Als Geburtsstunde des BER gilt der 16.3.2006, 11 Uhr – an diesem Tag bestätigte das Verwaltungsgericht die Standortwahl. Kurz nach dem Urteil gab Checkpoint-Leserin Marion Uhrig-Lammersen ein Horoskop für den neuen Flughafen in Auftrag (Tierkreiszeichen Fisch). Es ist wirklich verblüffend, was der Astrologe damals in den Sternen sah und auf 40 Seiten notierte – wie eine vorweggenommene kleine Geschichte des BER, der damals den ersten Spatenstich noch vor sich hatte. Schauen wir doch mal rein:
+ „In Ihrem Energiehaushalt besteht eine Spannung, die Sie zuweilen zu abrupten Umbrüchen veranlasst. Ihre Handlungsweise hat etwas Unvermitteltes, Sprunghaftes an sich.“
+ „Manchmal sprengen Sie Ihre Basis total, und wenn sich der Rauch der Explosion verzogen hat, stehen Sie ein bisschen angesengt im Hemd.“
+ „Sie sind konfrontiert mit all Ihrer Verzweiflung, Ihrer Hoffnungslosigkeit und Ihren Versagensängsten. Erst wenn diese willig durchlitten sind, lösen sich Ihre Blockaden, Ihre Kreativität fließt wieder.“
+ „Sie sind bereit, mit Drachen und Dämonen zu kämpfen, denn im Innersten wissen Sie, dass in Wahrheit Licht und Verwandlung möglich ist. Für Ihren Weg brauchen Sie das Vertrauen, dass der Tunnel ein Ende hat.“
+ „Sie werden nicht lockerlassen, bis Sie Ihre Berufung gefunden haben.“
Und heute ist es tatsächlich soweit: Die Drachen und Dämonen sind ebenso besiegt wie „das Monster“ (das sich eingeschlichen hatte unter dem Pseudonym „Entrauchungsanlage“), auf dem schmalen Rest des Vertrauens von Gesellschaftern und Aufsichtsräten balancierte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup ins Ziel: Pünktlich zu Halloween und kurz vor dem nächsten Lockdown eröffnet der BER – als Geisterflughafen.
Im chinesischen Horoskop ist der BER übrigens ein Hund, und über den heißt es 2020, im Jahr der Ratte: „Sie werden endlich alles unter Kontrolle haben, sich motiviert und voller Energie fühlen. Genießen Sie das Leben und denken sich nicht die gesamte Zeit darüber nach, Single zu sein.“ Und das ist für den BER, der das „Single-Airport-Konzept“ Berlins vollendet, gerade in Zeiten coronal bedingter Vereinzelung nicht der schlechteste Rat.
Zur Verantwortung gezogen wurde übrigens niemand für das teure Desaster, auch das war im Horoskop weise vorhergesagt: „Sie setzen Ihr individuelles Sein in Bezug zu universellen Zusammenhängen“ – Schicksal eben, oder wie es in Berlin so schön heißt: Tja, da kannste nix machen. (Langfassung der Horoskope hier)
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Wenn das kein Grund zum Staunen ist: easyJet eröffnet den neuen Hauptstadtflughafen. Morgen, am 1.11. nimmt der BER mit unserem Erstflug nach London offiziell den Regelbetrieb auf. Wir freuen uns auf den Start in eine neue Ära: Denn vom Terminal 1 beginnt deine Reise mit uns so komfortabel wie nie. Mehr Infos auf easyJet.com
Im Tagesspiegel feiern wir den BER heute auf unseren Sonderseiten (die natürlich mit einem großartigen Cartoon von Naomi Fearn eröffnet werden). Im Mittelpunkt steht der Mann, der es möglich machte: Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Er kam, sah – und stieg in die Details ein wie niemand zuvor. Heute sagt er: „Es war eine harte Zeit. Was ich hier am Flughafen an Belastung und öffentlicher Beobachtung erlebt habe, war eine neue Kategorie.“ Zu seinem heutigen Geburtstag macht er sich selbst das schönste Geschenk.
