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SPD: Baustadtrat Florian Schmidt manipulierte AktenKlarstellung: Stichtag für AltersbezügeAnarchie in Marzahn-Hellersdorf

für Michael Müller ist er ein „Mini-Robin-Hood“, für Monika Herrmann „mein leicht verrückter Baustadtrat“ – Florian Schmidt polarisiert das politische Berlin, er selbst gibt sich unerschütterlich. Doch seit gestern Abend bebt unter ihm der Boden: Die SPD-Fraktion der BVV Friedrichshain-Kreuzberg wirft dem Grünen-Politiker Aktenmanipulation vor – Schmidt habe dies in einer vertraulichen Sitzung sogar selbst zugegeben.
Die CDU kündigt eine Strafanzeige wegen Urkundenfälschung sowie eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Schmidt an und fordert, ebenso wie die FDP, seinen sofortigen Rücktritt. Es geht, wie meistens zuletzt, um die Nutzung des Vorkaufsrechts zugunsten der Genossenschaft „Diese eG“. Hier zunächst die Erklärung der SPD, verbreitet am späten Abend:

– „Am 10. Januar 2020 hat die SPD-Fraktion Akteneinsicht in die Vorgänge rund um das Vorkaufsrecht zugunsten der Diese eG genommen. Bei der Durchsicht entstand der Eindruck, dass die Akten trotz durchgehender Paginierung (vorgeschriebene Nummerierung) nicht vollständig sind. So fehlten beispielsweise zu erwartende Gesprächsvermerke und die fachlichen Bewertungen der zuständigen Ämter gänzlich.“  

– „Darauf angesprochen, erklärte Florian Schmidt in einer gemeinsamen Fraktionssitzung von Bündnis 90 / Die Grünen, DIE LINKE und SPD am 13. Januar 2020, dass in den vorgelegten Akten nicht alles enthalten sei. Als Begründung verwies Schmidt darauf, dass er verhindern wollte, dass die Inhalte von Akten von CDU und FDP instrumentalisiert und von einem Redakteur des Tagesspiegels zur politischen Agitation genutzt werden.

Telegramm

140 alternative Lebens- und Kulturprojekte, Kneipen, Clubs, und Jugendzentren stehen auf der Aktionsliste „Kein Haus weniger“ – auf der Website dazu heißt es: „Dass immer mehr Projekte auf die Straße gesetzt werden sollen, werden wir nicht akzeptieren.“ Stadtmarketing und Immobilienkonzerne bedienten sich der Berliner Subkultur für den Verkauf eines rebellischen Images. „Aber wir sind nicht die Fassade eures Verwertungsmarktes.“

Mehr als 70 Prominente aus der Kulturszene unterstützen die Kampagne zur Erhaltung alternativer und linksautonomer Orte. Robert Klages hat einige der Unterstützer gefragt, was sie antreibt – hier ein paar Antworten (ausführlich heute im Tagesspiegel):

Elfriede Jelinek: „Ich unterstütze schon aus hygienischen Gründen solche Initiativen immer. Man muss jedes Schlupfloch sofort besetzen, jeden Zentimeter, den ein gieriger Kapitalismus einen Augenblick lang unbeobachtet lässt. Die Machtlosen, die auch nur eine Lücke im System erobern konnten, bekommen grundsätzlich meine Unterstützung, denn mehr als Lücken sind es ja nur selten, die ihnen in ihren prekären, gefährdeten Lebenssituationen geboten werden.“

Thomas Oberender: „Ich kann nicht Taylor Mac zu den Berliner Festspielen einladen und zuschauen, wenn das queer-feministische Kollektiv in der Liebig 34 geräumt werden soll.“

Leander Haußmann: „Alles haben wir verloren: das Tacheles und den gesamten Prenzlauer Berg. Es kann nicht sein, dass wir zu DDR-Zeiten Häuser besetzt haben und von der Staatsmacht in Ruhe gelassen wurden – und heute werden diese Projekte bedrängt und verdrängt. Es geht mir langsam auf den Sack, wie die Stadt Berlin mit diesen alternativen Hausprojekten umgeht. Wenn die Stadt so weitermacht, werde ich wieder Kommunist.“

In einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel widerspricht Philipp Lengsfeld der Schauspielerin Anna Thalbach, die sich in Prenzlauer Berg als „letzte Mohikanerin“ fühlt: „Ich kann das ewige Lied von der Gentrifizierung nicht mehr hören“, schreibt der CDU-Politiker und Ex-MdB. Es sieht ganz so aus, als stünden wir am Beginn eines neuen Kulturkampfes.

