frostige Zeiten sind das – aber frustig wollen wir sie natürlich nicht werden lassen. Deshalb beginnen wir hier mit einem kleinen Gruß aus der Kirche. Der einstige Pfarrerssohn, Bauingenieur, Gärtner und Schriftsteller Heinrich Seidel hat vor mehr als 100 Jahren in Berlin der Grauheit des Novembers ein buntes Gedicht entgegengesetzt, das wir heute wieder gut gebrauchen können:
„Solchen Monat muss man loben: /
Keiner kann wie dieser toben, /
keiner so verdrießlich sein /
und so ohne Sonnenschein! /
Keiner so in Wolken maulen, /
keiner so mit Sturmwind graulen! /
Und wie naß er alles macht! /
Ja, es ist ′ne wahre Pracht.“
Herbstlich Willkommen im Berliner Vorwinter!

Am langen Mauerfall-Jubiläums-Wochenende ging im Party-Feuerwerk fast ein Paukenschlag unter. Der Berliner Schriftsteller Marko Martin hielt bei der Feierstunde im Schloss Bellevue eine nahezu revolutionäre Rede, mit der er die gesamtdeutschen Lebenslügen in Bezug auf die osteuropäische Freiheitsbewegung offenlegte. Hausherr Frank-Walter Steinmeier, den Martin in seiner Rede wegen dessen jahrelang russlandfreundlichen Kurses als SPD-Außenminister auch persönlich kritisierte, verlor danach die Fassung und ging nach Augenzeugen-Berichten Martin persönlich an, dieser habe keine Ahnung, wie Außenpolitik funktioniere. Marko Martin hatte in der DDR den Kriegsdienst verweigert, wurde mit einem Hochschulverbot belegt und reiste noch vor dem Mauerfall in die Bundesrepublik aus. Im Checkpoint-Interview spricht der 54-Jährige, der sich auch gegen Antisemitismus engagiert, über die Reaktionen und seine Beweggründe.
Herr Martin, haben Sie sich schon vom Schlagabtausch mit dem Bundespräsidenten erholt?
Ich war erstaunt, dass Herr Steinmeier meine Worte offenbar als Majestätsbeleidigung empfunden hat. Mir ging es ja um die ungute Traditionslinie auch der westdeutschen Russlandpolitik und um die gesamtdeutsche Ignoranz gegenüber Osteuropa – dabei verteidigen Länder wie die Ukraine gerade die Werte, für die viele 1989 auch in Ostdeutschland demonstriert haben. Nach der Rede kam aber zum Glück nicht nur der aufgebrachte Bundespräsident zu mir. Viele der anwesenden polnischen Gäste beglückwünschten mich. Deren Freude darüber, dass jemand mal diese Wahrheit ausspricht, hat mich wiederum gefreut. Ich bekomme seitdem auch viele Mails von Menschen aus Ost und West, die schreiben: Sie sprechen mir aus dem Herzen. Viele fühlen sich mittlerweile isoliert, wenn sie Solidarität mit der Ukraine zeigen.
Gerade scheint die SPD noch einmal einen anderen Blick auf den Krieg zu bekommen. Nach dem Willen des neuen Generalsekretärs Matthias Miersch soll Alt-Kanzler Gerhard Schröder trotz seiner Lobbyarbeit für Russland rehabilitiert werden. Wie sehen Sie das?
In der SPD geschieht ein Rollback, bei dem die Signale nicht zufällig gesetzt werden. Die Mützenichs und Stegners sind präsenter denn je; und Menschen, die sich für die überfallene Ukraine einsetzen, werden vergrault. Was ich nicht verstehe: In der SPD-Bundestagsfraktion gibt es so viele junge Leute. Aber in den Talkshows erklären abgehalfterte Landespolitiker wie Ralf Stegner oder der frühere Dorfschulze von Berlin, Michael Müller, nassforsch die Welt, wie sie sie sehen. Mir scheint die Strategie dahinter zu sein, die SPD wie in Brandenburg auch bundesweit kompatibel mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht zu machen. Und zwar mit Hilfe eines verschmierten Friedensbegriffs, bei dem es nicht um die Dauer und Stabilität eines Friedens in Europa geht, sondern nur um die eigene Ruhe. Um Freiheit geht es dabei schon gar nicht.
