Nachdem Staatssekretär Frank Nägele Mitte der Woche in der „Abendschau“ nicht wirklich erklären konnte, warum die Zustände an den Berliner Bürgerämtern so desaströs sind, wie sie sind (anders als etwa in Hamburg oder München), scheiterte gestern Staatssekretärin Sabine Smentek ebenfalls in der „Abendschau“ an einer nachvollziehbaren Erklärung dafür, warum die Zustände an den Berliner Kfz-Zulassungsstellen so desaströs sind, wie sie sind (anders als etwa in Hamburg oder München). Es hat angeblich irgendetwas mit Personal und Digitalisierung zu tun, und natürlich mit Corona (anders als etwa in Hamburg oder München, wo von einer Pandemie anscheinend noch niemand etwas gehört hat) – aber offenbar nichts mit der Politik.
So schön wie die Meldungen für unsere Rubrik „Amt, aber glücklich“ auch jedes Mal sind (heute wieder im „Telegramm“), sie zeigen exemplarisch, worauf die Politik bei der Verwaltung baut: auf den Zufall und die Hoffnung – und auf das Glück, zum Teil hoch motivierte Angestellte zu haben, die sich oft flexibler zeigen als diejenigen, die sie mäßig bezahlen, aber übermäßig fordern. Und das technisch gefühlt auf dem Stand der Zeit, als die Leute auf ihren ersten Handys das Computerspiel „Snake“ entdeckten. Auch da frisst der Organismus so viel in sich rein, bis er sich am Ende nicht mehr bewegen kann.
Dabei hatte selten zuvor ein Senat finanziell und organisatorisch so viel Bewegungsspielraum wie dieser; und selten zuvor versprach ein Senat zum Start mehr Verbesserungen. Doch gegen Ende des vierten Jahres der Regentschaft von Rot-Rot-Grün fühlen sich in Berlin viele zurückgeworfen auf den Stand des Jahres 2016, als auch nicht viel ging. Und während die Leute weiter Stunden damit zubringen, sich um einen der raren Termine zu balgen, beschäftigen die beiden Haushaltsexperten der Grünen die Finanzstaatssekretärin mit der Frage, „inwiefern (…) bei der Gestaltung der ‚Afrikalandschaft‘ (im Tierpark) kulturwissenschaftliche und kolonialgeschichtliche Erkenntnisse über die Wirkung und Folgen von exotisierenden Bild- und Landschaftssprachen Berücksichtigung gefunden“ haben (DS 18 / 23 919).
Ja, Dekolonialisierung ist ein wichtiges Thema. Aber immer drängender wird die Frage, ob die Koalition die richtigen Prioritäten setzt - und ob sie ihre Prioritäten auch richtig umsetzt. Die Zweifel wachsen.
Zu immer neuen Tricks greift die „berlinovo“ (Aufsichtsratsvorsitzender: Finanzsenator Matthias Kollatz): Nachdem wir im Checkpoint aufgespießt hatten, dass die landeseigene Wohnungswuchergesellschaft ihre mit Billigmöbeln gepimpten Apartments trotz Mietendeckels immer noch zu Mieten von bis zu 30 Euro pro qm feilbietet (CP vom 27.5.), verbunden mit dem „Disclaimer“, dass bis zu einer Entscheidung des Verfassungsgerichts nur der gesetzeskonforme Preis eingetrieben, eine Nachforderung in voller Höhe aber vorbehalten bleibt, fehlt jetzt die eigentliche „Vertragsmiete“ in den Anzeigen ganz – genannt wird nur die „Mietendeckelmiete“. Geblieben ist der „Disclaimer“ („… wird daher empfohlen, angemessene Rücklagen zu bilden“). Den echten (alten) Preis erfährt nur, wer sich als ernsthafter Interessent erweist – und bereit ist, die diversen Leistungen dazu zubuchen: Bei einem Plattenbauangebot in Lichtenberg sind das z.B. monatlich plus 148,75 Euro für einen „Reinigungsservice“ und 208,25 Euro für einen „Wäscheservice“.
