Die eigene Stadt mal durch die VR-Brille sehen
Besucher der Ausstellung „TimeRide Berlin“ reisen in eine Zeit vor Corona. Kinder fahren an diesem Sonntag umsonst mit. Die Wochenendtipps von Thoma Wochnik
Foto: Thilo Rückeis
Samstagmorgen – Wer den zarten Zäsurcharakter, den das Wochenende so mit sich bringt, etwas steigern will, kann auch Großes angehen — gerne in kleinen Schritten. Bekanntlich interessieren sich weit mehr Menschen für eine vegane Lebensführung als ihr tatsächlich frönen. Wer schlicht nicht weiß, womit er anfangen soll, vielleicht Mangelerscheinungen befürchtet oder Komplikationen bei der Beschaffung von Lebensmitteln, kann an den Ständen des Green Market Fragen stellen. Das umfassende Angebot will mit Kosmetik, Upcycling, Kleidung, Haushalt und anderen Themen weit übers bloße Essen hinausgehen und ein gesundes und klimaneutrales Leben fördern. Ab 12 Uhr in der Modersohnstr. 49a in Friedrichshain, Eintritt 5/ 2 Euro
Samstagmittag – Apropos Leben: Das braucht natürlich bezahlbaren Wohnraum und der fällt in Berlin nicht gerade vom Himmel. Oft lautet der Lösungsvorschlag einfach Bauen, aber wie viele wie teure Wohnungen müssten geschaffen werden, um die Nachfrage zu stillen? Und gibt es einen Schwellwert, ab dem die Stadt bloß spürbar dichter würde, mit Einbußen von Grünflächen und Lebensqualität, ohne aber die Nachfrage merklich zu befriedigen? Schon das Groß-Berlin der Weimarer Republik stand mit plötzlich 3,8 Millionen Einwohnern vor einem ähnlichen Problem. Wie man es damals angegangen ist und was man für die heutige Situation daraus lernen kann, zeigt die Ausstellung Wege aus der Wohnungsnot − Bauen für Groß-Berlin in Schöneberg Ab heute im Schöneberg Museum, Hauptstraße 40/42, Sa–Do 14–18 Uhr, Fr 9–14 Uhr. Eintritt frei
Samstagabend – Apropos Leben: Gerade mal 100 Kilometer östlich von Berlin wird queeres Leben von Teilen des polnischen Staates und der Kirche als für Kinder gefährliche, unchristliche Ideologie denunziert. Aktuell drängt der polnische Justizminister Ziobro im Rahmen derselben „Kulturkampf“-Agenda zum Austritt Polens aus der Istanbul Konvention, die jegliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen als Verbrechen erachtet. Es wirken offenbar noch immer Kräfte, die finden, dass einem Mann im eigenen Haushalt schon mal die Hand ausrutschen darf. Von 16 bis 22 Uhr stehen die Türen des Designerinnen-Kollektivs „The Boys Club“ Interessierten offen, um mehr zum Thema zu erfahren, eigens entworfene LGBTI-solidarische Sticker und mehr mitzunehmen und das ein oder andere Getränk zu sich zu nehmen. Weisestraße 27, Eintritt frei
Sonntagmorgen führt Biologin Beate Senska durch das Freiland des Botanischer Gartens: Ab 10 Uhr geht es um eines der Grundorgane der höheren Pflanze: die Blätter. Sie übernehmen unter anderem lebenswichtige Funktionen wie Photosynthese und Transpiration, bergen darüber hinaus aber auch manch ungeahntes Geheimnis. Dessen Entbergung wird heute zum Spaziergang mit Start am Eingang Königin-Luise-Straße. Kosten je 6 Euro für Führung und Garteneintritt (macht 12 Euro). Anmeldung erforderlich unter 030 344 41 57
Sonntagmittag – Bus und Bahn, zumal im Gedränge, machen einfach keinen Spaß bei Hitze und mit Covid im Hinterkopf. Zum Glück ist Doc Browns Forschung an der Zeitmaschine mittlerweile recht weit vorangekommen. So ist das Herzstück der TimeRide-Ausstellung eine virtuelle Busfahrt durch das geteilte Berlin, inklusive Moderation. Highlight: Einfach von Ost nach West und zurück fahren, ohne sich ausweisen zu müssen. Solange noch Sommerferien sind, ist der Eintritt für Kinder an Sonntagen kostenlos (nur Tageskasse, keine Barzahlung), der Veranstalter sieht das Programm gar als Alternative zum Homeschooling. Immerhin hat es bereits einige Tourismuspreise abgestaubt. Ob zurecht, erfahren Sie selbst von 11 bis 19 Uhr in der Zimmerstraße 91 (Mitte).
Sonntagabend – Zum Wochenendeende noch einige gechillte Beats und Bier im Garten der Wilden Renate: Unter dem kryptischen Titel HCCC001 (Horden Colliery Country Club) dreht die neueste Platte von Ian Blevins, die eigentlich mehr für die Tanzfläche als zur Hintergrundberieselung gedacht ist, wobei der Herr Blevins selbst an den Decks steht. So geht Musikgeschichte schon immer: Von gregorianischem Choral zum Jazz oder vom Nachtclub zum Garten: Kontexte ändern sich und man hört die Dinge wieder anders. Zeuge solch spektakulärer Vorgänge werden kann man ab 16 Uhr bis spät unter der Anschrift Alt-Stralau 70 in Friedrichshain.