste Berliner Infizierte, der ganz andere Symptome aufwies), zeigt sich derzeit: Die Mitarbeiter der Rettungsstelle befinden sich für die nächsten zwei Wochen in Quarantäne, die Notaufnahme blieb den ganzen Tag geschlossen. Und so liegt die Stadt dann wirklich bald lahm.