Max. 3 °C mit Aussicht auf Schnee

Wie Berlin die Welle brechen/zähmen will Wer die Medaillen der Woche einheimst Welche Bürgerämter nichts von Homeoffice wissen (wollen)

zu gern hätte ich dieses Checkpoint-Debüt mit einer besseren Nachricht begonnen, als mit den bitteren Worten Jens Spahns: Um Weihnachten werde die Lage auf den Intensivstationen ihren traurigen Höhepunkt erreichen“, sagte der Noch-Gesundheitsminister am Freitag. Auch jetzt ergriffene Maßnahmen könnten diese Belastung nicht mehr verhindern. Heißt: Die Pfleger der Kliniken schuften weiter am äußersten Limit – und darüber hinaus.
 
Was tun? Um die Welle zu brechen – besser: zögernd zu zähmen – fährt die Hauptstadt hinunter: Das hat der Senat in einer Sondersitzung am Freitagmorgen beschlossen. Vor allem Ungeimpfte müssen sich von Mittwoch an einschränken: Analog zum Bund-Länder-Beschluss darf ein Haushalt künftig nur noch mit zwei weiteren Personen eines weiteren Haushalts zusammenkommen, sobald ein Teilnehmer nicht genesen oder geimpft ist. Großveranstaltungen wie Fußballspiele werden auf 5.000 (draußen) bzw. 2.500 Teilnehmer (drinnen) limitiert, Berlins Gastro bleibt offen (Vorgaben folgen!), den Weihnachtsmarktglühwein gibt’s bei 2G und Maske und Berghain-Eskapade nur noch mit Tanzverbot. Bitte, wie? Was wie die neueste Überbietung Berliner Absurditäten klingt, hat einen einfachen Hintergrund: Betriebsschließungen fallen ins Bundesrecht, das muss erst geändert werden.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – „Wellenbrecher“ lautet das frisch gekürte Wort des Jahres 2021. Und weil es wieder eine Welle zu brechen gilt, sind die Veranstaltungskalender der Stadt derzeit mit dem ungeschriebenen Vermerk „bis auf Weiteres“ zu lesen. Einen stets aktuellen Überblick über Kontaktbeschränkungen und mögliche Tanzverbote in Berliner Clubs finden Sie hier. Wer ebenfalls Wellen bricht, Funkwellen nämlich, sind die Macher:innen des digitalen Literaturmagazins ­. Der mysteriöse, namensgebende Begriff ist übrigens Programmiersprache. Betrachtet man einen Text im Netz, besteht der nämlich nicht nur aus dem, was man liest, sondern auch aus einer Vielzahl von im Hintergrund werkelnden Befehlen, die dem Rechner (oder Handy) mitteilen, wie der Text dargestellt werden soll. So lässt der Befehl ­ den Text „schüchtern“ vom Rand zurückweichen. Gar nicht schüchtern ist dagegen der Umgang des Magazins mit den Hintergrundbefehlen – die werden hier nämlich zum wesentlichen Bestandteil der Literatur. Wie digitale Literatur die Grenzen jedes Papiers sprengen kann, zeigen sie auch in der gerade erschienenen Ausgabe.

Samstagmittag – Die Flucht aus der unklaren Wirklichkeit in die digitale Welt ist auch Thema im Kulturzentrum Oyoun (Lucy-Lameck-Straße 32). Unter dem Titel „Escapism“ sind ab 18 Uhr vier interaktive Installationen eröffnet, die die Welt des Computerspiels mit der aktuellen Wirklichkeit verbinden wollen, um ein sozialkritisch-verspieltes Kulturexperiment durchzuführen. Der Eintritt für Versuchspersonen ist frei. Eine Registrierung über die Homepage ist allerdings erforderlich.

Samstagabend – Das Gegenteil von Eskapismus betreibt die Künstlerin und Komponistin Jasmine Guffond bereits seit vielen Jahren: Statt künstliche Parallelwelten zu erschaffen, tritt sie der Wirklichkeit mit einem hochsensiblen Sensorium entgegen, seziert und vergrößert, was sie findet und entbirgt so Nuancen und Zusammenhänge, die sich dem flüchtigen Blick entziehen würden. Im KM28 (Karl-Marx-Straße 28) stellt sie ihre Arbeit um 20.30 Uhr (Einlass 19.30 Uhr) in der Reihe „Sound Portraits“ vor. So ähnlich, nämlich „Sonic Portraits“, heißt auch eines ihrer Stücke, bei dem sie Rohdaten von Geichtserkennungssoftware verklanglicht. Wie klingen eigentlich Pausbäckchen oder der neue Haarschnitt?

