Wochniks Wochenende mit zu viel Oktober, Feminismus in der Musik und etwas Zerstreuung
Zu viel Oktober-Gefühl, Frauen in Kunst und Musik mit großen Auftritten und Ateliers im Backsteinboot – Die Kultur-Empfehlungen von Thomas Wochnik.
Foto: Jens Büttner
Samstagmorgen – So langsam endet endlich der Herbst mit Verspätung (als wäre das überraschend in Berlin). Dirk von Lowtzow prophezeite bereits 1997 „gleich dreimal Oktober“ – aktuell haben wir schon den vierten. Nach den 13°C der letzten Woche soll es demnächst aber tatsächlich etwas kühler werden. Einen Beitrag dazu, dass Dezember, Januar & Co in Zukunft ihren alten Platz im Lauf der Dinge beibehalten, können wir bekanntlich auch durch Reduktion des Fleischkonsums leisten. Gar nicht erst in Versuchung kommt man etwa beim veganen Brunch im Kreuzberger „Playing with eels“ (Urbanstraße 32, U-Bhf Südstern). Für pauschal 15 Euro gibt es ab 11 Uhr zum Beispiel Hafer-Dinkel-Brot und Aufstriche, warme Gerichte und frische Salate, Bratlinge und Linsenbraten im Blätterteig, Hirseauflauf mit Äpfeln und vieles mehr. Da die Veranstaltung recht beliebt ist, empfiehlt es sich, die Platzfrage vorab unter 030 69807685 zu klären.
Samstagmittag – Bei vollkommen veganer Ernährung muss bekanntlich der Körper (beispielsweise der Vitamin-B12-Haushalt) im Auge behalten werden. Gesundheit geht vor, weshalb sie auch in der Kunst gerne thematisiert wird. Der Körper – als privater, öffentlicher, sozialer, unterdrückter Körper – ist zugleich schon immer ein Thema des Feminismus. Angedockt an die 11. Berlin-Biennale ist im Weddinger ExRotaprint daher eine Ausstellung zum Thema zu sehen. Heute um 15 Uhr geben Inga Zimprich und Julia Bonn von der „Feministische Gesundheitsrecherchegruppe (FGRG)“ eine kommentierte Führung in der Gottschedstraße 4 (U-Bhf Nauener Platz), der Eintritt ist frei.
Samstagabend – Für das letzte Jahrhundert ungewöhnlich hoch ist übrigens die Dichte bekannter weiblicher Komponistinnen in der elektronischen Musik. Ohne Else Marie Pade, Daphne Oram, Pauline Oliveros oder Delia Derbyshire, um nur einige Beispiele aus den 1920ern und 30ern zu nennen, klänge auch die heutige Welt sicherlich anders. Zu ihnen zählt unbedingt auch die französische Komponistin Éliane Radigue (*1932), die einmal erklärte, dass ihre Entdeckung des ARP-2500-Synthesizers für sie auch eine Befreiung von Interpreten-Egos, männlich dominierter Orchester-Hierarchien und allem Mansplaining bedeutete. Die Galerie Weisser Elefant eröffnet heute um 19 Uhr die Ausstellung „Infinité ∞² – für Éliane Radigue“. Zu hören und sehen ist eine Reihe ihr gewidmeter, und teils für diese Show exklusiver Stücke zeitgenössischer Protagonistinnen des Feldes. Auguststraße 21, U-Bhf Rosenthaler Platz
Sonntagmorgen – Nach einer infiniten Nacht mit weißen Elefanten kann es nicht schaden, sich ein wenig die Beine zu vertreten. Am besten in ortskundiger Gesellschaft, wie bei dieser Winterwanderung durch das Erpetal, die von „Pferden und Förstern, Schlossherren und Dichterkreisen“ erzählt. Wetterfrösche sehen keinen Regen aufziehen, zugleich soll der kräftige Händedruck, den sich Herbst und Frühling dieses Jahr geben, endlich etwas winterlicheren Temperaturen weichen. Treffpunkt ist der Südausgang des S-Bhf Hoppegarten (11.30 Uhr) oder, zur gemeinsamen S-Bahn-Fahrt, schon um 10 Uhr am Pressezentrum S-Bhf Friedrichstraße. Zur Sicherheit noch die Nummer von Tourenleiter Frank Goyke: 0157 89617878
Sonntagmittag – Wer das aktuelle Ultraschall-Festival seit Mittwoch verfolgt, sollte mit der Komponistin Sarah Nemtsov bereits vertraut sein, immerhin hat sie nicht nur das Eröffnungsstück komponiert, sondern auch drei am Samstag im Radialsystem aufgeführte Werke. Heute um 14 Uhr spricht sie mit Helgard Haug von der Gruppe Rimini Protokoll über den in beider Arbeit fast allgegenwärtigen Tod – und darüber, wieso man im Allgemeinen eher nicht über ihn spricht, er einsame, hinter verschlossenen Türen sich ereignende Privatsache ist. 14 Uhr in der AdK am Hanseatenweg (S-Bhf Bellevue), Eintritt frei. Hier entlang zum Gesamtprogramm.
Sonntagabend – Die Havelinsel Eiswerder zwischen Haselhorst und Hakenfelde mag vielleicht noch immer nicht weltberühmt sein für ihr kulturelles Treiben. Dennoch siedeln sich seit einigen Jahren dort zunehmend Medien- und Kunstgewerbetreibende an. Zuletzt ist mit dem Backsteinboot, das trotz seines Namens auf festem Inselgrund liegt, eine subkulturelle Note hinzugekommen. Vierzehn Ateliers beherbergt der Bau nämlich, die aktuell im „Vorspiel“-Programm der nahenden Festivals CTM und Transmediale eingebunden sind. Sie dienen derzeit weniger als Werkstätten, denn als Ausstellungsräume für Installationen und Objekte aller Art, die in offenen Ausstellungshallen gar nicht koexistieren könnten. Von 16 bis 22 Uhr stehen die Studios heute für Zerstreuung zum Wochenendeende offen. Eiswerderstraße, U-Bhf Altstadt Spandau