Die Herbstferien beginnen mit fragenden Kinderaugen
Das Beherbergungsverbot schützt kaum vor Corona. Stattdessen braucht es Konsequenz in den Städten. Das zeigen zwei kleine Episoden – eine Checkpoint-Analyse. Von Anke Myrrhe
die Blätter fallen, die Mundwinkel hängen: Diese Herbstferien beginnen mit fragenden Augen und fragwürdigen Argumenten. Warum wir lieber nicht zu Oma und Opa fahren sollten, haben die meisten Kinder inzwischen verstanden. Warum nun aber auch der Urlaub in der abgelegenen Hütte am Brandenburger See ausfällt, ist schon schwieriger zu erklären. Treffen wir dort nicht deutlich weniger Leute als hier in Berlin?
Die ganze Absurdität des neuen Wortungetüms „Beherbergungsverbot“ zeigt sich in einer kleinen Episode vom Wochenende: Eine Familie, zwei Kinder, will das Wochenende trotz allem in einem Ferienhaus in Neuruppin verbringen. Wer kriegt das mit, und wer sollte etwas dagegen haben? Ländliche Gegend, keine Nachbarn. Dennoch verpfeift sie einer von denen. Die Polizei kommt am Freitagabend und stellt fest: Verstoß gegen das Beherbergungsverbot. Weil die Kinder bereits schliefen, beließ es die Polizei bei Belehrungen, die Familie durfte erstmal bleiben. Das zuständige Gesundheitsamt sei jedoch informiert und müsse nun über Konsequenzen entscheiden. (Immerhin hat es für den „B.Z."-Titel gereicht).
Meanwhile in Berlin. Freitagnacht, Sonnenallee, Neukölln (7-Tage-Inzidenz: 147,3). In einem Lokal sind die Tische trotz Sperrstunde voll besetzt. Zwei Polizisten betreten den Laden, einige Gäste drehen sich um. Wird hier jetzt durchgegriffen? „Menü 2“, sagt der Beamte. „Zwei Mal? Wolltest du auch, oder?“ Er schaut zu seinem Kollegen, der nickt. Dann verlassen die beiden mit ihren Brathähnchen-Tüten den Laden. Müssten sie nicht eigentlich kontrollieren, weil der Laden gar nicht mehr geöffnet sein dürfte? Nicht zuständig, sagen sie. (Q: „Spiegel")
Zuständig für seine reiseliebenden Berliner fühlt sich zumindest der Regierende, der gestern auf diversen Kanälen deutlich machte, dass er das Beherbergungsverbot für wenig zielführend hält (klar, ans Ziel kommt ja auch niemand). „Das ist weder zielführend noch erklärbar und schafft vor allem eins: Verwirrung und Unverständnis“, sagte er dem Tagesspiegel. Und abends ergänzte er im ZDF: „Wir haben hunderttausende Pendler jeden Tag. Die begegnen sich im Einzelhandel, im Nahverkehr, auf der Arbeit. Und dann darf ein Berliner aber zwei Tage nicht im Spreewald übernachten. Das macht alles keinen Sinn.“ Müller will das Thema bei der Schaltkonferenz mit Kanzlerin Merkel am Mittwoch auf die Agenda setzen. Ich denke mal: Pünktlich zum Ende der Herbstferien ist die Sache wieder abgeräumt.