Klingt das für Sie als früheren DDR-Bürger nach dem Friedensbegriff, der auch schon in der DDR propagiert worden ist?
Der Friedensbegriff der SPD kommt dem der früheren DDR-Staatspartei SED doch ziemlich nahe: Demnach ist Frieden all das, was die Machtinteressen des Kremls nicht infrage stellt. Allerdings hatte selbst die DDR gewusst und auch propagiert: Der Friede muss bewaffnet sein. Ohne Abschreckung geht es nicht. Ein Pazifismus, der Krieg um jeden Preis verhindern will, macht den Krieg eines Aggressors erst möglich. Genau das hat schon Thomas Mann 1938 ausgesprochen.
Sie sprechen 35 Jahre nach Mauerfall eher von einem westdeutschen Defizit. Warum?
Viele Menschen in Westdeutschland wollen von ihren pazifistischen Träumereien nicht lassen. Sie bezeichnen sich zwar als links, stecken aber noch gedanklich im Hitler-Stalin-Pakt fest. Aus dieser Warte ist es das Wichtigste, dass die Gesprächsfäden zwischen Berlin und Moskau nicht abreißen sollen. Alles, was dazwischenliegt, ist Verhandlungsmasse. Das Schlimme ist, dass wir nun mit Donald Trump einen amerikanischen Präsidenten bekommen, der ebenfalls dem bismarckschen Machtdenken anhängt, nach dem die Großmächte alle Weltfragen untereinander klären ohne Rücksicht auf Verluste. Amerika als Garant der Freiheit in Europa könnte deshalb bald ausfallen. Umso mehr braucht es ein starkes freiheitliches Gewicht in Deutschland.
Glauben Sie, dass Frank-Walter Steinmeier Ihre Botschaft verstanden hat?
Er hätte schon 2013 wissen können, von welcher Art Putins Regime ist – als Außenminister hätte er es wissen müssen. Stattdessen hat Deutschland unter seiner Ägide noch große Geschäfte mit dem Kreml gemacht. Als ich Steinmeier dies nach meiner Rede in ruhigen Ton sagte, empörte ihn das noch mehr. Es zeigte für mich genau dieses Denken: Wir Männer in den Hinterzimmern regeln das; das Volk und die Intellektuellen haben doch gar keine Ahnung von Politik. Er hat mir rhetorisch die Instrumente der Macht gezeigt und dozierte völlig aufgebracht. Das immerhin hat mich auch ein wenig positiv gestimmt. Ich hatte ihn bislang für einen Sprechautomaten gehalten, aber offenbar ist durch meine Rede zumindest ein Rest Schamgefühl angesprochen worden.
Denken Sie, dass Sie noch einmal ins Schloss Bellevue eingeladen werden?
Ich fand die Sache auch atmosphärisch interessant: Zahlreiche der Mitarbeiter des Präsidialamts hatten mich vor meiner Rede freudig begrüßt, ja verbal gehätschelt. Danach haben sie pikiert weggeguckt oder mich mit der gleichen beleidigten Miene wie der Bundespräsident angeschaut: wie man an einem Hofstaat auf den renitenten Eindringling im Schloss blickt. Dabei sollte das Bellevue doch eigentlich ein Ort der Demokratie und Debatte sein.
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Berlins früherer Finanzsenator Peter Kurth (CDU) versinkt immer mehr im rechtsextremen Sumpf. Kurth, bis vor kurzem Vorstand der „Vereinigung alter Gothen“ in der wegen völkischer Umtriebe umstrittenen Berliner Burschenschaft „Gothia“, hat nun offenbar den Aufbau eines mutmaßlichen rechtsextremen Szenetreffs im sächsischen Grimma finanziert. Nach „Spiegel“-Recherchen überwies er 100.000 Euro auf ein Privatkonto des Terrorverdächtigen Kevin R., der damit die Immobilie finanzierte und vergangene Woche bei einer Razzia festgenommen wurde.
Zuvor hatte die Bundesanwaltschaft die rechtsextreme Terrorgruppe namens „Sächsische Separatisten“ verboten. Die illegale Gruppierung hatte offenbar militärische Aktionen gegen die Bundesrepublik geplant und hat bereits paramilitärische Trainings organisiert, um in Teilen Ostdeutschlands ein am Nationalsozialismus ausgerichtetes Staats- und Gesellschaftswesen zu errichten. Drei der verhafteten acht Mitglieder sind laut Medienberichten Mitglieder der AfD; bei einem soll es sich um den sächsischen AfD-Kommunalpolitiker Kurt Hättasch handeln, der für die Partei im Stadtrat von Grimma sitzt.