Wenn der Senat so überzeugt ist von seinem Mietendeckel („unverzichtbar“, „angemessen“, „ausgewogen“, „notwendig“), warum sorgt er dann nicht dafür, dass sich die landeseigenen Unternehmen daran freiwillig halten – unabhängig davon, was die Gerichte sagen? Stattdessen agiert Rot-Rot-Grün hier genauso wie die verpönten privaten Vermieter: Das Land lässt seine „berlinovo“ auf ein Scheitern des Mietendeckes vor Gericht setzen – und anschließend rückwirkend kassieren für Wohnungen, die dem regulären Markt mit dem Hebel des möblierten Wohnens auf Zeit entzogen werden (obwohl auch dieses Vermieterschlupfloch mit dem Deckelgesetz geschlossen werden sollte).
Warum das Land Berlin auch bei Gewerbeverträgen nicht netter agiert als private Vermieter, wollte jetzt Karin Schmidberger wissen – Anlass ist die Kündigung des beliebten Eisladens „tanne B.“ in der Marheineke-Halle durch die landeseigene Großmarkt GmbH. 23 Fragen hatte die Grünen-Abgeordnete dazu, die Lieblingsantwort von Wirtschaftsstaatssekretärin Barbro Dreher, die auch im Aufsichtsrat des Vermieter-Unternehmens sitzt: keine Antwort (… „aus Gründen des Datenschutzes“, Geschäftsgeheimnis“, „Betriebsgeheimnis“…).
Aber auf die letzte Frage gab es dann doch eine harte Information. „Wie bewertet der Senat die Tatsache, dass die komplett landeseigene Berliner Großmarkt GmbH Verträge mit ihren Mieter*innen schließt, in denen lediglich die gesetzliche Mindestkündigungsfrist eingeräumt wird und die BGM damit weit hinter den Zielen des Berliner Senats bleibt, der sich z.B. in Bundesratsinitiativen für ein neues, soziales Gewerbemietrecht einsetzt, das u.a. einen besseren Kündigungsschutz vorsieht?“ Na? Bitteschön, hier die Antwort: „Die BGM schließt Verträge mit den Mietenden grundsätzlich unbefristet und mit einer Kündigungsfrist von sechs Monaten zum Monatsende, sofern nicht andere Fristen einzelvertraglich ausgehandelt werden.“ Alles klar? „Grundsätzlich“ macht’s das Land also nicht anders als die Privaten, und das bedeutet: grundsätzlich nicht besser.
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„Dabei kann es sich doch eigentlich nur um einen Witz handeln, ansonsten wäre es ein Skandal“, schrieben die einen zu unserem Bild mit dem Engelbert-Lütke-Daldrup-Obelisken an der BER-Zufahrt (hier zu sehen), andere meinten: „Hey Leute, wenn ihr schon so eine Montage in Umlauf setzt, dann achtet doch darauf, dass sich die perspektivische Verzerrung auch in der Schrift wiederfindet.“ Aber am BER ist ja so vieles verzerrt, da lassen wir jetzt auch den Obelisken einfach mal so stehen.

Telegramm
Was machen eigentlich die Ermittlungen gegen Generalstaatsanwältin Margarete Koppers wegen der Schießstand-Affäre aus ihrer Zeit als Polizei-Vizepräsidentin? In der Justiz heißt es, sie laufen noch, und zwar gewissenhaft: „Die drehen jeden Stein um.“ Checkpoint-Prognose: Unter dem Pflaster liegt der Strand – die Sache verläuft im Sand.
Während im Tiergarten hunderte Lkw-Fahrer mit ihren Trucks für bessere Arbeitsbedingungen demonstrierten, demonstrierte in Kreuzberg (Katzbachstraße 5) ein Fahrer der Firma „Hoffmann Gerüstbau GmbH“ (OHV–HG7) seine politische Gesinnung: Er entstieg dem in Altdeutscher Schrift als „Führerhaus“ gekennzeichneten Zugwagen (Zusatz: „Fahrer spricht Deutsch“) und zeigte einem Passanten den Hitlergruß. CP-Analyse: Rad ab.
