Sturm, Besetzung oder Bluff? Zeitzeuge Jahn über Eroberung der Stasi-Zentrale
Am 15. Januar 1990 drängen tausende Menschen aufs Gelände der Stasi-Zentrale in Lichtenberg. Bis heute streiten Historiker, wie das Ereignis zu bewerten ist. Von Robert Ide
In Berlin ist die letzte gelungene Revolution drei Jahrzehnte her (die digitale lässt noch auf sich warten). Zu den friedlichen Zeitenwendewundern gehörte damals auch die Stilllegung der Geheimpolizei und die weltweit einmalige Offenlegung der Stasi-Akten. Ob die Eroberung der verhassten Stasi-Zentrale in Lichtenberg am 15. Januar 1990 aber ein Sturm, eine Besetzung, eine Begehung oder gar ein Bluff der Machthaber war, darüber streiten sich Historiker bis heute. Roland Jahn war damals dabei und ist heute Hüter der Stasi-Akten. Der Bundesbeauftragte sagt auf Nachfrage: „Als Zeitzeuge war es für mich eine Erstürmung und als Bild eine Besetzung, so wie in den Dienststellen in den Bezirken auch. An jenem Abend sind de facto Tausende auf das Gelände vorgedrungen. Diese Bilder sind um die Welt gegangen.“ Aber vernichtet wurden Akten danach dennoch – sensible Unterlagen insbesondere über die Westarbeit der Ostspitzel sind bis heute nicht zusammengesetzt oder verschwunden oder in die USA transferiert worden. Das Puzzle der Stasi ist noch nicht vollständig zusammengesetzt. Dabei erzählt es uns auch heute viel über uns selbst.