Dem städtischen Treiben entfliehen - auf dem Rad, in der Unterwelt und im Körnerpark
Der Sommer ist Festivalzeit, aber die gibt es dieses Jahr nur im Stream. Umso größer ist der Drang im Alltag kurz rauszukommen. Wir haben die passenden Ideen. Von Thomas Wochnik
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Samstagmorgen – Wer gegen den eigenen Willen allzu früh aus dem Schaf gerissen wird, kennt den Tunnelblick, der sich dann einstellt. Zelebrieren kann man den heute bereits um 9.30 Uhr bei der Führung (22,50 Euro) durch den Eisacktunnel/ Eisachtunnel und den Bahnhof Innsbrucker Platz, der einige Besonderheiten wie einen vergessenen Anschlusstunnel aufweist, dessen Kenntnis wiederum den Berliner Unterwelten-Horizont weitet. Bei allem Tunnelblick. Ausgezeichneten Kaffee dazu, davor oder danach gibt es ab 7 Uhr im Café de Enrico, Fritz-Reuter-Straße 13.
Samstagmittag – Raus aus Unterwelt und Tunnelblick: Für Sichtbarkeit in den Straßen steht der CSD. Wie so vieles, ist auch der dieses Jahr gezwungenermaßen eine Online-Veranstaltung. Allerdings mit einem subversiven Schlupfloch: Statt geschlossen im Umzug einen gemeinsamen Weg zu beschreiten, was mit den Abstandsregeln kaum möglich wäre, soll das queere Leben den öffentlichen Raum (nicht nur, aber insbesondere) heute allerorten bunt färben – das „S“ in „CSD“ steht schließlich für „Street“. Vorteil: Das lässt sich leicht mit allen erdenklichen Aktivitäten kombinieren. So spräche nichts dagegen, in entsprechend farbenfroher Aufmachung dem Gesangs-Preisträgerkonzert im Schloss Rheinsberg beizuwohnen, bei dem Sara Gouzy und Daniel Nicholson ab 17.30 Uhr Schumann, Schubert und Canteloube vortragen. Der Komponistin Clara Wieck, die Robert Schumann 1840 ehelichte, soll der Bräutigam zur Hochzeit übrigens ausgerechnet ein Kochbuch geschenkt haben, was schon damals eine Ansage war.
Samstagabend – Mehr um Hör- als Sichtbarkeit geht es in den stimmakrobatischen Multimedia-Shows von Ute Wassermann. Der bildende Künstler Mazen Kerbaj lädt im Rahmen seiner Ausstellung in der IFA-Galerie verschiedene Künstler:innen ein, eigene Performanzen darzubieten und je einen Überraschungsgast mitzubringen, der erst am Abend bekannt gegeben wird. Das macht dann drei im Bunde in der französischen Buchhandlung Zadig, Gipsstraße 12 in Mitte, 19 Uhr. Anmeldung per E-Mail an Galerie-Berlin@ifa.de.
Sonntagmorgen – Von den Dreien zum Pseudo-Triathlon: Sport am Morgen ist gesund, wie man weiß. Aber dass man beim Fahrradladen und Flüchtlingshelfer-Kollektiv „Rückenwind“ am liebsten eben mit Rückenwind fährt, ist ein versprechen für Quality Time. Um 11 Uhr starten die Schrauber:innen eine 60 Kilometer lange Radrunde, vom Laden in der Lenaustraße 3, Neukölln, zur Müggelspree und zurück. Nasses Highlight ist der Zwischenhalt mit Badepause im Müggelsee auf halber Strecke. Radfahren, Schwimmen – fehlt zum Triathlon nur noch das Laufen. Zum Beispiel vom Rad ins Wasser.
Sonntagmittag – Was für ein Festivalsommer! …das doch hätte werden können. Immerhin erspart man sich bei Onlinefestivals die lästige Anreise, kann bei Bedarf früher „gehen“ und kommt in aller Regel auch günstiger weg. Nein, der Ersatz bleibt nur Kompromiss. Wer aber will, dass in Zukunft wieder echte Festivals stattfinden, kann heute dazu beitragen, dass Veranstalter:innen und Künstler:innen in der Zwischenzeit nicht allesamt ihre Berufe aufgeben und umlernen. 27 Acts zählt das Programmheft des Festivals Unitedwestream, das seit Freitag Konzerte aus dem Void-Club, Monopol, Botanischen Garten, Museum X und dem Flughafen Tempelhof überträgt. Weiterführende Links, Soli-Tickets und Spendenoptionen auf der Homepage.
Sonntagabend – Die Stadt verlassen ohne die Stadt zu verlassen ist die Kernattraktivität des Neuköllner Körnerparks. In einer von Verkehrslärm und Stadttreiben entrückten ehemaligen Kiesgrube schafft die neobarocke Grünanlage mit Springbrunnen ein für Passanten überraschendes Wohlfühlresort. Und eine Galerie gibt es auch: Die zeigt von 10 bis 20 Uhr die Gruppenausstellung „Fragile Times“, in der mit künstlerischen Mitteln der Zerbrechlichkeit klimatischer Gleichgewichte und der Rolle des Menschen in ihnen nachgespürt wird. Das dazugehörige Café bietet unter anderem Kaffee, Kuchen, Aperol Spritz und mit etwas Glück die letzten Sonnenstrahlen zum Wochenendeende.