Corona bestimmt auch heute die Schlagzeilen des Tages:
„Merkels Obergrenze wird zum Problem“
„Schlachthöfe entwickeln sich zu neuen Corona-Hotspots“
„Erste Kreise müssen Lockerungen zurücknehmen“
„Die verflixte 50“
„Gesundheitsämter: Obergrenze zu hoch“
„Ärzteverband: Das ist nicht zu schaffen“
„Gesundheitssenatorin rechnet mit zweiter Infektionswelle“
„So wackelig ist Berlins neue Freiheit“
Aber auch:
„Eine Stadt macht sich locker“
Auf den Straßen und in den Parks der Berliner Innenstadt drängte sich gestern bei bestem Wetter die neue Lockerheit tatsächlich auf (und auch der harte Kontrast zu den Schlagzeilen von oben): Es wurde gemeinsam geniest und genossen – und es war der mit Abstand körperkontaktreichste Tag seit Beginn der Krise. Und viele Experten warnen: Das ist zu früh.
Was genau von heute an erlaubt ist und was nicht, und was in der nächsten oder übernächsten Woche gilt, das weiß nach den vielen Änderungen allerdings auch kaum jemand sicher zu sagen. Hier deshalb nochmal eine kompakte Übersicht.
Mehr Corona-Nachrichten gibt’s heute im Telegramm (Checkpoint-Vollversion).
Genau heute vor acht Jahren, am 9. Mai 2012, gab es ebenfalls ein herausragendes Thema, das die Schlagzeilen bestimmte – auch hier schauen wir zur Feier des Tages mal rein:
„Berlin fällt aus allen Wolken“
„Fehler im System“
„Stadt mit Bodenhaftung“
„In der Warteschleife“
„Bruchlandung“
„Am Ende muss einer fliegen“
„Der Schlussverkauf in Tegel ist abgesagt“
„Ihr Abflug verspätet sich“
„Bei den Bürgern hebt der Ärger ab“
„Projekt der Bruchpiloten“
„Bruchlandung für die Glaubwürdigkeit“
„Berlin kriegt keinen Tüv“
„Berlin kriegt keinen hoch“
Sie ahnen es schon – damals wurde mal wieder die Eröffnung des BER abgesagt, kurz vor der großen Sause, die für den 3. Juni geplant war (wir zählen seitdem in unserem Count up die Tage). Für die Freunde der „Floskelwolke“ ein, nun ja: gefundenes Fressen (sorry).
Unsere Aufgabe für Sie: Ordnen Sie die Schlagzeilen folgenden Zeitungen zu: Tagesspiegel, Morgenpost, Berliner Zeitung, B.Z., Kurier, taz, Süddeutsche Zeitung…
…nanu, fehlt da nicht was? Richtig: die FAZ. Das Hausblatt der gepflegten Nüchternheit stellte in aller Sachlichkeit fest: „Eröffnung von Schönefeld um Monate verschoben“. Um Monate! So einfach retteten sich die Kollegen in den prognostizistischen Olymp, denn sie hatten recht: Ende Oktober 2020 werden es genau 101 Monate sein.
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Laut einer aktuellen Direktive von Flughafenfertigsteller Engelbert Lütke Daldrup „werden die BER-Witze jetzt langweilig“. Ok, bleiben wir also ernst – und hören mal rein, was ELD am Dienstag beim Capital-Club-Video-Frühstück dazu sagte, dass der Bund sein neues Regierungsterminal am BER verschmäht (seit 18 Monaten fertig): „Da muss ich sagen, da fehlt mir langsam jedes Verständnis.“ Und wir müssen sagen: Uns schon lange.
Das Regierungsterminal ist zehnmal größer und leistungsfähiger als das in Tegel, mit großen Warte- und Konferenzbereichen, einem Raum für Pressekonferenzen und Übernachtungsmöglichkeiten. Aber der Bund begann gerade erst behäbig mit der Möblierung – und hat jetzt ein Problem damit, der temporären Schließung von TXL zuzustimmen. Nochmal ELD: „Man merkt so ein bisschen die Absicht, dass man auf gar keinen Fall vor Oktober Tegel verlassen möchte, weil Tegel doch so praktisch ist.“ Dabei ist Tegelpraktisch erledigt – im Juni dürfte Schluss sein, wegen der Corona-Flaute.