Für den Checkpoint-Podcast „Eine Runde Berlin“ von Ann-Kathrin Hipp konnten wir einen entspannt wirkenden Engelbert Lütke Daldrup kurz vor der Eröffnung noch einmal durch den fast leeren, aber blitzblanken BER begleiten. Sein Fazit mit einem Blick zurück und nach vorn (letzteres zur beruflichen Zukunftsfrage, zu der er sich ansonsten nicht äußert): „Ein Flughafen macht immer Spaß.“ Und versöhnlicher wird’s heute nicht mehr. Auszüge des Gesprächs finden Sie heute auch im Tagesspiegel auf Seite B2 und hier bei T+ (Abo).
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Vor seiner Ernennung zum Flughafenchef war Lütke Daldrup Staatssekretär in der Senatskanzlei und Flughafenkoordinator des Regierenden Bürgermeisters – die BER-Eröffnung ist also auch Michael Müller zu verdanken: Das Copyright der Schlüsselpersonalie liegt im Roten Rathaus. Engelbert Lütke Daldrup sagt heute: „Ich konnte mich der Verantwortung nicht entziehen. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, bevor ich zugesagt habe, wenige haben mir dazu geraten. Trotzdem wusste ich: Du kannst nicht Nein sagen.“ (Q: CP-Podcast „Eine Runde Berlin“).
Was für ein Glück – auch für den Regierenden Bürgermeister. Wir haben Michael Müller gefragt, mit welchem Gefühl er heute zur BER-Eröffnung geht, was ihn in der Bauphase bedrückt hat und was er sich für den Flughafen wünscht. Hier seine Antworten für den Checkpoint:
+ „Trotz der schwierigen Baugeschichte überwiegt die Freude“.
+ „Bedrückend war die internationale Reaktion, dass auch deutschen Unternehmen nichts mehr zugetraut wurde.“
+ „Ich wünsche mir vor allem nach Corona einen Push für Arbeitsplätze und Investitionen.“
Was machen eigentlich die Herren, die vor Lütke Daldrup am Werk waren? Wir haben sie gefragt – der Titel der Geschichte, die Sie hier lesen können (Abo): „Boys don‘t fly“: Und eine Chronologie der vergangenen 25 BER-Jahre mit allen Protagonisten in 100 Schlagzeilen finden Sie hier.
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Jahrelang wurde der BER als Parabel auf Berlin gesehen, noch vor wenigen Tagen zitierte die „New York Times“ Ex-Botschafter John Kornblum mit der Allegorie „charmant, respektlos, exzentrisch und völlig dysfunktional“ (CP v. 26.10). Tja, und was nun, da der BER fertig ist, die Stadt aber dazu verdammt bleibt, „immerfort zu werden und niemals zu sein“ (Karl Scheffler?). Was bedeutet die Eröffnung für Berlin? Der Flughafenchef selbst hält jede Art dieser Symbolik für übertrieben, und wahrscheinlich hat er recht: Ein Flughafen ist ein Flughafen, oder, in der kontemporären Form, eine Shoppingmall mit angeschlossener Startbahn. Außerdem ist der BER sowieso nur zu 33% ein Berliner. Der Rest geht auf Brandenburg und den Bund, aber wer mag über die schon lachen? Berlin bleibt eben doch Berlin.