Zu den Festgenommenen gehört auch Kevin R., auf dessen Konto Kurths 100.000 Euro flossen und der auch lange in der Berliner Schülerverbindung „Iuvenis Gothia“ aktiv war. Der Sitz der Verbindung, das „Gothenhaus“ in Zehlendorf, gilt seit Jahren als Treffpunkt rechtsextremer und konservativer Milieus.
Kurth, der schon länger in radikale Kreise abgerutscht ist, bestätigte sein Darlehen für die Immobilie in Gotha. Von den „Sächsischen Separatisten“ habe er aber erstmals „in der letzten Woche in den Medien gehört“ (via „Spiegel“). Zu den radikalen Ansichten seiner Geschäftspartner sagte er: „Ich habe dieses Gedankengut bei den genannten Personen nicht wahrgenommen.“ Bereits 2019 soll Kurth 120.000 Euro für ein „patriotisches Hausprojekt“ der rechtsextremen Identitären Bewegung überwiesen haben. Wegen seines Engagements steht Kurth im Blickpunkt der Verfassungsschutzbehörden.
Berlins CDU blickt inzwischen mit Entsetzen auf den einstigen Parteifreund. „Peter Kurth ist kein Mitglied der CDU. Wäre er Mitglied, würden wir ihn rausschmeißen“, sagte CDU-Fraktionschef Dirk Stettner am Montag dem Tagesspiegel. „Ich kann überhaupt nicht verstehen, was mit ihm passiert ist. Er war einmal bürgerlich und demokratisch, heute ist er das offensichtlich nicht mehr. Das ist eine sehr traurige, erschreckende Persönlichkeitsentwicklung.“
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Die auf wann auch immer vorgezogene Bundestagswahl löst in Berlins Bezirksämtern bereits Alarmstimmung aus. Zwar herrscht kein Papiermangel für die Wahlzettel, wie zunächst kolportiert worden war, dafür stapelt sich aber womöglich der Personalmangel. „Je kurzfristiger der Wahltag angesetzt wird, desto mehr Personal wird aus der bezirklichen Verwaltung herangezogen werden müssen, um eine ordnungsgemäße Vorbereitung der Wahl zu gewährleisten“, sagt Reinickendorfs Vize-Landeswahlleiter Hauke Haverkamp auf Tagesspiegel-Anfrage und nennt als Beispiel: „Ein einzelner Bürgeramtsmitarbeitender bearbeitet bis zu 220 Termine pro Woche. Es ist noch nicht absehbar, wie viele Bürgeramtsmitarbeitende in das Bezirkswahlamt abgeordnet werden müssen. Die Schließung eines Bürgeramtsstandortes wird geprüft, ist aber noch nicht endgültig entschieden.“
Zudem müsse man bei einem Wahltermin etwa im Februar einen möglichen Winter-Räumdienst vor den Wahllokalen einkalkulieren und die Winterferien Anfang Februar beachten. „Bereits für die letzte Wiederholungswahl mussten Urlaube abgesagt und Stornokosten für gebuchte Reisen vom Bezirk erstattet werden.“ Welche Hürden für die Wahl in Ihrem Bezirk bestehen, erklären unsere Kiezreporter in den Bezirks-Newslettern – ein Abo Ihrer Wahl gibt’s hier.
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Wir schalten zu unserer US-Reisereporterin Anke Myrrhe, die für den Checkpoint den Amerikatrip des Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) begleitet und heute Folgendes zu berichten weiß:
Dieser Jetlag…. Wie viele andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Wirtschaftsdelegation wachte auch der Regierende Bürgermeister Kai Wegner am Montagmorgen gegen 4 Uhr Ortszeit auf – obwohl auch er nach dem Ende des offiziellen Teils am Abend noch auch ein Glas „Brooklyn Lager“ in einer Sportsbar in Manhattan gelandet war. „Wahnsinn, was man alles schafft, wenn man so früh aufsteht“, sagte Wegner. Ein überzeugter Frühaufsteher werde dennoch nicht mehr aus ihm. „Ich arbeite lieber in der Nacht.“ Da könnte er glatt beim Checkpoint anfangen.