An der Leipziger Straße gibt es eine heimelige Gaststätte für Touristen aus aller Welt – wie auch für NPD-Funktionäre, Identitäre, AfD-Politiker sowie Anhänger der Rechtsterror-Truppe „Combat 18“.
Am vergangenen Dienstag trafen sich hier, in der „Tiroler Stube“ des „Löwenbräu“, die Teilnehmer des „Dienstagsgesprächs“. Ehrengast und Redner: AfD-Antisemit Wolfgang Gedeon. „Wir heißen Sie herzlich Willkommen“, heißt es auf Website des Bayerischen Bierhauses, „gemeinsam entwickeln wir das passende Konzept zu Ihrem Event.“

Zu Gast in Berlin: Putin, Erdogan, Johnson, Macron, Conte, Pompeo, Haftar, Sarradsch… falls Sie mit ihrem Flugtaxi übers Kanzleramt jetten wollten: Vergessen Sie’s. Zum Libyen-Gipfel wurde ein Flugverbot verhängt. Und falls sie mit dem Auto durch die Innenstadt wollen: Vergessen Sie’s (sowieso).

Schweinepest-Alarm auf der grünen Woche“, titelt die „B.Z.“ – wegen illegal eingeführter Würstchen ließ das Veterinäramt ChaWi für ein paar Stunden die Russland-Halle sperren. Und nein, hier ist nicht der Platz für Putin-Witze.

Auch Kollege Jan Sternberg vom Redaktionsnetzwerk Deutschland hatte eine interessante Begegnung auf der Grünen Woche, hier schildert er sie: „Grüne Woche durchgespielt. Till Backhaus, dienstältester Landwirtschaftsminister der Welt, nach Bauerndemo und Stadt-Land-Gegensatz gefragt. Er streichelt mir über den (vorhandenen) Bauch und sagt: ‚Wir alle brauchen doch Lebensmittel, um satt zu werden, nicht wahr?‘“

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Sie wollen nur spülen, aber das Klo ist kaputt? Vandalismus-Alltag in vielen Berliner Schulen. Das Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Prenzlauer Berg holt sich jetzt externe Hilfe von der „German Toilet Organization“ (ja, sowas gibt’s). Auf ihrer Website schreibt die GTO von einer „globalen Sanitärkrise“, die „nur in Zusammenarbeit aller bewältigt werden“ kann. Dazu müsse allerdings das „Toiletten-Tabu“ durchbrochen werden – und was das ist, hat Christian Hönicke vom „Leute“-Newsletter Pankow hier aufgeschrieben.

Berlin bekommt von Mauern einfach nicht genug – jetzt gibt’s am Alex auch noch eine „Gum Wall“, da können die Leute ihre Kaugummis draufkleben (hier zu sehen). So was von gestern! Aber vielleicht doch besser, als wenn einem immer die Gegenwart an den Füßen klebt.

AfD-MdB Norbert Kleinwächter nutzte seine Redezeit am Freitag im Bundestag dazu, seiner Mutter zum Geburtstag zu gratulieren. Dazu Vizeparlamentspräsident Thomas Oppermann: „Mir liegt es ja völlig fern, menschliche Regungen zu unterdrücken. Aber wenn Ihre Mutter das nächste Mal Geburtstag hat, kaufen sie Ihr lieber einen anständigen Strauß Blumen.“

Und auch heute wieder der „Blick in den Lichtblick“, die Knastzeitung der JVA Tegel, Abteilung Kontaktanzeigen: „Jungfrau gesucht, Säge vorhanden! Zauberer (22) in Haft sucht herzlichen u-30er zum gemeinsamen Lieben.“ Da bahnt sich ein Ausbruch an – das mit dem Frei-Abo ist offenbar wohl ein Missverständnis.

