Ein Wochenende der Möglichkeiten
Samtagmorgen – Wer derzeit in den Veranstaltungskalendern Berlins stöbert, kommt am Begriff des Vorglühens kaum vorbei – fast könnte man meinen, die Glühweinvorräte der Stadt verheißten einen heißen Winter. Was allerdings gleichzeitig wieder bedrohlich glüht, ist der Inzidenz-Ticker. Große Veranstaltungen sind besser zu meiden, empfiehlt aktuell das RKI – Veranstalter planen die kommende Zeit daher mit Vorsicht; Veranstaltungskalender sind „offene Baustellen“. Komische Metapher, zugegeben, aber irgendwie muss ja die Überleitung zum eigentlichen Thema klappen: Am Bahnhof Südkreuz in Tempelhof-Schöneberg entsteht nämlich ein „generationsübergreifendes, interkulturelles und gemeinschaftliches Wohnprojekt“, initiiert von der Schwulenberatung Berlin. Und dieses hat heute eben Tag der offenen Baustelle: Von 11 bis 15 Uhr gibt es Führungen durch die nicht barrerefreie Baustelle mit heißem Tee, Kaffee und Kuchen (je 50 Cent).
Samstagmittag – Leerer, noch unbelebter Räume hat sich auch die aus Portugal stammende Künstlerin Cristina Ferreira-Szwarc angenommen. Die letzten acht Jahre verbrachte sie in Polen, wo sie eine bestimmte Art des Gemeinschaftsraums kennengelernt hat: Die „Świetlica“ ist ein Multifunktionsraum von flüchtiger Identität, die Ferreira-Szwarc in Fotografien festgehalten hat. Basal möbliert und offensichtlich für Menschen gemacht, aber ohne Menschen im Bild, stellen sie pure Potenzialität für Gemeinschaftlichkeit dar. Darüber nachdenken, was Raum als Bedingung fürs Leben eigentlich bedeutet, muss man heute nicht alleine: Die Finissage im KVOST (Leipziger Straße 47, Eingang Jerusalemer Straße) wird mit einer Performance von Agnes Kucharska & Alexis Zielińska sowie einem Konzert von Kirstine Elisa Kjeldsen begangen.
Samstagabend – Ebenfalls pures Potenzial ist bekanntlich die leere Seite Papier – von offenen Baustellen, kulturellen Räumen mit den absurdesten Gemeinschaftsaktivitäten bis hin zu Käseplaneten und interstellaren Reisen – auf dem Papier können ganze Welten entstehen. Auch im Haus des Papiers geht es um die Möglichkeiten des geduldigsten aller Medien. Und zwar, da bekanntlich das Medium die Botschaft selbst ist, nicht um Literatur, sondern um das skulpturale Arbeiten mit Papier. Die Hamburger Zeichnerin, Bildhauerin und Druckgrafikerin Jana Schumacher spricht um 18 Uhr beim Artist Talk mit ihrem Partner Drew Matott über die Kunst des Papierschöpfens und stellt das „Peace Paper Project“ vor, eine internationale Community-Arts-Initiative, die traditionelle Papierherstellung als Vehikel für soziales Engagement und gemeinschaftlichen Aktivismus einsetzt. 18 Uhr in der Seydelstraße 30, Eintritt: 15/ erm. 8,50 Euro.
Sonntagmorgen – Apropos Potenzialität: Erste Voraussetzung für uns, überhaupt irgendein Mögliches in ein Aktuelles zu überführen, ist der Körper. Als „Wunderwerk raffinierter Systeme, die auf Gleichgewicht, Heilung und Verbindung ausgerichtet sind“, soll er in der Rotunde des Alten Museums neu erfahren werden. Und das mithilfe des Neurowissenschaftlers und Autors Tobias Esch, der Asienwissenschaftlerin Mona Schrempf, des Sheng-Virtuosen Wu Wei und des Multiinstrumentalisten Niko Meinhold. Ab 11 Uhr, Eintritt 18/ erm. 10 Euro (inkl. Eintritt ins Alte Museum).
Sonntagmittag – Bei so viel Möglichkeit kommt verständlicher Weise Unrast auf: So heißt einer der wichtigsten Romane der polnischen Literatur-Noblepreisträgerin Olga Tokarczuk. Und ebenso heißt nun das deutsch-polnische Literaturforum Berlin. Die Unrast beginnt heute um 17 Uhr im Maschinenhaus der Kulturbrauerei (Knaackstr. 97) – und mit ihr fünf Tage der Auseinandersetzung mit polnischer Exilliteratur, Übersetzungsfragen und der Berliner Perspektive auf das nahe Nachbarland im Osten (5 Euro).
Sonntagabend – Dass das leere Blatt Papier nicht unbedingt Literatur werden muss, haben wir ja bereits festgestellt. Beim Wiener Komponisten Werner Dafeldecker versetzt das wenige bisschen Graphit, das er aufs Papier setzt, ganze Räume in Schwingung. Mit zweien seiner Kompositionen für kleine Besetzungen klingt das Wochehendeende aus – der Komponist selbst ist dabei am Kontrabass zu bewundern. 19 Uhr im Liebig12 (Liebigstraße 12).