Wenn die Kunst nach draußen wandert
Wegen Corona findet gerade viel Tolles im Freien statt. So laufen die Freiluftkinos wieder und in Moabit sind Schaufenster besonders interessant. Von Thomas Wochnik
Foto: Britta Pedersen/dpa
Samstagmorgen – Dass der vielerorten zelebrierte Anschein wiedergekehrter Normalität trügt, erkennt leicht, wer einen Blick jenseits der Festung Europa wirft. Während bei uns das Gefühl der Entspannung einsetzt, trifft auch Corona die, denen es schon zuvor schlechter ging, noch immer am stärksten. Um das Thema Caring (Fürsorge) dreht sich das Programm der „New Alphabet School“ am HKW. In verschiedenen Formaten, online und vor Ort im HKW, werden ab 10 Uhr Möglichkeiten kollektiven Lebens und Handelns jenseits von bestehenden Gefügen gesucht, in denen die systemische Benachteiligung vieler zum Nutzen weniger aufgehoben wird.
Samstagmittag – Schaufensterbummel haben mit der Romantik ihrer Anfangszeiten schon lange wenig zu tun. Hin und wieder gibt es aber dennoch interessante Einblicke, wie an dem des Art-Lab (Perleberger Straße 60, Moabit). „Where Have All the Jasmines Gone?“ heißt das Projekt, in dessen (Schaufenster-)Rahmen die Künstler:innen Farah Hazim & Wissam Sader ihre Klanginstallation „Points d’Orgue“ aufgebaut haben. Erinnerungen an Menschen und Landschaften aus dem Mittleren Osten werden von 16 bis 19 Uhr durch die Scheibe übertragen.
Samstagabend – Endlich laufen die Freiluftkinos wieder und der Andrang ist angesichts des begrenzten Platzangebots riesig. Viele Filme sind schon ausverkauft. Im Freiluftkino an der Hasenheide gibt es am Samstagabend aber noch Karten für die britische Gangster-Komödie „The Gentleman“ (Beginn: 21.45). In dem Film von Regie-Veteran Guy Ritchie spielt ein All-Star-Ensemble um Hugh Grant, Matthew McConaughey und Colin Farrell groß auf. Am Sonntag läuft hier dann die Beatles-Hommage „Yesterday“. Tickets gibt es wegen der Hygiene-Vorschriften vorerst nur online. Das Freiluftkino Rehberge in Wedding zeigt am Sonntag ab 21.30 „Lara“ mit Corinna Harfouch – den viel erwarteten zweiten Film von „Oh Boy“-Regisseur Jan Ole Gerster. Auch hier gibt es Karten nur online.
Sonntagmorgen – Weniger hartes Pflaster als Trostpflaster bieten der Park Babelsberg und die Grünanlagen um Sanssouci. Für alle, die der Gegenwart bei den bis auf Weiteres aufgeschobenen Musikfestspielen Potsdam entgehen wollten, werden hier und heute nämlich Wandelkonzerte mit Abstand veranstaltet, die zum aus der Zeit Fallen und Lustwandeln einladen.
Sonntagmittag – Eric Meiers ortsspezifische Ausstellung „Goodbye Deutschland“ auf der zum Kunstraum gewordenen Barke „MS Heimatland“, wirkt, als könne sie jederzeit ablegen, tut es aber nicht. Meier, 1989 noch gerade so in der DDR geboren, verknüpft Autobiografisches mit soziopolitischer Reflexion und befasst sich aktuell mit der (Un-)Willkommenskultur der Biernation. 100 Bierkrüge hat er auf 700°C erhitzt und so zum sprichwörtlichen Einknicken gebracht – jegliches Versprechen das einem intakten Krug innewohnt, ist somit unhaltbar geworden. Galerie Hosek Contemporary auf der „MS Heimatland“, Spree, Fischerinsel in Mitte. Hier der genaue Standort des Bootes.
Sonntagabend – Die Marathon Performances des US-Kollektivs Bang on a Can sind durch zahlreiche Brüche mit Konventionen des klassischen Musikbetriebs längst ein Stück Musikgeschichte. Ihre längsten nonstop-Aufführungen dauerten über 20 Stunden, während der das Publikum jederzeit kommen und gehen konnte. Die heutige Onlineausgabe dauert sechs Stunden, umfasst Werke von unter anderem Carla Kihlstedt, Alvin Curran, Helena Tulve, Frederic Rzewski, Paula Matthusen und Terry Riley und beginnt um 21 Uhr hiesiger Zeit.
In einer ersten Version dieses Artikels hatten wir berichtet, dass im Arte-Sommer-Kino am Kulturforum am Samstagabend „Berlin Alexanderplatz“ liefe. Das stimmt nicht. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.