Herbert Hildebrandt leitete 42 Jahre lang die Berliner Domkantorei, die er selbst geründet hatte. Heiligabend ist er, im Alter von 84, im Kreis seiner Familie verstorben. Heute Abend um 19 Uhr verabschiedet sich die Gemeinde nun von ihm an seiner alten Wirkungsstätte mit einer öffentlichen Trauerfeier.

Anarchie in Marzahn-Hellersdorf – das Bezirksamt liegt im Bett, drei von fünf Stadträten sind für längere Zeit krankgeschrieben: Bürgermeisterin Dagmar Pohle hat ein neues Kniegelenk und ist noch in der Reha – und lässt sich davon Dienstag beurlauben, um mit abstimmen zu können. Ihren Stellvertreter Thomas Braun hat eine schmerzhafte Viruserkrankung erwischt und Ersatzstellvertreterin Juliane Witt nimmt richtigerweise ihre Warnsignale wegen zu viel Stress ernst. Wir werden mal schauen, wie das Experiment „Politik ohne Politiker*innen“ funktioniert (ist ja vielleicht was für den Senat in der nächsten Urlaubssaison).

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Florian Schmidt studierte Stadtsoziologie und war Atelierbeauftragter für Berlin. Er gründete die Initiative Stadt Neudenken und hat ein Buch über Shared Space und Begegnungszonen herausgegeben. Außerdem lernte er Klassische Gitarre in Frankfurt am Main, Flamenco- und Tangogitarre am Konservatorium Hamburg und ist Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg.

Sie wollen bis auf Weiteres kein Vorkaufsrecht mehr zugunsten der „Diese eG“ ausüben. Haben Sie die finanziellen Möglichkeiten der Genossenschaft überschätzt?

Das Finanzierungsmodell der „Diese eG“ integriert neben Genossenschafsanteilen und Bank-Krediten auch Förderinstrumente des Landes Berlin. Die Abwicklung dieser Instrumente hat zu lange gedauert, wegen der bekannten Irritationen. Es gilt nun aber, nach vorne zu schauen und aus dem „Diese“-Prozess zu lernen. Alle beteiligten Akteure werde ich zu einer Analyse einladen. Dass wir auf Genossenschaften beim Vorkaufsrecht für immer verzichten sollen, das fordert ja nicht mal die CDU. Aber es braucht klare Verfahren.

Sie sagen, künftig müsse es eine bessere Kommunikation und Prozessteuerung zwischen den beteiligten Akteuren geben. Woran hat es gehakt – und haben Sie selbst auch Fehler gemacht?

Gemeinsam mit allen Beteiligten werden wir, wenn das Finanzierungsverfahren abgeschlossen ist, Zeit haben, über Fehler und Lehren Urteile zu fällen. Mich erschreckt, dass ein Mieter-Selbsthilfe-Projekt von einigen Akteuren so verbissen bekämpft wird. Auch die Angriffe, die zum Teil das Ziel verfolgten, das Projekt ins Scheitern zu treiben, gilt es genau zu analysieren. Schon jetzt wissen wir aber, dass Mitglieder der FDP sich ordentlich verbissen und eine rote Linie überschritten haben, vermutlich auch juristisch.

Das Vorkaufsrecht wird zugunsten landeseigener Gesellschaften oder privater Genossenschaften ausgeübt – was ist ihnen lieber?

Wir haben früh damit begonnen, auch zugunsten nichtstaatlicher Akteure das Vorkaufsrecht auszuüben. Berühmtes Beispiel ist der Vorkauf zugunsten einer Stiftung in Kooperation mit dem Mietshäusersyndikat in der Zossener Straße 48. Ich finde es toll, wenn Mieter*innen ihre Häuser erwerben in gemeinwohlorientierter Eigentumsform. Genauso wichtig ist aber der Erwerb durch landeseigene Gesellschaften, sie sollten der Kern des Vorkaufsgeschehens sein. Was wir aber bräuchten, sind Unterstützungsssrukturen für den genossenschaftlichen Eigenerwerb, bevor ein Verkauf an einen spekulativen Investor erfolgt. In München gibt es eine genossenschaftliche Agentur, die Eigentümer, die sozialverträglich verkaufen wollen, an Genossenschaften vermittelt. Wenn es so eine Stelle nicht gibt, werden Eigentümer kaum an Genossenschaften verkaufen. Ihr einziges Kriterium wird der Preis sein, mit schlimmen Folgen für die Mieter*innen. So eine Genossenschaftsagentur wird es hoffentlich bald auch in Berlin geben. Gerade für die kleinteiligen Altbauquartiere mit Häusern in Familienbesitz könnte das eine wichtige Strategie sein. Landeseigene Gesellschaften können besser Großsiedlungen ankaufen.