Zur angekündigten Folge von „Amt, aber glücklich“: Checkpoint-Leserin Michaele versuchte ultra-kurzfristig für den Mietwagen ihrer Schwester aus der Schweiz eine Besucherparkvignette zu bekommen – und hatte, trotz erster negativer Prognose unter der Nummer 115, im BA Wedding einen überraschenden Erfolg: Um 16:50 gefragt, für 17:24 einen Termin erhalten, mit dem Fahrrad hin gerast – und um 17:35 die Vignette in der Hand. „So schnell ging's wohl noch nie“ – na ja: eher selten.
Wer jemals zu Fuß in der Höhe Fuggerstraße die Martin-Luther-Straße überqueren musste, weiß, was Angst bedeutet: Trotz Tempo 30 ist das hier eine Rennstrecke. Und, wie wäre es mit einem Zebrastreifen? Geht nicht, sagt Staatssekretär Stefan Tidow – die Straße ist zu breit. Tja, logo: Weil die Straße so gefährlich ist, muss sie so gefährlich bleiben – da hätten wir selbst draufkommen können. Auch der originelle Vorschlag des FDP-Abgeordneten Henner Schmidt, hier zu Warnung regenbogenfarbene Streifen aufzupinseln, fiel durch, Begründung 1: „Da die StVO keine derartigen farblichen Markierungen vorsieht…“ Begründung 2: „… ist aus Verkehrssicherheitsgründen das Aufbringen einer solchen Markierung auf der Fahrbahn ausgeschlossen.“ Zur Nachfrage „Sicherheit für wen?“ kam es leider nicht mehr.
Wegen der Corona-Beschränkungen will der Senat Open-Air-Partys möglich machen und sucht dafür Flächen in ganz Berlin. Insbesondere Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) unterstützt das Anliegen der Clubcommission Berlin, die in der Coronakrise nach einer ökonomischen Perspektive für die Berliner Clubs sucht.
Die Bezirke (vor allem die in der Innenstadt) sind skeptisch („Nein“, sagt z.B. Monika Herrmann) - wegen des Lärms und der unvermeidlichen Schäden an den Grünflächen. Die Clubkommission hat eine Liste möglicher Standorte inkl. Kapazität erstellt. Hier ist sie (sortiert nach Bezirken):
Charlottenburg-Wilmersdorf: Volkspark Jungfernheide (250), Park am Schleußenkanal (250).
Neukölln: Südflanke Tempelhofer Feld (1000), Britzer Hafensteg (250), Rixdorfer Höhe (150).
Lichtenberg: Stadtpark Lichtenberg (250), Stadtplatz Wustrower Straße (1000), Nöldnerplatz (300), Tuchollaplatz (150).
Pankow: Vorplatz Zeiss Großplanetarium (350).
Mitte: Mathilde-Jacob-Platz (150), Napoleonkai (350), Flakturm Humboldthain (150).
Marzahn-Hellersdorf: Skatepark am Kienberg (150).
Treptow-Köpenick: Werkhalle am Spreepark (150), Unterhalb Südrampe Minna-Todenhagen-Brücke (350), An der Wuhlheide 1-2 (350).
Tempelhof-Schöneberg: BAB 100 „Trogdeckel“ nahe Teilestraße (150), Marienhöhe (200).
Spandau: Am Juliusturm 19 (1000).
Auf dem Wasser hat Spandau allerdings längst eine Open-End-Open-Air-Party – Anwohner („Es ist nicht mehr auszuhalten“) klagen vor allem über Techno-Hausboote, hat André Görke festgestellt – seinen Bericht finden Sie hier.
Die Liste der Clubcommission ist in den Bezirken bereits bekannt. Allerdings soll über die angedachten Partylocations mit den zuständigen Bezirksämtern teilweise erst in den kommenden Tagen diskutiert werden. Der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann (SPD), wollte die möglichen Open-Air-Partys in seinem Bezirk dann auch nicht kommentieren.
Offener zeigen sich die Bezirke im Osten der Stadt. So hatten die Bezirksbürgermeister von Pankow, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf sowie Kultursenator Klaus Lederer (alle von der Partei "Die Linke") bereits im Juni für Veranstaltungen im Freien geworben. Und Marzahn-Hellersdorfs Wirtschaftsstadträtin Nadja Zivkovic (CDU) hat unlängst sogar versucht, das Berghain in einen Park am östlichen Stadtrand zu locken.
