Wochniks Wochenende: Von der Berliner Kunstraum-Not zur Weltumsegelung. Und wo Sie charaktervolle Einrichtung finden.
Samstagmorgen – Um 11 Uhr wird der U-Bahnhof Weißensee eröffnet, der den Überresten dieser Ruheoase endlich den lang verdienten Anschluss an die stadtweite Gentrifizierung gewährt. In bester Lage, nämlich am Antonplatz, beginnt dann eine Welle aus Flat-White-Expertise, hippen Work-Spaces und Burger-Entrepreneuren noch die letzten subkulturell besetzten Nischen auszuspülen. Richtig, das Szenario ist fiktiv. Die Eröffnung des Bahnhofs findet aber wirklich statt, symbolisch versteht sich. Anschließend will die CDU mögliche verkehrsplanerische Zukünfte des Berliner Nordostens vor Ort diskutieren (11 Uhr, Antonplatz). Den guten Kaffee dazu bringt man sich am besten selber mit.
Samstagmittag – Kunst braucht bekanntlich Raum und der ist in Berlin knapp. Das Ensemble KNM verliert voraussichtlich zum Jahresende seine Proberäume im Podewil. Seine Existenz ist dadurch gefährdet. Gefördertem Ensemble wird landeseigener Raum genommen, sodass die Förderung fortan in privaten Raum fließen darf – muss man die Absurdität noch unterstreichen? In vergleichbarer Lage sind zurzeit auch die „KunstEtagenPankow“. Unter dem Dach sind Theater, Musik, Bildende Kunst, Fotografie, Grafik, Mode, Schmuckdesign und Kunsthandwerk (cirka 35 Studios) versammelt, viele haben sich in diesen Räumen seit 2012 Existenzgrundlagen geschaffen. Zum Jahresende sollen sie raus. Zu diesem Anlass gibt es eine Letzte Werkschau unter dem Titel „Lost Paradise“, in der es nicht nur um das Ende des Projekts geht, sondern um all das, was der Stadt abhanden kommt, wenn sie die Produktionsbedingungen der Freien Szene weiterhin erschwert. Über Paris hat mal jemand gesagt, die Stadt, die einmal berühmt war für ihre Künstler, habe irgendwann mehr Sammler als Künstler gehabt. Letztere haben sich das Leben dort nicht mehr leisten können. In Berlin zeichnet sich seit Jahren eine ähnliche Tendenz ab. Pestalozzistraße 5-8, S-Bhf Pankow, Sa 14–20 Uhr, So 14–18 Uhr.
Samstagabend – Auf der Hand liegt damit die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Gesundheit. Das Forschungs- und Kunstprojekt Musica Sanae sieht das ganz ähnlich und fragt nach dem Zusammenhang von Klang und Medizin. Dabei geht es einerseits um Konsequenzen von Lärm und beruhigende Wirkungen von Klängen, aber auch um die Rolle des Geräusches in der Medizin, beim Abhören, Abklopfen von Körpern, den Signalen von Geräten, die Ärzten lebenswichtige Daten übers Ohr vermitteln, während das Auge anderweitig beschäftigt ist. Heute ist der letzte der drei Veranstaltungstage. Das Konzert-, Installations- und Vortragsprogramm finden Sie hier, Tickets gibt es ab 14 Euro. Museum Kesselhaus Herzberge, Herzbergerstrasse 79, Haus 29, 19 Uhr
Sonntagmorgen – Haben Sie schon mal versucht, Fremdgetränke in einen Club zu schmuggeln? Kein Problem: Verstecken Sie in Zukunft alle illegal mitgebrachten Gegenstände einfach in einer Pseudo-Suppendose. Oder ist schon mal jemand wegen Dosensuppe irgendwo nicht reingekommen? Um Transportbehälter mit Tarnvorrichtung geht es beim PlasticFantastic Mauerpark Markt von 10 bis 18 Uhr. Täuschende Nachbauten von Umverpackungen bekannter Dosensuppen und Keksrollen dienen in Wahrheit als Geheimbehälter, deren Inneres nun zum Schmuggeln von Waren überall dorthin dient, wo sie nicht hingehören. Dass das auf dem ehemaligen Mauerstreifen stattfindet, ist doch sicher kein Zufall. Tolle Idee zur Anregung der Fantasie besonders ängstlicher Menschen, die Sicherheit groß schreiben und großen Menschenmengen sowieso eher skeptisch begegnen.
Sonntagmittag – Schon seit Freitag ist die Design-Börse im Gange, am Sonntag ist ihr letzter Tag. Das Plakat lockt zwar mit Kaiser-Idell Lampe und Le Corbusier-Stuhl, Flohmarktexperten und gewiefte Schnäppchenjäger wissen aber, dass den Händlern die besten Stücke schon in den allerersten Stunden aus den Händen gerissen werden – und die sind seit Freitag vorbei. Dafür kommt man am letzten Tag für schmale 5 Euro hinein und darf beim Resteschmaus Stücke mit echtem Charakter entdecken, frei von Markenwahn, Designer-Vergötterung und hoffentlich preislicher Exorbitanz. 12-20 Uhr im Loewe Saal (Wiebestraße 42, S-Bhf Beusselstraße)
Sonntagabend – Wer sich zum Wochenendeende nach ganz anderswo wünscht: Im Kino Sputnik enden die Estnischen Filmtage. Um 18 Uhr Beginnt der Dokumentarfilm „Ahto“ (OmU) von Jannis Valk, der vom abenteuerlichen Leben und einer Weltumsegelung (1938-1940) des Esten Ahto Valter handelt. Wen es angesichts des vor der Tür stehenden Winters nach wärmeren Gefilden verlangen lässt, könnte sich in Lauri Lagles „Portugal“(OmeU) wiederfinden. Dass es dabei um weit mehr als ein bisschen Sonne geht, beißt sich nicht mit der Leichtigkeit, mit der der Film existenzielle Fragen umspielt. 20 Uhr, Hasenheide 54, Tickets 8 Euro