Ebenfalls im Mai vor acht Jahren: ELD’s Vor-Vor-Vorgänger Rainer Schwarz tönt im Mitgliederheft des „Capital Club“ (S. 24): „Klar ist: Am 3. Juni 2012 werden wir mit dem BER den modernsten Flughafen Europas eröffnen.“ Tja… Heute ist der BER leider nicht mehr modern, aber dafür geht er als „Vintage“ durch – Berlin classic eben.
Am 15. Januar hatten wir Sie hier gefragt: „Klappt es mit der Eröffnung des BER am 31. Oktober 2020?“ Das Ergebnis: 53% ja, 38% nein, 9% weder – noch (oder sowohl als auch). Inzwischen ist viel passiert: Eine Brandschutzübung mit 20.000 Komparsen musste wegen Corona abgesagt werden, aber der TÜV gab alle technischen Anlagen frei, und der Flughafenchef sagt: „Der BER ist fertig.“ Da wirken nur 53% Optimisten dann doch ein bisschen wenig. Also fragen wir nochmal, damit auch Sie, die Sie noch zweifelten, sich im letzten Moment auf die richtige Seite retten können:

Telegramm
Heute in einer anderen Welt hätte „Das große Schlagerfest XXL“ mit Florian Silbereisen, Marianne Rosenberg und Jürgen Drews die Arena am Ostbahnhof zum Beben gebracht – und Hertha gegen Leverkusen gespielt.
In dieser Welt spielt am nächsten Sonnabend Hertha in Hoffenheim – und nicht nur in der Westendklause dürfte es vor den Fernsehern eng werden: Die Bundesliga darf seinen Geisterspielbetrieb am selben Wochenende wiedereröffnen wie die Gaststätten ihren. Darauf ein gekühltes Corona.
Und Union spielt am Sonntag in einer Woche gegen die Bayern – dazu der Kommentar von Neven Subotic (hier ausgeliehen von der BBC): „I am critical how everything is beeing managed – no matter when we start, it will be too soon“. Auf Deutsch: Alles DFL-Murks.
Beim Torjubel ist übrigens nur ein „kurzer Ellenbogen- oder Fußkontakt“ erlaubt, „Abklatschen“ ist verboten (Q: „Bild“) – Checkpoint-Prognose: Demnächst werden nur noch körperlose Fouls erlaubt – und die Linienrichter ahnden neben „Abseits“ auch „Abstand“.
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Wie bereiten sich die Restaurants auf die Wiedereröffnung vor? Der Checkpoint hat bei dreien nachgefragt (zufällig ausgewählt von unserer Seite „Kiezhelfer“).
1) Calcutta (Bleibtreustraße 17), Größe 140 qm, 50 Gästeplätze normal, 22 mit Corona-Auflagen. Lohnt sich’s? „Ja, besser so als nichts.“ Zum Mund-Nase-Schutz fürs Personal: „In der aktuellen Situation angebracht.“ (Ashok Kachroo)
2) Panther (Waldemarstraße 119), 100 qm innen, 50 qm außen, 120 Plätze, mit Auflagen „weniger als Hälfte“. Lohnt sich’s? „Auf keinen Fall, wir betreiben nur Schadenminimierung. Aber wir haben uns natürlich alle sehr gefreut.“ Schutzmasken: „Wir haben uns daran gewöhnt, aber für den Koch ist es schwer.“ (Katharina Völker)
3) Rüdiger’s (Motzstraße 63), 100 qm, 60 Gästeplätze, mit Auflagen 18. Lohnt sich’s? „Jeder Euro zählt!“ Masken: „Sehr unpersönlich, nicht angenehm zum Arbeiten, aber wenn es dem Schutz der Gäste dient: natürlich, ich werde alles tun, um die Auflagen zu erfüllen.“ (Daniel Rüdiger)
„Staatssekretärin will Schulen als Gerichtssaal nutzen“ ist kein im Faxgerät steckengebliebener Aprilscherz der Justizverwaltung, sondern eine echte Meldung („B.Z.“) – und als Vorschlag „völlig irre“ (SPD-MdA Sven Kohlmeier). Bildungssenatorin Sandra Scheeres teilt dazu mit: „Wir benötigen Schulen für ihren eigenen Zweck“. Und das ist im Land Berlin noch immer: Sanierung.
