Wie Mieter in Berlin zur Kulisse werden

In einem Haus in Prenzlauer Berg werden besonders oft Filme gedreht. Die Dreharbeiten stören die Mieter massiv. Doch sie können nichts dagegen machen. Von Anke Myrrhe und Matthieu Praun

Wie Mieter in Berlin zur Kulisse werden
Anwohner aus der Schwedter Straße Ecke Kastanienallee beschweren sich bitterlich über die dauernden Filmarbeiten. Einer spricht dabei von „inszeniertem Horror“. Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Weniger genial ist die Tatsache, dass diese Stadt langsam zur Filmkulisse verkommt: Wenn Chia-Chi-Chi den Charme ersetzt und Klingelschilder reihenweise nur noch aus Nummern bestehen – Parlez-vous Berlinois? Moi non plus!

In einer echten Filmkulisse wohnen Mieterinnen und Mieter in der Schwedter Straße Ecke Kastanienallee (nicht ohne Grund auch Castingallee genannt) seit Jahren. Von „inszeniertem Horror“ berichtet uns ein Anwohner, er müsse die Rollläden herunterlassen, um sich zu schützen vor dem, was „seit Wochen akustisch und optisch auf mich eindringt“. Auf einem Aushang ärgerten sich die Betroffenen kürzlich halböffentlich, Auszüge:

„Leider haben wir als Mieter:innen keine Handhabe gegen eine Hausverwaltung, die unseren Wohnbereich aus Profitgründen an Filmproduktionsfirmen vermietet“, hieß es da. „Unser Eingangsbereich sieht unmöglich aus. Unsere Mülleimer stehen seit Wochen auf offener Straße. Unser Hauseingang ist euer Raucherbereich, das Trottoir sieht aus wie eine Müllhalde, unsere Hausnummer wird tagelang überklebt (Paketservice kann nicht zustellen), uns wird oft der Zugang zu Haus wegen aktuellen Dreharbeiten nicht gewehrt, der Strom wird ohne Ankündigung abgestellt. ... Zahlreiche Menschen rennen laut im Haus herum, Fenster sind stetig offen und Kabel/Stromkästen liegen überall herum und sind massive Stolperfallen. Das ... Ironische an diesem gesamten Unterfangen ist, dass euer Film genau den Umstand kritisch beleuchten soll, dem ihr uns in eurer Rücksichtslosigkeit aussetzt. Nämlich die vorbehaltlose Kapitalisierung von Wohneigentum zu Renditezwecken. ... Schaut euch mal um: von den 26 Wohneinheiten eurer Kulisse sind nur noch 11 bewohnt. Der Rest steht dauerhaft leer – bereit für euch. Nicht für Menschen, die hier leben wollen und sich aktiv für den Erhalt dieses Ortes einsetzen.“

Der Aushang wurde inzwischen entfernt, der Ärger der Mieter aber bleibt. Etwa fünf bis sechs Drehs pro Jahr mit wechselnden Produktionsfirmen seien das, erzählen zwei von ihnen vor Ort, die aus Angst vor der Hausverwaltung lieber anonym bleiben möchten. Die war gestern ebenso wenig erreichbar wie die Produktionsfirma. Die aktuellen Dreharbeiten dauerten bereits drei Wochen, sagen die Mieter, fünf weitere sollen folgen. Zwar würden die Arbeiten von der Hausverwaltung per Mail angekündigt und nach Beschwerden auch eine kleine Entschädigung gezahlt. Doch das reicht nicht, sagen die Mieter. Die Hausverwaltung unterlasse zudem notwendige Reparaturen – vermutlich für die Authentizität der Kulisse. „Eine systematische Zermürbung der Bewohner.“

Und worum geht es im Film? „Aufgrund eines nicht erklärten Vorfalls außerhalb eines Berliner Hofes sperrt die Polizei die Hofzugänge, es kommt zum Ausnahmezustand. Die Verunsicherung unter den Bewohnern befeuert allmählich Ängste. Argwohn und Panik greifen um sich, Vorurteile spalten die Gemüter...“ Wer will da noch zwischen Wirklichkeit und Realität unterscheiden?