Gut, dass sich der Regen am Morgen verzogen hat und der offizielle Teil des Tages mit einem belebenden Spaziergang über die Highline begann, einem 2,6 Kilometer langen Spazierweg mit Bepflanzung und Open-Air-Kunst, der auf eine alte Bahnstrecke gebaut wurde. Stellenweise liegen die alten Schienen noch, es erinnert ein bisschen an das Schöneberger Südgelände. Überhaupt fallen Wegner den Tag über immer wieder Parallelen zu Berlin auf. Die Highline ist übrigens nachts geschlossen, sagt der Guide. Wegner lacht und sagt grinsend: „Darf man das denn?“ Grüße nach Kreuzberg!
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Wie hoch hinaus will Berlin? Diese Frage stellen Architektinnen und Stadtplaner schon lange; nun hat sie Kai Wegner (CDU) bei seiner US-Reise wiederentdeckt: Braucht Berlin mehr Wolkenkratzer? Unsere Leserinnen und Leser sind von der Idee nicht so aufgekratzt. „Bestimmt träumt mancher Politiker von seinem Tower, ähnlich, wie es einen Trump Tower gibt. Ich denke aber, Wolkenkratzer würden Berlin verschandeln”, meint Leser Erik A. Leserin Yvonne H. empfiehlt dem Regierenden Bürgermeister einen anderen Blick auf die eigene Stadt: „Herr Wegner sollte sich mal öfter von außerhalb mit dem Auto Berlin nähern. Von weiten kann man da aus vielen Richtungen die Skyline mit dem gut sichtbaren Fernsehturm sehen.” Diese Skyline sei einmalig – ein Wolkenkratzer würde sie kaputt machen.
Mit der Stadtnatur argumentiert dagegen Jeanette K.: „Berlins Plus sind die Bäume, die Parks, die Grünanlagen, die Uferzonen. In Berlin prägen Straßencafés und bunte Mischungen das Stadtbild. Das sollte sich Berlin erhalten.” Und Rüdiger D. gibt zu bedenken: „Wer weitere Verdichtung wünscht, hat von Klimawandel und Klimakrise nichts mitbekommen oder ist ein guter Verdränger.“ Andererseits müsste Berlin, würde es in die Höhe bauen, nicht in der Fläche verdichten. „Berlin könnte auch ein paar Wolkenkratzer vertragen“, meint deshalb Daniela Westrup. Auch Anneli Schwarz befürwortet neue Hochhäuser, „allerdings keine 0-8-15 Bauten wie am Breitscheidplatz, sondern ausgefallene“.
Derzeit überarbeitet der Senat sein Hochhausleitbild. „Das Bauen in die Höhe kann einen Beitrag dazu leisten, der Nachfrage nach Wohnraum zu begegnen“, sagt Martin Pallgen von der Stadtentwicklungs-Verwaltung dem Checkpoint. „Auch bei der Frage nach dem Flächenverbrauch können Hochhäuser die richtige Antwort geben.“
Wie und wo Berlin in die Höhe wachsen könnte, diskutieren wir auch in unserer Tagesspiegel-Reihe „Stadt im Gespräch – Berlin im Wandel“. Am kommenden Montag ab 19.30 Uhr laden wir gemeinsam mit der Architektenkammer in die Urania zum Streitgespräch über Berlins Hochhäuser. Es diskutieren unter anderem Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt sowie der Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf Christoph Brzezinski (CDU), es moderiert diesmal mein Kollege Christoph Kluge. Der Eintritt ist frei, und neue Ideen für unsere Stadt sind wie immer willkommen.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Zwei schlechte Nachrichten zuerst:
Betrunkene Auswärtsfans von Hertha BSC haben auf ihrer Rückfahrt aus Darmstadt die Berliner Sängerin Mine im Zug sexuell belästigt; es soll auch rassistische Beleidigungen gegeben haben. „Ich hatte die ganze Bahnfahrt lang Herzrasen und war total aufgewühlt, auch noch danach“, berichtet die Künstlerin im Tagesspiegel-Interview. Hertha hat eine Aufarbeitung der Vorfälle angekündigt. Dabei sollten sich der Verein und seine Anhänger an ein Credo des verstorbenen Präsidenten Kay Bernstein erinnern, der selbst aus der Ultra-Fanszene kam: „Jeder, der die Hertha-Fahne auf der Brust trägt, repräsentiert den Verein.“
Der Winter 2022 war ein schlimmer, besonders in der von Russland angegriffenen Ukraine. Aber auch in Deutschland wuchs die Sorge vor kalten Heizungen, die Versorgungskrise konnte schließlich abgewendet werden. Nun aber klagen Hunderttausende Mieterinnen und Mieter in Berlin und Deutschland über explodierende Heizkosten. Nachzahlungen für einzelne Wohnungen für das Jahr 2022 summieren sich auf tausende Euro, bei oft gleichbleibendem Verbrauch. Dahinter steckt in vielen Fällen System, wie eine Recherche von Tagesspiegel und „Correctiv.Lokal“ zeigt. Demnach nutzen einzelne Contracting-Firmen offenbar systematisch rechtliche Schlupflöcher aus, um ihre Profite zu steigern.
