Der Sonderpflug durch Pankow: Ein Hobbyhistoriker durchwühlt den Bezirk nach seinen größten Geheimnissen

Früher Hinterhof-Ruinen, heute Berliner-Bären-Jagd und 120 Jahr alte Tabakpfeifen. Christian Bormann treibt so einiges um. Der Checkpoint stellte Fragen. Von Robert Ide.

Der Sonderpflug durch Pankow: Ein Hobbyhistoriker durchwühlt den Bezirk nach seinen größten Geheimnissen

Falls Sie heute und morgen und auch noch übermorgen was wirklich Sinnvolles machen wollen, engagieren Sie sich einfach im Ehrenamt. Mehr als eine Million Berlinerinnen und Berliner hilft freiwillig in Sport-, Kultur- und Umweltvereinen, in Hilfs-, Eltern- oder Kiezinitiativen. Einer von ihnen ist der Hobbyhistoriker Christian Bormann, der mit seiner „Pankower Chronik“ (online hier) die Geschichte von Berlins größtem Bezirk erforscht und dafür nun mit anderen den Pankower Ehrenamtspreis erhalten hat. Am Montag erreichten wir ihn an seinem 41. Geburtstag für ein kurzes Checkpoint-Interview.

Herr Bormann, was fasziniert sie so an Berlins Geschichte?
Ich bin schon als kleiner Junge in Pankower Keller geklettert und habe in Hinterhof-Ruinen nach verlorenen Schätzen gesucht. Auch zu DDR-Zeiten wurde ja Geschichte hinter neuen Fassaden versteckt. Mich hat immer das Verborgene interessiert – und die Geschichten dahinter.

Jetzt suchen Sie zum Beispiel nach Berliner Bären an Häuserwänden.
Durch Sanierungen verschwinden Wandbilder aus dem Stadtbild, auch vom Berliner Wappentier. Am Pankower Rathaus habe ich vier Bären entdeckt – die Figuren an der Fassade wurden immer für Füchse gehalten. Überhaupt das Rathaus: Nach dem Krieg war hier die sowjetische Kommandantur untergebracht. Im Keller gab es geheime Gefängniszellen, in denen etwa frühere Kommandanten der Konzentrationslager gefangen gehalten wurden. Jeder Berliner Ort kann etwas über unsere Geschichte erzählen.

Sie haben bei einem Spaziergang auch einen letzten Überrest der Berliner Mauer entdeckt. Was ist daraus geworden?
Das Mauerstück zwischen Pankow und Reinickendorf steht jetzt auf der Denkmalliste, verfällt aber zusehends. Am Bahnhof Schönholz soll ja ein Parkplatz für ICEs entstehen, diesem Plan steht die alte Mauer wohl im Weg. Vielleicht will sich deshalb keiner so richtig kümmern, sie zu erhalten.

Sie dokumentieren Pankows Geschichte im Internet. Was ist Ihr neuestes Projekt?
Gerade graben wir in Blankenburg auf dem Hof einer Grundschule alte Schätze aus. Ich habe dort bäuerliche Geräte von etwa 1700 gefunden und auch Reste einer Keramikbrennerei. Danach stand hier eine Schule, wir haben 120 Jahre alte Tabakpfeifen geborgen, die sicherlich Lehrern gehörten – und auch Stahlhelme von den Kämpfen um Berlin im Zweiten Weltkrieg. Wir bereiten diese Epochen kindgerecht im Internet auf, damit heutige Schülerinnen und Schüler daraus lernen können.

Hauptberuflich arbeiten Sie als Verkäufer von Wanduhren. Was gefällt ihnen immer noch an Pankow?
Ich habe nie woanders gelebt, weil hier viel Geschichte zu Hause ist und sich ständig alles verändert. Die Mischung aus Alt und Neu, auch aus Arm und Reich, aus ländlichem Vorort und Alleen zum Alexanderplatz – all das macht Pankow so interessant. Ganz unterschiedliche Leute kommen hier miteinander aus. Was aber Pankow bei aller Veränderung nicht vergessen sollte: Es war immer eine grüne Lunge Berlins. Nur von Beton kann keiner leben.

(Foto: IMAGO/Steinach)