Wochniks Wochenende: Nachbarschaft, Romantik und Zeitlupen-Tennis – Alternativen zum 9. November
Samstagmorgen – Nachbarn, als solidarische Gemeinschaft, die sich mit Rat und Tat zur Seite steht, sind eine schöne Vorstellung. Aber auch etwas eng gedacht. Nachbarn können doch so viel mehr: Einander argwöhnisch beobachten, tratschen, sich am Gartenzaun jeden Vorteil sichern und bei Gelegenheit heimlich die Polizei rufen. Nicht ohne Grund bevorzugt schon das antike Gastrecht Fremde gegenüber den Nachbarn, ganz nach dem Motto: Halte deine Freunde nah, deine Feinde noch näher. Ab 10 Uhr geht es auch im Haus der Wannseekonferenz (Am Großen Wannsee 56-58, Eintritt frei) um sie: Nachbarn, ihre Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand. An Menschen, die trotz großer Nähe oft nicht als Nachbarn gedacht werden, denkt die Rise Foundation. Bei „helping the homeless“ werden Lebensmittel, Hygieneartikel, Kleidung und mehr an Obdachlose verteilt. Treffpunkt für alle, die bei der Verteilung helfen wollen, ist in der Dieffenbachstraße 68 (Kreuzberg) um 12 Uhr.
Samstagmittag – Nachbarschaften mit Tennisplätzen haben schnell einen gewissen Ruf weg, manchmal zu Unrecht. Das Wohlstandsklischee, das dem kleinen Ball innewohnt, ist bei der Performance der schwedischen Künstlerin Anna Berndtson im HAU2 (Hallesches Ufer 32, 14 bis 20 Uhr) durchaus mitzudenken, wenn sie sich ganze sechs Stunden lang mit einem Stock durch einen Raum tastet, auf dessen Boden Tausende solcher Bälle ihr den Weg verstellen – das Publikum kann dabei beliebig kommen und gehen. Der Titel „Borg“ erinnert an den schwedischen Tennisstar Björn Borg, der in Schweden zum Inbegriff des Leistungsdrucks geworden ist, dem viele Kinder in den 70er und 80er Jahren ausgesetzt waren. Vielleicht nur einen Ballwurf entfernt ist das Erlebnis vieler, die 1989 weitgehend unvorbereitet in die westliche Leistungsgesellschaft eintraten. Und entspricht nicht die Geschwindigkeit in etwa der des Aufbaus Ost in Sachen Lohnniveau?
Samstagabend – Noch langsamer ist eigentlich nur der Stillstand, die vielleicht größte Angst der Leistungsgesellschaft. Von geradezu konfrontationstherapeuthischer Qualität ist da das Angebot des Schöneberger Schwebebads Tranxx: Man legt sich in ein Wasserbad mit hohem Salzgehalt, der verhindert, dass man sinkt, macht alle Beleuchtung und Hintergrundmusik aus und schwebt den stressigen Feierlichkeiten der Stadt davon. Mit gleichschwebender Aufmerksamkeit erkennt man das Wesentliche sowieso klarer, sagt man, sofern man nicht ins fantastische Limbum abdriftet. Aber keine Angst, nach einer Stunde wird man automatisch wieder aus allen Traumebenen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Akazienstraße 27, 9 – 23 Uhr, ab 55 Euro
Sonntagmorgen – Dass Wellness auch bewegt, kann man in Beelitz Heilstätten erleben. Und wer immerzu darüber schimpft, dass die Jugend immer nur auf den Handybildschirm starrt, kann jetzt aufatmen: Hier wird die Welt nämlich durch den Kamerasucher betrachtet, der immer öfter ebenfalls ein Bildschirm ist. Die Fototouren führen durch die äußerst fotogenen Räume, in denen das Licht fantastische Spiele mit den Geschichten und Geschichte erzählenden Gegenständen spielt (9.30 Uhr, Buchung und alles Weitere hier).
Sonntagmittag – Apropos Handybildschirme: Wie viele Meter legen unsere Daumen täglich beim Scrollen zurück? Zur Erfassung gibt es mittlerweile Apps. Was hingegen nicht so leicht auszumachen ist, ist der Anteil an den uns täglich umgebenden Texten, der auf Handys produziert ist. Er dürfte beträchtlich sein. Wer fürchtet, die gute alte Handschrift käme ihm dabei wortwörtlich abhanden, werfe einen Blick in die Workshops der Makery in Gesundbrunnen. Heute von 14 bis 18 Uhr wird in englischer Sprache eine Einführung in die Gestaltung handgeschriebener Briefe gegeben, ganz ohne Undo-Funktion und Cloudspeicher. Manko: Statt Send-Button gibt es nur den steinzeitlich mühsamen Fußweg zur nächsten Post. Lösung: Das Werk abfotografieren, im Handy nachbearbeiten und in die Cloud laden. Schönewalder Straße 23, 60 Euro
Sonntagabend – Womit wir aus der Briefschreibromantik wieder zurück in der Gegenwart wären. Den passenden Soundtrack dazu liefert das Ensemble LUX:NM, wobei NM für Neue Musik steht. Und tatsächlich, auf dem Programm stehen ausschließlich dem Ensemble auf das Instrumentarium maßgeschriebene Auftragswerke (20 Uhr, Kunstquartier Bethanien am Mariannenplatz, 7 Euro). LUX ist übrigens Latein für Licht, wie im Lux Aeterna, einem Pflichtteil klassischer Requiems. Das von Mozart ertönt heute zum Abschluss des Tages im Kammermusiksaal der Philharmonie – was uns aber keineswegs aus der Gegenwart wieder in die Klassik katapultiert. Die Berliner Bach Akademie verschränkt es nämlich eigentümlich mit bach`schem Spätwerk und sogar ein wenig Brahms. Und das alles zusammen ist doch wieder ziemlich postmodern. Tickets ab 19 Euro sind an der Kasse der Philharmonie in der Herbert-von-Karajan-Straße 1 erhältlich.