Dabei wird nicht etwa die verbrauchte Menge Heizgas abgerechnet, sondern nach oft komplizierten, für Laien kaum verständlichen Preisgleitklauseln, die sich etwa an den Erdgas-Börsenpreisen orientieren. Auch Deutschlands größtes privates Wohnungsunternehmen Vonovia zählt mit seiner umstrittenen Tochter Deutsche Wohnen zu den Profiteuren, etwa bei Wohnungen in Schöneberg und Mariendorf. Wundern tut einen das schon nicht mehr. Erschreckend kaltblütig bleibt es dennoch.
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Nun wird es aber Zeit für eine Handvoll gute Nachrichten:
Nicht jedes Graffiti macht Berlin bunter. Die Umweltverwaltung sucht deshalb Fachkräfte zur Graffitibeseitigung im Stadtgebiet. Laut Ausschreibung gehört dazu auch die Anbringung von sogenannten „Anti-Graffiti-Systemen“. Diese Beschichtungen könnten etwa Zeichnungen und Informationstafeln im Stadtbild schützen, bevor sie mit sinnfreien Tags übermalt werden. Schöner wär’s.
Jede und jeder hat mal klein angefangen: als Samen. Berlins vielfältigste Samenbank ist die Saatgutsammlung für Wildpflanzen im Botanischen Garten. Diese wird in diesem Herbst 30 Jahre jung. Im Laufe der Jahre haben samensammelnde Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hier etwa 14 Millionen Samen von gut 3.500 Arten aus 82 Ländern getrocknet und gefroren. So soll die biologische und genetische Vielfalt erhalten bleiben. Damit immer neues Leben wachsen kann.
Gar nicht erwachsen wird zum Glück Robbie Williams. Im kommenden Sommer kommt der britische Popstar wieder für zwei Konzerte in die Waldbühne, Tickets gibt es ab diesen Freitag. Hoffentlich bringt er wie vor sieben Jahren wieder seinen Vater Peter Williams mit, um zusammen mit dem langjährigen Varietékünstler noch einmal „Sweet Caroline“ zu singen – erinnern Sie sich? Ein echter Take Dad.
Wenn der Postmann zweimal klingelt, bringt er vielleicht Sexspielzeug. Der Zustellservice „Lieferando“ liefert zusammen mit dem Berliner Unternehmen „Womanizer“ ab sofort „Produkte für das sexuelle Wohlbefinden“ an die Wohnungstür, nach erfolgreicher Altersverifikation „diskret“ und binnen einer Stunde. Der Bring-Dienst wird zum Komm-Dienst.
Nach einer rasanten politischen Woche laufen wir heute einmal aus mit Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne). Sie berichtet bei Instagram über ihren persönlichen Stress- und Frustabbau: das Joggen „tief in der Nacht quer durch Berlin“. Dazu schreibt Baerbock: „Wind und Kälte spüren, Lichter sehen und an alle da draußen denken, die niemals aufgeben … Und morgen geht’s weiter!“
Zitat
„In 35 Jahren wird die Mauer in Berlin noch stehen.“
Anna von Arnim-Rosenthal, Chefin der East Side Gallery, spricht im Interview über die Kunst, die DDR auch anhand von Kunst zu erzählen, und die Ostalgie junger Menschen auf TikTok.