Nein heißt Nein? Vor Gericht heißt „Nein“ zumeist „Allein“, „Klein“, „Pein“… Katja Füchsel hat für Tagesspiegel Plus die Geschichte einer jungen Frau recherchiert, die einen Mann wegen Vergewaltigung anzeigte – und vor Gericht schlimm scheiterte. Ein Berliner Rechtsanwalt zählt auf, was da oft falsch läuft bei Polizei und Justiz.
Tesla 1: Berlin bekommt ein Entwicklungszentrum des E-Autoherstellers – aber wohl doch nicht im Schöneberger Euref-Gasometer. Alfons Freese berichtet über einen großen Bluff.
Tesla 2: Grünheide wird noch größer – Thorsten Metzner beschreibt, wie Elon Musk jetzt auch mit Batterien eine ganze Region elektrifiziert.
Matthias Lilienthal kommt von den Münchner Kammerspielen zurück nach Berlin - und lästert erstmal ab: über Mitte, Kreuzberg, Neukölln… fehlt noch was? Ach, na klar: „Prenzlauer Berg ist total verschickimickisiert.“ Spätestens jetzt.
Die gnadenlose Umbenennungsorgie unter Rot-Rot-Grün hat ein neues Opfer gefunden: In Johannisthal musste jetzt die gefürchtete „Straße 207“ dran glauben (benannt nach der Zahl ihrer Schlaglöcher) – sie heißt künftig „Bohnenweg“ (und der Namensgeber hat hoffentlich nichts verbrochen).
Mail von Rainer E. Klemke (Ex-Senatsmitabeiter) zur Meldung „Ladelaternen zu eng“ (CP von gestern) – er schreibt: „Derzeit werden, zumindest in Wilmersdorf, alle Gaslaternen in LED-Laternen ausgetauscht. Da wäre es ein Leichtes gewesen, gleich solche mit Ladeanschlüssen einzubauen, ggf. auch mit einem Aufsatz auf den Wartungsklappen. Dagegen warten wir E-Fahrer in der Sigmaringer Straße nun seit 15 Monaten auf die im Mai 2019 zugesagte Ladesäule.“ Der Antrag dazu stammt übrigens aus dem Herbst 2018.
„Nimm das, Schöneberg!“, schreibt Checkpoint-Leserin Ulla Blix zu unserem Bericht über das Blumenmassaker des Grauflächenamts in der Vorbergstraße - und schickt ein Bild vom fröhlich sprießenden Grün am Heinrichplatz mit. Vielleicht ist das örtliche Amt aber gerade auch noch mit anderer Art Gras beschäftigt.
Die Ausreden mancher Mitte-Wirte über die angebliche Unmöglichkeit, die Daten ihrer Gäste Corona-Kompatibel zu erfassen, zerschellen an der App „Placelogg“ zur Registrierung per QR-Code, die z.B. einige Vereine nutzen. Das funktioniert easy (habe ich gerade selber in Hamburg in einem Passagenrestaurant getestet).
Der Fuhrpark der Polizei wird um fünf Fahrräder erweitert – laut Ausschreibung muss ein „hochwertiges Speichenschloss“ mitgeliefert werden (die wissen schon warum).
Die Feuerwehr lässt sich dagegen „12 Ruhesessel“ liefern – in grau mit verstellbarem Fußteil. Wenn die sich da mal nicht täuschen…
Und noch mal die Erinnerung an „Onkel Toms Hütte“: Wir wollen mit Ihnen am 3. August ins Gespräch kommen über Harriet Beecher Stowes Klassiker und die Berliner Umbenennungsdiskussion. Der Berliner Basketballprofi Moses Pölking, der eine Petition zur Umbenennung initiiert hat (Unterzeichner heute früh: 12.617), ist auch dabei (den Ort geben wir noch bekannt, Ihre Beiträge werden auf tagesspiegel.de veröffentlicht).
