Existenzielle Grenzerfahrungen zu Hause und Selbst-Neuerfindung im Lockdown
Samstagmorgen – Die Neu(er)findung des Selbst, sei es privat oder im Job, hat in Coronazeiten Konjunktur. Wer seinen Beruf wegen des Lockdowns nicht ausüben kann – wie fast die ganze Kulturbranche und Gastronomie – ist zum Umdenken gezwungen. Und wem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, kann selbigen auch mit geistigem Futter anregen. Formate wie die englischsprachige Online-Schule Masterclass, wo Promis Kurse anbieten, erleben einen Boom während das Homeschooling Quantensprünge macht. Wer es mit den Beschlüssen zum Lockdown genau wissen wollte, hat sich vielleicht an der Fernuni Hagen eingeschrieben, in deren rechtswissenschaftlicher Fakultät 2020 doppelt so viele Prüfungen abgenommen wurden, wie 2018. Volkshochschulen bieten ein immer größeres digitales Angebot und bei Berufs- und Stilberater:innen spricht sich herum, dass nicht nur die Kleidung, sondern auch die Wahl des Hintergrundbildes beim Video-Call zum überzeugenden Auftritt gehört. Kunstvolle Tapeten finden Sie übrigens hier, hier oder, für Selber-Gestater:innen, hier.
Samstagmittag – Bevor man alles umstellt, bietet sich zur Klärung grundsätzlicher Fragen der vorübergehende Rückzug ins Eremitentum an. Ganz hervorragend geht das beim Zelten in den eigenen 4 Wänden. Zunächst empfiehlt sich ein selbsttragendes, also ohne Heringe aufzubauendes Kuppelzelt, darin eine Camping-Matratze und Schlafsack. Wer das Camping-Feeling auf die Spitze treiben will, packt noch einen Kulturbeutel ein, ernährt sich von Dosenkonserven (hier für die Haute-Camping-Cuisine), jagt vielleicht wilde Staubkatzen und bewegt sich ab Sonnenuntergang nur noch mit Taschenlampe durch die Wohnung. Stift und Notizblock zum Festhalten der eigenen Reflexionen nicht zu vergessen. Gerade unter Extrembedingungen, wie der sauerstoffarmen Übernachtung bei mehreren Höhenzentimetern am eigens drappierten Wäscheberg soll die Selbsterkenntnis besonders groß sein.
Samstagabend – Dabei gilt als hilfreich, über die eigenen Stärken und Schwächen nachzudenken, sowie, sich in Zeiten der Unsicherheit, an frühere Motivationen zu erinnern. Unter welchen Bedingungen fühlte man sich wohl? Und warum ist man eigentlich geworden, wer man heute ist? Den Blick zurück erleichtern zum Beispiel ganz klassische Fotoalben. Nicht nur zur Selbstvergewisserung, sondern auch als Geschenk, eignen sich zum Beispiel diese.
Sonntagmorgen – Klar im Vorteil ist dabei natürlich, wer sowieso schon über ein gutes Gedächtnis verfügt. Den Zustand des eigenen muss allerdings niemand einfach hinnehmen, es lässt sich schließlich trainieren. Memory-Spiele, Puzzle und knifflige Logik-Rätsel fördern mutmaßlich die1 Kapazitäten des im Lockdown allzu oft nach Standby verlangenden aber chronisch unterforderten Hirns. Schon die Auswahl des richtigen Spiels aus der hirnrissig großen Auswahl des Kulturkaufhauses Dussmann ist so eine Übung.
Sonntagmittag – Wer in der Abgeschiedenheit nicht ganz ohne Begleitung auskommen will, führe sich Max Frisch und dessen Protagonisten Leuthold aus dem kurzweiligen Kurzroman Antwort aus der Stille zu Gemüte. Leuthold steht kurz davor, die unbezwingbare Eiger Nordwand allein zu erklettern, der junge Autor Frisch vor der Findung seiner eigenen schriftstellerischen Stimme. Spoiler: An dieser Erzählung sind beide gescheitert. Unreif, streckenweise kitschig geschrieben, aber Größeres verheißend und damit das Scheitern relativierend – womöglich genau der richtige Stoff für unklare Lebenssituationen.
Sonntagabend – Wer nun nach all dem Abenteuerprogramm in seinem Wohnzimmerzelt wach liegt und sich nach wohliger Wärme sehnt, aber aus auf der Hand liegenden Gründen die Heizung nicht aufdrehen möchte, streame sich doch ein Lagerfeuer an die Wand. Unter dem Suchbegriff „Campfire“ finden Sie auf Youtube zahlreiche nächtelang abgefilmte Lagerfeuer samt Knistergeräusch, wahlweise mit Meeresrauschen, Berg- oder Waldkulisse im Hintergrund – perfektes Alibi, um die Heizung doch etwas aufzudrehen.