Sonntagmorgen – Einen Gegenpol zur Realität bildet wiederum die Ausstellung „Light Art Space“ im Kraftwerk Berlin (Köpenicker Straße 70). Die wirkt nämlich der akuten winterlichen Tageslichtverknappung entgegen. Eine Neonröhren-Lichtinstallation namens „Light and Space“ des US-Künstlers Robert Irwin brennt hier streng geometrisch angeordnete Lichtmuster auf die Retina, um, so der Künstler, ein Sehen zu provozieren, das vom Gegenständlichen losgelöst wird. Gegenstandslose, weil digitale, Zeitfenstertickets zu 10 Euro gibt es über die Homepage.

Sonntagmittag – Literarisch wird die Adventszeit heute von 13 bis 18 Uhr rund um den SavignyplatzVier Buchhandlungen haben nämlich mit erweitertem Programm geöffnet: Die Autorenbuchhandlung (Else-Ury-Bogen 599) bietet Punsch und Gebäck, der Bücherbogen (Stadtbahnbogen 593) Tee, Schokolade und eine Schaufensterausstellung, die Marga Schoeller Bücherstube (Knesebeckstraße 33) Glühwein, selbst gebackene Kekse, wärmende Decken und Feuerschale. Und bei Schropp Land & Karte (Knesebeckstraße 20/21) gibt es Glühwein an wärmendem Feuer und Akkordeonbegleitung.

Sonntagabend – Wie um zu zeigen, dass es der Jugend noch nie besser ging als heute, nennt die Junge Kammerphilharmonie Berlin das Abendprogramm zum Wochenendeende „Voller Wonne“. Zu hören ist die nicht so häufig aufgeführte Vierte von BeethovenRoussels „Concert pour Petit Orchestre“ und Milhauds „Le boeuf sur le toit“. Tickets gibt es ab 18,85 Euro. Beginn ist um 20 Uhr im Kammermusiksaal. Dass die Jugend dennoch nörgeln kann, wollen Laura Lee & The Jettes um 20 Uhr im Lido zeigen: Bands wie Stereolab und Sonic Youth wären zu nennen, wollte man Laura Lee & Co stilistisch einordnen. Dabei fühlt sich die Neo-Krautrockerin Acts wie Can und Neu! wesentlich verbundener, die auch Stereolab und Sonic Youth beeinflussten. Can und Neu! entstammen dem hiesigen Krautrock, sind aber hierzulande wenig bekannt, sagt Lee. Und – hier das Nörgelige – darüber sind die Jettes empört. Zurecht.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. An dieser Stelle gibt er wöchentlich Ausflugstipps ins Umland.

„Dass er eine sehr schöne Grabung vorgenommen habe, komplimentierte ich einen Keiler aus der Nachbarschaft, der sich mit seinen Hauern in meinem Vorgarten verhauen hatte. Zustimmend nickend versenkte er sein Haupt im stolzen Doppelkinn. Ein Hobbyist, keine Frage, das verriet sein Duktus auf den ersten Blick. Das Ganze aber hatte durchaus Potenzial, dachte ich, sein Stil war interessant. Dass ich die Situation diplomatisch löste, war zudem auch dem Umstand geschuldet, dass Chantal, die werte Sau von Nebenan, und ich, beschlossen hatten, unser beider benachbarte Vorgärten gemeinsam umzugestalten. Allein, einfach so Erde hin und her zu schieben, bis es hübsch aussah, das schien uns beiden zu banal. Uns fehlte eine Idee – und diese Neugestaltung, die hatte was. Ich bat also auch Chantal, ein Auge drauf zu werfen – sie war in höchstem Maße entzückt. Wo er denn so zu graben gelernt habe, fragte sie den Keiler. In Grumsin, im alten Buchenurwald, erwiderte er, mache man das so. Da komme er her. Und dass alles, was er tue, als original Grumsiner Keiler, als Unesco Weltnaturerbe geschützt sei – er sei nämlich sogar selbst Teil des Erbes, wie der ganze Landstrich, dem er angehöre. Chantal und ich tauschten verständige Blicke aus, Weltnaturerbe –  das hatte was! Ob er nicht auch Chantals Garten im gleichen Stil umgraben könne, fragten wir ihn. Das tat er dann mit größtem Vergnügen. Inspiriertes Vergnügen empfehle ich auch Ihnen – zum Beispiel im Grumsiner Buchenwald. Und mich empfehle ich, mit freundlichen Grunzen“.