Neu in Berlin: „Beverly“ (geb. am 24. Mai 2020 in Schönberg, MV), auch genannt „Belly“ oder „Willy“, zieht heute mit Körbchen, Spielzeug und Kuscheldecke nach Mitte und sucht bald neue Freunde rund um den Köllnischen Park (Portraitfoto hier).
In die Biss-Statistik wird‘s die Kleine eher nicht schaffen – da sind ja auch schon genug Große drin: 571 Menschen wurden im vergangenen Jahr von einem Hund verletzt, 71 davon schwer. Tendenz: seit Jahren steigend (angemeldet sind 111.024). (Q: „Morgenpost“).
Korrektur zu „Geburtstage“ (CP 24.7.) - Da war der Checkpoint der Zeit mal wieder weitvoraus: Wir haben Eric Schweitzer, der gestern seinen 55. feierte, aus Versehen ein „ehem.“ zu viel (und zu früh) umgehängt – der ehemalige Präsident der IHK Berlin ist seit 2013 und bleibt bis auf Weiteres Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.
Durchgecheckt
Aus Durchgecheckt wird Hochgetauscht. Teil 5: Der Union-Stadionbauer-Helm – plus Museumsbesuch.
Es begann mit einem Checkpoint-Berlinungsanleitung-Aufkleber samt Widmung, daraus wurde ein selbstgebrannter Orangenschnaps, ein antikes Schaukelpferd, ein Familien-Besuch beim „Verein Historisches Spielzeug Berlin“ – und heute bieten wir: einen original Union-Stadionbauer-Helm (hier modisch kombiniert mit einer effzeh-Maske aus Köln), zum Tausch gespendet von der NochMall, dem neuen Gebrauchtwarenkaufhaus der BSR, das am 8. August eröffnet. Einen solchen Helm erhielten alle am Stadionbau des FC Union beteiligten Fans, verdient mit Fleiß, Schweiß, Nachtwachen und Brötchenschmieren. Und: Die BSR legt die ertauschte private Führung mit der ganzen Familie beim „Verein Historisches Spielzeug Berlin“ (samt Kaffee und Kuchen für alle) noch oben drauf und verdoppelt den Tausch-Jackpot. Jetzt sind Sie gefragt: Was bieten Sie uns für Union-Helm und Ausstellungsbesuch? Alles ist möglich: materielle und ideelle, kollektive und individuelle, nützliche und sinnlose Angebote. Wir sind gespannt! Schreiben Sie uns an checkpoint@tagesspiegel.de.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Wer gegen den eigenen Willen allzu früh aus dem Schaf gerissen wird, kennt den Tunnelblick, der sich dann einstellt. Zelebrieren kann man den heute bereits um 9.30 Uhr bei der Führung (22,50 Euro) durch den Eisacktunnel/ Eisachtunnel und den Bahnhof Innsbrucker Platz, der einige Besonderheiten wie einen vergessenen Anschlusstunnel aufweist, dessen Kenntnis wiederum den Berliner Unterwelten-Horizont weitet. Bei allem Tunnelblick. Ausgezeichneten Kaffee dazu, davor oder danach gibt es ab 7 Uhr im Café de Enrico, Fritz-Reuter-Straße 13.
Samstagmittag – Raus aus Unterwelt und Tunnelblick: Für Sichtbarkeit in den Straßen steht der CSD. Wie so vieles, ist auch der dieses Jahr gezwungenermaßen eine Online-Veranstaltung. Allerdings mit einem subversiven Schlupfloch: Statt geschlossen im Umzug einen gemeinsamen Weg zu beschreiten, was mit den Abstandsregeln kaum möglich wäre, soll das queere Leben den öffentlichen Raum (nicht nur, aber insbesondere) heute allerorten bunt färben – das „S“ in „CSD“ steht schließlich für „Street“. Vorteil: Das lässt sich leicht mit allen erdenklichen Aktivitäten kombinieren. So spräche nichts dagegen, in entsprechend farbenfroher Aufmachung dem Gesangs-Preisträgerkonzert im Schloss Rheinsberg beizuwohnen, bei dem Sara Gouzy und Daniel Nicholson ab 17.30 Uhr Schumann, Schubert und Canteloube vortragen. Der Komponistin Clara Wieck, die Robert Schumann 1840 ehelichte, soll der Bräutigam zur Hochzeit übrigens ausgerechnet ein Kochbuch geschenkt haben, was schon damals eine Ansage war.
