Liebe Leser*innen! Hoffentlich ist Ihnen jetzt nicht vor Schreck die Schrippe in den Kaffee geplumpst, wir lassen das Gendersternchen aus Gründen der Lesbarkeit auch gleich wieder verschwinden. So ganz verschwinden wird es vermutlich aber nicht mehr, denn möglicherweise steht es bald im Duden – und hätte es damit weiter gebracht als Binnenmajuskel (LeserInnen) und Gendergap (Leser_innen).
Der Rat für deutsche Rechtschreibung befasst sich Anfang Juni mit geschlechtergerechten Schreibweisen, die Initiative dafür kommt von der Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung. In vielen Bereichen wird das Sternchen hier bereits verwendet, zum Beispiel im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag und in offiziellen Dokumenten des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Die Debatte darum wird hochemotional geführt, von Genderwahn und Sprachverhunzung sprechen die einen, von der einzig gerechten Schreibweise die anderen. Der Diskurs kann jedenfalls nicht schaden, hatte der BGH doch kürzlich noch entschieden, dass es schon okay ist, wenn die Sparkasse ihre Kundinnen einfach Kunden nennt, da die Klägerin nicht wegen ihres Geschlechts benachteiligt werde. Da ist ein kleines Sternchen am Himmel vielleicht gar nicht so verkehrt.
Wie viele Fälle von Gewalt und Körperverletzung gab es an den einzelnen Schulen jährlich und wie hat sie sich entwickelt? Das versuchte der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe seit einem Jahr herauszufinden (bis zum Bundesverfassungsgericht)
Nun hat die Bildungsverwaltung die Zahlen von knapp 700 Schulen veröffentlicht. Das Ergebnis (auf 224 Seiten): Die Gewalt hat in den vergangenen vier Jahren um mehr als zehn Prozent zugenommen, 2014: 8760 Fälle, 2017: 9820 Fälle (die Liste aller Schulen gibt es heute in der BZ). Die Zahlen sind allerdings nicht ganz sauber, weil sie laut Innenverwaltung auch Straftaten aufführen, die in der Nähe der Schulanschrift liegen, so gibt es zum Beispiel viele Drogendelikte in der Nähe des Berghains. SPD-Senatorin Scheeres sagt: „Wir dürfen Lehrkräfte mit den Problemen nicht allein lassen“ (Q: Berliner Zeitung) Wie sich das anfühlt, wissen viel Lehrkräfte an den Neuköllner Schulen, die sich nun dem Hilferuf der Sonnen-Grundschule (CP von gestern) angeschlossen haben.
Andererseits: Ist der Ruf erst ruiniert, lehrt es sich recht ungeniert. Diese Erfahrung machen die Lehrkräfte der Neumark-Grundschule in Schöneberg offenbar täglich. Wie schlimm diese Schule sei, hört man seit Jahren im Spielplatztalk, schlechte Durchmischung, da kann man seine Kinder auf keinen Fall hinschicken! Irgendwann wurde es Teresa Faraj zu viel: Die Mutter von drei Kindern hatte keine Lust auf Trickserei bei der Einschulung, Antragskriege oder gar einen Umzug. Also hat sie sich die Schule mal genauer angesehen und fand: engagierte Schulleitung und Lehrkräfte, tolle Projekte und Förderprogramme, eigenes Orchester, Bibliothek, Garten, Lesewettbewerbe, Smartboards in allen Klassenzimmern. Und die Durchmischung? Machen wir einfach selbst! „Lasst uns alle gemeinsam unsere Kinder in diese Schule geben und – auch mit Elternengagement – eine der tollsten Grundschulen Schönebergs daraus machen“, schreibt Teresa Faraj in einem Brief an alle Eltern im Kiez. Wetten, dass die Schule in ein paar Jahren, die neue In-Schule ist?
„Frohe Ostern, du Weihnachtsmann“, sagte Dieter Kunzelmann, bevor er dem Regierenden ein Ei auf dem Kopf zerdrückte. Vor Gericht war das – angeklagt, weil er Diepgens Dienstwagen mit einem Ei beworfen hatte. Zur Haft trat er mit einem Eierkarton an. Als er sich für die AL ins Abgeordnetenhaus wählen ließ, stellte er sich mit „Sachgebiet Polizei und Justiz“ vor. Provokationen bestimmten das Leben des „Kommune 1“-Mitbegründers, dessen Rolle beim Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus 1969 nie geklärt wurde. Sein langjähriger Anwalt Christian Ströbele teilte gestern mit, dass Kunzelmann im Alter von 78 Jahren gestorben ist. Einen Nachruf auf ihn lesen Sie hier.
