Viele Sorgen und ein Saxophon
Schön ist es draußen. Doch ob es drinnen, in uns selbst genauso aussieht, hängt in der Coronakrise auch von der Perspektive ab – der eigenen Lebensperspektive. Ein Kommentar von Robert Ide
schön da draußen, oder? Aber wie sieht es drinnen aus, in uns selbst? Das hängt in Woche vier der Corona-Beschränkungen und in Woche eins der Ferien ohne Ferien ganz von der Perspektive ab – und der eigenen Lebensperspektive.
Da ist Andreas, er spielt Saxophon unter der Bösebrücke (Video hier). Vor ihm rauschen die Züge in den Bahnhof Bornholmer Straße ein; über ihm rattern Autos zwischen Prenzlauer Berg und Wedding hin und her – dort oben, wo vor 30 Jahren Trabbis die Mauer durchbretterten. Heute spazieren hier ein paar Menschen mit Abstand durch den erblühten einstigen Todesstreifen, um ein bisschen frische Luft und etwas Leben im Ausnahmezustand zu tanken. Andreas spielt für sie. „Ich will den Leuten durch diese Zeit helfen“, erzählt der 60-Jährige, der lange als Beleuchter in einem Theater gearbeitet hat und nun Musik macht, jetzt eben ohne Begleitung unter einer Brücke. „Mir hilft es ja auch.“ Ist doch Frühling, trotzdem.
Und da ist Gisela Wojahn, eine Leserin aus Ostwestfalen, die sie uns geschrieben hat, um uns ihre Gefühle zu beschreiben: „Meine größte Sorge gilt im Moment meiner Mutter. Sie ist 86 Jahre alt, lebt im Altenheim und ist dement. Letzte Woche sind zwei Bewohner dort an Corona gestorben, mehrere an Corona erkrankt, alle Bewohner wurden jetzt getestet, meine Mutter Corona-positiv. Vor vier Tagen bekam sie eine Erkältung, seit drei Tagen liegt sie im Bett, fühlt sich krank und zu wackelig um aufzustehen, vor zwei Tagen fiel sie nachts hin, eine Platzwunde wurde im Krankenhaus versorgt, das Personal im Altenheim hat alle Hände voll zu tun. Niemand von uns Angehörigen kann sie besuchen. Ich mache mir große Sorgen.“
So schön da draußen das Leben und die Sonne scheinen, so ernst werfen sich Schatten über uns gleich bei uns um die Ecke. Eine Menge Menschen machen sich Sorgen um Ihre Zukunft (weitere Einsendungen dazu lesen Sie weiter unten); viele bangen um ihre Nächsten und darum, ob unser aller Nächstenliebe für sie reicht, nicht wenige müssen gar um ihr Leben fürchten. Sorgen wir gerade jetzt für sie – und für all jene, die unsere älteren und kranken Mitmenschen versorgen.