Vom Sammeln und Träumen zu unerwartetem Besuch und Kaffeeklatsch
Samstagmorgen – Sophie Kindermann sammelt Träume. Seit einer Weile befragt die Künstlerin ihre Mitmenschen zu Träumen, das heißt: zu tatsächlich im Schlaf geträumten Träumen, nicht Wunschfantasien, obwohl das eine mit dem anderen schon mal wechselwirken kann. Man kennt es ja, eben steht man noch im Wohnzimmer, dann geht man durch die Tür und reitet plötzlich, als wäre es das Selbstverständlichste, Wellen auf einem Surfbrett in der Karibik und irgendwie ist jetzt auch die eine Jugendfreundin dabei, die wie ein Delphin nebenher schwimmt. Normal, nach dem Aufwachen hat man es gleich wieder vergessen. An manche Träume erinnert man sich aber über Jahre, und eben diesen Erzählungen hat Kindermann in der Schaufensterinstallation „und ähm dann…“ am Metropolenhaus, Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz 7/8 (U-Bhf Kochstraße), etwas Wirklichkeit geschenkt. Kunst oder Kitsch? Lebensnaher Einstieg in die Viele-Welten-Theorie oder ultimative postfaktische Wirklichkeitsflucht?
Samstagmittag – Einer der größten Lockdown-Sammeltrends dürfte das Sammeln von Rezepten sein. Ebenfalls wachsender Beliebtheit erfreuen sich die polnischen Teigtaschen Pierogi, die es in Berlin mittlerweile in jedem kosmopolitisch wohlsortierten Bezirk per Lieferdienst gibt. Wer sich selbst einmal kochend an ihnen versuchen möchte, hat um 16 Uhr Gelegenheit. Das Warschauer Team von Eat Polska bietet regelmäßig Online-Pierogi-Kochkurse, bei denen nebenbei noch eine ganze Menge polnischer Esskultur mitvermittelt wird. ~19 Euro, wechselkursabhängig
Samstagabend – Selten hat der Traum vom Sammeln schwerer wiegende Ausmaße angenommen als im kalifornischen Goldrausch im 19. Jahrhundert. Die Entdeckung eines Goldnuggets in der Privatkolonie des Schweizers Johann August Sutter nördlich von San Francisco veranlasste zehntausende Träumer und Sammler zur Reise eben dahin. Was romantisch klingt – und in der Literatur auch gerne verklärt wird – hatte das Ende der indigenen Kultur zur Folge und den Beginn von Ausbeutung und Kahlschlag im Namen des Freiheitsbegriffs eines vollkommen entfesselten Marktes. Regisseur und Autor Alexander Eisenach fragt in seinem Stück Der Kaiser von Kalifornien nach dem darin angelegten Zusammenhang von Aufbruch und Abschied, Hoffnung und Not, sowie der Aktualität dieser Geschichte. Volksbühne digital, ab 19 Uhr für 24 Stunden verfügbar, Tickets 8/5 Euro
Sonntagmorgen – Kilometersammeln war noch nie leichter: Netzquellen behaupten, dass unsere Finger im Schnitt etwa 15 Kilometer im Jahr über Bildschirme scrollen, Computermäuse gar um die 70 Kilometer zurücklegen. Auch wenn sich die Quellen mit Belegen zurückhalten, ist zu erwarten, dass die tatsächlichen Werte dieses Jahr ansteigen – und zwar nicht nur wegen des Lockdowns. Die Stadt-Touren von Art:Berlin sollen in den nächsten Tagen online gehen. Dabei soll ein gesprächsfreudiger Guide mit Live-Kamera durch die Sehenswürdigkeiten wandern, Bild und Ton per Konferenzschaltung zu den Tourteilnehmer:innen nach Hause streamen. Wann genau das Angebot online geht, ist noch nicht klar. Bis dahin erfreuen sich Kunstaffine an Googles Arts and Culture oder dem virtuellen Bode Museum. Um Muskelkater vorzubeugen, denken Sie bitte an Finger-Dehnübungen vor der Bildschirmwanderung.
Sonntagmittag – Richtig gut im Sammeln sind übrigens Museen. Und das für Naturkunde veranstaltet von 14 bis 16 Uhr einen digitalen Kaffeeklatsch, bei dem Spiegelneuronen gesammelt werden. Das sind die Nervenzellen, die dafür zuständig sind, dass wir etwa Schmerz empfinden, wenn wir anderen bei schmerzhaften Tätigkeiten zuschauen. Mit anderen Worten: Es geht um Mitgefühl, Empathie, die neuronale Seite des Kleisters, der die Welt zusammenhält. Und selbstverständlich um Kaffee. Und Klatsch.
Sonntagabend – Wer an diesem Wochenende seine Eingangstür von innen anstarrt und sich wehmütig daran erinnert, wie es war, Besuch zu empfangen, muss nicht verzagen. Mit Gregory Caers' Pythonparfum und Pralinen aus Pirgendwo schickt uns das Theater an der Parkaue gleich ein ganzes Ensemble kuriosester Persönlichkeiten ins Haus, die ganze Welten im Gepäck mitbringen. Per Livestream, versteht sich. Wer über einen Beamer verfügt, richte dessen Linse einfach auf besagte Eingangstür und stürze sich ins Geschehen. Kurios, kostenlos und kindertauglich ist das Ganze auch noch, sowie das ganze Wochenende über bis Sonntag um 24 Uhr verfügbar.