„Ein sehr gelungenes Werk“, schreibt Michael Karnetzki (SPD), Vize-Bezirksbürgermeister, im Vorwort der Broschüre „Starke Frauen in Steglitz-Zehlendorf 1945-1990“. Ob ihm nicht aufgefallen ist, dass dort unter den 23 Frauen auch DDR-Richterin Hilde Benjamin (Schauprozesse, 15 Mal lebenslänglich, zwei Todesurteile) gewürdigt wird (CP von gestern)? Karnetzki ist derzeit auf Dienstreise. In der BVV gestern Abend sprach die SPD-Jugendstadträtin Carolina Böhm von einem „eklatanten Fehler“ des Bezirksamts. Bürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) hat derweil den Herausgeber aufgefordert, ihr alle 100 Exemplare zu schicken. Auf dem Cover ist auch das Bezirkswappen zu sehen, finanziert wurde die Broschüre vom Jobcenter. Der Bezirksverordnete Clemens Escher (CDU) sprach von „Ahnungslosigkeit im Amt“. Die CDU kündigte einen Missbilligungsantrag gegen den SPD-Stadtrat an. Außerdem in der Broschüre vertreten ist übrigens Sigrid Kressmann-Zschach, Architektin des Ku’damm-Karrees und des Steglitzer Kreisels. Starke Leistung.
Die Gerüchte, unter dem Flughafen Tegel schlummere ein im Rohbau fertiger U-Bahnhof, gibt es seit Jahren. Mein Kollege Gerd Appenzeller ist für seinen Reinickendorf-Newsletter (leute.tagsspiegel.de) nun hinabgestiegen in die Untiefen der Lokalpolitik und hat einfach mal nachgefragt. Antwort des Flughafenchefs: Gibt es nicht. Die Pläne seien zwar weit fortgeschritten gewesen, letztlich aber am französischem Einspruch gescheitert, da die Linie unter dem militärischen Teil Tegels verlaufen wäre. „Uns liegt sogar ein Plan vor, in dem die U-Bahn Strecke eingezeichnet ist.“ Man haben sich nicht auf die Streckenführung einigen können, bestätigt auch die BVG, deren Kommunikationschefin Petra Reetz extra nochmal ins Landesarchiv gefahren ist. Die Pläne seien verschoben worden (auf den nie erfolgten Bau eines zweiten Sechsecks), um den Bau des Terminals nicht zu verzögern. Das waren noch Zeiten.
Telegramm
Da es in Tegel nicht mal den Rohbau eines U-Bahnhofs gibt (spread the word!), reist der gemeine Berliner bekanntlich häufig mit Auto oder Taxi an. Weil das oft recht unübersichtlich ist in der Enge des Sechsecks, soll die Zufahrt zum Innenring nun beschränkt, beziehungsweise beschrankt werden.
Beschränkt sind auch die Lichtenberger, zumindest was ihre Wohnverhältnisse betrifft. 65,8 Quadratmeter hat eine durchschnittliche Wohnung dort, in Steglitz-Zehlendorf sind es fast 20qm mehr (85,3). Berliner Durchschnitt: 1,8 Bewohner auf 73qm, jeder Berliner hat durchschnittlich 39 qm zur Verfügung, einen weniger als vor fünf Jahren. (Q: SenStadt auf Anfrage Seb. Czaja, FDP)
Mitte-Berliner haben übrigens auch nicht besonders viel Platz (67,4qm), im Falle der Beratungsstelle Personalhygiene (für Arbeit in der Gastronomie) gar keinen mehr. Die Lebensmittelpersonalberatung ist geschlossen – wegen Gesundheitsgefahr. Sie befand sich nämlich im Haus der Gesundheit, das bekanntlich von Schimmel befallen und teilweise gesperrt ist. Derweil arbeite man „unter Hochdruck“ an der Wiedereröffnung in der Turmstraße 21 – seit knapp einem halben Jahr. (Dank an CP-Leser Heiner Winkeler)
Wo wir gerade bei gesundheitsverlängernden Maßnahmen sind: „Wir sind gut, aber nicht spitze“, sagt der Regierende. „Wenn man Berlin über Europa hinaus mit anderen Metropolen vergleicht, können wir noch nicht mithalten.“ Weil Gesundheit nun bekanntlich Chefsache ist, eilte Müller gestern von der Vorstellung seiner Gesundheitsstadt Berlin 2030 zum Fachforum Gesundheitswirtschaft im Tagesspiegel-Verlagshaus. Fazit eines für ihn sicher weniger gesundheitsfördernden Tages: Berlin soll das Silicon Valley der Medizin werden.
Nun aber schnell zurück nach Tegel, schließlich wird es am Wochenende so voll in der Stadt (Pfingsten, Pokalfinale, Formel E, Karneval der Kulturen, siehe Verkehr!), dass man eigentlich nur noch fliehen kann.
Tüdüüüüdü, da kommt passenderweise gerade ein Kandidat für unser Betriebsstörungsbingo rein: „Auf Grund diverser Störungen am Zug setzt dieser jetzt in Wannsee aus. Weiterfahrt nach Potsdam mit irgendeinem der Folgezüge.“ (Gehört von Torsten Dwilling in der S7) Oder einfach ab zum See.
Sollten Sie lieber das Rad nehmen (an der Ostsee ist es ja auch ganz schön; Wetterprognose, hier wie dort: 22 Grad, Sonne), passen Sie gut auf sich auf! Gestern Abend erinnerten hunderte weiß gekleidete Radfahrer mit einer Stillen Demo an die verunglückten Radfahrer: In Berlin sind in diesem Jahr bereits drei Radler gestorben, voriges Jahr waren es 17.