Ist die Nutzung des Vorkaufsrechts ein politisches Modell für Stadtentwicklungspolitik im großen Stil oder bleibt es eine Ausnahme?

Insbesondere in den innerstädtischen Bereichen Berlins gibt es sehr viele Häuser, die attraktiv für das Aufteilungsgeschäft sind, also die Umwandlung von Mietshäusern in Eigentumswohnungen mit dem Ziel der Maximalrendite durch Abverkauf einzelner Wohnungen. Das Vorkaufsrecht, einschließlich Abwendungsvereinbarungen, aber auch der freihändige Ankauf, sind die besten Wege, um Mieter*innen vor Verdrängung durch Umwandlung und Eigenbedarfskündigung zu schützen. Ich gehe nicht davon aus, dass der Senat diese Strategie aufgibt. Das wäre fatal, denn der Mietendeckel schützt nicht vor Umwandlung und Eigenbedarfskündigung.

Von der Nutzung des Vorkaufsrechts profitieren einige wenige bisherige Mieter zufällig und ungeachtet ihrer finanziellen Möglichkeiten, das Risiko trägt die öffentliche Hand. Wie ist das politisch zu rechtfertigen?

Wer schwer erkrankt, dem wird auch mit kostspieligen Behandlungen geholfen und niemand sagt, das sei ungerecht. Der Vorkauf hilft aber nicht nur den direkt betroffenen Menschen. Im Jahr 2019 haben wir 6 Mal für die „Diese eG“ vorgekauft und 3 Mal für landeseigene Gesellschaften. Wir haben aber auch 13 Abwendungsvereinbarungen abgeschlossen, die keinen Euro gekostet haben. Ohne Vorkauf gäbe es kaum Abwendungen. Es profitieren aber noch mehr Menschen davon, denn alle Menschen wissen: Wird mein Haus verkauft, gibt es eine Chance, dass ich Hilfe bekomme. Das verändert das Klima in der Stadt. Die Menschen gewinnen Vertrauen in die Politik.

Welche gesetzlichen Regelungen würden sie im Sinne ihrer Vorstellung von Wohnungspolitik gerne ändern?

Wir brauchen die Wohngemeinnützigkeit, damit Fördermittel im großen Stil, auch vom Bund, in den Neubau und den Bestandserwerb fließen können, für staatliche und genossenschaftliche Organisationen. Ich setzte auf eine neue Bundesregierung unter grüner Beteiligung. Ziel muss es sein, in Berlin von ca. 25% des Gemeinwohlanteils beim Eigentum, also städtisches und genossenschaftliches, auf 50% zu kommen. Das kann mehrere Dekaden dauern. Wenn alle an einem Strang ziehen, können wir es aber schaffen. In Friedrichshain-Kreuzberg wurden durch Ankauf, Vorkauf und Abwendung bereits ca. 3000 Wohnungen abgesichert, das sind 2% des Wohnungsbestandes. Ein echter Erfolg für RotRotGrün. Der Gemeinwohlanteil ist in ca. 2,5 Jahren von 25% auf 27% gestiegen.

Der Regierende Bürgermeister nennt Sie einen „Mini-Robin-Hood“. Ist das für Sie eine Beleidigung oder eine Ehrenbezeichnung?

Ich mochte Robin Hood als Kind besonders. Es ist mir eine Ehre, diesen Spitznamen zu tragen, ob mit oder ohne „Mini“.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann tritt zur nächsten Wahl nicht mehr an – wäre das ein Job, den Sie sich zutrauen würden?

Ich glaube, dass ich dazu nichts sagen sollte. Das lenkt von den Sachthemen ab. Überhaupt ist die politische Debatte viel zu personenfixiert. Wissen Sie, woran das liegt?

