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30. Mauerfall-JubiläumNach Justiz-IT: Virusbefall auch im HU-NetzBER verliert Technikchef

es ist der 9. November, und wir erinnern uns – aber woran? An das, was wir selbst erlebten? An das, was uns andere erzählten? An Fotos, die wir gesehen und an Geschichten, die wir gelesen haben?

Der 30. Jahrestag des Mauerfalls markiert eine Zäsur: Es beginnt die Zeit der Revision aus zweiter und dritter Hand. Die Geschichte wird nicht umgeschrieben, noch nicht; aber sie wird umgedeutet, neu vermessen, nach dem Abstand der Zeit und der Versuchung des Vergleichs.

Der 81. Jahrestag des Pogroms steht im Schatten einer Mauer, die nicht mehr steht – nicht nur, weil heute Sabbat ist und eine Gedenkfeier deshalb gestern war. Vor dem jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße verlasen Berlinerinnen und Berliner die Namen von 55.696 Menschen, die in dieser Stadt lebten, bis sie von den Nazis ermordet wurden. Sie sollen nie vergessen werden. Aber sie werden verdrängt, Jahr für Jahr mehr.

Niemand fragt heute mehr: „Was hast Du am 9. November 1938 getan?“ Wen auch?

Aber auch, wer heute fragt: „Was hast Du am 9. November 1989 getan?“, bekommt oft schon keine Antwort mehr (von unter 30-Jährigen) oder nur eine vage (von unter 40-Jährigen) – oder auch eine falsche (von allen, die älter sind). 

Der Soziologe Harald Welzer erinnerte am Donnerstagsabend beim „Fest der Meinungsfreiheit“ in der Volksbühne (veranstaltet vom Tagesspiegel, der Berliner Zeitung und der Bundeszentrale für politische Bildung) an seine Zeit als Gedächtnisforscher. Welzers These: Gehen Sie davon aus, dass das Meiste, an das Sie sich zu erinnern glauben, so nicht stattgefunden hat.

Das ist ein wahrer Gedanke – wer sich selbst ernsthaft prüft, wird das bestätigen können (und wer es nicht glaubt, sollte „Vom Ende einer Geschichte“ von Julian Barnes lesen).

Telegramm

Interview mit Ole von Beust – der Ex-Bürgermeister aus Hamburg berät heute die Berliner CDU, über die er sagt, dass sie „ein „schwieriges Image“ hat. Seine Meinung über…

… Parteichef Kai Wegner: „Geht mit Verve und Humor an die Sache ran.“

… Fraktionschef Burkhard Dregger: „Ist ein sehr sympathischer Typ.“

… innerparteiliche Meckerer: „Darf man nicht zu ernst nehmen.“

Ole von Beust weiß auch, was die CDU für eine Rückkehr in den Senat braucht:

1) „Glück
2) „Die Regierung muss so schlecht sein, dass die Bevölkerung sie loswerden will. Da ist der Senat nah dran.“
3) „Auch mal Themen aufgreifen, die man der Partei nicht zutraut.“

Für Punkt 3 hat von Beust auch gleich eine Idee:

„Ich glaube, die Zeiten, wo die CDU eine Autofahrerpartei sein sollte, sind vorbei.“ Stattdessen rät er der Partei, „in einigen Bereichen eine autofreie Stadt einzurichten.“

Na, das könnte er doch gleich selbst in die Hand nehmen – wie wäre es mit der Spitzenkandidatur bei der nächsten Wahl?

„Wenn Leute mich für geeignet halten, fühle ich mich geehrt, aber es entspricht nicht dem, was ich beruflich machen möchte“, sagt Ole von Beust. Also daraus lässt sich doch durchaus noch was machen.

Auch der Regierende Bürgermeister hat heute etwas zu sagen: „Ich will privates Kapital, ich will private Investoren in meiner Stadt haben“, sagt Michael Müller im „Spiegel“-Interview, „ein Privater will investieren und damit Geld verdienen. Das kann ich ihm nicht übelnehmen.“ Und jetzt das „Aber“: „Er kann es mir aber nicht übelnehmen, dass ich sage: Du kannst in der Stadt nicht machen, was du willst. In dieser Stadt setzen Politik und Verwaltung Grenzen.“

Das hoch gefährliche Computervirus „Emotet“ schlägt wieder zu – nach dem Kammergericht ist jetzt die Humboldt-Uni dran. Aus einer internen Nachricht des IT-Sicherheitsbeauftragten:

