Das Wochenende wird bedeckt und regnerisch bei max. 10°C.

Berlin und die Welt gedenken am Sonntag ihrer VerkehrstotenOriginal-Kino im Sony Center schließt zum JahresendeInterview mit Schönefelds Bürgermeister Udo Haase

nach den aufregenden Tagen auf der Überholspur wäre es jetzt am Wochenende Zeit, einen Gang runterzuschalten, was allerdings weder bei E-Autos noch bei Elon Musk vorgesehen ist. Grünheide, dessen größter Publikumsmagnet bisher der Badestrand samt Kletterpark am Werlsee ist, wird also Tesla-Town. Das ist Giga für die Region – und vielleicht muss man dem Bundesauspuffminister dankbar sein für versehentliche Hilfe bei der Standortwahl: Indem er – Achtung, Verschwörungstheorie! – die heimische Autoindustrie so lange unbehelligt trickdieseln ließ, dass man es bis nach Kalifornien riechen konnte. Wenn im Mutterland des Autos noch 133 Jahre nach dessen Erfindung die Städte mit Abgasen verpestet werden, dann bleiben die Ingenieure wohl unter ihren Möglichkeiten, mag Musk sich gedacht haben. In Deutschland also hat er Personal und Potenzial.

Das Tesla Model Y, das hoffentlich bald in Grünheide vom Band rollt, ist ebenso übermotorisiert und überschwer wie die meisten seiner Artgenossen, aber es vergiftet zumindest keine Passanten und muss ja auch auf Dauer nicht das einzige bleiben: In Teslas Portfolio ist noch viel Luft nach unten.

Womit wir beim Weltgedenktag für die Straßenverkehrsopfer wären, der seit 1993 am 3. Sonntag im November begangen wird, seit 2005 unterstützt von UN und WHO. Also an diesem Sonntag. Mehr als 1,3 Millionen vermeidbarer Toter pro Jahr weltweit wird an diesem Tag gedacht. Zahlen wie aus einem großen Krieg. In Berlin waren es zuletzt 45, in Brandenburg 143, bundesweit knapp 3300, davon mehr als 1000 wegen unangepasster Geschwindigkeit.

Wer dieser Toten gedenkt, landet zwangsläufig beim Tempolimit auf der Autobahn, gegen das es außer Andreas Scheuers Agenda und Christian Lindners Porsche kein rationales Argument gibt.

Telegramm

Wenn Sie auch mal ins Fernsehen wollen, sollten Sie sich in Charlottenburg-Wilmersdorf herumtreiben: 249 Sondernutzungen von Straßenland für Filmdrehs wurden dort in diesem Jahr genehmigt (bei 256 beantragten). Das ist klarer Rekord – zumindest unter den zehn Bezirken, die auf Senatsabfrage reagiert haben. Mitte hat nicht geantwortet; vielleicht kam die Anfrage dort wegen der vielen Absperrungen gar nicht durch. Und Neukölln fällt durch rigorose Handhabung auf: Dort wurden nur 53 von 90 beantragten Drehs genehmigt; in den Vorjahren war die Quote noch geringer.

Neues von Berlins beliebtestem Wohnungsunternehmen: Nach dem Bericht über die seit vier Tagen kalten Duschen in der Veteranenstraße 23 (CP von gestern) twitterte die Deutsche Wohnen am Mittag: „Eine Sanitärfirma ist bereits beauftragt, die Reparatur erfolgt noch heute Nachmittag.“ Laut einem Bewohner hat – nicht zum ersten Mal – jemand erfolglos im Keller gewerkelt. Auch im Namen seiner Nachbarn lässt der Mann ausrichten, dass die Mieter sich sehr gern schon vor dem vom DW-Callcenter in Aussicht gestellten nächsten Reparaturversuch am 11.12. (!) wieder waschen würden. Und im Hinterhaus sei es nach mittlerweile drei Wochen ohne Heizung etwas kühl.

