Ehe Sie gleich Ihren Kaffee herunterstürzen: Machen Sie heute mal lieber halblangsam! Denn eine Sturzgeburt haben wir am Montag schon auf dem S-Bahnhof Heidelberger Platz erlebt. Hier fiel eine Schwangere so unglücklich, dass umgehend die Wehen einsetzten und die Feuerwehr sie ins nahe Klinikum Westend brachte – wo ein Westend Girl zur Welt kommen sollte, sich dann aber doch noch ein wenig Zeit ließ. Das Baby, so es denn heute das Licht der Welt erblickt, wird sicher ausgestattet mit einer gleitenden Monatskarte auf Lebenszeit; auf jeden Fall wurde es schon mit vielen vorschnellen Glückwünschen bedacht auf dem S-Bahn-Twitterkanal, auf dem ja sonst nur Verzögerungen im Betriebsablauf vermeldet werden. Schütten wir also heute nicht das Kind mit der Bahne aus, sondern halten uns im Zug des Lebens gut fest.
In der Spezialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) geht‘s wieder rund. Weil Raed Saleh den Thilo Sarrazin gibt, gibt Heinz Buschkowsky eben den Heinz Buschkowsky. Neuköllns Poltergeist ist überall und teilt heute im Tagesspiegel doppelt aus: Michael Müller, der gegen die Weiterverbreitung seiner Zitate pro Videoüberwachung durch die Berliner Pro-Videoüberwachungskampagne vor Gericht zieht, muss sich von Buschkowsky (der bei der Kampagne dabei ist) „grandiose Lächerlichkeit“ vorwerfen lassen: „Nur gespaltene Persönlichkeiten wollen sich nicht an ihre Aussagen erinnern.“ Müllers Parteifreund Saleh, der gestern ohne Pegida-Proteste in Dresden sein linkes Leitkultur-Buch „Ich Deutsch“ vorstellte, kommt bei Buschkowsky nicht besser weg: „Was ich bisher gelesen habe, waren en masse Kalendersprüche in der Poesie eines Backfisches.“ Gut, dass man in Zeitungspapier nicht nur Fische, sondern auch Zitate einwickeln kann.
Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin. Das Lied von Marlene Dietrich wird jetzt auch auf Hochzeiten gesungen. Denn wegen des Gepäck-Chaos‘ bei Air Berlin posierte ein amerikanisches Ehepaar nach der Trauung auf Island so: die Frau im Brautkleid, ihr Ehemann in Unterhose und T-Shirt, auf dem in Englisch steht: „Dieser Hochzeitsanzug ist eine Empfehlung von Delta Airlines.“ Das Paar war mit Delta von Washington nach New York geflogen, verpasste aber den Anschlussflug und wurde auf Air Berlin umgebucht - über Paris und Berlin ging’s nach Reykjavik. Der Anzug des Mannes flog jedoch nach Frankfurt am Main weiter und trudelte erst vier Stunden nach der Hochzeit beim brodelnden Gatten auf der Vulkaninsel ein. Die Reaktion von Air Berlin: Wegen der vielen Anfragen würde eine Antwort noch dauern. So langsam zieht es einem auf dem Flughafen Tegel nicht nur die Schuhe aus.
Auf die Parkplätze, fertig los! Berlins tägliches Suchspiel erreicht das nächste Level: die Verkehrspolitik. Weil an den geschätzten 10.000 Kilometern Parkstreifen immer noch nicht alle eine Stellfläche vor der eigenen Haustür finden (neuerdings nicht mal Michael Müller, der Regierende Bürgermeister von Tempelhof), entbrennt nun der Kampf um die besten Plätze. Im Tagesspiegel-Duell rechnet Evan Vosberg vom Fahrradclub ADFC vor: „Im Schnitt werden Pkw am Tag 30 Minuten bewegt, meist sitzt nur eine Person im Wagen. Die restlichen Stunden steht das (private) Auto herum und nimmt (öffentlichen) Platz weg. Und zwar an nahezu allen Straßenrändern.“ Jörg Becker vom ADAC retourniert routiniert: „Das Rad allein kann und wird das Auto nicht ersetzen.“ Und damit ist klar: Alles bleibt wie bisher – täglich zu besichtigen etwa vor dem alten Krankenhaus Neukölln (Beweisfoto via Henning Onken). Alle Räder stehen still, wenn mein starker Laster es will.