Die erste Warnung ging am 29.10. ein, zu diesem Zeitpunkt wurde die Malware an HU-Mailadressen verschickt. „Mittlerweise sind die ersten Infektionen innerhalb des HU-Netzes aufgetreten.“ Und weiter: Emotet wird über Mails von vermeintlich bekannten Absendern mit plausibler Gesprächshistorie verschickt und ist hauptsächlich in Office-Dokumenten mit den Endungen doc, xls und ppt enthalten. Außerdem kursieren infizierte Dateitypen wie zip mit Passwort, pdf mit Link im Dokument und E-Mails mit externen Verlinkungen.

Der Sicherheitsbeauftragte empfiehlt, „nur angehängte Dokumente zu öffnen, die Sie angefordert haben“ und „erhöhtes Misstrauen an den Tag zu legen.“ Der Checkpoint empfiehlt: Bis der Anfall vorbei ist, einfach mal die Natur studieren.

Anzeige

Hier eine Stellenanzeige der BVG: „Heute starten die Berliner Märchentage. Falls Ihr gerne fantastische Geschichten zu hören bekommt… wir suchen immer Kontrolleure.“

Aber viel dringlicher sucht die BVG eine neue Chefin – hier schon mal der Fahrplan für die Besetzung:

Im Dezember geht Sigrid Nikutta zur Bahn.
Im Januar wird ein „Anforderungsprofil“ geschrieben und eine externe Personalberatung engagiert.
Im März gibt es „erste Gespräche“.
Im Juni könnte der Aufsichtsrat entscheiden.
Und dann irgendwann fängt die Neue an (wenn mit dem alten Arbeitsgeber alles geklärt ist).

D.h.: Die BVG ruckelt mindestens ein halbes Jahr führungslos über die Gleise und Busspuren der Stadt – obwohl sich hier die Probleme stapeln wie die Passagiere im Berufsverkehr. Überraschend kommt der Abschied der BVG-Chefin jedenfalls nicht: „Dass Nikutta das Unternehmen verlassen will, ist kein Geheimnis“, stand vor einiger Zeit hier im Checkpoint – und zwar genau vor zweieinhalb Jahren, am 21. Juli 2017.

Ok, ein Wimpernschlag in der Sonderzeitzone Berlin – immerhin konnte seitdem ein erster Aspekt des Anforderungsprofils ergrübelt werden: „Eine starke und erfahrene Frau“ soll es werden, verriet die Wirtschaftssenatorin, aber: „Für überstürztes Handeln gibt es keinen Anlass.“ Offenbar soll die BVG vor dem autonomen Fahren erstmal das autonome Führen testen – und wir werden bald erfahren, wohin das führt.

Ach, und da hören wir gerade aus Potsdam: Sophia Eltrop, Chefin der dortigen Stadtwerke, „ist eine starke Persönlichkeit“. Und ist bestimmt auch schon mal Bus und Bahn gefahren… Na also, und schon nimmt die Sache Fahrt auf wie ein M41 beim Staatsbesuch.

Hurra. Die Welt wird immer gerechter – und damit zur wichtigsten Wirtschaftsnachricht des Tages: „Mehr Milliardärinnen – die Zahl der Frauen unter den Superreichen steigt.“

Aus der Spanbox: „Jeder fünfte Hund im Auto unzureichend gesichert“, meldet „AutoScout24“. Hm, versuchen wir es doch mal mit „Constructive Journalism“: „80 Prozent der Hunde sind im Auto ausreichend gesichert“. Besser?

Es wird kälter, und die Mieterinnen und Mieter der „Deutsche Wohnen“ beginnen zu frieren – diesmal trifft es die aus der Siedlung Schneppenhorstweg in Charlottenburg-Nord. Mit ihren Meldungen kamen die Betroffenen bisher nicht durch. Vielleicht ist das Unternehmen ja gerade vollauf beschäftigt mit dem Löschen illegal gespeicherter Daten.

Ein Blick aufs Politbarometer der „Forschungsgruppe Wahlen“: Selbstverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer rennt abgeschlagen ihrer Truppe hinterher – nur 8 % der Befragten trauen ihr ein gutes Ergebnis als Spitzenkandidatin zu, die Union sinkt auf 27 % (-2), bleibt aber vor den Grünen (22 %, -2) stärkste Partei).