Was nicht bleibt, ist eine Institution, die den BER seit dem Nichteröffnungsdesaster 2012 tagtäglich treu begleitet hat (und die zum Gründungsmythos des Checkpoints gehört): Wir ziehen heute unserem legendärer BER-Count-up den Stecker. 3073 Tage lang hat er tapfer und ohne Panne seinen Dienst verrichtet (na gut: fast ohne). Aufsichtsräte, Geschäftsführer, Technikchefs, Ministerpräsidenten und Regierende Bürgermeister kamen und gingen – der BER-Count-up bleib. Er war unser Begleiter durch lange Checkpoint-Nächte und berauschende Checkpoint-Partys, ein tickendes Mahnmal deutscher Ingenieurskunst, politischen Kontrollverlustes und roter Zahlen (jeder Tag seit Nichteröffnung steht für den Verlust von 1 Mio Euro). Jetzt nehmen wir etwas wehmütig, aber erleichtert und auch mit Freude Abschied: Es ist vollbracht – wir haben den BER an den Start gezählt. Mal sehen, was als nächstes kommt (die Höhe von Kofferbergen vielleicht – das aber sicher erst nach Corona).

Telegramm
Welche Corona-Verordnung von Montag an gilt, können Sie hier in unserer Übersicht nachlesen. Übrigens: Niemand zwingt Sie, es an diesem Wochenende nochmal so richtig krachen zu lassen (oder bis zum 2.11. mit der Berücksichtigung der Regeln zu warten). In einer starken TV-Ansprache erklärte der Regierende Bürgermeister gestern Abend: „Die Lage ist ernster denn je“.
Wieder Post für Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci von Viviane von Aretin, GF des Tankstellenverbands (s.a. CP v. 26.10): Laut neuer Covid-Verordnung darf an Zapfsäulen auch zwischen 23 und 6 Uhr wieder „Reisebedarf“ verkauft werden – nicht aber an Sonntagen. Warum, bleibt unklar. Die Gewerbevertreterin bittet „höflich um kurzfristige Beantwortung, um eine gerichtliche Klärung der gestellten Fragen vermeiden zu können“.
Aus anderen Branchen wird bereits geklagt – aber auf welcher Basis Gerichte über die Verordnungen entscheiden wollen, ist zunehmend fraglich: In Berlin gibt es bei nur noch 9% der bekannten Infektionen sichere Erkenntnisse über die Ausbruchsquelle (bundesweit 25%) – aber davon entfallen immerhin 66% auf den privaten Bereich.
Die Corona-Segregation rückt näher – verschiedene Risikogruppen könnten künftig voneinander getrennt werden, „Rewe“ macht schon mal den Anfang: „Wenn möglich ohne Kinder oder Schüler“, steht auf einem Schild am Eingang, auf dem dazugehörigen Piktogramm sind die zwei kleinen Erwachsenenbegleiter rot durchgekreuzt.
Zur Sondersitzung des Abgeordnetenhauses an diesem Sonntag zu den Corona-Beschlüssen macht die Fraktionsspitze der Grünen Platz für ihre religionspolitische Sprecherin Bettina Jarasch: Die Spitzenkandidatin darf erstmals in einer Reihe mit den Vorsitzenden der anderen Fraktionen sprechen (je 15 min).
Unsere Meldung „Neuer Technik-Chef im Anflug“ (CP v. 9.7.20.) hat die Flughafengesellschaft offenbar dermaßen genervt, dass der Bereichsleiter „Recht & Compliance“ Kai Bonitz eine Beschwerde beim Presserat eingelegt hat. Wir erinnern uns: Während es beim FBB-Fußvolk wegen der Corona-Krise einen Einstellungsstopp gab, wollte die Geschäftsführung einen 230.000-Euro-Spitzenjob beim Aufsichtsrat durchsetzen. Klingt doch ganz interessant, oder? Zumal das über Ihre Steuern finanziert wird. Sollte nur nicht vorher bekannt werden, meint Herr Bonitz. Na ja, jetzt ist es eh zu spät – die Geschäftsführung zog die Personalie zurück, angeblich „wegen der Indiskretionen im Vorfeld“. Hm, und wir hatten die Geschichte eigentlich längst vergessen… na ja: Nach der PR-Entscheidung im Dezember werden wir sicher nochmal daran erinnern.