„Berlin hat alles richtig gemacht“, titelt der „Spiegel“ – gemeint ist aber nur (immerhin) eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts zur Schulschließung und -wiedereröffnung.
Auch in die Freibäder können die Gerichte übrigens nicht ausweichen – die machen am 25. Mai wieder auf, und dort gibt’s dann nur einen, der Recht spricht: der Bademeister („Paule heißt er“).
Der Senat bekommt gerade mehr Post denn je – diesmal war ein Schreiben von Beatrice Kramm dabei: Die IHK-Präsidentin legte „Vier Bausteine zur Revitalisierung der Berliner Wirtschaft“ vor. Auszüge:
- Kramm rechnet mit einem Rückgang des Berliner Wirtschaftswachstums von 10 bis 12 Prozent.
- „Die Grenze von der wirtschaftlichen Krise zu einer echten Katastrophe ist schon jetzt fließend.“
- „Ziel muss ein Gleichgewicht der Systeme sein“ (Gesundheit, Gesellschaft, Soziales, Wirtschaft).
- Die IHK fordert ein „Zuschusssystem, das die Unternehmer aus ihrer Rolle als Bittsteller entlässt.“
- Der Senat soll „Öffnungszeiten, Vergabekriterien und Verwaltungsverfahren lockern.“
- Bei Neueinstellungen müssten den Unternehmen temporär die Beiträge zur Sozialversicherung erlassen werden.
- Imbisse und Pop-up Gastronomen könnten automatisierte Sondernutzungserlaubnis bekommen und Pkw-Parkplätze temporär nutzen dürfen.
- Die Politik soll auf „Stimulierungsanreize wie Erlebnisgutscheine“ setzen.
Wechsel an der Spitze des Kammergerichts: Die Stelle der Vizepräsidentin ist ausgeschrieben – die bisherige Amtsinhaberin Andrea Diekmann wechselt nach CP-Informationen als Präsidentin zum Landgericht Frankfurt/Oder. Diekmann war seit 2016 Vizepräsidentin des Kammergerichts, Präsident Bernd Pickel ist seit 2015 im Amt. Am Kammergericht arbeiten 157 Richterinnen und Richter, 2125 sonstige MitarbeiterInnen sowie Referendare und Auszubildende. Der Präsident hat auch die Dienstaufsicht über die übrigen Gerichte der Berliner ordentlichen Gerichtsbarkeit. Die Stelle des Landgerichtspräsidenten in Frankfurt/Oder ist seit einiger Zeit vakant. Diekmann war auch Mitglied der von Justizsenator Dirk Behrendt bestellten Auswahlkommission, die Margarete Koppers als Generalstaatsanwältin vorschlug.
Nach seinem Ausrutscher am 2. Mai hat Michael Müller beim nächsten Ausflug aufs diplomatische Parkett elegant die Kurve gekriegt: Zur Kranzniederlegung am sowjetischen Ehrenmal in Tiergarten lud er den russischen und den ukrainischen Botschafter nicht zusammen ein, sondern hintereinander. Die Geste kam an – und Kiews Gesandter Andrij Melnyk kam diesmal auch.
Ach herrje, jetzt geht auch noch der Berliner Literatur die Perspektive flöten – jedenfalls hat sich der Verein „perspektive literatur berlin“ aufgelöst (AZ VR 24381 B). Ob’s an der mangelnden orthographie, pardon: an der mangelnden Orthographie lag?
Durchgecheckt
Matthias Rohde, Frontmann der Berliner Indie-Pop-Band „Von Wegen Lisbeth“ (Foto: Kitty Kleist-Heinrich)
Wie macht man aus Berlin Musik? Am liebsten singen „Von Wegen Lisbeth“ über den ganz normalen Alltag. Übers Bahnfahren, Döneressen und Verliebtsein. Jetzt ist der Alltag coronabedingt ziemlich anders – und das Leben von Frontmann Matthias Rohde ist es auch. Statt auf der Bühne hat ihn Kollegin Ann-Kathrin Hipp für die dritte Folge unseres Checkpoint-Podcasts „Eine Runde Berlin“ auf den Zuschauerrängen der Columbiahalle getroffen. Auszüge aus dem einstündigen Interview lesen Sie hier – die ganze Folge gibt’s auf Tagesspiegel.de, Spotify und Apple Podcasts.
Eigentlich wärt ihr grade auf Tour. Was ist die Corona-Alternative?
