Was kann jetz die _Stimmung aufhellen?
Ein Café in Kreuzberg bietet reichlich Abstand. Schenken macht glücklich. Und bei Dussmann kann man das Buchbinden lernen. Die Checkpoint-Wochenendtipps. Von Thomas Wochnik
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Samstagmorgen – Zur Aufhellung der Stimmung hilft die Langzeitperspektive. Wann, wenn nicht jetzt, wäre ein günstigerer Zeitpunkt, um endlich mal ein Musikinstrument zu lernen, sein Wissen zu vertiefen oder lästige Gewohnheiten gegen neue auszutauschen? Klar, was haben wir uns nicht alles schon zu Beginn des Frühlingslockdowns vorgenommen? Vielleicht muss man es diesmal einfach etwas strukturierter angehen. Wer in friedlichster Ruhe einmal darüber nachdenken möchte, wie sich das Triangeln auf Orchesterniveau mit dem Alltag vereinen lässt, findet im Café Strauss (am Friedhof in der Bergmannstraße 42) besten Kaffee und genügend Abstand zu allem. Im Gegensatz zum bloß Druck machenden Terminplaner pflegt John Maedas Buchklassiker „Simplicity“ eine freundschaftliche Beziehung zum Scheitern und empfiehlt sich als vom rennomierten MIT zertifizierte Hilfestellung.
Samstagmittag – Die besten Stimmungsaufheller sind Geschenke, denn wer schenkt, beschenkt fast immer auch sich selbst. Und macht so mindestens zweien eine Freude. Eindrücklich beweist das Susanne Kippenberger in ihrem Buch „Die Kunst der Großzügigkeit“ – selbst ein hervorragender, sich ironisch selbst reflektierender Geschenktipp. Der dritte Glückliche ist dabei der Buchhandel, dem man das in kommender Zeit sicherlich steigende Leseinteresse nur gönnen kann. Eine inspirierende Zusammenstellung besonderer Berliner Buchhändler finden Sie hier.
Samstagabend – Wer sich beim Schenken selbst gestalterisch betätigen möchte, wird sich am neuen Mitmachprogramm bei Dussmann erfreuen. Während alle Medienhäuser um die Eroberung digitaler Märkte wetteifern, wird hier auf alte Kulturtechniken des Buchbindens, Drucks sowie der Musikaufnahme gesetzt, natürlich unter fachkundiger Anleitung bei strukturierten Workshops. In die Druckwerkstatt kommen Kund:innen angeblich nach der Arbeit, um beim Handwerken zu entspannen. Ein Musikstudio in der Klassikabteilung nimmt mit dem Sound von anno dazumal auf Tonband auf und im Erdgeschoss können die Aufnahmen sogar direkt auf Schallplatte geschnitten werden – hierzu müssen Termine und Kosten gesondert vereinbart werden. Alle Resultate sind Unikate, die persönlicher kaum sein könnten.
Sonntagmorgen – Der Begriff des Zeit Totschlagens ist irreführend, denn es gibt immer was zu tun. Zum Beispiel Gehirnjogging, Förderung räumlichen Denkens und Fingerübungen zur Erlangung feinmotorischer Exzellenz. Das dachte 1974 auch der ungarische Architekt Ernő Rubik und konstruierte für seine Studierenden den Puzzle-Dauerbrenner Zauberwürfel. Ein nach heutigen spielwissenschaftlichen Erkenntnissen viel zu kompliziertes Spiel ohne jegliche Chance, sich auf dem Puzzlemarkt durchzusetzen, steht „Rubik's Würfel“ (wie bei Konnopke's nur echt mit Apostroph) wie ein Denkmal gegen die Vereinfachung der Welt zu Phrasen und Slogans. Die Instanz in Sachen Zauberwürfel heißt hierzulande Cubikon.
Sonntagmittag – Die Anzahl der Stellungen eines Zauberwürfels beträgt übrigens 4,3 • 10^19, ausgeschrieben: 43.252.003.274.489.856.000. Und das mit nur 26 Steinen. Laut statistischem Bundesamt beträgt die Anzahl der Gegenstände eines durchschnittlichen deutschen Haushalts 10.000, deren Anordnungsmöglichkeiten… Sie sehen schon, das bloße Wohnen sollte genug Stoff für einen Lockdown-Winter hergeben. Wer mit der schier unerschöpflichen Kombinatorik überfordert ist, verstecke sein Chaos einfach hinter Pflanzen. Die schaffen Gemütlichkeit, tragen zur Verbesserung der Atemluft bei und bieten mit jeder Blüte und jedem Trieb ein Erfolgserlebnis. Keine nachdenklich stimmenden Lifestyle-Preise, dafür sehr gute Beratung, gibt es in den zwei Der Hollaender-Standorten am S-Bhf Olympiastadion (Trakehner Allee 1a) sowie am Treptower Park 74, geöffnet auch Sonntags von 10– 16 Uhr.
Sonntagabend – Die größten kombinatorischen Leistungen werden in der Küche vollbracht. Genau genommen beginnt das Puzzle schon beim Einkauf, wenn zusammengestellt werden soll, was auch zusammenpasst. Wem das zu kompliziert ist, der sollte zusammenstellen lassen können, haben sich die Macher des nicht mehr ganz neuen Startups Hello Fresh gedacht und das Einkaufen nach Rezept samt eigenem Lieferdienst zum Rundum-Sorglos-Angebot entwickelt. Man wähle das Gericht und die Anzahl der benötigten Portionen, schon kommen die Zutaten in der benötigten Menge nach Hause. Weiterer Vorteil: Überschüsse für die Bio-Tonne werden so vermieden.