Stadtleben
Verlosung – Vielleicht sind Sie ohnehin Fan, weil Sie unseren Podcast „Gyncast“ verfolgen – dann wissen Sie ja schon, dass die Ärztin Mandy Mangler unfassbar kenntnisreich, mit feministischem Blick und locker über sämtliche Facetten der Gynäkologie sprechen kann. Allen anderen haben wir es hiermit gesagt. Neben ihren Jobs als Chefärztin an gleich zwei Berliner Kliniken und Mutter von fünf Kindern hat sie jetzt ein Buch geschrieben, zusammen mit unserer Kollegin Esther Kogelboom: „Das große Gynbuch“. Sie stellen es am Sonntag (16 Uhr) im Pfefferberg Theater vor. Wir verlosen 2x2 Plätze! Die Veranstaltung ist ausverkauft, Restkarten an der Tageskasse (weiterer Termin am 15. Januar 2025). Schönhauser Allee 176, U-Bhf Senefelderplatz
Essen & Trinken – Über 30.000 Inder:innen leben in Berlin. Mehr Menschen als aus Frankreich oder Amerika etwa. Das schlägt sich auch in dem Angebot an indischer Küche nieder, das langsam aber sicher immer besser wird. Heena Manglani und Ritesh Taurani betreiben das von der eigenen Community sehr verehrte „Saravanaa Bhavan“ am Potsdamer Platz; jetzt haben sie ein neues Restaurant aufgemacht: Das „Navi“ – auf Sanskrit neu –, das eine moderne Küche des Subkontinents serviert. Ohne regionalen Schwerpunkt, weitgehend ohne Klassiker, dafür aber mit vielen Gerichten, die man in Berlin so noch nicht gegessen hat. Etwa das Okra Zunka, eine Art herzhafte Crème brûlée aus Okra-Schoten oder der Ananas- und Süßkartoffelsalat sowie der mit Chili glasierte Pulpo aus dem Tandoor-Ofen. Außerdem: viele vegane Gerichten und originelle Cocktails mit indischen Gewürzen. Di-So ab 17 Uhr, Graefestraße 83, U-Bhf Schönleinstraße
Noch hingehen – Der Fotograf Daniel Bilici hat schon in Schweden und in der Ukraine gelebt. Mit Beginn der russischen Invasion war er gezwungen, in seine Heimat Moldawien zurückzukehren. Seitdem fotografiert er eben das Leben in der Hauptstadt Chișinău – bei Modeschauen, queeren Events, aber auch Demonstrationen. Mit den Mitteln der Fotografie untersucht er die Spannungen in seinem Land, in Berlin zeigt er die Serie „The Streets of Chișinău“. Noch bis Montag (18.11.), MiCT, Mo-Fr 10-15 Uhr, Eintritt frei, Brunnenstraße 9, U-Bhf Rosenthaler Platz
Last-Minute-Lesung – „Psychosen und Selbstmordversuche Abgewiesener säumten den Weg des schönen Mädchens; erfreulicherweise keine kompletten Suizide“ – so beschreibt Georg Zivier in „Das Romanische Café“ die Autorin und Schauspielerin Ruth Landshoff-Yorck. Ihr Buch „Leben einer Tänzerin“ konnte 1933 nicht mehr erscheinen, auch ihre anderen Werke waren mit NS-Positionen unvereinbar. Sie emigrierte nach Frankreich, später in die USA. Anlässlich ihres 120. Geburtstages bringt der Lernort Bücherverbrennung eines der ersten It-Girls der Geschichte mit einer Lesung unter dem Titel „Rasant, unkonventionell und frei“ in Erinnerung (heute, 19 Uhr), außerdem Vortrag und Musik. Eintritt frei, Haus des Humanismus, Potsdamer Straße 157, U-Bhf Bülowstraße
Grübelstoff – Sie sind gestern wenig motiviert in die Arbeitswoche gestartet und heute sieht es noch trüber aus? Wäre es eine Option, noch mal etwas ganz Neues zu lernen? Und welchen Job könnten Sie sich denn alternativ vorstellen?
Kiekste
Sie hat die Haare schön – er hat die Haare schön: In der Friedenstraße in Friedrichshain ist die Welt halt noch in Ordnung. Dank gebührt Leser Stefan Glunz. Weitere Bilder aus der bestfrisierten Stadt Deutschlands gern an checkpoint@tagesspiegel.de! Mit Ihrer Zusendung nehmen Sie aktuell an unserem Kiekste-Fotowettbewerb in Kooperation mit DASBILD.BERLIN teil.