Ich bin viel alleine im Studio und mache neue Mucke. Sonst sieht mein Corona-Alltag glaube ich so aus wie von jedem. Ich habe einmal das komplette Internet durchgeguckt. Ich gucke sehr gerne YouTube-Tierkampf-Videos. Die werden mir einfach so random vorgeschlagen: ‚Epic Angry Lion vs. Giant Killer Snake‘ zum Beispiel. Sowas ist total geil.
Deine Songtextline für die aktuelle Situation?
Ich sitze zu Hause und denke mir Sudokus aus.
Kurz und schnell: Lieber alleine mit einer Zigarette oder lieber allein mit einem anderen Menschen?
Allein mit einer Zigarette.
Berghain oder Teufelsberg?
Berghain.
30 Segways oder 1 Ferrari?
Ein Ferrari.
Lankwitz oder Britz?
Lankwitz. Ich bin da aufgewachsen und hier haben wir unsere Band gegründet. Die Legende besagt, dass der Sportunterricht von Herrn Marquardt ausgefallen ist und wir zu Julian gefahren sind, weil uns langweilig war. Im Keller standen ein alter Drumcomputer und eine selbstgebastelte E-Gitarre von seinem Onkel und dann haben wir unseren ersten Song geschrieben. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es der allererste oder der zweite Song war, aber da haben wir einfach Fahrradschaltungskettennamen aneinandergereiht. Damals haben wir das noch auf Mini-Disc aufgenommen.
Du schreibst vor allem über Berlins Alltag.
Meine große Sorge ist manchmal, dass sich meine Texte lesen, wie ein Berlin-Reiseführer, der bei der Landung von Easyjet verteilt wird.
Tendenziell sind deine Texte eher links. Was hat dich politisiert?
Meine ältere Schwester. Die war bei Greenpeace aktiv und ich wurde dann immer auf Demos mitgeschleppt, als ich noch gar nicht wusste, worum es geht. Ich wurde dann als Wal oder bei einer Demo gegen Legebatterien als Hühnchen verkleidet und saß den ganzen Tag in einem Käfigkarton rum. Ich war da vielleicht sechs Jahre alt, habe nicht verstanden, worum es geht, aber gemerkt, dass man sowas wie Demonstrationen machen kann.
Und heute?
Was auf dem Album viel vorkommt und uns als Band sehr beschäftigt, ist Gentrifizierung. Man kommt ja gar nicht dran vorbei. Ich wohne in Neukölln am Hermannplatz. Da ist es akut. Die Fälle sind eigentlich immer die gleichen. Leute werden aus ihrer Wohnung geschmissen, weil irgendjemand fett abcashen will und sich Eigentumswohnungen kauft. Das verändert den Berliner Alltag krass, weil viele kleine Kultureinrichtungen und Clubs bedroht sind und Sachen, die halb illegal in irgendeiner Fabrik stattfinden, nicht mehr passieren, weil Leute sich daraus schicke Airbnbs bauen. Da fällt ein riesiger Teil von dem weg, was Berlin so attraktiv macht.
Wenn du für einen Tag Regierender in Berlin wärst und drei Dinge erlassen dürftest…
…würde ich alle Flüchtlinge aus Lesbos aufnehmen. Ich würde verbieten, dass Leute Wohnungen als Kapitalanlage kaufen dürfen. Und ich würde erlassen, dass man Döner wirklich nur noch mit drei Soßen verkaufen darf. So fancy Curry-Dill-Quatsch gehört verboten.
Mehr vom Podcast? Jetzt reinhören.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Wenn man etwas nicht weiß, ist das eben so, bei Bedarf kann man es ja ändern. Aber je mehr man weiß, das wusste schon Sokrates, desto weniger meint man zu wissen – das ist nur scheinbar paradox. Nietzsche knüpft daran an, wenn er schreibt, dass wir keiner Zeit so verständnislos gegenüberstehen, wie unserer Gegenwart. Und zwar gerade weil wir so viel über sie wissen. Wenn einem die Vergangenheit einfacher erscheint, dann also wegen eines Wissensdefizits. Dabei muss man nur mal an die Geschichten unserer Mütter denken. Wer die Möglichkeit hat, kann sich schon heute einige Fragen zur Komplexität des Lebens von anno dazumal überlegen und sie morgen stellen, Sonntag ist schließlich Muttertag. Und weil das Erinnern besonders gut durch Düfte angeregt wird, finden Sie hier einige Ideen zur Inszenierung von Blumen, hier einen ausgezeichneten Floristen und hier den vielleicht letzten Blumenversand, der für morgen noch freie Kapazitäten hat, wenn man heute bestellt.