Samstagabend – Mehr um Hör- als Sichtbarkeit geht es in den stimmakrobatischen Multimedia-Shows von Ute Wassermann. Der bildende Künstler Mazen Kerbaj lädt im Rahmen seiner Ausstellung in der IFA-Galerie verschiedene Künstler:innen ein, eigene Performanzen darzubieten und je einen Überraschungsgast mitzubringen, der erst am Abend bekannt gegeben wird. Das macht dann drei im Bunde in der französischen Buchhandlung Zadig, Gipsstraße 12 in Mitte, 19 Uhr. Anmeldung per E-Mail an Galerie-Berlin@ifa.de.
Sonntagmorgen – Von den Dreien zum Pseudo-Triathlon: Sport am Morgen ist gesund, wie man weiß. Aber dass man beim Fahrradladen und Flüchtlingshelfer-Kollektiv „Rückenwind“ am liebsten eben mit Rückenwind fährt, ist ein versprechen für Quality Time. Um 11 Uhr starten die Schrauber:innen eine 60 Kilometer lange Radrunde, vom Laden in der Lenaustraße 3, Neukölln, zur Müggelspree und zurück. Nasses Highlight ist der Zwischenhalt mit Badepause im Müggelsee auf halber Strecke. Radfahren, Schwimmen – fehlt zum Triathlon nur noch das Laufen. Zum Beispiel vom Rad ins Wasser.
Sonntagmittag – Was für ein Festivalsommer! …das doch hätte werden können. Immerhin erspart man sich bei Onlinefestivals die lästige Anreise, kann bei Bedarf früher „gehen“ und kommt in aller Regel auch günstiger weg. Nein, der Ersatz bleibt nur Kompromiss. Wer aber will, dass in Zukunft wieder echte Festivals stattfinden, kann heute dazu beitragen, dass Veranstalter:innen und Künstler:innen in der Zwischenzeit nicht allesamt ihre Berufe aufgeben und umlernen. 27 Acts zählt das Programmheft des Festivals Unitedwestream, das seit Freitag Konzerte aus dem Void-Club, Monopol, Botanischen Garten, Museum X und dem Flughafen Tempelhof überträgt. Weiterführende Links, Soli-Tickets und Spendenoptionen auf der Homepage.
Sonntagabend – Die Stadt verlassen ohne die Stadt zu verlassen ist die Kernattraktivität des Neuköllner Körnerparks. In einer von Verkehrslärm und Stadttreiben entrückten ehemaligen Kiesgrube schafft die neobarocke Grünanlage mit Springbrunnen ein für Passanten überraschendes Wohlfühlresort. Und eine Galerie gibt es auch: Die zeigt von 10 bis 20 Uhr die Gruppenausstellung „Fragile Times“, in der mit künstlerischen Mitteln der Zerbrechlichkeit klimatischer Gleichgewichte und der Rolle des Menschen in ihnen nachgespürt wird. Das dazugehörige Café bietet unter anderem Kaffee, Kuchen, Aperol Spritz und mit etwas Glück die letzten Sonnenstrahlen zum Wochenendeende.