Na ja, Artikel mit dem Namen „Florian Schmidt“ in der Überschrift laufen zum Beispiel besser als solche, über denen „Bewilligungsausschuss“ steht. Es beschäftigen sich also eher mehr Leute mit einem Sachthema, wenn es personalisiert ist. Meine Vermutung: Politik wird von Menschen gemacht und im besten Fall auch für Menschen, deshalb interessieren sich die Leute mindestens so sehr für politische Persönlichkeiten wie für Parteiprogramme. Wer ist leidenschaftlich, glaubwürdig und empathisch genug, um das umzusetzen, was ich für richtig halte? Wer kann’s, und wer kann‘s nicht? Das ist doch für die meisten Menschen wichtiger als die begleitende Beschäftigung mit dem dritten Unterpunkt einer Mietrechtsnovelle. Und in Friedrichshain-Kreuzberg sind Sie eben eine solche politische Persönlichkeit. By the way: Was ist eigentlich ihr Lieblingsort im Bezirk? 

In Friedrichshain das Cafe Sybille. Das ist ein Ort, der mich an die Kaffeehäuser in Wien erinnert. Dort kommen Menschen aller Milieus zusammen und es wird über Privates und Politisches gesprochen. In Kreuzberg das Dragonerareal. Das ist das Haus der Statistik von Kreuzberg, heißt, hier wird ein Quartier mit der Zivilgesellschaft gemeinsam entwickelt und die ganze Vorgeschichte ist auch geprägt von dem Gedanken, dass Stadt anders sein kann.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – So langsam endet endlich der Herbst mit Verspätung (als wäre das überraschend in Berlin). Dirk von Lowtzow prophezeite bereits 1997 „gleich dreimal Oktober“ – aktuell haben wir schon den vierten. Nach den 13°C der letzten Woche soll es demnächst aber tatsächlich etwas kühler werden. Einen Beitrag dazu, dass Dezember, Januar & Co in Zukunft ihren alten Platz im Lauf der Dinge beibehalten, können wir bekanntlich auch durch Reduktion des Fleischkonsums leisten. Gar nicht erst in Versuchung kommt man etwa beim veganen Brunch im Kreuzberger „Playing with eels“ (Urbanstraße 32, U-Bhf Südstern). Für pauschal 15 Euro gibt es ab 11 Uhr zum Beispiel Hafer-Dinkel-Brot und Aufstriche, warme Gerichte und frische Salate, Bratlinge und Linsenbraten im Blätterteig, Hirseauflauf mit Äpfeln und vieles mehr. Da die Veranstaltung recht beliebt ist, empfiehlt es sich, die Platzfrage vorab unter 030 69807685 zu klären.

Samstagmittag – Bei vollkommen veganer Ernährung muss bekanntlich der Körper (beispielsweise der Vitamin-B12-Haushalt) im Auge behalten werden. Gesundheit geht vor, weshalb sie auch in der Kunst gerne thematisiert wird. Der Körper – als privater, öffentlicher, sozialer, unterdrückter Körper – ist zugleich schon immer ein Thema des Feminismus. Angedockt an die 11. Berlin-Biennale ist im Weddinger ExRotaprint daher eine Ausstellung zum Thema zu sehen. Heute um 15 Uhr geben Inga Zimprich und Julia Bonn von der „Feministische Gesundheitsrecherchegruppe (FGRG)“ eine kommentierte Führung in der Gottschedstraße 4 (U-Bhf Nauener Platz), der Eintritt ist frei.

Samstagabend – Für das letzte Jahrhundert ungewöhnlich hoch ist übrigens die Dichte bekannter weiblicher Komponistinnen in der elektronischen Musik. Ohne Else Marie Pade, Daphne Oram, Pauline Oliveros oder Delia Derbyshire, um nur einige Beispiele aus den 1920ern und 30ern zu nennen, klänge auch die heutige Welt sicherlich anders. Zu ihnen zählt unbedingt auch die französische Komponistin Éliane Radigue (*1932), die einmal erklärte, dass ihre Entdeckung des ARP-2500-Synthesizers für sie auch eine Befreiung von Interpreten-Egos, männlich dominierter Orchester-Hierarchien und allem Mansplaining bedeutete. Die Galerie Weisser Elefant eröffnet heute um 19 Uhr die Ausstellung „Infinité ∞² – für Éliane Radigue“. Zu hören und sehen ist eine Reihe ihr gewidmeter, und teils für diese Show exklusiver Stücke zeitgenössischer Protagonistinnen des Feldes. Auguststraße 21, U-Bhf Rosenthaler Platz