Wie wär’s mal mit einer Landpartie? Der neue Tagesspiegel-Newsletter „Berliner Draußen“ ist draußen (Nr. 2: Ruppiner Land) – und hier können Sie ihn sich reinziehen (perfekte Ergänzung zum Checkpoint-Wochenendprogramm!).

Die einzigen, die am BER einen Abflug machen, sind weiterhin die Führungskräfte – nach Finanzchefin Heike Fölster sucht jetzt auch Technikchef Carsten Wilmsen das Weite: „Er möchte sich beruflich außerhalb der Luftverkehrsbranche weiterentwickeln“, teilt die FBB mit. Es kommentiert Stadtmusikant Esel: „Etwas Besseres als den BER findest Du überall.“

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik im Interview.
 
 

Frau Slowik, ist Ihr Job als Berliner Polizeipräsidentin so, wie Sie ihn sich vorgestellt haben?

Er ist interessanter, vielfältiger als gedacht und macht mir trotz aller dicken Bretter, die es immer wieder zu bohren gilt, viel Freude. Ich weiß, wofür ich meine Kraft einbringe und wofür ich stehe: für die Sicherheit meiner Heimatstadt.

Ist Berlin zu tolerant gegenüber Regelverletzungen? 

Ich denke, dass die Anonymität einer Großstadt, wie es Berlin ist, Regelverletzungen begünstigt und das auf mehreren Ebenen. Die vielen Menschen sind eine gute Deckungsmasse, man kennt sich untereinander kaum noch. Umso mehr sind wir gefragt. Umso mehr folgen wir unserem gesetzlichen Auftrag und unserem Selbstverständnis. Wir sind uns unserer Verantwortung für die objektive und die subjektive Sicherheit bewusst und leisten dafür unablässig unseren Beitrag – was in einer Metropole durchaus fordernd ist. 

Die Rigaer Straße gilt seit Jahren unverändert als Problemfall. Was kann die Polizei noch tun?

An uns wird die Erwartung gestellt, dass wir transparent, umsichtig, jede Eskalation verhindernd und natürlich rechtskonform vorgehen. Diese Erwartungshaltung besteht auch völlig zu Recht, sie in Teilen von Gewalttätigen zu hören, ist für mich dennoch bizarr. Nichtsdestotrotz werden wir weiterhin besonnen, kommunikativ und immer differenziert vorgehen. Das alles bedeutet aber nicht, dass wir Angriffe auf Anwohnerinnen und Anwohner, auf Bürgerinnen und Bürger, auf meine Kolleginnen und Kollegen, auf Leute wie Sie und mich dulden. Gerade mit Blick auf die Rigaer Straße überdenken wir unsere Konzepte und Maßnahmen aktuell, denn ich kann und werde niemals akzeptieren, dass Kolleginnen und Kollegen, die ja für die Rechte anderer eintreten, sie schützen, von Gewalttätigen verletzt werden. 

Stichwort politisch motivierte Gewalt: Liegt das Problem in Berlin links oder rechts?

Es gibt insgesamt mehr Delikte im Bereich der politisch motivierten Kriminalität – rechts. Mehr Gewaltdelikte hingegen wurden aus der politischen Motivation – links – heraus begangen. Auch wenn 2018 nicht den Höchststand an politisch motivierten Straftaten widerspiegelt, liegen die Zahlen über dem Zehn-Jahres-Mittel. Aussagen zur Schwere der Straftaten bzw. der Folgen lassen sich über diese statistischen Angaben nicht treffen. Davon abgesehen, dürfen wir nicht vergessen, dass wir über Fälle sprechen, die wir ermitteln konnten oder uns angezeigt wurden. Mich interessiert auch das Dunkelfeld. Klar ist: Solche Straftaten richten sich gegen das, wofür wir alle stehen, eine freiheitliche, demokratische Gesellschaft, und da ist es mir herzlich egal, ob die Angriffe von rechts oder links erfolgen. 

Muss die Berliner Polizei den Kampf gegen politisch motivierte Gewalt stärker in den Fokus rücken?