Spätestens seit dem Mord am französischen Lehrer Samuel Paty ist klar: Die Meinungsfreiheit muss auch im Klassenzimmer gegen religiöse Fanatiker verteidigt werden. Der französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer ruft deshalb für den 2. November um 11:15 Uhr zu einer Schweigeminute auf – europaweit, also auch in Berlin, in jeder Schule. Die Kultusministerkonferenz unterstützt den Aufruf.
Wer zwischen 1979 und 2007 am Otto-Suhr-Institut Politikwissenschaft studierte, kam an Peter Grottian kaum vorbei, auch die heutige Bezirksbürgereisterin Monika Herrmann reichte bei ihm ihre Diplomarbeit ein (Thema: Verwaltungsreform in Berlin). Der Professor lehrte an der Freien Universität außerhalb des Curriculums so eine Art angewandte Aktionswissenschaft, allerdings nur auf einer Teilzeitstelle – mit dem Rest förderte er die Professur einer Frau (die erste Stelle für feministische Wissenschaft). Seine Begeisterungsfähigkeit war beeindruckend, seine Konsequenz maximal (aber wer sich davon nicht anstecken ließ, war maximal genervt). Peter Grottian machte nach seiner Emeritierung weiter, schaltete Anzeigen, organisierte Demos, rief an und auf, blieb in Erinnerung – und präsent. Am Donnerstagabend ist er im Alter von 78 Jahren in Bregenz gestorben.
Beim Blick auf die Rangliste der Abstimmung zum „Vogel des Jahres“ (noch offen bis zum 15.12.) gibt’s eigentlich nur einen passenden Kommentar: Bei denen piept’s wohl! Bundesweit liegt ausgerechnet die Stadttaube vorn. Nur in MeckPom und – Tata! – in Berlin herrscht noch etwas Restvernunft: Hier liegen alle Hoffnung auf dem Goldregenpfeifer. Aber um mal kurz zur Enttäuschung beizutragen: Der Preis ist nicht dotiert. „Mopo“-Kollege Christian Latz trommelt übrigens für die Bachstelze, derzeit Platz 51, ich favorisiere eher die vier Plätze davor liegende Trottellumme (jedenfalls für Berlin).
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Mal ein kleiner Zwischenstand zur #VogeldesJahres-Wahl: Noch immer liegt die verdammte Stadttaube auf Platz 1, während die Bachstelze auf Rang 52 versauert. Es ist ein Trauerspiel. pic.twitter.com/DzleAgQtZA
Empfohlener redaktioneller Inhalt
Viele Leute haben ja Angst davor, von „künstlicher Intelligenz“ ersetzt zu werden. Wozu das führen kann (also die KI, nicht die Angst), ist sehr schön hier zu sehen (kleiner Hinweis: Achten Sie auf den Ball, nicht auf die Birne (aka den haarlosen Kopf des Linienrichters).
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Zur Aufhellung der Stimmung hilft die Langzeitperspektive. Wann, wenn nicht jetzt, wäre ein günstigerer Zeitpunkt, um endlich mal ein Musikinstrument zu lernen, sein Wissen zu vertiefen oder lästige Gewohnheiten gegen neue auszutauschen? Klar, was haben wir uns nicht alles schon zu Beginn des Frühlingslockdowns vorgenommen? Vielleicht muss man es diesmal einfach etwas strukturierter angehen. Wer in friedlichster Ruhe einmal darüber nachdenken möchte, wie sich das Triangeln auf Orchesterniveau mit dem Alltag vereinen lässt, findet im Café Strauss (am Friedhof in der Bergmannstraße 42) besten Kaffee und genügend Abstand zu allem. Im Gegensatz zum bloß Druck machenden Terminplaner pflegt John Maedas Buchklassiker „Simplicity“ eine freundschaftliche Beziehung zum Scheitern und empfiehlt sich als vom rennomierten MIT zertifizierte Hilfestellung.
