Los geht’s heute mit einem Spiel: Stille Post. Wie bitte, was haben Sie verstanden?:Gülle Frost? Ja, wir leben in postfaktischen Zeiten. In Berlin stellt die Post keine Briefe mehr zu, jedenfalls nicht mehr jeden Tag. Das gibt, Sie hören richtig, fille Frust - in Marienfelde, Schmargendorf, Grunewald und, ja, sogar in Waidmannslust. Aber was ihre Briefe betrifft, stellt sich die Post taube. Sie kann auf Nachfrage nicht mal sagen, wie viele Mitarbeiter sie in Berlin hat, wie viele davon derzeit krank sind und wo und wann deshalb nicht zugestellt wird. Der Konzern bedauert lediglich „Unregelmäßigkeiten“ und verweist, nun ja, im weiteren Fluss auf „eine ganze Reihe von bewährten Qualitätssicherungsmaßnahmen, die wir aber im Einzelnen nicht darstellen werden“. Sollen sich doch die Kunden die Karten selbst legen anstatt sie zu verschicken. Die Lösung: Einsendeschluss.
Niemand hat mehr ein Herz für Air Berlin. Bis 28. Oktober kann sich Berlins größte Fluglinie ihren letzten Kunden noch einmal von ihrer Schokoladenseite zeigen, danach wird die Insolvenzmasse eingeschmolzen. Der Himmel für mehr als 1000 Berliner Mitarbeiter hat sich im Geschacher längst verdunkelt, sie stehen vor der Arbeitslosigkeit, dem Abschied vom Fliegen oder Lohnabstürzen beim Lufthansa-Billigflieger Germanwings. Einen Sozialplan gibt es immer noch nicht, und Berlins Politik schaut hilflos am Boden zu, wie die Hauptstadtpläne eines Flugdrehkreuzes in der Luft zerrissen werden. So bitter kann keine Schokolade sein.
Wenigstens gehen in Bayern die Uhren noch langsamer als in Berlin. Der neue Bayern-Trainer Jupp Heynckes (Saisonziel: Rente mit 73) hat im Beisein von Allzeit-Manager Uli Hoeneß (Lebensziel: bloß keine Rente mit 73) verkündet, dass sein Hund Cando bereits zwölf Jahre und vier Monate alt ist, „für einen Schäferhund ist das ein biblisches Alter“. Damit werden die Münchner zumindest Meister der Doppelherzen.
Sieben Leben hat ja auch Alexander Dobrindt, zuletzt als Bundesverkehrsminister vier Jahre lang auf bayerischer Geisterfahrt in Berlin. Nun durfte er als CSU-Landesgruppenchef die nicht so genannte Obergrenze für Flüchtlinge mitausverhandeln und nebenbei den für Berlin tröstlichen Satz verkünden: „Deutschland ist nicht der Prenzlauer Berg.“ Was ja nur heißen kann: Beim Zuzug nach Kiezhausen gibt es keine Obergrenze für Bayern und Schwaben. Die Umbenennung des Kollwitzplatzes schreitet in diesem Sinne bereits voran (Beweisfoto hier). Auf die Plätzle, fertig, los!
Falls Sie noch nicht wissen, wen Sie wählen sollen: Der frühere Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) wirbt noch mit seinem umstrittenen Riesenplakat am Steglitzer Kreisel um verlorene Stimmen. Das Ordnungsamt Steglitz-Zehlendorf war am Montag für Nachfragen oder Beschwerden nicht zu erreichen (sicherlich nur ausnahmsweise); das Tiefbauamt ließ wissen, es sei nur für kleine Plakate im öffentlichen Raum zuständig, nicht für 400 Quadratmeter große auf Privatgelände. Also Anruf bei der CG-Gruppe, die als Eigentümerin des Kreisels Heilmann die Megafläche überlassen hatte. „Ja, wir hängen das Plakat in Kürze ab“, versichert eine CG-Sprecherin. „Die Wahl ist ja vorbei.“ Ach was!