Holger Friedrich, der schreibende neue Verleger der „Berliner Zeitung“, hat von 1987 bis 1989 als IM für die Stasi gearbeitet. „Die Redaktion der Berliner Zeitung erklärt, dass sie sich sachlich und angemessen mit der Situation auseinandersetzen wird“, teilte die Chefredaktion nach Bekanntwerden der Geschichte am Freitag mit. In den 1990ern war es bei der „Berliner“ ein Ausschlusskriterium, einst IM und dann Redakteur bei dem Blatt gewesen zu sein.

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Steglitzer Kreisel wird ÜBERLIN: Das Wahrzeichen im grünen Südwesten wird revitalisiert. Die neue Fassade begeistert mit ihrer Silhouette, viel Glas und modernen Stahlbauten. Der Tower, eines der höchsten Wohngebäude Berlins, wird zum Design-Objekt. 330 Eigentumswohnungen inspirieren mit exquisiter Ausstattung und einem grandiosen City-Panorama.
www.ueberlin-tower.de

November ist die Zeit, mal wieder ein gutes Buch zu lesen. Es darf auch eins sein, dessen Leihfrist abgelaufen ist: Kommende Woche sind alle öffentlichen Bibliotheken Berlins (außer online) geschlossen: Aufmöbelung des Kataloges plus „gigantischer Datenumzug von Oracle zu PostgreSQL“. Das Oracle von Dell drückt die Daumen, dass das gutgeht.

Wer noch einmal in wohliger Mauerfalljubiläumsstimmung schwelgen will: Mein Kollege Ingo Salmen hat anrührende und kuriose Geschichten aus der Tagesspiegel-Leserschaft versammelt. Und das Video vom Sonderzug aus Pankow ist auch dabei.

„Students for future“ ruft aufgeweckte bzw. rechtzeitig aufgewachte Studenten für übernächste Woche zum bundesweiten Klimastreik an den Unis auf. Details sollen am kommenden Dienstag verkündet werden.

„Europäische Woche der Abfallvermeidung“ klingt leider nur so mittelsexy, was sie nicht verdient hat. Nächste Woche ist es wieder soweit. Diesmal werden an zehn Orten in Berlin (fünf davon in Spandau) Sammelboxen für ausrangierte Brillen aufgestellt (bis Mitte Januar). Dann werden sie gereinigt und in Ländern verteilt, in denen Menschen sie brauchen können.

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Ein Pariser Stern funkelt am 26. November im Restaurant Frühsammers
Die Gourmetreihe Soliless präsentiert Sternekoch Jacky Ribault exklusiv in Berlin. Sein 5-Gang-Menü vereint französische Raffinesse, japanische Aromen mit feinen, saisonalen Delikatessen des Berliner Umlandes.
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Knausrig gegenüber den Betroffenen und gehässig gegenüber Kritikern – das war der Eindruck, den die angeblich unabhängige Kommission zur Schießstandsaffäre bei betroffenen Polizisten hinterließ. Jetzt versucht R2G Schadensbegrenzung, indem eine halbe Million Euro draufgelegt wird. Das Geld soll erkrankten Beamten unbürokratisch ausgezahlt werden – auch wenn ihr Krankheitsbild vielleicht nicht hundertprozentig zu den Kriterien passt, die die Kommission angelegt hat.

Das CineStar-Kino im Sony-Center, erste Adresse für Filme in Originalversion, schließt zum Jahresende. Der Chef begründet das im RBB mit der hohen Miete; laut Gewerkschaft sind 110 Beschäftigte betroffen.

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Dr. Udo Haase (67) ist noch bis 2. Dezember Bürgermeister der Gemeinde Schönefeld. Bevor er 1990 in die Kommunalpolitik ging, war er Dolmetscher für Russisch und Mongolisch.

Nach 29 Jahren als Amtsdirektor und als Bürgermeister von Schönefeld hören Sie Anfang Dezember auf. Wie sehr schmerzt es Sie, dass Sie den BER während Ihrer Amtszeit nicht mehr miteröffnen können?