Glauben Sie mir, wir ermitteln mit aller Vehemenz, nehmen jedes Detail unter die Lupe, richten Ermittlungsgruppen ein, setzen in Teilen 15 % mehr Personal ein und vieles mehr. Insgesamt gilt in beiden Bereichen für neue Entwicklungen stets hellwach zu sein und mit neuen Bekämpfungsansätzen zu reagieren. So habe ich aus gutem Grund nach dem Anschlag in Halle ein Beratungstelefon außerhalb der Polizei gefordert. Denn Sorgen machen uns allen immer mehr Einzeltäter, die vorher in keiner Weise für die Polizei erkennbar waren – Täter, die sich sozial entkoppelt zu Hause in der elterlichen Wohnung radikalisieren. Hier gilt es, für Eltern, Freunde und Bekannte sowie Lehrer und Arbeitgeber die Möglichkeit zu schaffen, an einer nicht polizeilichen Stelle eventuell Hinweise auf eine potenzielle Radikalisierung abzugeben sowie Hilfe zu erhalten. Das ist gerade bei potenziellen Tätern, die im Netz nur konsumieren und nicht durch Hasspostings selbst auftreten, die einzige Möglichkeit, auf sie aufmerksam zu werden.

Was kann die Polizei tun, um in Berlin ernst genommen zu werden?

Ich bin froh, dass man uns ernst nimmt, uns auch schätzt. Wir stellen dennoch eine Zunahme an respektlosem Verhalten uns gegenüber und vor allem von Angriffen auf uns fest. Beiden Phänomenen bieten wir die Stirn. Zum einen gehen wir dort konsequent vor, wo man der Meinung ist, sich über den Rechtsstaat hinwegsetzen zu können. Nehmen Sie die kriminellen Mitglieder arabischstämmiger Großfamilien als Beispiel. Zum anderen gehen wir konzeptionell von unterschiedlichen Seiten an das Thema Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten an. Bei gut 19 Kolleginnen und Kollegen, die im Schnitt pro Tag angegriffen werden, für mich ein Muss.

Angenommen, Sie hätten drei Wünsche…

Als Polizeipräsidentin oder als Frau Dr. Slowik? Den Erhalt einer toleranten, sachlichen und auf gegenseitigem Respekt fußenden Streitkultur würde ich mir wünschen. Wenn ich mir nicht so etwas Umfassendes wünschen dürfte, dann wären es Wünsche für meine Polizei: weiterhin personelle Stärkung, weitere Erhöhung der Besoldung und sanierte, auskömmliche Liegenschaften.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Nachbarn, als solidarische Gemeinschaft, die sich mit Rat und Tat zur Seite steht, sind eine schöne Vorstellung. Aber auch etwas eng gedacht. Nachbarn können doch so viel mehr: Einander argwöhnisch beobachten, tratschen, sich am Gartenzaun jeden Vorteil sichern und bei Gelegenheit heimlich die Polizei rufen. Nicht ohne Grund bevorzugt schon das antike Gastrecht Fremde gegenüber den Nachbarn, ganz nach dem Motto: Halte deine Freunde nah, deine Feinde noch näher. Ab 10 Uhr geht es auch im Haus der Wannseekonferenz (Am Großen Wannsee 56-58, Eintritt frei) um sie: Nachbarn, ihre Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand. An Menschen, die trotz großer Nähe oft nicht als Nachbarn gedacht werden, denkt die Rise Foundation. Bei „helping the homeless“ werden Lebensmittel, Hygieneartikel, Kleidung und mehr an Obdachlose verteilt. Treffpunkt für alle, die bei der Verteilung helfen wollen, ist in der Dieffenbachstraße 68 (Kreuzberg) um 12 Uhr.

Samstagmittag – Nachbarschaften mit Tennisplätzen haben schnell einen gewissen Ruf weg, manchmal zu Unrecht. Das Wohlstandsklischee, das dem kleinen Ball innewohnt, ist bei der Performance der schwedischen Künstlerin Anna Berndtson im HAU2 (Hallesches Ufer 32, 14 bis 20 Uhr) durchaus mitzudenken, wenn sie sich ganze sechs Stunden lang mit einem Stock durch einen Raum tastet, auf dessen Boden Tausende solcher Bälle ihr den Weg verstellen – das Publikum kann dabei beliebig kommen und gehen. Der Titel „Borg“ erinnert an den schwedischen Tennisstar Björn Borg, der in Schweden zum Inbegriff des Leistungsdrucks geworden ist, dem viele Kinder in den 70er und 80er Jahren ausgesetzt waren. Vielleicht nur einen Ballwurf entfernt ist das Erlebnis vieler, die 1989 weitgehend unvorbereitet in die westliche Leistungsgesellschaft eintraten. Und entspricht nicht die Geschwindigkeit in etwa der des Aufbaus Ost in Sachen Lohnniveau?

