Riechen statt wissen, ewige Bauträume und Fernschach
Samstagmorgen – Wenn man etwas nicht weiß, ist das eben so, bei Bedarf kann man es ja ändern. Aber je mehr man weiß, das wusste schon Sokrates, desto weniger meint man zu wissen – das ist nur scheinbar paradox. Nietzsche knüpft daran an, wenn er schreibt, dass wir keiner Zeit so verständnislos gegenüberstehen, wie unserer Gegenwart. Und zwar gerade weil wir so viel über sie wissen. Wenn einem die Vergangenheit einfacher erscheint, dann also wegen eines Wissensdefizits. Dabei muss man nur mal an die Geschichten unserer Mütter denken. Wer die Möglichkeit hat, kann sich schon heute einige Fragen zur Komplexität des Lebens von anno dazumal überlegen und sie morgen stellen, Sonntag ist schließlich Muttertag. Und weil das Erinnern besonders gut durch Düfte angeregt wird, finden Sie hier einige Ideen zur Inszenierung von Blumen, hier einen ausgezeichneten Floristen und hier den vielleicht letzten Blumenversand, der für morgen noch freie Kapazitäten hat, wenn man heute bestellt.
Samstagmittag – Apropos Nichtwissen: Während ein gewisser investigativer Koch aus Kreuzberg die geheimen Zusammenhänge hinter der „Coronaverschwörung“, ähm..., aufdeckt, macht in Neukölln das grandiose Palsta, Restaurant und Weinbar, nach kaum zwei Jahren dicht. Zufall? Bis vor wenigen Tagen konnte man sich hier noch komplette Brunch-Gedecke für zu Hause oder das Tempelhofer Feld abholen. Wer das auch in Zukunft ähnlich handhaben möchte, dem seien die Flammkuchen von Mama Kalo, Herrfurthstraße 23, ans Herz gelegt, die es auch in einer handlich fürs Feld geschrumpften Version zu 5 Euro gibt.
Samstagabend – The show must zwar go on, aber nicht um jeden Preis. Brian May, Gitarrist der Band Queen, hat sich gerade über den zu lockeren Umgang der englischen Regierung mit der Pandemie empört und gegen die baldige Aufnahme des Showbetriebs ausgesprochen. Auch für das Theatertreffen gilt der Grundsatz Weitermachen, vernünftiger Weise aber im Live-Stream. Heute beginnt um 18 Uhr das Finale des einwöchigen Programms, samt Bilanzierung und Zukunftsprognosen zur transformierenden Rolle der Kultur in der Gesellschaft mit Thomas Oberender und Ibou Coulibaly Diop, sowie abschließendem Jurygespräch. Wer lieber nur den Blick in die Zukunft werfen mag, oder als nGbK-Mitglied über sie abstimmen, findet auf der Homepage des Kunstvereins alle Projektanträge für 2021, über die an diesem Wochenende entschieden wird. Nachzuvollziehen ist dabei auch die Korrespondenz zwischen Jury und Antragstellern – also ein kleiner Blick hinter die Kulissen des Kunstdiskurses.
Wer den Sonntagmorgen mit ausgiebigem Frühstück zu Hause verbringen und trotzdem was von der Welt mitbekommen will, kann sich der Online-Führung durch den Kiez um die kulinarisch anregende Markthalle 9 anschließen. Versprochen werden nicht nur Einblicke in das Leben von Kiezbewohnern und die Geschichte der Nachbarschaft, sondern auch Bauvorhaben, die angeblich noch länger brauchen als der BER.
Sonntagmittag – Da die gefühlte Dringlichkeit des Lockdowns sich hier und da schon abzunutzen scheint, hier die Erinnerung daran, die Ausbreitung in Schach zu halten. Am besten mit Fernschach – für Romantiker in der klassischen Variante per Postkarte oder Fax, oder über ein Online-Portal wie chess.com, bei dem man nach der Registrierung sofort loslegen kann. Anfangs kann man sich wahlweise auch am Computergegner die Hörner abstoßen, während zahlreiche Lektionen dabei helfen, besser zu werden. Übrigens kann ein Schachbrett in Sachen Corona noch mehr. Zum Beispiel exponentielles Wachstum anschaulich machen. Man lege dazu auf das erste Feld ein Reiskorn, auf das nächste zwei, auf das übernächste vier und verdopple immer weiter, bis alle 64 Felder belegt sind. Nun zähle man die Reiskörner. Oder hatten Sie für die kommenden Jahrzehnte schon anderes vor?
Sonntagabend – Nach acht Wochen täglicher Stream-Konzerte hat der Pianist Igor Levit nun damit aufgehört. Und weil das so traurig ist und wir uns unseren Gefühlen stellen wollen, strömt (oder „streamt“, falls Sie das bevorzugen) der noch nicht sonderlich bekannte Berliner Dandy Deniz ab 20 Uhr seinen, wie er selbst sagt, „sad aber sexy“ Indie-Synthi-Pop live über Youtube in alle Welt.