Der erste Schnee in Berlin - weiß da jemand mehr? Am ersten Advents-Wochenende konnte man sich immerhin ein wenig begrieseln lassen; und rund um Frankfurt (Oder) wurde sogar ein fliegender Weihnachtsmann gesichtet, klar erkennbar an seinem roten Mantel und dem vorgespannten leuchtenden Rentier, das ihn über den Abendhimmel zog (Beweisfoto hier). Im Tagesspiegel-Interview verrät der Brandenburger Überflieger, der mit einem selbst gebastelten Motorschirm-Fluggerät seinen dreijährigen Enkel überraschen wollte, das Geheimnis seines Aufstiegs: „Mein Rentier ist aus Aluminium und wiegt nicht mal drei Kilo.“ Selten war es so leicht, an den Weihnachtsmann zu glauben.
Und nun zu den Meldungen, die leider schwer zu glauben sind:
Ein Jahr nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz melden sich Angehörige aller 12 Todesopfer in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Wort. Dessen Inhalt raubt einem den Atem und auch den ruhigen Schlaf in dieser, in unserer Republik. „In Bezug auf den Umgang mit uns Hinterbliebenen müssen wir zur Kenntnis nehmen, Frau Bundeskanzlerin, dass Sie uns auch fast ein Jahr nach dem Anschlag weder persönlich noch schriftlich kondoliert haben“, schreiben die Hinterbliebenen (das Schreiben in voller Länge finden Sie hier). Neben dem fortdauernden Leid nach dem Attentat schmerzt sie, schmerzt uns das massive Behördenversagen vor und nach der Tat, die mangelnde Großzügigkeit der Bürokratie in Fragen der Betreuung und Entschädigung - und das ganz offensichtliche Fehlen von Empathie. „Das wirkt nicht nur so, das ist: herzlos“, kommentiert Stephan-Andreas Casdorff. Wann endlich fasst sich Angela Merkel ein Herz für die Opfer unter uns?
Vorsicht vor verdächtigen Paketen! Wer Päckchen von unbekannten Absendern erhält, womöglich auch mit auffälligen Rechtschreibfehlern, schlecht leserlichen Adressen, Flecken auf der Verpackung oder gar herausragenden Drähten, soll die Polizei verständigen und das Paket unter keinen Umständen öffnen. Die Behörden raten zur Vorsicht und bitten um Umsicht insbesondere in Berlin und Brandenburg, denn hier vermuten sie den Absender der Millionenerpressung gegen den Paketdienst DHL. Die Täter „nähmen schwerste Verletzungen der Adressaten oder sogar deren Tötung in Kauf“, warnt Landesinnenminister Karl-Heinz Schröter (SPD). Die Paketbombe, die am Freitag an eine Apotheke am Potsdamer Weihnachtsmarkt gesendet worden war, hatte Hunderte Nägel, einen illegalen Böller und offenbar doch einen Zünder enthalten. Anfang November war eine ähnlich hochgefährliche Sendung bei einem Unternehmen in Frankfurt (Oder) eingegangen. Die Polizei sucht nun nach Zeugen, weitere Informationen dazu finden Sie hier.
Mit der Political Correctness ist es an Stammtischen so eine Sache; und nach ein paar Gläsern an der Theke fällt es manchem schwer, das Wort „Korrektheit“ überhaupt korrekt auszusprechen. So ist es auch am Moritzplatz in Kreuzberg, wo die weithin sichtbare Kneipe „Zum kleinen Mohr“ umbenannt wurde in „Zum kleinen Moritz“. Der Wirt wollte sich nicht mehr den Vorwurf des Rassismus einschenken lassen wie zuletzt am 1. Mai von einem linken Flashzechmob. Doch womöglich wurde mit dem neuen Namen der nächste Ärger verzapft. Denn der Moritzplatz ist benannt nach Moritz von Oranien. Der war zwar kein Sklaven-, aber ein Kriegstreiber und hatte als Fürst im 16. und 17. Jahrhundert den schlechten Ruf eines „Frauenschänders“. Wann kommt endlich die politische Autokorrektur?
Neues aus der Chaotischen Spezial-Union (CSU): Horst Seehofer will München als Ministerpräsident verlassen und zum Jahreswechsel als Minister nach Berlin wechseln, in eine neue Bundesregierung. In Bayern hauen sich Seehofers Parteifeinde schon vor Freude auf die Lederhosenschenkel. Dabei müssten sie nur mal in ihre Laptops gucken, um die drei größten Probleme dieses Umzugsunterfangens zu begreifen. Erstens: In Berlin gibt es keine Wohnungen. Zweitens: In Berlin gibt es keine neue Bundesregierung. Drittens: In München regiert dann Markus Söder.