Samstagabend – Noch langsamer ist eigentlich nur der Stillstand, die vielleicht größte Angst der Leistungsgesellschaft. Von geradezu konfrontationstherapeuthischer Qualität ist da das Angebot des Schöneberger Schwebebads Tranxx: Man legt sich in ein Wasserbad mit hohem Salzgehalt, der verhindert, dass man sinkt, macht alle Beleuchtung und Hintergrundmusik aus und schwebt den stressigen Feierlichkeiten der Stadt davon. Mit gleichschwebender Aufmerksamkeit erkennt man das Wesentliche sowieso klarer, sagt man, sofern man nicht ins fantastische Limbum abdriftet. Aber keine Angst, nach einer Stunde wird man automatisch wieder aus allen Traumebenen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Akazienstraße 27, 9 – 23 Uhr, ab 55 Euro

Sonntagmorgen – Dass Wellness auch bewegt, kann man in Beelitz Heilstätten erleben. Und wer immerzu darüber schimpft, dass die Jugend immer nur auf den Handybildschirm starrt, kann jetzt aufatmen: Hier wird die Welt nämlich durch den Kamerasucher betrachtet, der immer öfter ebenfalls ein Bildschirm ist. Die Fototouren führen durch die äußerst fotogenen Räume, in denen das Licht fantastische Spiele mit den Geschichten und Geschichte erzählenden Gegenständen spielt (9.30 Uhr, Buchung und alles Weitere hier). 

Sonntagmittag – Apropos Handybildschirme: Wie viele Meter legen unsere Daumen täglich beim Scrollen zurück? Zur Erfassung gibt es mittlerweile Apps. Was hingegen nicht so leicht auszumachen ist, ist der Anteil an den uns täglich umgebenden Texten, der auf Handys produziert ist. Er dürfte beträchtlich sein. Wer fürchtet, die gute alte Handschrift käme ihm dabei wortwörtlich abhanden, werfe einen Blick in die Workshops der Makery in Gesundbrunnen. Heute von 14 bis 18 Uhr wird in englischer Sprache eine Einführung in die Gestaltung handgeschriebener Briefe gegeben, ganz ohne Undo-Funktion und Cloudspeicher. Manko: Statt Send-Button gibt es nur den steinzeitlich mühsamen Fußweg zur nächsten Post. Lösung: Das Werk abfotografieren, im Handy nachbearbeiten und in die Cloud laden. Schönewalder Straße 23, 60 Euro

Sonntagabend – Womit wir aus der Briefschreibromantik wieder zurück in der Gegenwart wären. Den passenden Soundtrack dazu liefert das Ensemble LUX:NM, wobei NM für Neue Musik steht. Und tatsächlich, auf dem Programm stehen ausschließlich dem Ensemble auf das Instrumentarium maßgeschriebene Auftragswerke (20 Uhr, Kunstquartier Bethanien am Mariannenplatz, 7 Euro). LUX ist übrigens Latein für Licht, wie im Lux Aeterna, einem Pflichtteil klassischer Requiems. Das von Mozart ertönt heute zum Abschluss des Tages im Kammermusiksaal der Philharmonie – was uns aber keineswegs aus der Gegenwart wieder in die Klassik katapultiert. Die Berliner Bach Akademie verschränkt es nämlich eigentümlich mit bach`schem Spätwerk und sogar ein wenig Brahms. Und das alles zusammen ist doch wieder ziemlich postmodern. Tickets ab 19 Euro sind an der Kasse der Philharmonie in der Herbert-von-Karajan-Straße 1 erhältlich.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Herbert Komnik, Kreuzberger Betriebswirt, über den Silberboom der 80er in den Antik-Handel „reingerutscht“, mit Geschäft in der Gneisenaustraße 71. Begnadeter Geschichtenerzähler und ehrenamtlicher Jugendleiter beim S.C. Berliner Amateure

