Hilfsverein will verletzte Protestierende aus Belarus nach Berlin holen

Der Verein „Belarus Razam“ demonstriert jetzt auch in Berlin gegen Lukaschenko. Die Ereignisse in Minsk erlebt ein Mitglied als „surreal“. Von Robert Ide

Hilfsverein will verletzte Protestierende aus Belarus nach Berlin holen
Foto: Fabrizio Bensch/REUTERS

„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt.“ Was einst für Berlin galt, ist jetzt wichtig für Minsk – für die Menschen, die um ihr Menschenrecht auf Freiheitsrechte kämpfen, gegen alle Festnahmen (aktuelle Entwicklungen hier) und alle illegitime Macht, die Europas letzter Diktator Alexander Lukaschenko bis zur letzten Patrone gegen sein eigenes Volk walten lassen will. Nun organisieren auch Menschen in Berlin den Widerstand, um in Belarus zu helfen – wie Ann Shkor. Die 30-Jährige ist in Minsk aufgewachsen und gründet gerade mit Mitstreitern den Verein „Belarus Razam“ (Belarus zusammen), regelmäßig demonstrieren sie am Potsdamer Platz ihre Solidarität. „Für uns ist das sehr emotional, wir fühlen uns machtlos und haben riesige Angst um unsere Freunde und Familien in Belarus“, erzählt Shkor am Checkpoint-Telefon. Als „surreal“ erlebt sie die Ereignisse in ihrer Heimat. „Eigentlich ist Minsk eine sichere Stadt. Nun sind die Menschen selbst am Tag nicht mehr sicher.“

Der neue Hilfsverein, der schon Unterstützer in Hamburg und Nordrhein-Westfalen hat, will sich auch um verletzte Protestierende kümmern. Dafür werden Spenden gesammelt und Gespräche mit Kliniken in Deutschland geführt. Die Diakonie in Düsseldorf habe bereits Hilfe angeboten, erzählt ein Beteiligter, der seinen Namen aus Angst nicht öffentlich sagen möchte – mit Charité und Vivantes in Berlin gebe es Gespräche. Allerdings versuchten die belarussischen Behörden, die Ausreise von Verletzten zu verhindern und benötigte Dokumente zurückzuhalten, berichten Aktivisten. In einem Land in Europa, das auf Einschüchterung gebaut ist, überwinden Menschen Tag für Tag ihre Angst neu für die Demokratie. Für sie bleibt es wichtig, dass unsere Augen sie weiterhin sehen.

Und auch uns selbst schulden wir das: dass wir als frei lebende Menschen so frei sind, Mitmenschen zu unterstützen, die in Staaten, die lupenreinen Diktaturen gleichen, für mehr Menschlichkeit kämpfen und dafür gefoltert oder gar fast ermordet werden. Menschen wie dem Kremlkritiker Alexej Nawalny, der in unserer Stadt immer noch im Koma liegt (die Erkenntnisse der Charité zum mutmaßlichen Giftanschlag in Russland auf ihn finden Sie hier), schulden wir unseren Blick. Erst recht in Berlin, der Stadt, die sich ihre Freiheit auch immer erkämpfen musste. Und dabei auf die Augen der Welt zählen konnte.

Mitarbeit: Rebecca Barth