Bevor hier alle rotsehen, schalten wir um zu Berlins berühmtester nicht funktionierender Ampel. Sie wissen schon, im Tegeler Forst sieht der Senat vor lauter Bäumen nicht mehr, was Ampelphase ist. Nachdem 2013 die alte Lichtanlage nach einem Unfall lichterloh brannte und kurzfristig durch ein Dauerprovisorium ersetzt wurde, brauchte es vier Jahre, die Statik für die neuen Masten zu berechnen (mithin längst ein Checkpoint-Klassiker und nun sogar dem britischen „Economist“ einen Artikel über Berlins Misere wert). Nun aber gibt Rot-Rot-Grün grünes Licht für Rot-Gelb-Grün. Nach Checkpoint-Informationen liegt die neue Ampelanlage leuchtfertig „im Lager“ und soll bis Ende des Jahres das Licht des Walds erblicken - „wenn kein Frost dazwischenkommt“. Was für ein Rumgeeampel.
Der Wedding kommt jetzt wirklich. Gestern gewann er sogar gegen Berlin - im Olympiastadion traf der verlorene Bolzplatzjunge Kevin-Prince Boateng zum 2:1-Siegtreffer für Eintracht Frankfurt bei Hertha BSC. Da der 1. FC Union am Sonntag ebenfalls eine frühe Führung verschenkte (1:2 in Bochum) und offenbar wieder nicht aufsteigen will, singt ganz Berlin wieder ein altes Hohelied aus Hohenschönhausen: „Hey, wir woll’n die Eisbären seh’n“. Die sind Tabellenführer. Puck, Du hast den Ball gestohlen.
Telegramm
Sie erinnern an Nachbarn, die im Nationalsozialismus verschleppt und ermordet worden sind. Sie wurden gestohlen, aus der Straße gerissen, um mit ihnen die Erinnerung an meist jüdische Mitbürger aus dem Stadtbild zu reißen. Doch ab heute werden die Stolpersteine in der Hufeisensiedlung in Neukölln neu verlegt - dank vieler Spenden aus dem Kiez erhält das Gedenken neuen Glanz.
Gute Nachricht aus der Türkei: Der Journalist Deniz Yücel sitzt nicht mehr in Einzelhaft. Schlechte Nachricht aus der Türkei: Der Journalist Deniz Yücel wird seit 294 Tagen ohne Anklage eingesperrt. Und er ist nicht der einzige. #FreeThemAll
Kurze Zwischenlandung am Flughafen Tegel: Nach dem Zwangsabsturz von Air Berlin bleibt vor den Terminals alles beim Alten. „Die Leute stellen ihre Autos immer noch länger ab als erlaubt. Wenn wir hier fertig sind, können wir gleich da vorne wieder anfangen“, sagt die Frau vom Ordnungsamt. Und verteilt Schokoschmerzen.
Damit kein Bodenfrust aufkommt, noch eine Meldung der Berliner Polizei: Wer an der Winterwelt am Potsdamer Platz seine Packung Einhorn-Taschentücher verloren hat (Fahndungsfoto hier), melde sich umgehend mit sachdienlichen Hinweisen. Der Einsatz erfolgt mit Martinseinhorn.
Beim Happyend wird abjeblendt? Nicht mehr im alten Stummfilmkino in Weißensee. Kurt Tucholsky hätte seine Freude, und Berlin verschlägt es die Sprache: Das legendäre „Delphi“ wurde am Wochenende als Theater wiedereröffnet - im Stile der Zwanziger. Berlin, wie es swingt und lacht.
Bei der AfD verleiht nicht rote Brause Flügel, sondern braune Soße. Der so genannte „Flügel“ um den zuweilen offen rassistischen Nationalisten Björn Höcke setzte sich beim Chaos-Parteitag in Hannover fast auf ganzer zackiger Linie durch. Der Berliner Parteichef Georg Pazderski scheiterte dagegen mit seiner Spitzenkandidatur. Er ist der AfD nicht radikal genug.
Wie finden Sie eigentlich den Checkpoint? Machen Sie noch diese Woche mit bei unserer Leserumfrage (bitte hier entlang). Damit uns auch mal die Leviten gelesen werden.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich habe damals unglücklich agiert, manchmal auch einfach blöd.“
Berlins Fünf-Wochen-Staatssekretär Andrej Holm blickt ein Jahr nach der Debatte um seine Stasi-Tätigkeit zurück - und auf sich selbst mit anderen Augen. Meine Tagesspiegel-Reportage über das Davor, das Danach und das Dazwischen finden Sie hier.
Tweet des Tages
Ich glaube, manche Menschen fahren nur Zug, um mal wieder in Ruhe ausgiebig telefonieren zu können.
Stadtleben
Essen und Trinken im Hinterhof der Anklamer Straße 38 in Mitte: Das heimlichTreu versprüht mit modernen Kunstwerken, Stahlträgern und weißgestrichenen Backsteinwänden geradezu Galeriecharme. Dort serviert das Team - mit Gastro-Erfahrung aus dem Katz Orange und First Floor - etwa Rote Beete Ei, geröstete Paprika und Anchovi (10 Euro) und Entenbrust mit Rosenkohl (20 Euro), danach Haselnuss-Cranberry-Schokolade (18 Euro). Für die Drinks stand Arnd Heißen (Curtain Club und Frangrances Bar im Ritz Carlton) Pate - das schmeckt man nicht nur beim Sweet Secret (Moschus, Vanille, 42 Below, 14 Euro). U-Bhf Bernauer Straße, Lunch Mo-Fr 12-14 Uhr, Dinner Mo-Sa ab 18 Uhr