Mit den Fingern lesen, beim Essen lesen, draußen lesen, bei Tanzverbot lesen. Ein erlesenes Wochenende.
Samstagmorgen – „Wellenbrecher“ lautet das frisch gekürte Wort des Jahres 2021. Und weil es wieder eine Welle zu brechen gilt, sind die Veranstaltungskalender der Stadt derzeit mit dem ungeschriebenen Vermerk „bis auf Weiteres“ zu lesen. Einen stets aktuellen Überblick über Kontaktbeschränkungen und mögliche Tanzverbote in Berliner Clubs finden Sie hier. Wer ebenfalls Wellen bricht, Funkwellen nämlich, sind die Macher:innen des digitalen Literaturmagazins ­. Der mysteriöse, namensgebende Begriff ist übrigens Programmiersprache. Betrachtet man einen Text im Netz, besteht der nämlich nicht nur aus dem, was man liest, sondern auch aus einer Vielzahl von im Hintergrund werkelnden Befehlen, die dem Rechner (oder Handy) mitteilen, wie der Text dargestellt werden soll. So lässt der Befehl ­ den Text „schüchtern“ vom Rand zurückweichen. Gar nicht schüchtern ist dagegen der Umgang des Magazins mit den Hintergrundbefehlen – die werden hier nämlich zum wesentlichen Bestandteil der Literatur. Wie digitale Literatur die Grenzen jedes Papiers sprengen kann, zeigen sie auch in der gerade erschienenen Ausgabe.
Samstagmittag – Die Flucht aus der unklaren Wirklichkeit in die digitale Welt ist auch Thema im Kulturzentrum Oyoun (Lucy-Lameck-Straße 32). Unter dem Titel „Escapism“ sind ab 18 Uhr vier interaktive Installationen eröffnet, die die Welt des Computerspiels mit der aktuellen Wirklichkeit verbinden wollen, um ein sozialkritisch-verspieltes Kulturexperiment durchzuführen. Der Eintritt für Versuchspersonen ist frei. Eine Registrierung über die Homepage ist allerdings erforderlich.
Samstagabend – Das Gegenteil von Eskapismus betreibt die Künstlerin und Komponistin Jasmine Guffond bereits seit vielen Jahren: Statt künstliche Parallelwelten zu erschaffen, tritt sie der Wirklichkeit mit einem hochsensiblen Sensorium entgegen, seziert und vergrößert, was sie findet und entbirgt so Nuancen und Zusammenhänge, die sich dem flüchtigen Blick entziehen würden. Im KM28 (Karl-Marx-Straße 28) stellt sie ihre Arbeit um 20.30 Uhr (Einlass 19.30 Uhr) in der Reihe „Sound Portraits“ vor. So ähnlich, nämlich „Sonic Portraits“, heißt auch eines ihrer Stücke, bei dem sie Rohdaten von Geichtserkennungssoftware verklanglicht. Wie klingen eigentlich Pausbäckchen oder der neue Haarschnitt?
Sonntagmorgen – Einen Gegenpol zur Realität bildet wiederum die Ausstellung „Light Art Space“ im Kraftwerk Berlin (Köpenicker Straße 70). Die wirkt nämlich der akuten winterlichen Tageslichtverknappung entgegen. Eine Neonröhren-Lichtinstallation namens „Light and Space“ des US-Künstlers Robert Irwin brennt hier streng geometrisch angeordnete Lichtmuster auf die Retina, um, so der Künstler, ein Sehen zu provozieren, das vom Gegenständlichen losgelöst wird. Gegenstandslose, weil digitale, Zeitfenstertickets zu 10 Euro gibt es über die Homepage.
Sonntagmittag – Literarisch wird die Adventszeit heute von 13 bis 18 Uhr rund um den Savignyplatz: Vier Buchhandlungen haben nämlich mit erweitertem Programm geöffnet: Die Autorenbuchhandlung (Else-Ury-Bogen 599) bietet Punsch und Gebäck, der Bücherbogen (Stadtbahnbogen 593) Tee, Schokolade und eine Schaufensterausstellung, die Marga Schoeller Bücherstube (Knesebeckstraße 33) Glühwein, selbst gebackene Kekse, wärmende Decken und Feuerschale. Und bei Schropp Land & Karte (Knesebeckstraße 20/21) gibt es Glühwein an wärmendem Feuer und Akkordeonbegleitung.
Sonntagabend – Wie um zu zeigen, dass es der Jugend noch nie besser ging als heute, nennt die Junge Kammerphilharmonie Berlin das Abendprogramm zum Wochenendeende „Voller Wonne“. Zu hören ist die nicht so häufig aufgeführte Vierte von Beethoven, Roussels „Concert pour Petit Orchestre“ und Milhauds „Le boeuf sur le toit“. Tickets gibt es ab 18,85 Euro. Beginn ist um 20 Uhr im Kammermusiksaal. Dass die Jugend dennoch nörgeln kann, wollen Laura Lee & The Jettes um 20 Uhr im Lido zeigen: Bands wie Stereolab und Sonic Youth wären zu nennen, wollte man Laura Lee & Co stilistisch einordnen. Dabei fühlt sich die Neo-Krautrockerin Acts wie Can und Neu! wesentlich verbundener, die auch Stereolab und Sonic Youth beeinflussten. Can und Neu! entstammen dem hiesigen Krautrock, sind aber hierzulande wenig bekannt, sagt Lee. Und – hier das Nörgelige – darüber sind die Jettes empört. Zurecht.