Bei den Berliner Querdenker-Protesten herrschte ein Stück weit Anarchie
Pöbeleien, Drohungen, Gewalt: Die verbotenen Corona-Demonstrationen zeigen, dass eine Strategie im Umgang mit den Querdenkern fehlt. Ein Kommentar. Von Ann-Kathrin Hipp
Sie waren wieder da: Insgesamt 5.000 Querdenker:innen und andere Corona-Verharmloser:innen haben am Sonntag trotz Demoverbot in unterschiedlichen Teilen Berlins protestiert. Masken- und Abstandsgebote wurden systematisch ignoriert, Absperrungen durchbrochen, Maskentragende angespuckt, Journalist:innen und Polizist:innen bedroht und angegriffen. Jörg Reichel, Berliner Landesgeschäftsführer der Deutschen Journalistinnen- und Journalistenunion in Verdi, wurde von mehreren Demo-Teilnehmern geschlagen und getreten (Team Checkpoint wünscht gute Besserung!). Mindestens in Charlottenburg, Schöneberg und Kreuzberg herrschte auf den Straßen ein Stück weit Anarchie. In der U1 verabschiedeten sich zwei maskenlose „Querdenker“ mit „Heil Hitler“. Stadtweit wurden 600 Menschen vorläufig festgenommen.
Für den Tagesspiegel waren die Kollegen Sebastian Leber, Christoph Kluge und Julius Geiler vor Ort (alle Ereignisse können Sie hier im Liveblog nachlesen). Letzterer verabschiedete sich am Abend „etwas fassungslos“ von einem Tag, „an dem Berliner und Berlinerinnen in ihrer eigenen Stadt ständig angepöbelt und beleidigt wurden und Pressevertreter die meiste Zeit komplett auf sich allein gestellt waren“. Mehr noch: In einem Fall schützte ein Pressevertreter sogar einen auf sich allein gestellten Polizisten, der am Boden lag (Video hier). Was bislang fehlt, ist eine Gesamtstrategie. Eine politische Idee, wie man damit umgeht, dass da im Namen der „Liebe“ und „Freiheit“ einfach nur rumgehasst und an den Grundfesten unserer Demokratie gerüttelt wird. Sie sollte wehrhaft bleiben.