Sonntagmorgen – Nach einer infiniten Nacht mit weißen Elefanten kann es nicht schaden, sich ein wenig die Beine zu vertreten. Am besten in ortskundiger Gesellschaft, wie bei dieser Winterwanderung durch das Erpetal, die von „Pferden und Förstern, Schlossherren und Dichterkreisen“ erzählt. Wetterfrösche sehen keinen Regen aufziehen, zugleich soll der kräftige Händedruck, den sich Herbst und Frühling dieses Jahr geben, endlich etwas winterlicheren Temperaturen weichen. Treffpunkt ist der Südausgang des S-Bhf Hoppegarten (11.30 Uhr) oder, zur gemeinsamen S-Bahn-Fahrt, schon um 10 Uhr am Pressezentrum S-Bhf Friedrichstraße. Zur Sicherheit noch die Nummer von Tourenleiter Frank Goyke: 0157 89617878

Sonntagmittag – Wer das aktuelle Ultraschall-Festival seit Mittwoch verfolgt, sollte mit der Komponistin Sarah Nemtsov bereits vertraut sein, immerhin hat sie nicht nur das Eröffnungsstück komponiert, sondern auch drei am Samstag im Radialsystem aufgeführte Werke. Heute um 14 Uhr spricht sie mit Helgard Haug von der Gruppe Rimini Protokoll über den in beider Arbeit fast allgegenwärtigen Tod – und darüber, wieso man im Allgemeinen eher nicht über ihn spricht, er einsame, hinter verschlossenen Türen sich ereignende Privatsache ist. 14 Uhr in der AdK am Hanseatenweg (S-Bhf Bellevue), Eintritt frei. Hier entlang zum Gesamtprogramm.

Sonntagabend – Die Havelinsel Eiswerder zwischen Haselhorst und Hakenfelde mag vielleicht noch immer nicht weltberühmt sein für ihr kulturelles Treiben. Dennoch siedeln sich seit einigen Jahren dort zunehmend Medien- und Kunstgewerbetreibende an. Zuletzt ist mit dem Backsteinboot, das trotz seines Namens auf festem Inselgrund liegt, eine subkulturelle Note hinzugekommen. Vierzehn Ateliers beherbergt der Bau nämlich, die aktuell im „Vorspiel“-Programm der nahenden Festivals CTM und Transmediale eingebunden sind. Sie dienen derzeit weniger als Werkstätten, denn als Ausstellungsräume für Installationen und Objekte aller Art, die in offenen Ausstellungshallen gar nicht koexistieren könnten. Von 16 bis 22 Uhr stehen die Studios heute für Zerstreuung zum Wochenendeende offen. Eiswerderstraße, U-Bhf Altstadt Spandau

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Matthias Kellein Berlin lebender Fernseh- und Theaterschauspieler, ist aktuell am Theater Bonn in Volker Löschs Fidelio zu sehen sowie hier in der Rolle des Autohändlers Mirko Schalkowski in der ZDF-Serie Heldt. Foto: Mirjam Knickriem

