Mangelhafte Erinnerungskultur: Geschichtslücken am neuen Tacheles in Berlin
Das neueste Ausstellungsstück hochpreisiger Stadtentwicklung zeigt sich vergesslich. Auf den Infotafeln zur Gelände-Historie fehlt ausgerechnet die Nazi-Zeit. Von Lotte Buschenhagen und Robert Ide
Wie gesichtslos das Gelände am früheren Schmelztiegel Tacheles in Mitte geworden ist, weiß inzwischen jede und jeder, der daran vorbeikommt (obwohl es für letzteres in der glattsanierten Gegend an der Oranienburger Straße kaum noch gute Gründe gibt). Dazu präsentiert sich das neueste Ausstellungsstück hochpreisiger Stadtentwicklung auch noch geschichtslos. So wird an der Fassade „Am Tacheles“ mit verschiedenen Infotafeln die Historie des Geländes vorgestellt – allerdings fehlen die historisch durchaus nicht irrelevanten Jahre des Nationalsozialismus (via Paul Gäbler). „Die temporäre Gestaltung eines Teils der Fassaden hat insgesamt einen dekorativen und informativen Zweck und orientiert sich vornehmlich an baulichen und für die Stadtkultur prägenden Ereignissen im Sinne dauerhafter Nutzungen“, schreibt dazu Christian Fox, Managing Director von „Markengold pr“, auf Checkpoint-Anfrage.
Eine seltsame Begründung dafür, dass man bislang nur online erfährt, dass die Nationalsozialisten in dem Gebäude die „Vermögensverwaltung der Deutschen Arbeitsfront“ eingerichtet hatten und das berüchtigte Zentralbodenamt der SS hier die Akten von mehr als eine Million Grundstücksenteignungen aus eroberten osteuropäischen Ländern verwaltete. Nach unserer Nachfrage versprechen die Betreiber nun, „auch die nicht ausgestellten Inhalte noch mal präsenter darzustellen“. Wie wäre es damit, sie einfach endlich auszustellen?