Wenn Kultur und Natur verschmelzen
Wegen Corona finden gerade viele Aufführungen und Kultur-Events im Grünen statt. Ein Glücksfall findet unser Kolumnist. Die Wochenend-Tipps aus dem Checkpoint. Von Thomas Wochnik
Foto: Thilo Rückeis
Samstagmorgen – Dass Gartenarbeit erdet, weiß nicht nur das sprießende Grün. Künstler:innen der B.L.O.-Ateliers haben sich daher eigens ein Biotop angelegt, an dessen bodennahe Auswüchse die Katastrophenforscherin und Kräuterkundlerin Maya Ragana Einblicke gewährt. In freundlicher Begleitung von Wild- und Holzbienen, Waschbären und Eidechsen stellt sie einheimische und gastierende Pflanzenarten vor und nimmt sich besonders der essbaren, gesunden und rezeptfähigen Arten an. Die empfohlene Dosis Froschperspektive gibt es von 12 bis 17 Uhr in der Kaskeltraße 55 in Rummelsburg. Anmeldung erforderlich, Teilnahmegebühr auf Spendenbasis.
Samstagmittag – Ein Klang ist nichts weiter als bewegte Luft, abgehoben und formlos, könnte man meinen. Das stimmt nicht ganz, seine Konturen sind die der umgebenden Architektur und ein Großteil seiner Eigenschaften hängt unmittelbar mit dem Raum zusammen. Klangkunst allzu einfach als Skulptur zu denken ist daher ein herausforderndes Unterfangen, schon weil Klangskulpturen in einer realen Ausstellung kaum im selben Raum koexistieren können, ohne miteinander zu verschmelzen. Von 14 bis 22 Uhr nehmen sich Künstler:innen der Herausforderung an, und zwar im Monom in Oberschöneweide (Nalepastraße 18). Zeittickets zu 12 Euro hier
Samstagabend – Demeter, die Göttin des Ackerbaus, als Corona-Gewinnerin. In geschlossenen Theater-Räumen hätte sie sich sowieso nicht wohl gefühlt. Dass die Pandemie Bühnenensembles zu Probe und Auftritt ins Freie zwingt, dürfte also ganz in ihrem Sinne sein. Auch Aristophanes Komödie „Thesmophoriazusen“ dürfte anno 411 v.u.Z. eine Open-Air-Veranstaltung gewesen sein. Neun Frauen begehren darin gegen verleumderische, falsche und patriarchatsgefällige Darstellungen von Weiblichkeit im Mainstream auf. Da das Problem zweieinhalbtausend Jahre später immer noch nicht gelöst ist, wird das Ritual um 20 Uhr auf dem Gelände des ZK/U in Moabit (Siemensstraße 27) wiederholt. Weitere Orte und Termine gibt es hier
Sonntagmorgen – Apropos Boden: Otobong Nkanga behauptet, so etwas wie festen Boden gebe es gar nicht. In ihrer Ausstellung „There‘s No Such Thing as Solid Ground“ lösen sich entsprechend Erze, Salze und Stoffe, die erst das Menschenzeitalter in irdische Böden eingebracht hat, auf. Und mit ihnen die Metaphern festen Bodens und sicheren Standes in Bezug auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und Menschen auf dem Planeten (gerade eröffnet, zu sehen bis 13. Dezember). Parallel dazu zeigt Lee Mingwei die Ausstellung „Li, Gifts and Rituals“ zum Thema Schenken und Beschenktwerden (nur noch bis Sonntag!). Beides von 10 bis 19 Uhr im Gropius Bau (Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg). Kombitickets kosten 15/ erm. 10 Euro.
Sonntagmittag – Empirisch überprüfen lässt sich die Bodenbeschaffenheit bekanntlich im festen Tritt, zum Beispiel bei einer Wanderung durch die Wuhlheide (Anmeldung erforderlich). Veranstalter Über den Tellerrand, bekannt für interkulturelles Kennenlern-Kochen, führt über zwei Routen durch den Park: eine längere für Wanderer und eine kürzere für Spaziergänger. Beide führen zu einem Spielplatz, auf dem alle unterwegs Quängelnden überschüssige Energien ablassen können. Angeblich soll es unterwegs zu einer überraschenden tierischen Begegnung kommen, über deren Details sich die Veranstalter ausschweigen. Was sollten sie auch Verbindliches sagen? Erfahrungsgemäß gelten Tiere gerade bei Terminsachen als notorisch unzuverlässig. Treffpunkt ist um 14 Uhr vor der Christuskirche in der Firlstraße.
Sonntagmittag – Die Postkarte galt bei ihrer Einführung in den Schriftverkehr als unanständig. Es schickte sich einfach nicht, seinen Inhalt in aller Öffentlichkeit zu entblößen. Nach 150 Jahren im postalischen Verkehr erzählt diese minimale Form des offenen Briefs eine Gesellschaftsgeschichte, die Torsten Flüh bei einer Führung durch die Welt des Postakartenmotivs veranschaulicht. 10 Euro kostet seine Anregung der Botenstoffe, Treffpunkt ist um 14 Uhr vor dem Museum für Kommunikation. Hier entlang zur Buchung.
Sonntagabend – Gregorianischer Choral aus dem Mittelalter, javanesische Gamelanmusik und europäische Moderne zum Wochenendeende – wer in seinem Komponistenleben nur ein einziges Streichquartett unterbringt, muss alles zugleich einfließen lassen. So auch Claude Debussy, dessen frühes Streichquartett g-Moll von 1893 zwischen allen Polen oszilliert, deren Symbiose es anstrebt und damit einen goldenen Mittelweg geht, statt sich radikal erneuernd zu geben. So ähnlich macht das auch die Veranstaltungsreihe Classical Sundays, die ihren radikal niedrigschwelligen Zugang zur sogenannten Ernsten Musik nach Corona-Pause wiederaufnimmt. Mit Debussays Quartett und dem gebotenen Abstand, versteht sich. Reservierung über Link, 20 Uhr in der Werkhalle Wiesenburg (Wiesenstraße 55, Gesundbrunnen)