Mit den Kindern die besten Geräuschmacher holen und loslegen
Krachmachen hilft gegen die Lockdown-Langeweile. Unser Kolumnist nimmt sich dafür experimentelle Musik zum Vorbild. Exklusiv für Checkpoint-Abonnenten. Von Thomas Wochnik
Samstagmorgen – Den vielleicht perfekten Quarantäne-Soundtrack liefert Alvin Lucier mit dem Hörstück „I am sitting in a Room“ (1969). Lucier spricht seinen Text zunächst über ein Mikrofon auf ein Tonband. Dann ersetzt er sich selbst durch einen Lautsprecher, über den die eben gemachte Aufnahme wiedergegeben wird – und nimmt auch das wieder auf. Er wiederholt den Vorgang bis seine Stimme nach zig Durchgängen völlig aus der Aufnahme verschwunden ist und nur die Raumakustik hörbar bleibt. Mensch löst sich in der Wiederholung des Immergleichen auf. Hätte sich auch Samuel Beckett als Beschäftigung für die Qurantäne ausdenken können. Die Urfassung dauert etwa 45 Minuten und sei allen ans Herz gelegt, die dieser Tage öfter gedankenverloren an die Wand starren – sowie auch denen, die nicht dazu kommen. Im Anschluss noch William Basinskis „Disintegration Loops“. Hier hört man Tonbändern dabei zu, wie sie durch Abnutzung immer mehr verschleißen. Ob man es nun Prozesskunst oder Musik nennt, in beiden Fällen geht es darum, seine Zeit möglichst sinnlos zu nutzen und genau das ist echte Freizeit.
Samstagmittag – Nichts anderes tun im Grunde auch Pflanzen und vermutlich haben sie genau deswegen einen beruhigenden Effekt auf uns. Wer keinen Park vor der Tür hat und das Grün vermisst, das nur mit Bus und Bahn erreichbar ist, hole sich die Natur doch nach Hause. Bei Boomki zum Beispiel sind Bonzais samt allem erforderlichen Drumherum wie Literatur und Ikebana-Werkzeug bestellbar. Und, wer hätte es gedacht, eine Klangkunst-Abteilung gibt es auf der Website auch. Außerdem ist seit heute, 9 Uhr der Staudenmarkt des Botanischen Gartens online geöffnet, wo Sie Stauden, Pflanzen, Sträucher, Bäume, Blumenzwiebeln, Saatgut und Gartenzubehör bestellen können, um in der kommenden Zeit auch drinnen ein bisschen draußen zu sein. Dass Pflanzen übrigens auch gerne Musik hören ist längst pseudowissenschaftlich erwiesen. Eine Inspiration zur floralen Unterhaltung gibt es hier.
Samstagabend – Im Ballhaus Ost hätte heute die Premiere des Stückes „Family of the Year“ des politischen Dokumentartheaterkollektivs cmd+c stattgefunden. Aber weil wir es nicht gerne bei Konjunktiven belassen, sprechen die Mitglieder des Kollektivs Marina Prados, Paula Knüpling und Ronald Berger um 20 Uhr im Livestream über das Thema queere Kinderwünsche und die Herausforderung, die diese an Herkunfts- und Wahlfamilien stellen.
Sonntagmorgen – Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts fragen sich viele, was die ganze Happening- und Fluxuskultur eigentlich sollte. Nun, vielleicht kommt uns einiges davon heute zugute. Der „Water Walk“ von John Cage verbindet die Musik mit Theater, körperlicher Ertüchtigung und Haushalt und beweist, dass man kein Instrumentalvirtuose sein muss, um Musik zu machen. In diesem Fall genügt es, seinen Haushalt zu kennen. Das Stück schreit nicht nur danach, nachgemacht zu werden, sondern auch die eigene Einrichtung auf Potenziale zu erforschen. Übrigens nicht nur was für vereinsamende Eremiten – man trage mal mit Kindern die interessantesten Geräuschmacher des Haushalts zusammen und überlege sich gemeinsam musikalische Abläufe, die man mit selbst ausgedachten Symbolen auf eine Zeitachse zeichnet. Auskomponiertes Aufräumen oder Blumengießen zum Beispiel. Wer den Sportanteil erhöhen möchte, orientiere sich an Parcours-Athleten wie diesem hier.
Sonntagmittag – Die Schaubühne streamt um 18 Uhr einen Mitschnitt von Falk Richters monumantalem „For the Disconnected Child“. Das Stück handelt von den Hürden des Singledaseins in einer zunehmend digitalisierten Welt, wie man das 2013 ausgedrückt hat, als es hierzulande noch keine Quarantänesingles gab. Was würde Adorno davon halten? Sein Nachfolger als Chef des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Axel Honneth, ist der Frage empirisch nachgegangen und soll sich beim Versuch, an einer interkontinentalen Videokonferenz teilzunehmen, in einem sich plötzlich bis zur Unendlichkeit vervielfältigenden Rückkopplungstunnel wiedergefunden haben – was für ein Bild für die Untiefen der Kritischen Theorie. Oder ihre Entrückung.
Sonntagabend ist Wochenendeende und wer Kinder oder Partner hat, die zurzeit nicht so gut einschlafen, kann sich ebenfalls darüber freuen, dass die Kunst ihrer Zeit stets voraus ist. Eine Textpartitur von Alvin Lucier, Titel „Lullaby“ von 1980, beginnt so: „Blasen Sie sacht weißes Rauschen (geflüsterter Klang) um den Kopf des Kinds herum, dessen Tonhöhe und Geschwindigkeit sowie Richtung und Form die Bewegung von Wind, Wasser, Wetter, Vögeln, Fisch, Pflanzen, Bäumen, Sternen, Meteoren, Raketen, Düsenflugzeugen, Geistern, Rauch, fliegenden Tassen und Untertassen und anderen realen und eingebildeten Phänomenen assoziieren läßt“. Ja, die Raketen und Düsenflugzeuge muss man ihm schon nachsehen – Kinderträume anno 1980 eben. Man träume sie sich einfach mit grünem Antrieb und biologisch abbaubarer Hanfhülle. Ein schönes Wochenendeende und gute Nacht.