Mein Wochenende mit
Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. An dieser Stelle gibt er wöchentlich Ausflugstipps ins Umland. Zeichnung: Naomi Fearn
„Wussten Sie eigentlich, dass ich Hobby-Vogelkundler bin? Immerhin kann man von unseren gefiederten Freunden einiges Lernen, z.B. Fliegen aus eigener Kraft. Wie das geht, habe ich noch nicht geknackt, aber eines Tages! Zurzeit beobachte ich Störche, vorzugsweise in Linum, einem der bekanntesten Storchendörfer im Landkreis Prignitz-Ruppin. Die klappernden Vögel verbringen hier den Sommer und ziehen ihre noch grauen Jungen auf. Die machen hier erste Flugversuche und wenn sie es draufhaben, ziehen sie ab Richtung Afrika. Wer ähnliche Ambitionen hat (wer hat die nicht?), meldet sich am besten bei der Storchenschmiede Linum, deren Mitglieder zweieinhalbstündige Führungen am Sonntag, 26. Juli und Samstag, 1. August anbieten (Preis 8 Euro, telefonische Anmeldung unter 033922 / 50500). Wer die Störche verpasst, kann ab dem 9. August im Linumer Teichgebiet Eisvögel beobachten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Flugversuche ganz schön anstrengend sind. Stärkung gibt es bei Georg Rixmann und Sabine Schwalm von Rixmanns Hof, die in ihrem Garten direkt an der Ortsdurchfahrt erntefrisches Obst und Gemüse feilbieten sowie sensationell gute Marmeladen und Essige (Nauener Str. 23 a). Fast Nebenan, im Wiesencafé, (Karolinenhof 1, Kremmen), hat Gela Angermann ihre eigene Ziegenzucht mit Käserei aufgebaut und bietet im Café Ziegenkäsespätzle, Ziegenkäsekuchen und mehr. Und wer das Städtchen Kremmen noch nicht gesehen hat, sollte sich unbedingt den nach historischem Vorbild restaurierten Marktplatz und das Scheunenviertel ansehen. Von da aus ist es nur noch ein Schweinwurf nach Velten mit seinem Ofen- und Keramikmuseum, dem die Sammlung der berühmten Bauhaus-Ikone Hedwig Bollhagen angeschlossen ist. Wilhelmstr. 32/33, Di-So 11-17 Uhr“
Leseempfehlungen
Klassisch verbinden viele den Begriff Kaffeehauskultur vor allem mit Wien, aber auch die hiesige ist nicht schlecht. Nicht nur Bücher und Zeitungsartikel entstehen mitunter in der gedankenfördernden Atmosphäre. Ein Stück Berliner Kaffeehauskultur geht mit der Insolvenz von Sarah Wiener verloren – ihre Geschichte hat Harry Nutt für die Berliner Zeitung knapp aufgeschrieben.
Was unser Kollege Michael Wiedersich in letzter Zeit so beim Radfahren in punkto Insektenkontakt erlebt, hat er in der Radkolumne „Abgefahren“ erzählt – darin bleibt höchstens ein Auge trocken. Aber auch ungerädert kommt es in nächster Zeit wohl wieder vermehrt zu Juckreiz, insbesondere im Berliner Lieblingserholungsgebiet Brandenburg und in Wassernähe: Die Mücken kommen (taz).
Checkpointer Stefan Jacobs war übrigens auch (fast) JWD, er hat nämlich Berliner Ost-, West-, Nord- und Südpol aufgesucht. Was er zu den gerade noch in der Stadt befindlichen, aber vom Stadtkern weiter als manche Brandenburger entfernten Punkte zu sagen hat, lesen Sie im Tagesspiegel (Abo-Version).
Wochenrätsel
Ganz Berlin war im Corona-Lockdown – auch die Fahrraddiebe. In der ersten Aprilwoche 2019 wurden noch 591 gestohlene Räder gemeldet. Wie viele waren es in diesem Jahr?
a) 36
b) 248
c) 452
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Und was bringt die nächste Woche? Na, mal sehen…
Am Montagvormittag diskutiere ich mit Staatssekretär Frank Nägele (der auch schon mit der Checkpoint-Radgruppe auf Tour war) über die vielen Seltsamkeiten aus dem reichen Fundus des Berliner Behördenpingpongs – bei einem „Virtuellen Streitgespräch“ in der IHK, moderiert von Jan Eder. Und Sie können dabei sein, digital und virtuell – los geht’s um 10 Uhr, die Anmeldung finden Sie hier.
Ebenfalls am Montag ist Trainingsauftakt bei Union und Hertha – wenn es nach dem Ansturm auf das werbefreie Trikot des Westend-Clubs geht, ist die Stadtmeisterschaft schon entschieden. Mal so in die Runde gefragt: Welcher Trikotsponsor ist eigentliche der peinlichste – und gibt es überhaupt jemanden, der das gut findet?
Heute ist übrigens „Tag des Karussells“ – aber drehen Sie bitte nicht gleich durch. Wir wünschen Ihnen ein schönes Wochenende!
