Merkel schlägt Kauder vor
Eine große Lücke klafft seit gestern auch in den Reihen der Merkel-Vertrauten. Unionsfraktionschef Volker Kauder – das ging so leicht von der Zunge wie einst Bahnchef Mehdorn und Papst Johannes Paul II. – oder eben Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die hatte Kauder seit ihrer ersten Wahl 2005 verlässlich an ihrer Seite und hat die CDU/CSU-Fraktion auch gestern noch einmal gebeten, Kauder zu unterstützen (ebenso wie Seehofer und Dobrindt): „Ich schlage ihn aus vollem Herzen vor.“ Und wirkte dann ebenso überrascht wie die gesammelte Hauptstadtpresse, als ihr Feuerwehrmann (112 Stimmen) gegen Herausforderer Ralph Brinkhaus (125 Stimmen) unterlag.
Etwas überrascht waren wohl auch die Aufständigen, wahrscheinlich als sie die ersten Kommentare von Merkeldämmerung bis Ende einer Kanzlerschaft lasen. „Zwischen uns passt kein Blatt Papier“, sagte denn auch der Neue, der zwar nicht zum Merkellager gehört, aber als loyal gilt. Merkel, sichtlich um Fassung bemüht, sprach von einer Stunde der Demokratie, in der es auch Niederlagen gibt. Sie bot ihm gute Zusammenarbeit an, Brinkhaus freut sich darauf. Als Revoluzzer gilt er nicht, setzt aber dem Kauderschen Weiter-so ein einfaches Wort entgegen: Zuversicht. Vielleicht das, was viele jetzt suchen. Ob das auch für Merkel gilt, wird sich zeigen. Wir fassen zusammen: Nach dieser Folge „Unsere große Koalition“ bleiben zurück: Ein angetrunkener CSU-Chef, eine wundgewundene SPD-Chefin und eine verdutzte Kanzlerin. Fortsetzung folgt.
Opposition und Oppermann sprechen von einem Aufstand gegen die Kanzlerin. Einige, auch der Lieber-nicht-Lindner, fordern gar die Vertrauensfrage von Merkel. Es kommentiert Sigmar Gabriel aus dem Off: Merkel wird noch gebraucht, und jetzt: Schluss mit der Selbstbeschäftigung. Amen.