Samstagmittag – Die besten Stimmungsaufheller sind Geschenke, denn wer schenkt, beschenkt fast immer auch sich selbst. Und macht so mindestens zweien eine Freude. Eindrücklich beweist das Susanne Kippenberger in ihrem Buch „Die Kunst der Großzügigkeit“ – selbst ein hervorragender, sich ironisch selbst reflektierender Geschenktipp. Der dritte Glückliche ist dabei der Buchhandel, dem man das in kommender Zeit sicherlich steigende Leseinteresse nur gönnen kann. Eine inspirierende Zusammenstellung besonderer Berliner Buchhändler finden Sie hier.
Samstagabend – Wer sich beim Schenken selbst gestalterisch betätigen möchte, wird sich am neuen Mitmachprogramm bei Dussmann erfreuen. Während alle Medienhäuser um die Eroberung digitaler Märkte wetteifern, wird hier auf alte Kulturtechniken des Buchbindens, Drucks sowie der Musikaufnahme gesetzt, natürlich unter fachkundiger Anleitung bei strukturierten Workshops. In die Druckwerkstatt kommen Kund:innen angeblich nach der Arbeit, um beim Handwerken zu entspannen. Ein Musikstudio in der Klassikabteilung nimmt mit dem Sound von anno dazumal auf Tonband auf und im Erdgeschoss können die Aufnahmen sogar direkt auf Schallplatte geschnitten werden – hierzu müssen Termine und Kosten gesondert vereinbart werden. Alle Resultate sind Unikate, die persönlicher kaum sein könnten.
Sonntagmorgen – Der Begriff des Zeit Totschlagens ist irreführend, denn es gibt immer was zu tun. Zum Beispiel Gehirnjogging, Förderung räumlichen Denkens und Fingerübungen zur Erlangung feinmotorischer Exzellenz. Das dachte 1974 auch der ungarische Architekt Ernő Rubik und konstruierte für seine Studierenden den Puzzle-Dauerbrenner Zauberwürfel. Ein nach heutigen spielwissenschaftlichen Erkenntnissen viel zu kompliziertes Spiel ohne jegliche Chance, sich auf dem Puzzlemarkt durchzusetzen, steht „Rubik's Würfel“ (wie bei Konnopke's nur echt mit Apostroph) wie ein Denkmal gegen die Vereinfachung der Welt zu Phrasen und Slogans. Die Instanz in Sachen Zauberwürfel heißt hierzulande Cubikon.
Sonntagmittag – Die Anzahl der Stellungen eines Zauberwürfels beträgt übrigens 4,3 • 10^19, ausgeschrieben: 43.252.003.274.489.856.000. Und das mit nur 26 Steinen. Laut statistischem Bundesamt beträgt die Anzahl der Gegenstände eines durchschnittlichen deutschen Haushalts 10.000, deren Anordnungsmöglichkeiten… Sie sehen schon, das bloße Wohnen sollte genug Stoff für einen Lockdown-Winter hergeben. Wer mit der schier unerschöpflichen Kombinatorik überfordert ist, verstecke sein Chaos einfach hinter Pflanzen. Die schaffen Gemütlichkeit, tragen zur Verbesserung der Atemluft bei und bieten mit jeder Blüte und jedem Trieb ein Erfolgserlebnis. Keine nachdenklich stimmenden Lifestyle-Preise, dafür sehr gute Beratung, gibt es in den zwei Der Hollaender-Standorten am S-Bhf Olympiastadion (Trakehner Allee 1a) sowie am Treptower Park 74, geöffnet auch Sonntags von 10– 16 Uhr.
Sonntagabend – Die größten kombinatorischen Leistungen werden in der Küche vollbracht. Genau genommen beginnt das Puzzle schon beim Einkauf, wenn zusammengestellt werden soll, was auch zusammenpasst. Wem das zu kompliziert ist, der sollte zusammenstellen lassen können, haben sich die Macher des nicht mehr ganz neuen Startups Hello Fresh gedacht und das Einkaufen nach Rezept samt eigenem Lieferdienst zum Rundum-Sorglos-Angebot entwickelt. Man wähle das Gericht und die Anzahl der benötigten Portionen, schon kommen die Zutaten in der benötigten Menge nach Hause. Weiterer Vorteil: Überschüsse für die Bio-Tonne werden so vermieden.