Berlin heute
Verkehr – Schildower Straße (Blankenfelde): Bis 19. November steht in Höhe Birnbaumring für beide Richtungen nur ein gemeinsamer Fahrstreifen zur Verfügung.
Buschkrugallee (Britz): Stadteinwärts zwischen Bürgerstraße und Grenzallee steht bis Ende November nur ein Fahrstreifen zur Verfügung.
Berliner Straße/Oraniendamm (Hermsdorf/Waidmannslust): Zwischen Robinienweg und Dianastraße regelt, vsl. bis 18.11., eine Baustellenampel den wechselseitigen Verkehr.
Allee der Kosmonauten (Lichtenberg): Richtung Rhinstraße ist zwischen Meeraner Straße und Rhinstraße der linke Fahrstreifen gesperrt.
Landsberger Allee (Marzahn): Stadteinwärts stehen in Höhe Dingelstädter Straße für ca. eine Woche nur zwei Fahrstreifen zur Verfügung.
Markstraße (Reinickendorf): In Höhe Walderseestraße ist in beiden Richtungen die Fahrbahn verengt und das Überholen von Radfahrenden ist verboten.
Grunewaldstraße (Schöneberg): In Richtung Hauptstraße steht zwischen Eisenacher Straße und Klixstraße nur ein Fahrstreifen zur Verfügung. Die Geschwindigkeit ist wegen des Radverkehrs auf 20 km/h begrenzt (bis Mittwoch, ca. 5 Uhr).
Nahverkehr – U3: Ab 7 Uhr bis Mittwochabend fährt die Linie aufgrund von Bauarbeiten zwischen U Breitenbachplatz und U Krumme Lanke alle 10 Minuten.
Demonstration – Für heute sind 11 Demos angemeldet (Stand 11.11., 14 Uhr), u.a. „Nie wieder gilt für alle (Never again for all!) Gegen die Verabschiedung der Resolution in ihrer jetzigen Formulierung und Absicht; gegen Waffenlieferungen; gegen Unterdrückung.“: 200 Demonstrierende, Heinrich-von-Gagern-Straße (0-24 Uhr)
„Solidarische Prozessbegleitung – Hands off students rights“: 20 Menschen, Turmstraße 91 (12.30-16 Uhr)
„Menschenkette – Russland & USA startet Frieden!“: 400 Teilnehmende, Friedensfestival Berlin e.V., Pariser Platz, Unter den Linden (14-17 Uhr)
„OmasgegenRechtsSüdwest – gegen Querdenker/Verschwörungstheoretiker und rechte Populisten“: 35 Demonstrierende, Schloßstraße (17-18.30 Uhr)
„Wir pfeifen auf Stuttgart 21“: fünf Menschen, Potsdamer Platz (18.40-19.15 Uhr)
Universität – Zu klären, „wie Migration wirklich funktioniert“ verspricht der Vortrag von Hein de Haas (Amsterdam). Dazu lädt das Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) am Freitag an der Humboldt-Uni ein. Neben der Berlin Lecture 2024 wird erstmals ein Nachwuchspreis für Migrationsforschung verliehen. Ab 16.30 Uhr, Senatssaal (Unter den Linden 6), eine Anmeldung ist erwünscht.