Samstagmittag – Apropos Nichtwissen: Während ein gewisser investigativer Koch aus Kreuzberg die geheimen Zusammenhänge hinter der „Coronaverschwörung“, ähm..., aufdeckt, macht in Neukölln das grandiose Palsta, Restaurant und Weinbar, nach kaum zwei Jahren dicht. Zufall? Bis vor wenigen Tagen konnte man sich hier noch komplette Brunch-Gedecke für zu Hause oder das Tempelhofer Feld abholen. Wer das auch in Zukunft ähnlich handhaben möchte, dem seien die Flammkuchen von Mama Kalo, Herrfurthstraße 23, ans Herz gelegt, die es auch in einer handlich fürs Feld geschrumpften Version zu 5 Euro gibt.
Samstagabend – The show must zwar go on, aber nicht um jeden Preis. Brian May, Gitarrist der Band Queen, hat sich gerade über den zu lockeren Umgang der englischen Regierung mit der Pandemie empört und gegen die baldige Aufnahme des Showbetriebs ausgesprochen. Auch für das Theatertreffen gilt der Grundsatz Weitermachen, vernünftiger Weise aber im Live-Stream. Heute beginnt um 18 Uhr das Finale des einwöchigen Programms, samt Bilanzierung und Zukunftsprognosen zur transformierenden Rolle der Kultur in der Gesellschaft mit Thomas Oberender und Ibou Coulibaly Diop, sowie abschließendem Jurygespräch. Wer lieber nur den Blick in die Zukunft werfen mag, oder als nGbK-Mitglied über sie abstimmen, findet auf der Homepage des Kunstvereins alle Projektanträge für 2021, über die an diesem Wochenende entschieden wird. Nachzuvollziehen ist dabei auch die Korrespondenz zwischen Jury und Antragstellern – also ein kleiner Blick hinter die Kulissen des Kunstdiskurses.
Wer den Sonntagmorgen mit ausgiebigem Frühstück zu Hause verbringen und trotzdem was von der Welt mitbekommen will, kann sich der Online-Führung durch den Kiez um die kulinarisch anregende Markthalle 9 anschließen. Versprochen werden nicht nur Einblicke in das Leben von Kiezbewohnern und die Geschichte der Nachbarschaft, sondern auch Bauvorhaben, die angeblich noch länger brauchen als der BER.
Sonntagmittag – Da die gefühlte Dringlichkeit des Lockdowns sich hier und da schon abzunutzen scheint, hier die Erinnerung daran, die Ausbreitung in Schach zu halten. Am besten mit Fernschach – für Romantiker in der klassischen Variante per Postkarte oder Fax, oder über ein Online-Portal wie chess.com, bei dem man nach der Registrierung sofort loslegen kann. Anfangs kann man sich wahlweise auch am Computergegner die Hörner abstoßen, während zahlreiche Lektionen dabei helfen, besser zu werden. Übrigens kann ein Schachbrett in Sachen Corona noch mehr. Zum Beispiel exponentielles Wachstum anschaulich machen. Man lege dazu auf das erste Feld ein Reiskorn, auf das nächste zwei, auf das übernächste vier und verdopple immer weiter, bis alle 64 Felder belegt sind. Nun zähle man die Reiskörner. Oder hatten Sie für die kommenden Jahrzehnte schon anderes vor?
Sonntagabend – Nach acht Wochen täglicher Stream-Konzerte hat der Pianist Igor Levit nun damit aufgehört. Und weil das so traurig ist und wir uns unseren Gefühlen stellen wollen, strömt (oder „streamt“, falls Sie das bevorzugen) der noch nicht sonderlich bekannte Berliner Dandy Deniz ab 20 Uhr seinen, wie er selbst sagt, „sad aber sexy“ Indie-Synthi-Pop live über Youtube in alle Welt.