Mein Wochenende mit
Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. An dieser Stelle gibt er wöchentlich Ausflugstipps ins Umland.
„Englisches Wetter verlangt nach englischen Maßnahmen. Meinen eleganten Herrenschirm mit feinziselierter Stoßzahnklemme habe ich gerade aus der Meisterwerkstatt Lippke abgeholt, natürlich mit traditionell britischem Stoffmuster, um bei diesem wundervollen Sauwetter durch den Englischen Garten im Tiergarten zu ambulieren. Mir selbst macht die Nässe nichts, ich bin schließlich ein Eber, aber meine bittere Orangenmarmelade pflege ich doch lieber auf trockenem Toast zu schnabulieren. Habe ich einmal Lust auf Abwechslung, finde ich mich unversehens auf der Luiseninsel wieder, die von den Berliner:innen aus unerfindlichen Gründen nicht allzu hoch frequentiert wird. Dort denke ich gerne übers Gärtnern nach, besonders die Umgestaltung von Blumenbeeten übte schon immer einen starken Reiz auf mich und meine Hauer aus. Ja, nennen Sie mich konservativ, aber die Gärtnerei hat durchaus Tradition in meinem Hause und daran möchte ich nichts ändern.“
Leseempfehlungen
Was die Pandemie mit Berlin anstellt, sieht man an leeren Plätzen und Straßen zur Sperrstunde. Darüber, welche langfristigen Wirkungen die Pandemie auf die Stadt und die Menschen haben könnte, hat sich Kai Müller (Abo) Gedanken gemacht.
„Im Alltag Abstand zu halten ist für uns kein social Distancing“, sagt Hannes Husten von der Berliner Band „Sind“, die gerade eine Ode an Karlshorst aufgenommen haben. Robert Klages hat mit dem Gitarristen unter anderem über Karlshorst und den Holzmarkt, wo der Proberaum der Band liegt, gesprochen.
Apropos Möbelkombinatorik: Wer auf engem Raum lebt, wohnt und arbeitet, häuft ebenda auch Zeug an, das unweigerlich allem Leben, Wohnen und Arbeiten im Weg steht. Jeder Kubikzentimeter zurückgewonnenen Raums darf da als Triumph gefeiert werden, weshalb das gute alte Klappbett gerade eine Renaissance erfährt. Meint zumindest Joachim Göres (Abo) und erzählt die Geschichte des Möbels ausführlich.
Wochenrätsel
Welchen Satz wiederholte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup seit Wochen mantraartig?
a) „Wir machen einfach auf.“
b) „Das ist der schönste Geburtstag seit Jahren.“
c) „Wunder gibt es immer wieder.“
Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.
Jetzt mitmachenEncore
Zum Schluss galoppieren wir noch mal zurück zum BER: Als „Kompensationsmaßnahme“ für die Landnahme beweidet eine Herde von zehn freilebenden Liebenthaler Wildpferden eine Wiese in Schönefeld – ein Geschenk der Flughafengesellschaft. Die Tiere sind eine Nachzucht der ausgestorbenen europäischen Wildpferde, die sich „optimal an unsere klimatischen und Vegetationsbedingungen anpassen und in freier Wildbahn leben können“. Zeitraum der Tätigkeit: seit 2015. Was sie machen: Grasen. Und was sie noch zu sagen hätten: „Manchmal hü, manchmal hott.“ So wie der Flughafen eben auch.
Lassen Sie sich nicht abwerfen in dieser wilden Zeit – am Montag übernimmt hier wieder Felix Hackenbruch die Zügel. Bis dahin,