Ach was, die Wahl ist vorbei? Vielleicht sollten wir das auch mal der AfD Berlin verraten. Die wirbt auf ihrer Internetseite noch mit der fahnenflüchtigen Parteivorsitzenden Frauke Petry - inklusive ihres in die Wahlkampfkamera gehaltenen Babys (zu sehen noch hier) und der plakativen Frage: „Und was ist Ihr Grund, für Deutschland zu kämpfen?“ Bei Frauke Petry ist es die AfD jedenfalls nicht mehr. Aber vielleicht lässt sich diese Text-Bild-Zeit-Schere noch ohne Burka verschleiern.
Telegramm
Schlechter Roman: So bezeichnet der Anwalt des Berliner Menschenrechtlers Peter Steudtner die türkische Anklageschrift voller „Behauptungen und absurder Anschuldigungen“, die seinen Mandanten bis zu 15 Jahre ins Gefängnis bringen soll. Weil Steudtner in der Türkei ein Menschenrechtsseminar anbot, soll er nun ein Terrorhelfer sein. In der Berliner Gethsemanekirche wird täglich um 18 Uhr für den Familienvater gebetet (Eindrücke hier). Die Bundesregierung findet die Anklage gegen Steudtner auch „nicht akzeptabel“, weiß sich und ihm aber nicht zu helfen.
Guter Roman: War ja klar, dass die Erzählung „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis gewinnt. Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse hat darin unsere Kapitale als das beschrieben, was sie in Wahrheit ist: ein buntes Bürokratiemonster. „Die Stadt ist Konfetti und wir schauen es an, als wäre es ein Mosaik – und manchmal ist es umgekehrt“, sagt einer der Helden in dem Roman. Ach so, es geht übrigens um Brüssel.
In Berlin wird derweil aufgeräumt. Innensenator Andreas Geisel (SPD) will den Tiergarten mit einer „konzertierten Aktion“ von Land und Bezirk von aggressiven Obdachlosen befreien. Immerhin räumt der Senat damit ein, dass der grüne Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel nach seinem ungrünen Hilferuf nach mehr Recht, Ordnung und Staat in Berlins Mitte nichts auszuräumen hat.
Bei diesen Zahlen kann man leicht umkippen. Mehr als 20.000 Bäume sind beim Orkan „Xavier“ allein in Berlin entwurzelt worden. Und die Stadtreinigung muss Straßen und Wege auch noch von 110.000 Kubikmetern rutschigem Herbstlaub befreien. Das entspricht einer halben Million gefüllten Badewannen. Zeit zum Entblättern.
Schnell noch das Motto des Christopher Street Day im nächsten Sommer, gestern Abend beim homosexuellen Forum in Schöneberg gekürt: „Mein Körper – meine Identität – mein Leben“. Und das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft im nächsten Sommer, gestern Abend hat es sich sensationell qualifiziert: „Huh!“ – der Schlachtruf der Isländer.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich schlucke keine Kröten. Ich bin Vegetarier.“
Grünen-Chef Cem Özdemir vor den anstehenden Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition
Stadtleben
Essen & Trinken auf dem Pfefferberg 120 Jahre nachdem Joseph Pfeffer das "Bierzapfungslokal der neuen Bayrischen Bier-Bauerei Schönhauser Allee 176" eröffnet hat, zog 2013 - nach jahrzehntelanger Zweckentfremdung und aufwendiger Sanierung - erneut ein „Bierzapfungslokal“ samt Brauerei in die historischen Gemäuer ein: Im Pfefferbräu braut Thorsten Schoppe Prenz‘l Pils und Prenz‘l Pale Ale - wer es eher „etwas röstig und süß“ mag, probiert Berliner Schnauze Dunkel (keine Angst, Wein und Gin gibt es zur Not auch). Zu den kräftigen Bieren passen deftige Speisen wie ein ordentliches Pfeffersteak mit Röstkartoffeln (21,50 Euro), Treberbrot-Stullen (6-8 Euro) und frische Käsespätzle (13,80 Euro). U-Bhf Senefelderplatz, Di-Do ab 16 Uhr, Fr ab 15 und Sa-So ab 12 Uhr.