Mehr Verkehrssicherheit sollen noch in diesem Jahr zehn neue Blitzer bringen und damit die Zahl der fest installierten Anlagen auf 32 erhöhen. Im Ostteil der Stadt gibt es momentan überhaupt nur drei, Ende des Jahres sollen es sieben sein. (Q: Berliner Zeitung)
Und damit sich Kinder gleich an öffentliche Verkehrsmittel gewöhnen, sinkt der Preis fürs Schülerticket ab dem 1. August auf 21,80 Euro/ Abo 17 Euro (vorher: 29,50€/22,92€). Das Geschwisterticket entfällt, mit Berlinpass fährt man gratis. Die Differenz zahlt der Senat.
Die Differenz gezahlt hat im Falle von Alwine ein unbekannter Immobilienmakler, der das verfallene Örtchen in Brandenburg für 140.000 Euro gekauft hat. Der hat nun offenbar zwei Erfinder (zu sehen mit weißen Kitteln heute in der B.Z.) beauftragt, das Dorf, Achtung, neu zu erfinden. Die beiden Österreicher betreiben in Prenzlauer Berg einen Erfinderladen und verkaufen dort zum Beispiel eine Wasserwaage, die um die Ecke messen kann. Erste Ideen: Häuser sanieren mit Solardachziegeln. Visionär! Eine Website gibt es auch schon. Bürgermeister Andreas Claus sagt: Toll, solange es bezahlbar bleibt und niemand seine Wohnung verliert. Na hoffentlich erfindet der Makler da am Ende keine Ausreden.
Eine Ausrede hat sich Christoph Terhechte auch noch nicht überlegt, was dafür spricht, dass er was Besseres gefunden hat. Ende Juni gibt er die Leitung der Berlinale-Sektion „Forum“ (ästhetisch anspruchsvolle Independentfilme) nach 17 Jahren ab. Sein Vertrag lief (wie Kosslicks) nur bis zur nächsten Berlinale. Der Neustart des Filmfestivals fällt somit größer aus als gedacht. Auch Panorama-Chef Wieland Speck ist bereits weg, Kosslicks Nachfolger (Grütters strebt eine Doppelspitze aus Orga und künstlerischer Leitung an) bekommen dadurch größeren Spielraum. Oder muss es hier Filmraum heißen?
Sammeln Sie Herzen? Paybackpunkte? Deutschlandkarte? Haben Sie sich auch schon mal gefragt, ob da an der Kasse vielleicht ein Roboter sitzt, der immer artig seinen Satz aufsagt? Das könnte bald Realität werden: Im Bikini Berlin steht seit gestern ein Verkaufsroboter, er oder vielmehr sie (Name: Gisela) kann zwar noch nicht sprechen, aber basteln, Leute bedienen und vor allem: nett lächeln. Erfinder Matthias Krinke glaubt, dass das die Zukunft ist. Nun: Wenn Sie Siri im Alexa nach Alexa fragen und Ihnen Gisela antwortet, ist das möglicherweise etwas verwirrend, aber zumindest ist die Zukunft offenbar weiblich.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
“Wir hoffen, dass es dem Kind dann gut geht.”
Kriminaloberkommissar Schwarz über seine Sorge, die Mutter der drei ausgesetzten Kinder könnte wieder schwanger sein. Seit 2015 war jedes Jahr im Sommer ein Mädchen im Norden Berlins ausgesetzt worden, inzwischen ist klar, dass es sich um Schwestern handelt.
Tweet des Tages
"Heute schon lesen, was Montag im @Tagesspiegel #Checkpoint steht."
Antwort d. Red.: Werbeslogan der Flughafengesellschaft FBB für ihren Newsletter. Anmerkung der Redaktion: Heute ist Donnerstag.
Stadtleben
Essen & Trinken im Petite Europe in der Langenscheidtstraße 1 in Schöneberg ist zuallererst für eine Überraschung gut: Denn wo Fassade und Name französische Küche vermuten lassen, verbirgt sich in Wahrheit eine bodenständige, gemütliche, italienische Trattoria. Das verrät spätestens der Blick in die Karte, die ein üppiges Angebot mediterraner Gerichte zu bieten hat: Carciofini al Verde oder das Rinder-Carpaccio mit Champignons und Parmesan taugen mit einem Gläschen Chianti oder Montepulciano als Appetitanreger, danach dürfen es die Großgarnelen mit Knoblauch in Weißweinsoße oder eine Pizza Calabrese sein. Ein Blick in die Wochenkartelohnt sich ebenfalls, die gibt Spezialitäten her, wie etwa selbstgemachte Pasta in Lammragout. Auch sympathisch: In der Getränkekarte sind kleine Hinweise für Wein-Laien untergebracht: Da weiß man, dass der intensive Rotwein Salice Salentino „Leone de Castris“ aus Apulien im Geschmack fruchtig ist und beim obligatorischen Schnuppern davor nach Unterholz duftet - na dann: Cin cin. U-Bhf Kleistpark, Di-So 17-24 Uhr