Lese­empfehlungen

Sagenumwoben, vielfach besungen und heiß geliebt ist der Ortsteil Marienfelde unter Berliner:innen – nicht? Schön jedenfalls, dass es Marienfelde gibt. Fast gäbe es den Bezirk nämlich nicht, wie Andreas Conrad (Abo) berichtet.

Eine der Sehenswürdigkeiten Marienfeldes ist bekanntlich der Teltowkanal – den kennt ganz Berlin, schließlich verläuft er ja auch durch andere Stadtteile. Mario Heller hat dem Leben am und im Kanal ein Lesestück gewidmet.

„Flöten werden Nina Hagen gar nicht gerecht“, sagt Guido Rennert. Der Soldat und Musiker zeichnet für das Arrangement von Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“ verantwortlich, das das Stabsmusikcorps der Bundeswehr zum Zapfenstreich der Kanzlerin ertönen ließ. Thomas Lippold und Julius Betschka (Abo) sprachen mit ihm.

Sie fordern oft weniger Arbeit zu besseren Konditionen und fragen sich, weshalb der Job oberste Priorität in der Lebensplanung haben sollte: Mit der Generation Z kommt was zu auf den Arbeitsmarkt. Daniel Erk und Marie Rövekamp (Abo) haben sich das mal genauer angeschaut.

Wochen­rätsel

Das Team Checkpoint hat in dieser Woche Koalitionsvertrags-Memory gespielt und deckungsgleiche Begriffe aus den rot-grün-roten Werken von 2016 und 2021 gesucht. Etliche Worte haben wir in beiden Verträgen gefunden – welches gehört nicht dazu?

a) Lärmaktionsplan
b) Gesamtstrategie
c) Holzbaucluster

 

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Encore

Im 22. Monat der Pandemie sollte das Homeoffice eigentlich kein bahnbrechendes Novum mehr sein – eigentlich. Doch auf Berlins Bürgerämter ist stets Verlass, selbst niedrigste Erwartungen zu sprengen: Die Anfrage der Abgeordneten Kristin Brinker (AfD), wie viele Mitarbeiter in eigenen Wänden arbeiteten, stieß – vorsichtig ausgedrückt – auf ausbaufähige Rückmeldungen. „Es ist keine Homeoffice-Möglichkeit für Mitarbeitende der Bürgerämter vorhanden“, heißt es aus Friedrichshain-Kreuzberg. „Eine Bearbeitung von Dienstleistungen ist aus der Ferne aufgrund persönlicher Vorsprache nicht möglich“, sagt Steglitz-Zehlendorf. Auch in Charlottenburg und Lichtenberg müssen alle Angestellten ins Amt, komme, was wolle – in Spandau dürfen wenigstens fünf Mitarbeiter nach Hause, abwechselnd, versteht sich.
 
Einsame Ausnahme: Treptow-Köpenick, wo „alle Mitarbeitenden im Fachbereich Bürgerämter von der Nutzung des Homeoffice Gebrauch gemacht haben“. Eine geheime Formel? Sachdienliche Hinweise, was im Südosten so glorreich anders läuft als im Rest der Berliner Service-Prärie, sammelt unser Ermittlungsteam unter checkpoint@tagesspiegel.de.

Heldenhaft früh saß heute Morgen Lionel Kreglinger im Homeoffice-Sessel (Produktion). Am Montag seziert Lorenz Maroldt an dieser Stelle die Berliner Miseren vom Wochenende. Kommen Sie gut durch diesen eisigen Tag!

Lotte Buschenhagen