„Ich habe vor dreißig Jahren in einer Wohnung in den Ballerhäusern (nach dem Architekten Hinrich Baller) am Fränkelufer gewohnt und es dauerte nicht lange, bis auch bei uns die ersten 'Stinkmobile' vorbeifuhren – vermutlich auf Verwandtschaftsbesuch, denn es gab doch viel Interessanteres in Westberlin zu sehen. Und als sie dann die Baller-Gebäude sahen, sagte einer: Da ist aber einiges schief gelaufen. Kreuzberg war damals der Blinddarm Westberlins: Man konnte sich bei uns nicht verfahren, drei von vier Himmelsrichtungen waren ja Ost. Das war auch günstig für’s Geschäft: Ständig kamen neue Möbel nach Westberlin, die alten schaffte aber niemand weg, der Antik-Markt boomte. Als die Mauer fiel, wurde Kreuzberg auf einmal Herz, Magen, Kopf der Stadt. Vorher wollte da keiner hin. In der Skalitzer Straße habe ich mal eine Wohnung besichtigt: Das Treppenhaus, als wär da gerade erst eine Bombe eingeschlagen, die Türen auf allen Etagen aufgebrochen. Und dann dreißig Jahre Wandel. Diesen Samstag bin ich von 11 bis 18 Uhr regulär im Laden. Und am Sonntag lege ich die Füße hoch und schaue mit meiner Frau Sendung mit der Maus. Das muss schon sein – ich treffe so viele ältere Ehepaare, die nicht mal mehr sagen können, was sie eigentlich voneinander wollen. Wissen sie, man muss im Gespräch bleiben, gemeinsam lachen können, ab und an was gemeinsam unternehmen, und dafür sind die Sonntage da. Bei allem Wandel.“

Lese­empfehlungen

Apropos Nachbarn: Um ihnen zu begegnen, muss man manchmal gar nicht die eigene Wohnung verlassen. Etwa, wenn man in einer WG wohnt, wie Nik Afansjew, Dominik Bardow, Eva Müller-Foell und eine gewisse Karina. Und manchmal muss man, um seinen Mitbewohnern zu begegnen, auch ganz weit rausfahren, etwa, wenn sie ohne eine Nachricht zu hinterlassen verschwinden und einen auf den laufenden Kosten sitzen lassen. Eine spannend geschriebene, im Tagesspiegel erschienene Erzählung über zeitgenössische Nachbarschaftsprobleme und Nebenwirkungen des übersättigten Wohnungsmarkts – auch Handydisplays (siehe Sonntagmittag) kommen darin vor.

Mittelbare Nachbarschaft: Als er ausbrach, war die Sorge hierzulande groß. Ein Krieg, so nahe an uns. Mittlerweile ist es recht still um den Krieg in der Ukraine geworden, der nach wie vor wütet. Das Buch „Glückliche Fälle“ der zwischen Kiev und Berlin lebenden Schriftstellerin Yevgenia Belorusets, erst kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen, schaut in die Randbereiche des Ukrainer Alltags, um aus dem Blick Geratendes wieder näher zu bringen (Matthes & Seitz, 20 Euro). Sonntagabend um 20 Uhr wird das Buch mit der Autorin sowie der Übersetzerin Claudia Dathe in der Lettrétage (Mehringdamm 61) vorgestellt. Eintritt frei.

Wochen­rätsel

Was sagte die Frau von Union-Torwart Rafal Gikiewicz zu ihm, nachdem er beim Derby gegen Hertha-Fans an einem Platzsturm hinderte?

a) „Du bist ein Held!“
b) „Du bist ein Idiot!“
c) „Du hättest eine geklatscht kriegen können!“

Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.

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Encore

Das aktuell vielleicht skurrilste Echo des Kalten Krieges haben kürzlich polnische Biologen entdeckt. In einem ehemaligen sowjetischen Atombunker in Miêdzyrzecz ist vor Jahren einer ganzen Ameisenkolonie der Stahlboden weggerostet. Einige Tausend Tiere sollen durch ein Loch in einen Lüftungsschacht gestürzt und ohne Königin und Ausweg gestrandet sein. Bis heute sollen Artgenossen hinterher fallen. Aus Mangel an Alternativen werden sie da unten füreinander Nahrung. Kannibalismus sei unter Ameisen gar nicht so selten, meinen Forscher, in Ameisenkriegen gefallene Tiere dürften dem eigenen Stamm häufig in dieser Weise einen letzten Dienst erweisen. Seit Kurzem hat der Kalte-Krieg-Spuk ein Ende: Befreier haben einen Holzstab in den Schacht gesteckt, an dem die Tiere in die Freiheit klettern, wo sie sich, bisherigen Beobachtungen zufolge, problemlos wieder in die Gemeinschaft eingliedern. 

Haben Sie ein schönes Wochenende,

Lorenz Maroldt