Das schmerzt wirklich. Ehrlich gesagt hatte ich schon 2011 gedacht, dass ich zur nächsten Wahl nicht unbedingt wieder antreten muss. Als dann der Eröffnungstermin verschoben wurde, habe ich meine Meinung geändert. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es dann auch in den sieben Jahren danach nichts mehr wird. Aber Herr Lütke Daldrup hat mir versprochen, mich einzuladen, wenn es soweit ist. Ich habe hier immerhin mehr als 500 Menschen für den Flughafen umgesiedelt.

Die Eröffnungsfeier 2012 ist drei Wochen vor dem Termin abgeblasen worden. Wann ist Ihnen klar geworden, dass es da nicht nur um ein paar Monate geht?

Recht spät. Auf der ersten Pressekonferenz hat Herr Platzeck ja noch gesagt, wir machen halt ein paar Wochen später auf. Das sah ich ebenso. Dann wurde plötzlich ein Jahr daraus, dann noch eins. Und irgendwann verliert man den Glauben. Ich habe ein paar Wetten verloren, weil ich schon immer Optimist war.

Verstehen Sie inzwischen, wie das Desaster zustande kam?

Dort waren viele am Werk, die nicht hielten, was sie versprachen. Gegenüber Herrn Lütke Daldrup hatte ich am Anfang die größte Skepsis. Aber der macht das bisher am besten. Durch seine Verwaltungserfahrung arbeitet er mit den Leuten in Bundes- und Landesbehörden gut zusammen. Außerdem weiß er durch seine Vorgeschichte als Staatssekretär mit Politikern umzugehen. Mein Freund Hartmut Mehdorn hat zwar immer Klartext gesprochen und war ein toller Manager, aber er hat eben nicht erkannt, was man anrichten kann, wenn man die Wahrheit zu brutal ausspricht.

Wie sehr haben die acht Jahre Verspätung dem Ort Schönefeld geschadet?

Im Gegenteil: Wir haben profitiert. Denn wir hatten genug Zeit, das Straßennetz ringsum so auszubauen, dass es zur Eröffnung wirklich fertig ist. Bei einer Eröffnung 2012 hätten wir ein unvorstellbares Verkehrschaos erlebt.

Es gibt aber immer noch plausible Gründe für die Befürchtung, dass der Straßenverkehr zwischen Berlin und Schönefeld kollabieren wird, sobald der BER in Betrieb geht.

Ja, ich rede seit Jahren davon, dass da etwas passieren muss. Unsere Infrastrukturministerin sieht das offenbar anders – aber da wir als Gemeinde weder für Landes- noch für Bundesstraßen zuständig sind, sind mir die Hände gebunden. Es kann ja nicht immer so laufen wie bei der neuen Autobahnanschlussstelle Hubertus, die wir bezahlen, weil der Bund und das Land sich nicht in der Pflicht sehen. Nebenan planen wir mit der Bahn einen neuen Regionalhalt, damit die Leute aus der Lausitz in ein paar Jahren schnell hierher zur Arbeit kommen. Das wäre eigentlich auch eine Landesaufgabe. Übrigens haben wir schon 1992 im Flächennutzungsplan eine Trasse für die Verlängerung der U-Bahn von Rudow vorgesehen. Da die ursprünglich geplante Strecke vom Bahnhof Schönefeld zum Terminal genau das künftige Regierungsterminal unterqueren würde, haben wir gemeinsam mit Berlin und dem Land Brandenburg eine neue Machbarkeitsstudie beauftragt. Der erste Teil davon liegt dem Berliner Senat offenbar jetzt vor, wie ich aus der Zeitung erfahren habe.

Erfahren Sie öfter mal Sachen aus der Zeitung, weil die Berliner Politik Sie vergisst oder nicht ernst nimmt?