Berliner Gesellschaft
Geburtstag – Werner Graf (44), Politiker (Grüne), MdA, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Abgeordnetenhaus / Sabina Grzimek (82), Bildhauerin, etliche ihrer Skulpturen stehen in Berlin im öffentlichen Raum, u.a. der „Junge aus der Marienburger Straße“ (Prenzlauer Berg) oder „Mutter mit Kind“ (Lichtenberg), ausgezeichnet u.a. mit dem Käthe-Kollwitz-Preis und dem Brandenburgischen Kunstpreis / Anne Hathaway (42), US-amerikanische Schauspielerin („Der Teufel trägt Prada“), 2023 stellte sie auf der Berlinale den Eröffnungsfilm „She came to me“ vor, in dem sie an der Seite von Peter Dinklage spielt / Judith Holofernes (48), Musikerin, Songschreiberin und Autorin („Die Träume anderer Leute“, Berlin-Premiere mit Nora Tschirner im Heimathafen Neukölln), Frontsängerin der Band Wir sind Helden / Alexandra Maria Lara (46), rumänisch-deutsche Schauspielerin, 2022 wurde sie Co-Präsidentin der Deutschen Filmakademie, u.a. „Der Untergang“ und der in Eisenhüttenstadt gedrehte „Und der Zukunft zugewandt“ / Lea Schüller (27), Fußballspielerin, FC Bayern München, 2023 war sie als erste Profi-Fußballerin auf dem Cover der deutschen „Vogue“
Nachträglich: „ Liebe ‚so-gut-wie- Berlinerin‘ Britta, Deine ‚schon-immer-Berliner‘ Dieter und Claudia haben im Urlaub tatsächlich Deinen Geburtstag vertrödelt. Darum mit Verspätung, aber nicht weniger herzlich alles, alles Liebe und Gute. Wir freuen uns ganz doll auf ein Wiedersehen, und das hoffentlich bald.“
+++ Sie möchten der besten Mutter, dem tollsten Kiez-Nachbarn, dem runden Jubilar, der Lieblingskollegin oder neugeborenen Nachwuchsberlinern im Checkpoint zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie uns bis Redaktionsschluss (11 Uhr) einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.+++
Gestorben – Dr. Ljiljana Locke, * 22. Juni 1950, verstorben am 27. Oktober 2024 / Dr. Heinz-Udo Middelmann, * 28. Februar 1944, verstorben am 1. November 2024 / Edzard Reuter, * 16. Februar 1928, verstorben am 27. Oktober 2024 / Bertha Schmidt, * 11. November 1930, verstorben am 27. Oktober 2024
Stolperstein – Rudolf Augustin ist am 29. September 1919 in Berlin geboren. Er war als Soldat in Frankreich, wurde dann als Schlosser in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Als er 1943 erneut einberufen wurde, verweigerte er den Wehrdienst. Er wurde deshalb angeklagt und im Februar 1944 zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde dann in eine Gefängnisstrafe umgewandelt und diese „zur Feindbewährung ausgesetzt“ – eine Umschreibung dafür, dass er an die Front abkommandiert wurde. 2006 fand sich eine Karteikarte, die belegt, dass Rudolf in russische Kriegsgefangenschaft geraten war und am 12. November 1944 in Mozhga/Udmurtien gestorben sei. An Rudolf Augustin erinnert ein Stolperstein in der Markgraf-Albrecht-Straße 5 in Halensee.
Wer in Berlin über die Gedenktafeln stolpert und mehr wissen will: Mit einem Klick gelangt man über die App „Stolpersteine – Die Schicksale“ zu den Biografien der Verfolgten.
Encore
Der Mensch neben mir ist ein Mensch. Diese Erkenntnis des barmherzigen Mitgefühls sollte uns auch über die Nacht von St. Martin hinaus erleuchten. Deshalb haben wir im Tagesspiegel Geschichten des Gebens und Teilens aus unseren Nachbarschaften gesammelt. So schreibt zum Beispiel meine Kollegin Elisabeth Binder über ihre alltägliche Hilfe für eine Flaschensammlerin im Hansaviertel:
„Die alte Flaschensammlerin ist einer der emsigsten Menschen, die ich kenne. Nachbarn treffe ich nicht so oft wie sie. Unermüdlich sucht sie nach Flaschen und vielleicht auch anderen brauchbaren Gegenständen. Irgendwann habe ich angefangen, meine Pfandflaschen für sie zu sammeln. Sie bedankt sich jedes Mal strahlend dafür mit den Worten ‚Herzlichen Dank!‘ Sie ist definitiv nicht der Typ einer Bettlerin, wie es so viele und immer mehr gibt. Sie hat auch noch nie nach Geld gefragt. Ihr Fleiß beeindruckt mich. Und ich möchte ihr einfach Erfolgserlebnisse schenken.“
Wann haben Sie zuletzt hilfebedürftigen Menschen mit Ihrer Hilfe weitergeholfen? Heute, an einem neuen Tag im bunten, grauen November, könnten Sie damit anfangen.
Mit mir die Neugier geteilt haben heute Isabella Klose und Valentin Petri (Recherche) sowie Antje Scherer (Stadtleben) und Jaqueline Frank (Produktion). Morgen erwartet Sie hier Ann-Kathrin Hipp. Ich grüße Sie!