Schnell noch ein Blick auf die bis zum Montagabend eingereichten Landeslisten für die Bundestagswahl in Berlin. Am 24. September bewerben sich unter anderem folgende Volksbewegungen:
„bergpartei, die überpartei (B*)“,
„Die Urbane. Eine HipHop Partei (du.)“,
„Die Violetten – für spirituelle Politik“,
„Sozialistische Gleichheitspartei, Vierte Internationale (SGP)“,
„V-Partei3 - Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer (V-Partei3)“.
Ach ja, und Martin Schulz. Einer muss ja Wahlkampf machen.
Telegramm
Haste mal ‘ne Mark? Klar, wieso nur eine? So geht es zu in der Mark Brandenburg, wenn Großprojekte in den märkischen Sand gesetzt werden. Mit 120 Millionen Euro aus Landesmitteln wurde der Lausitzring in einen früheren Tagebau gezimmert. Nun ist die Kohle komplett verpulvert - denn aus der Rennstrecke, auf die die Formel 1 nicht gewartet hat, wird ein Testgelände für die Autoprüfer der Dekra. Und später mal Tropical Raceland.
Eilmeldung aus dem Berliner Zoo: „Heute ist Meng Meng laut den beiden Berliner Pflegern an ihrem Gehege noch gar nicht rückwärts gelaufen“, hieß es verheißungsvoll am Montag. Kein Wunder, das Panda-Weibchen kommt schließlich aus dem kommunistischen China: Vorwärts immer, rückwärts nimmer.
Lernen, lernen, nochmals lernen. Wozu eigentlich? Felix Schoknecht aus Mahlsdorf ist mit 894 von 900 möglichen Punkten Berlins bester Abiturient – und er sagt: „Ich habe nicht viel dafür gelernt“. Weil es so langweilig war, hat der 18-Jährige nach Schulschluss noch seinen Notendurchschnitt ausgerechnet: „Das müssten 0,7 oder 0,8 sein - jedenfalls nach der Formel, die hinten auf dem Zeugnis steht.“ Also: 0,7 rauf mit Mappe!
Letzte Meldung aus der FDP Steglitz-Zehlendorf: Familie Czaja übernahm am Montagabend den Ortsverband Wildwest, der nicht erst seit den Sticheleien rund um die Wahl so heißt. Nur Mario, der Bruder von Sebastian, bleibt in Mahlsdorf und in der CDU – im Osten ist alles halb so wild.
Diese Debatte (angestoßen von @olaunt) ist überfällig. Nach dem Neonazi-Konzert mit 5000 Sieg-Heil-betrunkenen Dummdeutschen in Thüringen muss sich die Politik fragen lassen: Wann kommt das Verdummungsverbot?
Schnell noch die Sportergebnisse. Fußball-Frauen-EM in Holland: Deutschland – Schweden 0:0 (hier der Spielbericht); Altherren-Tennis-Meisterschaft in Wimbledon: Roger Federer gegen den Rest der Welt: 8:0 (hier eine Würdigung).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich kann die subjektive Wahrnehmung vieler Bürger verstehen, die sich allein gelassen gefühlt haben.“
Der Berliner Polizist Oliver von Dobrowolski, der beim G20-Gipfel in Hamburg im Einsatz war, kritisiert auf seinem Blog und im Tagesspiegel die falsche Einsatztaktik der Polizeiführung.
Tweet des Tages
„Montagabend in der U7: Ein spanischer Tourist trinkt aus einer XXL Maggi-Flasche. Alles wie immer!“
Stadtleben
Essen & Trinken in Mitte In der Torstraße 99 (U-Bhf Rosenthaler Platz) hat Pantry-Betreiber David Canisius kürzlich das PeterPaul eröffnet. Serviert wird Heimatküche in Tapas-Größe in „exterritorialer“ Fine-Dining-Atmosphäre (Stahl, Glas, Downlights). Erbsensuppe und Königsberger Klöpschen (Portionen kosten zwischen 2,50 und 6,50 Euro) sind schnell wegschnabuliert, da bleibt noch Platz für Sauerbraten, Maultaschen und Fischstäbchen – an einem Abend. Auch für die passende Weinbegleitung ist gesorgt: Die Weißen stammen komplett aus Deutschland (insb. Reichsrat von Buhl), bei den Roten sind Italiener und Spanier mit dabei. Geöffnet Di-Sa ab 17 Uhr