Eigentlich kann ich mich nicht beklagen. Denen in Berlin ist schon klar, dass wir hier ihren Flughafen haben und sie uns brauchen. Ich habe sowohl mit den Bezirksbürgermeistern von Neukölln und Treptow-Köpenick als auch mit den Regierenden von Diepgen über Wowereit bis Müller durchweg gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Um 11 Uhr wird der U-Bahnhof Weißensee eröffnet, der den Überresten dieser Ruheoase endlich den lang verdienten Anschluss an die stadtweite Gentrifizierung gewährt. In bester Lage, nämlich am Antonplatz, beginnt dann eine Welle aus Flat-White-Expertise, hippen Work-Spaces und Burger-Entrepreneuren noch die letzten subkulturell besetzten Nischen auszuspülen. Richtig, das Szenario ist fiktiv. Die Eröffnung des Bahnhofs findet aber wirklich statt, symbolisch versteht sich. Anschließend will die CDU mögliche verkehrsplanerische Zukünfte des Berliner Nordostens vor Ort diskutieren (11 Uhr, Antonplatz). Den guten Kaffee dazu bringt man sich am besten selber mit.

Samstagmittag – Kunst braucht bekanntlich Raum und der ist in Berlin knapp. Das Ensemble KNM verliert voraussichtlich zum Jahresende seine Proberäume im Podewil. Seine Existenz ist dadurch gefährdet. Gefördertem Ensemble wird landeseigener Raum genommen, sodass die Förderung fortan in privaten Raum fließen darf – muss man die Absurdität noch unterstreichen? In vergleichbarer Lage sind zurzeit auch die „KunstEtagenPankow“. Unter dem Dach sind Theater, Musik, Bildende Kunst, Fotografie, Grafik, Mode, Schmuckdesign und Kunsthandwerk (cirka 35 Studios) versammelt, viele haben sich in diesen Räumen seit 2012 Existenzgrundlagen geschaffen. Zum Jahresende sollen sie raus. Zu diesem Anlass gibt es eine Letzte Werkschau unter dem Titel „Lost Paradise“, in der es nicht nur um das Ende des Projekts geht, sondern um all das, was der Stadt abhanden kommt, wenn sie die Produktionsbedingungen der Freien Szene weiterhin erschwert. Über Paris hat mal jemand gesagt, die Stadt, die einmal berühmt war für ihre Künstler, habe irgendwann mehr Sammler als Künstler gehabt. Letztere haben sich das Leben dort nicht mehr leisten können. In Berlin zeichnet sich seit Jahren eine ähnliche Tendenz ab. Pestalozzistraße 5-8, S-Bhf Pankow, Sa 14–20 Uhr, So 14–18 Uhr.

Samstagabend – Auf der Hand liegt damit die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Gesundheit. Das Forschungs- und Kunstprojekt Musica Sanae sieht das ganz ähnlich und fragt nach dem Zusammenhang von Klang und Medizin. Dabei geht es einerseits um Konsequenzen von Lärm und beruhigende Wirkungen von Klängen, aber auch um die Rolle des Geräusches in der Medizin, beim Abhören, Abklopfen von Körpern, den Signalen von Geräten, die Ärzten lebenswichtige Daten übers Ohr vermitteln, während das Auge anderweitig beschäftigt ist. Heute ist der letzte der drei Veranstaltungstage. Das Konzert-, Installations- und Vortragsprogramm finden Sie hier, Tickets gibt es ab 14 Euro. Museum Kesselhaus Herzberge, Herzbergerstrasse 79, Haus 29, 19 Uhr

Sonntagmorgen – Haben Sie schon mal versucht, Fremdgetränke in einen Club zu schmuggeln? Kein Problem: Verstecken Sie in Zukunft alle illegal mitgebrachten Gegenstände einfach in einer Pseudo-Suppendose. Oder ist schon mal jemand wegen Dosensuppe irgendwo nicht reingekommen? Um Transportbehälter mit Tarnvorrichtung geht es beim PlasticFantastic Mauerpark Markt von 10 bis 18 Uhr. Täuschende Nachbauten von Umverpackungen bekannter Dosensuppen und Keksrollen dienen in Wahrheit als Geheimbehälter, deren Inneres nun zum Schmuggeln von Waren überall dorthin dient, wo sie nicht hingehören. Dass das auf dem ehemaligen Mauerstreifen stattfindet, ist doch sicher kein Zufall. Tolle Idee zur Anregung der Fantasie besonders ängstlicher Menschen, die Sicherheit groß schreiben und großen Menschenmengen sowieso eher skeptisch begegnen. 

