Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Berlin, Du bist die größte Quasselstrippe uff da Welt. Dieses Lied von Helga Hahnemann (grandioses Video aus Ost-Berlin hier) können Sie, liebe Leserinnen und Leser, offenbar gut mitsingen. Denn auf die Frage nach tollen Berlin-Büchern von Schriftstellerinnen erreichten uns quassellange Listen, unter anderem mit folgenden schönen Titeln:

+ Menschen im Hotel (1929) von Vicki Baum
+ Das kunstseidene Mädchen (1932) von Irmgard Keun
+ Mauerblümchen (2009) von Holly-Jane Rahlens
+ Die Gespenster von Berlin (2009) von Sarah Khan
+ Bitte nicht freundlich (2010) von Sarah Schmidt
+ Ellbogen (2017) von Fatma Aydemir
+ Gott wohnt im Wedding (2019) von Regina Scheer
+ Kairos (2021) von Jenny Erpenbeck

Am häufigsten genannt wurde Käsebier erobert den Kurfürstendamm (1931) der Berliner Schriftstellerin Gabriele Tergit, die als Jüdin von den Nationalsozialisten verfolgt wurde und nach dem Krieg auch für den Tagesspiegel schrieb (Hintergründe hier). Aus „Käsebier“ haben wir hier einen kurzen Auszug für Sie herausgesucht – es geht natürlich ums Zeitungmachen:

„Miehlke kam herein, der Metteur. Er hatte ein völlig nacktes Gesicht, da war kein Haar zu finden, weder in dem Gesicht, noch auf dem Kopf.

‘Kratzfuß, die Herren. Die Seite muß um ½ 5 weg, jetzt ist 3 Uhr. Also ran. Ich habe den großen Artikel über die Neubauten im Satz. Nehm ich den, is die Seite voll.‘

‘Der ist viel zu lang ‘, sagte Miermann schüchtern. Er sagte es schüchtern, weil Miehlke der Mann war, der einmal zum Publizisten Heye gesagt hatte, zu Heye, der die berühmten Leitartikel schrieb: ‘Wenn Se nich kürzen, Herr Heye, streich ich selber 20 Zeilen, Sie glauben gar nich, wie schnell ich das mache, Herr Heye, und merken tut's auch keiner.‘ Und als Stefanus Heye gelächelt hatte, hatte Miehlke gesagt: ‘Sie glauben wohl, es merkt's einer von den Lesern? Och, Leser merken janischt, janischt merken Leser. Die Herren denken immer, es kommt druff an. Es kommt aber nich druff an.‘

‘ls mir ganz ejal‘, sagte Miehlke, ‘das Blatt kann nich warten wegen Ihn, und streichen is besser als uf'n Rand drucken.‘

Miehlke ging.

‘Also was machen wir? ‘, sagte Miermann.

‘Ich werde mal einen Kaffee bestellen‘, meinte Gohlisch.“