„Samstagvormittag gehe ich in die Probe am Theater Strahl für „Can Touch This“, einem Tanztheater, bei dem nicht nur während der Vorstellung getanzt wird, sondern schon die Stückentwicklung an tanzenden Körpern geschieht. Thema ist, wie der Name verrät, die Berührung – die Wahrnehmung und Bedeutung von Berühung, sowie das kulturelle Dilemma, dass der Mensch einerseits Berührung schlicht braucht, andererseits sich vor zu viel Nähe schützt und schützen muss. Auch schön ist, dass das Stück für ein junges Publikum gedacht ist, was nicht heißt, dass es irgendein spektakulräres Beiwerk gibt, sondern tatsächliche Lebenswelten junger Menschen auf der Bühne verhandelt werden – Premiere ist am 21.1. um 19.30 Uhr in der Weißen Rose. Danach bin ich beim Bundeskongress der freien darstellenden Künste im HAU2. Um 16.30 Uhr findet hier ein Talk über Macht in der Theaterszene statt – im Kern die Frage, wie Machtstrukturen im Einklang mit eigenverantwortlichem, selbstermächtigtem Handeln funktionieren können. Wahrscheinlich lasse ich den Tag dort auch ausklingen. Am Sonntag brunchen wir im Vux in Neukölln oder im K-Fetisch und gehen um 16 Uhr mit unserem für seine 2 Jahre sehr reifen Sohn (das Stück ist ab 4) ins Theater o.N. (Kollwitzstraße 53) zu den Wichtelmännern. Abends dann ins Ballhaus Ost zu Frauen der Unterwelt. Sieben hysterische Akte von Tine Rahel Völcker.“

Lese­empfehlungen

Während die chemische Verbindung Alkohol und kreativer Mann nicht erst seit Charles Bukowski geradezu sprichwörtlich ist, hat das weibliche „Trinken um zu schreiben“ für viele noch immer einen unangenehmen Beigeschmack. Für Frauen ziemt es sich einfach nicht. Tut es doch – oder zumindest genauso sehr, wie für Männer, meint Lisa Jeschke, die mit ihrer Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen, denselben ihren rechtmäßigen Platz in der Literaturgeschichte zuweisen will. (Leider nur) 56 Seiten, Hochroth, (dafür nur) 8 Euro

Am 4. Januar vor 60 Jahren ist Albert Camus im Alter von gerade einmal 46 Jahren gestorben. Das Auto, ein Facel Vega FV, auf dessen Beifahrersitz er saß, geriet ins Schleudern, der Unfall kostete den Schriftsteller und seinen Neffen Michel Gallimards, der das Auto lenkte, das Leben. Anais Ginouri führte für „La Republica“ ein Interview mit Camus Tochter Catherine unter anderem über Erinnerungen an den Vater und die Verschwörungstheorien, die seinem Tod bis heute anhaften. In der aktuellen Ausgabe von der Freitag ist der Text in einer Übersetzung von Carola Torti erschienen.

Wochen­rätsel

Was haben „Handquadrille“, „Lüllauer Schlange“ und „Gimpel“ gemeinsam? 

a) Es handelt sich um bedrohte Tierarten aus Brandenburg. 
b) Es handelt sich um Volkstänze (ebenfalls vom Aussterben bedroht).
c) Es handelt sich Namen von Friseursalons in Berlin.

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Encore

Körper, die uns tagtäglich von Werbeplakaten anschauen, sind meistens von einer ganz bestimmten Statur. Auch wenn man als Großstädter mittlerweile meint, sie gar nicht mehr wahrzunehmen, haben sie messbaren Einfluss auf Schönheitsideale und Konsumverhalten. Seit Mitte Dezember wundern sich einige Berliner über zwei Damen fortgeschrittenen Alters, die das Muster brechen. Sie verkünden auf hier und da noch zu findenden Plakaten das Ende des „weißen Feminismus“. Unter ihnen der Text „Diese öffentliche Mitteilung wird dir überbracht von deiner freundlichen, örtlichen, hysterischen, militanten, männerhassenden, schimpfenden, extremistischen, karrieristischen, öffentlichkeitssüchtigen, schwierigen Bitch“. Es handelt sich dabei um die Künstlerinnen Peaches und Candice Breitz, deren Fotos mit einer speziellen Software gealtert wurden. Die Plakate gehören zu einer Serie, die von der „Society of Matriarchal World Domination“ produziert wird, die durch Plakataktionen auf feministische Anliegen aufmerksam machen will. Seit dem 10. Januar – es wird aus humoristischen Gründen stets nur bei Vollmond plakatiert – setzt ein weniger augenfälliges Plakat die Serie fort, welches mit „Matriarchavelli's Abhandlung über die Weltherrschaft“ überschrieben ist und offensichtlich einen matriarchalen Dreh in Machiavellis Abhandlung „Il Principe“ oder „Der Fürst“ vollzieht.

Wir wünschen Ihnen ein auch an diesem Wochenende anregendes Berlin.

Lorenz Maroldt