Aktuelle Lehren aus der DDR-Bürgerbewegung: Was Berlin im Gedenken an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 besser machen könnte
Rituelles Kränzeniederlegen reicht dem Berliner Beauftragten für die SED-Diktatur Tom Sello schon lang nicht mehr. Ein Kommentar zur Kultur des Erinnerns. Von Robert Ide
Was wir aus der Berliner Geschichte lernen können? Dass die Sehnsucht nach Freiheit die Kraft hat, eine ganze Welt zu verändern. So war es auch am 17. Juni 1953, als das Volk gegen die Diktatur aufbegehrte in Ost-Berlin und Ostdeutschland – die erste Revolution in der DDR mit einer Million Protestierenden in 700 Orten. „Auch wenn den meisten wenig an der Revolution liegt, sie ist historisch notwendig“, lässt Stefan Heym den nachdenklichen Gewerkschaftssekretär Witte in seinem zeithistorischen Roman „Fünf Tage im Juni“ sagen. Der Aufstand wurde schließlich von sowjetischen Panzern niedergerollt; mindestens 55 Menschen wurden getötet, einige davon standrechtlich erschossen.
Vor dem Finanzministerium in Mitte erinnert ein Bodendenkmal an den Mut und die Opfer im Zentrum der schon geteilten, aber noch nicht durch eine Mauer getrennten Stadt. Morgen wird hier und an anderen Orten des Jahrestags gedacht, etwa am Mahnmal des Volksaufstandes auf dem Friedhof Seestraße in Wedding. „Es genügt nicht, alle Jahre wieder Kränze niederzulegen“, sagt allerdings Tom Sello, der Berliner Beauftragte für die SED-Diktatur. „Wir sollten vielmehr die gesamte Geschichte von Opposition und Widerstand in den Blick nehmen.“ In der Tat könnte das ganze Land heute viel von der früheren Bürgerbewegung lernen – auch über den hohen Preis der Freiheit.
Sello fordert mehr Erinnerung ein: Neben einem verpflichtenden Stasi-Check für Berliner Abgeordnete und Senatsmitglieder (Details dazu hier) will er auch gemeinsam mit Erinnerungsvereinen einen lebendigen Gedenk- und Bildungsort für DDR-Opposition etwa auf dem Gelände der früheren Stasi-Zentrale in Lichtenberg. Diese aber dümpelt selbst mit ein paar neuen Schautafeln weiterhin nur als theoretischer „Campus der Demokratie“ vor sich hin. Vielleicht auch, weil sie ein Ort vor allem der Täter ist. Und weil die Opfer der DDR-Diktatur im vereinten Berlin und Deutschland allzu oft nur an Gedenktagen wichtig erscheinen.