Sonntagmittag – Schon seit Freitag ist die Design-Börse im Gange, am Sonntag ist ihr letzter Tag. Das Plakat lockt zwar mit Kaiser-Idell Lampe und Le Corbusier-Stuhl, Flohmarktexperten und gewiefte Schnäppchenjäger wissen aber, dass den Händlern die besten Stücke schon in den allerersten Stunden aus den Händen gerissen werden – und die sind seit Freitag vorbei. Dafür kommt man am letzten Tag für schmale 5 Euro hinein und darf beim Resteschmaus Stücke mit echtem Charakter entdecken, frei von Markenwahn, Designer-Vergötterung und hoffentlich preislicher Exorbitanz. 12-20 Uhr im Loewe Saal (Wiebestraße 42, S-Bhf Beusselstraße)

Sonntagabend – Wer sich zum Wochenendeende nach ganz anderswo wünscht: Im Kino Sputnik enden die Estnischen Filmtage. Um 18 Uhr Beginnt der Dokumentarfilm „Ahto“ (OmU) von Jannis Valk, der vom abenteuerlichen Leben und einer Weltumsegelung (1938-1940) des Esten Ahto Valter handelt. Wen es angesichts des vor der Tür stehenden Winters nach wärmeren Gefilden verlangen lässt, könnte sich in Lauri Lagles „Portugal“(OmeU) wiederfinden. Dass es dabei um weit mehr als ein bisschen Sonne geht, beißt sich nicht mit der Leichtigkeit, mit der der Film existenzielle Fragen umspielt. 20 Uhr, Hasenheide 54, Tickets 8 Euro

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Anne Laxy ist selbstständige Pressebeauftragte im Kulturbereich und wohnt seit den Siebziger Jahren in Berlin. Besonders oft trifft man sie in ihrem Wilmersdorfer Lieblingscafé – Nicos Süßem Atelier – oder beim morgendlichen Laufen im Kiez.

„Mein Tag fängt seit drei Jahren immer damit an, dass ich fünf Kilometer gehe – Eichhörnchen zählen, mit Hundebesitzern quatschen, schauen, wie die Gingkoblätter fallen. Zweimal eine große Schleife ums Haus der Berliner Festspiele und rüber zur Ludwigskirche, um den Ludwigskirchplatz. Dann zum Zeitungsladen – alle Tageszeitungen kaufen – und als Belohnung in ein Kaffeehaus. So bin ich inzwischen über 9000 Kilometer gelaufen! Ich treffe Nachbarn, kriege den Kopf frei und kann den Tag planen. Das ist das Erste jeden Morgen, das ist das Erste Samstagfrüh – mit einem Unterschied: Samstag klingelt kein Wecker. Danach fahre ich erstmal mit dem Fahrrad zum Wochenmarkt auf dem Hohenzollernplatz. Da bekomme ich mein Essen, mein Gemüse, alles unverpackt. Danach gehe ich mit großem gefüllten spanischen Einkaufskorb in die Perlenbar in der Uhlandstraße 156, ein Modeschmuckladen: Manuela, die Besitzerin, ist meine Nachbarin und Freundin. Dann quatschen wir und sie erzählt mir alles, was im Kiez passiert – wo ein neuer Laden aufmacht, wo jemand zugemacht hat, wer wegzieht. Es ist so schön, wenn man Menschen in seiner Nachbarschaft hat, die einem Geschichten aus dem Kiez erzählen! Abends gehe ich dann wahrscheinlich ins Haus der Berliner Festspiele zur Premiere von „Diamante“ – wenn es an der Abendkasse noch Karten gibt. Das ist ein Immersionsprojekt, für das Mariano Pensotti ein Dorf im Saal aufgebaut hat. Das Publikum geht mit und beeinflusst das Geschehen. Einziger Haken: Das geht 6 Stunden. Sonntagmorgen gehe ich wieder laufen, danach lese ich die Zeitung, die ich am Samstag gekauft habe. Unter der Woche werte ich sie nur aus, am Wochenende sitze ich an meinem großen Esszimmertisch und lese in Ruhe. Mittags radle ich dann rüber zu C/O Berlin zur Ausstellung No Photos on the Dance Floor!“. Ich glaube, das wird spannend. Ich habe mich viel im Berliner Nachtleben rumgetrieben, als Kulturschaffende und als ausgesprochen gern lebender Mensch. Am späten Nachmittag – mittags und abends ist mir das zu voll – gehe ich ins Benedict in der Uhlandstraße 49, Eggs Benedict essen. Am frühen Abend werde ich dann ganz altmodisch Früchtebrote backen, für meine Freunde und meine Familie – danach gehe ich ins Büro und bereite die nächste Woche vor.“
 

