Lothar de Maizière erinnert das Coronavirus an Epidemien in der DDR
Der erste frei gewählte Ministerpräsident der DDR erlebte Ruhr-, Typhus- und Tuberkulose-Ausbrüche. Der Staat reagierte mitunter misstrauisch auf Meldungen. Von Robert Ide
Vorgestern konnte ich noch Lothar de Maizière treffen, den ersten frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR, der nach seiner Wahl vor 30 Jahren Ostdeutschland in die Einheit führte. Vor dem gemeinsamen Gespräch mit Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe für den Tagesspiegel, das natürlich ohne Handschläge und mit ausreichendem Sicherheitsabstand in de Maizières Anwaltskanzlei am Kurfürstendamm geführt wurde, erzählte der 80-Jährige von früheren Infektionskrankheiten: „Ich habe schon Ruhr, Typhus und Tuberkulose überstanden.“ In den Fünfzigerjahren habe es eine Ruhr-Epidemie in der DDR gegeben, weil russische Butter verseucht gewesen sei. „Überall standen Schüsseln mit Desinfektionsmitteln herum“, erinnerte sich auch Poppe. Aus Usbekistan hat de Maizière dann 1967 nach eigener Erinnerung Tuberkulose mitgebracht: „Das hat mich ein Jahr meines Lebens gekostet. Und das Schmerzliche war: Ich hatte zwei kleine Kinder, die ich nicht sehen durfte.“ Er habe damals einen Antrag gestellt auf Anerkennung einer Dienstbeschädigung. Deshalb habe man gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen Staatsverleumdung eingeleitet. „Die sagten mir: Tuberkulose als Volksseuche ist vom sowjetischen Bruder endgültig ausgerottet worden. Später wurde das Verfahren zum Glück eingestellt.“ Das gemeinsame Interview mit de Maizière und Poppe können Sie am Sonntag im Tagesspiegel lesen.