Mein Wochenende mit
Katharine Mehrling ist Sängerin und Schauspielerin, die von Jazz bis Chanson alles singen kann und in der Coronazeit eine ziemlich gute, vegane Köchin geworden ist. (Foto: Yan Revazov)
„Eigentlich hätte ich an diesem Wochenende mit meinen acht Musikern auf der Bühne im Tipi am Kanzleramt gestanden. Insgesamt 14 Konzerte waren im Mai geplant, im Herbst versuchen wir zumindest drei Konzerte nachzuholen. Mein Herzblut und meine Kreativität versuche ich nun in andere Projekte fließen zu lassen. Am Sonntag gehe ich ins Studio, um Lieder für ein neues Album aufzunehmen. Außerdem bin ich gerade dabei, mein eigenes Label zu gründen: MEHRlingMUSIK. Zur Zeit höre ich viel Musik und alles durcheinander. Passend: „I will survive“ von Gloria Gaynor. Laut aufdrehen und dazu in der Wohnung tanzen. Tut gut. Lieder von Rio Reiser, Georg Kreisler und viel Jazz. Beim Ausmisten habe ich alte Aufnahmen gefunden von Liedern, die ich vor vielen Jahren geschrieben habe. Lustig und rührend zugleich. Zur Inspiration schau ich gern Arte: Portraits über Leonhard Cohen oder Francoise Hardy. Tanztheater, alte Filme – großartig! „Berlin 1945“, ein Film von Volker Heise, ist ein beeindruckendes Zeitdokument, für das man sich ein paar Stunden Zeit nehmen sollte, auch um die Bilder und die originalen Filmausschnitte, die zu unserer Geschichte gehören, zu verarbeiten. Mein kleines Konzert mit Barrie Kosky mit der wundervollen Musik von Kurt Weill in der leeren Komischen Oper ist noch bis zum 15. Mai online zu sehen. Ich freu mich auf den Tag, an dem wir die Kultur wieder leben und feiern können – und das mehr denn je.“
Leseempfehlungen
Schon im August 2019 hat Krautreporter-Kolumnistin Susan Mücke diese lesenswerte Anleitung zum Umgang mit Freunden verfasst, die an Verschwörungstheorien glauben. Auch der Titel „Die Erfindung von Paris“ könnte den unbedarften Leser auf die falsche Spur führen. Das Buch von Eric Hazan bezweifelt allerdings nicht die Existenz der Stadt, sondern zeichnet ihre Geschichte mit feiner Feder und reich an Assoziationen nach, lehrt dabei vieles und setzt immerhin den imaginären Reisekoffer in Bewegung. Vorteil: Der geht nicht nur nie am Flughafen verloren, sondern ist auch deutlich leichter als sein Plastik-Pendant – ganz federleicht sind die 400 Seiten im Hardcover allerdings auch nicht. Die neue Ausgabe (Matthes & Seitz, 38 Euro) ist zudem mit zahlreichen Fotografien versehen.
Wochenrätsel
Seit Montag schäumen und schneiden Berlins Friseure wieder die Haarpracht der Hauptstadt. Wenn sich 1,8 der insgesamt 3,769 Millionen Einwohner*innen Berlins nach 43 Tagen Lockdown zum Friseur begeben haben und dabei nach einem täglichem Wachstum von 0,3 Millimetern und durchschnittlich 121.000 Haaren auf dem Kopf eine zugewachsene Länge von 1.561 Metern à 40 Gramm verloren - wie viel Frisur bedeckte dann am Montagabend den Boden der städtischen Coiffeure?
a) 68.000 Kilogramm
b) 72 Tonnen
c) Euren Mathe-Kenntnissen traue ich nicht über den Weg...
Encore
Da wir in Zeiten loser Zusammenhänge leben: Der schon erwähnte Queen-Gitarrist Brian May hat sich bei der Gartenarbeit den Musculus gluteus maximus gezerrt, den größten Gesäßmuskel, dessen Funktion zum Beispiel für den aufrechten Gang unabdingbar ist. Und das ziemlich genau zur selben Zeit, als er Boris Johnsons Krisenpolitik und das englische Gesundheitssystem auf Instagram kritisierte. Die Folgen: Ein Krankenhausaufenthalt (!), nach dem er nun laut Guardian weder stehen oder gehen, noch (ohne Schmerzmittel) schlafen und schon gar nicht weitere kritische Beobachtungen übers Netz teilen kann. Das Ziehen fantasievoller Schlüsse überlassen wir jetzt Ihnen…
… und wünschen das mit Abstand beste Wochenende.