Lese­empfehlungen

„Ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland lieber gut bekannte oder leicht einschätzbare Scheinprobleme lösen möchten als neue, wirklich existierende“, so Sascha Lobo im Gespräch mit Tagesspiegel-Kulturredakteur Gerrit Bartels. In seinem neuen Buch „Realitätsschock“ geht es um die Digitale Sphäre – und damit in gewisser Weise um alles. Vielleicht versucht Lobo genau das zu vermitteln: dass die digitale Sphäre eben keine Sphäre außerhalb der Wirklichkeit ist, die politisch weiter auf einem Abstellgleis bleiben kann, sondern sie alles durchzieht und verändert, was sie berührt.

Anders als in mancher Staatstheorie, in der die Nachahmung unter Gesellschaften Frieden stiften soll, führt sie in der Psychologie auch zu Frust, Konflikten und Traumata. Diese trivial scheinende Diskrepanz ist für die Autoren Ivan Krastev und Stephen Holmes Anstoß für einen neuen Erklärungsversuch unter anderem für das Erstarken der Rechten in europäischen Ländern, die bis 1989 dem liberalen Westen nachgeeifert sind, um sich jüngst zunehmend wieder von ihm abzuwenden, desillusioniert und gekränkt. Spielarten des Mechanismus erkennen die beiden auch im Nahen Osten, sowie in Beziehungen vieler Staaten gerade zu den USA – so wird aus dem trivial einfachen Keim eine Welterklärung. Einen Vorgeschmack auf das Buch „Das Licht, das erlosch“ gibt das Gespräch mit Tagesspiegel-Kulturredakteur Gregor Dotzauer.

Wochen­rätsel

Wo soll das Herzzentrum entstehen, das der Bund mit 100 Millionen Euro fördert?

a) Wedding
b) Herzfelde
c) Grünheide
 

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Encore

Die laute Musik gestern Abend in Frohnau, die entfernt nach Iggy Pop und Rio Reiser klang – das waren wir. Sorry an die Nachbarn; jetzt haben Sie wieder die übliche Ruhe. Und schöne Grüße noch mal an CP-Leser Thomas, zu dessen 60. Geburtstag der Hausbesuch von Team Checkpoint versteigert worden ist. Bei Chili con Carne und Bier hat Chef-Checkpointer Lorenz Maroldt ein paar Geheimnisse aus dem Senat ausgeplaudert. Wenn auch Sie welche hören möchten, exklusiv in ihrem Wohnzimmer: Bei der Tagesspiegel-Weihnachtsauktion, die an diesem Sonntag beginnt und dem guten Zweck namens „Menschen helfen“ dient, sind wir wieder im Angebot.

Am Montag haut Lorenz Maroldt hier in die Tasten. Schönes Wochenende!

Stefan Jacobs