Gut gegrillt: Klaus Lederer wünscht sich Radau
möglicherweise ist das hier der letzte Checkpoint in diesem Jahr, der in spätsommerlicher Nacht auf dem Balkon geschrieben wurde. Was könnte da besser passen als ein festlich angerichtetes Barbecue: Bei unserer zweiten Grillveranstaltung beim Tagesspiegel („Wir grillen die Kandidierenden“) wurden gestern Klaus Lederers Ideen gedreht und gewendet.
Denn auch für den rot-rot-grünen Senat haben die letzten Tage bekanntlich begonnen, kein Wunder, dass Lederer plötzlich Sandmännchen-Gefühle entwickelt. „Das Sandmännchen ist ja eine schöne Einschlafhilfe, es streut Sand in die Augen, erzählt lustige Geschichten und sagt: Schlaft ruhig, macht euch keine Sorgen, läuft alles.“ So, jetzt aber bitte umschalten ins Wahlprogramm: Lederer meint damit Franziska Giffey und ihre – wie er es nennt – Basta-Politik. Und die Tatsache, dass sie sich im Gegensatz zu Grünen und Linken nicht zum Fortführen des bestehenden Regierungsbündnisses bekennt. „Es ist komplett unklar, was mit der SPD eigentlich ist“, sagte Lederer. „So ein Wahlkampf ist doch kein Geschichtenwettbewerb.“
Auch die Linke schaltet jetzt also endlich mal den Wahlkampfmodus an, nachdem sie sich den offen ausgetragenen Zoff der beiden Partner ziemlich lange von der Auswechselbank angesehen hat. Mit der Gefahr, am Ende nicht mehr eingewechselt zu werden.
Was sonst noch aufgetischt wurde:
+++ Lederer sprach sich klar gegen Verbeamtung von Lehrkräften aus („Ich bin kein Fan von Scheinlösungen“). Seiner These, die Verbeamtung sei nach Zahlen der Schulverwaltung nicht der signifikante Grund für den Lehrerschwund (Anm. der Red: Die Schulverwaltung erhebt die Gründe vorsichtshalber gar nicht, CP vom 31.8.), widersprach Co-Moderatorin Carla Siepmann, schlagfertige Schülerin vom Carl-von-Ossietzky-Gymnasium: „Jedes Jahr, wenn die Schule wieder losgeht und Lehrkräfte fehlen, dann sagen selbst die Lehrer: Was glaubt ihr denn, wo die sind? In einem anderen Bundesland. Das ist ein extremes Problem.“
+++ Zum Verkehr: „Wir fordern nicht den kostenlosen Personennahverkehr. Das wäre völlig irre, wir können uns das gar nicht leisten.“ Aber: „Die massive Privilegierung des Autoverkehrs wird sich so nicht halten lassen.“ Und noch einmal in Richtung SPD/Giffey: „Die autogerechte Stadt ist im Grunde heilig. Vor der Wahl muss eine Klarheit her.“
+++ Zum Geld (wird knapp): „Wir haben immer noch diese absurde Schuldenbremse, die meine Partei von Anfang an abgelehnt hat, weil sie die öffentliche Hand stranguliert bei wichtigen Investitionsvorhaben. Der Staat muss eben investieren und wenn er damit Gegenwerte schafft, dann ist das überhaupt kein Problem, der Staat ist kein Privathaushalt.“
++ Zum Volksentscheid: „Das muss man kreditfinanzieren. Wir sind auf einem historisch niedrigen Zinsniveau. Wir bekommen ja einen Gegenwert dafür: nämlich die Wohnungen.“
+++ Zum Tempelhofer Feld: „Andere Städte würden uns um diesen Schatz beneiden. Und wir fangen jetzt an über Versiegelung nachzudenken.“ Und was für den Kultursenator außer der Kaltluftschneise gegen eine Bebauung spricht (auch am Rand): „Wenn ich da Wohnbebauung daneben habe, werden Die Ärzte dort kein Konzert mehr geben können. Dann kann bestimmter Radau, der in der Stadt auch irgendwo seinen Raum braucht, dort eben nicht mehr passieren.“
Wenn Sie sich den ganzen Radau noch mal anschauen wollen: hier bei Youtube oder Facebook, oder hier zum Nachlesen. Intensivpfleger Ricardo Lange konnte diesmal übrigens nicht dabei sein. Er steckte im Stau fest (O-Ton Busfahrerin Susanne Schmidt: „Die Situation in der Stadt ist ja zurzeit ein einziges Desaster“). Das kann er dann heute Abend gleich Franziska Giffey (um 18 Uhr gibt’s die dritte Grillparty auf www.tagesspiegel.de/live) erzählen, die es beim Thema Verkehr gern irgendwie allen rechtmachen würde. Der Mittelweg klappt bisher eher so ... mittel.