Mauerfall-Jubiläum im Schloss Bellevue: Warum Schriftsteller Marko Martin den Bundespräsidenten kritisierte

Beim Mauerfall-Jubiläum im Schloss Bellevue hielt der Berliner Schriftsteller Marko Martin eine kontroverse Rede. Im Checkpoint-Interview spricht er über die Reaktionen und seine Beweggründe. Von Robert Ide.

Mauerfall-Jubiläum im Schloss Bellevue: Warum Schriftsteller Marko Martin den Bundespräsidenten kritisierte
Foto: imago / Metodi Popow

Am langen Mauerfall-Jubiläums-Wochenende ging im Party-Feuerwerk fast ein Paukenschlag unter. Der Berliner Schriftsteller Marko Martin hielt bei der Feierstunde im Schloss Bellevue eine nahezu revolutionäre Rede, mit der er die gesamtdeutschen Lebenslügen in Bezug auf die osteuropäische Freiheitsbewegung offenlegte. Hausherr Frank-Walter Steinmeier, den Martin in seiner Rede wegen dessen jahrelang russlandfreundlichen Kurses als SPD-Außenminister auch persönlich kritisierte, verlor danach die Fassung und ging nach Augenzeugen-Berichten Martin persönlich an, dieser habe keine Ahnung, wie Außenpolitik funktioniere. Marko Martin hatte in der DDR den Kriegsdienst verweigert, wurde mit einem Hochschulverbot belegt und reiste noch vor dem Mauerfall in die Bundesrepublik aus. Im Checkpoint-Interview spricht der 54-Jährige, der sich auch gegen Antisemitismus engagiert, über die Reaktionen und seine Beweggründe.


Herr Martin, haben Sie sich schon vom Schlagabtausch mit dem Bundespräsidenten erholt?
Ich war erstaunt, dass Herr Steinmeier meine Worte offenbar als Majestätsbeleidigung empfunden hat. Mir ging es ja um die ungute Traditionslinie auch der westdeutschen Russlandpolitik und um die gesamtdeutsche Ignoranz gegenüber Osteuropa – dabei verteidigen Länder wie die Ukraine gerade die Werte, für die viele 1989 auch in Ostdeutschland demonstriert haben. Nach der Rede kam aber zum Glück nicht nur der aufgebrachte Bundespräsident zu mir. Viele der anwesenden polnischen Gäste beglückwünschten mich. Deren Freude darüber, dass jemand mal diese Wahrheit ausspricht, hat mich wiederum gefreut. Ich bekomme seitdem auch viele Mails von Menschen aus Ost und West, die schreiben: Sie sprechen mir aus dem Herzen. Viele fühlen sich mittlerweile isoliert, wenn sie Solidarität mit der Ukraine zeigen.

Gerade scheint die SPD noch einmal einen anderen Blick auf den Krieg zu bekommen. Nach dem Willen des neuen Generalsekretärs Matthias Miersch soll Alt-Kanzler Gerhard Schröder trotz seiner Lobbyarbeit für Russland rehabilitiert werden. Wie sehen Sie das?
In der SPD geschieht ein Rollback, bei dem die Signale nicht zufällig gesetzt werden. Die Mützenichs und Stegners sind präsenter denn je; und Menschen, die sich für die überfallene Ukraine einsetzen, werden vergrault. Was ich nicht verstehe: In der SPD-Bundestagsfraktion gibt es so viele junge Leute. Aber in den Talkshows erklären abgehalfterte Landespolitiker wie Ralf Stegner oder der frühere Dorfschulze von Berlin, Michael Müller, nassforsch die Welt, wie sie sie sehen. Mir scheint die Strategie dahinter zu sein, die SPD wie in Brandenburg auch bundesweit kompatibel mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht zu machen. Und zwar mit Hilfe eines verschmierten Friedensbegriffs, bei dem es nicht um die Dauer und Stabilität eines Friedens in Europa geht, sondern nur um die eigene Ruhe. Um Freiheit geht es dabei schon gar nicht.

Klingt das für Sie als früheren DDR-Bürger nach dem Friedensbegriff, der auch schon in der DDR propagiert worden ist?
Der Friedensbegriff der SPD kommt dem der früheren DDR-Staatspartei SED doch ziemlich nahe: Demnach ist Frieden all das, was die Machtinteressen des Kremls nicht infrage stellt. Allerdings hatte selbst die DDR gewusst und auch propagiert: Der Friede muss bewaffnet sein. Ohne Abschreckung geht es nicht. Ein Pazifismus, der Krieg um jeden Preis verhindern will, macht den Krieg eines Aggressors erst möglich. Genau das hat schon Thomas Mann 1938 ausgesprochen.

Sie sprechen 35 Jahre nach Mauerfall eher von einem westdeutschen Defizit. Warum?
Viele Menschen in Westdeutschland wollen von ihren pazifistischen Träumereien nicht lassen. Sie bezeichnen sich zwar als links, stecken aber noch gedanklich im Hitler-Stalin-Pakt fest. Aus dieser Warte ist es das Wichtigste, dass die Gesprächsfäden zwischen Berlin und Moskau nicht abreißen sollen. Alles, was dazwischenliegt, ist Verhandlungsmasse. Das Schlimme ist, dass wir nun mit Donald Trump einen amerikanischen Präsidenten bekommen, der ebenfalls dem bismarckschen Machtdenken anhängt, nach dem die Großmächte alle Weltfragen untereinander klären ohne Rücksicht auf Verluste. Amerika als Garant der Freiheit in Europa könnte deshalb bald ausfallen. Umso mehr braucht es ein starkes freiheitliches Gewicht in Deutschland.

Glauben Sie, dass Frank-Walter Steinmeier Ihre Botschaft verstanden hat?
Er hätte schon 2013 wissen können, von welcher Art Putins Regime ist – als Außenminister hätte er es wissen müssen. Stattdessen hat Deutschland unter seiner Ägide noch große Geschäfte mit dem Kreml gemacht. Als ich Steinmeier dies nach meiner Rede in ruhigen Ton sagte, empörte ihn das noch mehr. Es zeigte für mich genau dieses Denken: Wir Männer in den Hinterzimmern regeln das; das Volk und die Intellektuellen haben doch gar keine Ahnung von Politik. Er hat mir rhetorisch die Instrumente der Macht gezeigt und dozierte völlig aufgebracht. Das immerhin hat mich auch ein wenig positiv gestimmt. Ich hatte ihn bislang für einen Sprechautomaten gehalten, aber offenbar ist durch meine Rede zumindest ein Rest Schamgefühl angesprochen worden.

Denken Sie, dass Sie noch einmal ins Schloss Bellevue eingeladen werden?
Ich fand die Sache auch atmosphärisch interessant: Zahlreiche der Mitarbeiter des Präsidialamts hatten mich vor meiner Rede freudig begrüßt, ja verbal gehätschelt. Danach haben sie pikiert weggeguckt oder mich mit der gleichen beleidigten Miene wie der Bundespräsident angeschaut: wie man an einem Hofstaat auf den renitenten Eindringling im Schloss blickt. Dabei sollte das Bellevue doch eigentlich ein Ort der Demokratie und Debatte sein.