Die Wähler hatten keine großen Erwartungen an die GroKo. Und dennoch wurden viele enttäuscht. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge sind 36 Prozent mit der Regierungsarbeit unzufrieden, 33 Prozent sogar sehr unzufrieden. Passend dazu kommentierte gestern die Opposition das hunderttägige Jubiläum: „Wir haben ein ‚Weiter so‘ erwartet. Was wir erleben, ist aber ein ‚Schlimmer so‘.“ (FDP-Chef Christian Lindner). „Mit so einer miserablen Performance hat wohl niemand gerechnet.“ (Grünen-Chef Robert Habeck) „Viel Gekeife und Gezeter.“ (Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch) „Hundert schwarze Tage für Deutschland.“ (AfD-Fraktionschefin Alice Weidel) Und um auch ja keine Hoffnung auf Besserung aufkommen zu lassen, drohte am Abend Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU): „Wenn man im Kanzleramt mit der Arbeit des Bundesinnenministers unzufrieden wäre, dann sollte man die Koalition beenden.“ In der Union sind derweil Gegner wie Befürworter gespannt auf Seehofers „Masterplan“. Also quasi alle, die ihn noch nicht kennen.
Wenn die deutsche Nationalelf am Samstagabend auf Schweden trifft, geht es um nicht weniger als den Einzug ins Achtelfinale. Sollte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw verlieren und Mexiko zuvor gegen Südkorea gewinnen, würde sich das Team bereits vor dem letzten Spieltag disqualifizieren. Ein Reporter der schwedischen Zeitung „Expressen“ wollte den deutschen Spielern entsprechend bereits ein selbstgebasteltes Rückflug-Ticket schenken. „From World Cup to Holiday“, war darauf geschrieben, ausgestellt für Samstagabend, von Sotschi nach Berlin, „Frei Weissbier an Board“ inklusive. Der Konter von Sami Khedira: „Ich denke, die brauchen wir erst am 16. Juli.“ Das wäre einen Tag nach dem WM-Finale in Moskau. Optimismus gilt ja durchaus als positive Eigenschaft.
Der WM-Spielplan fürs Wochenende: Heute 14 Uhr Brasilien – Costa Rica, 17 Uhr Nigeria – Island, 20 Uhr Serbien – Schweiz, jeweils ZDF. Am Samstag 14 Uhr Belgien – Tunesien, 17 Uhr Südkorea – Mexiko, 20 Uhr Deutschland – Schweden, jeweils ARD. Am Sonntag 14 Uhr England – Panama, 17 Uhr Japan – Senegal, 20 Uhr Polen – Kolumbien, ebenfalls ARD.
Dazu ein Beispiel von gestern aus der Kategorie „Tippspiel ist auch nicht mehr das, was es mal war“: Argentinien vs. Kroatien (0:3).
Weiter mit der WM-Meldung „Geschmacklos, geschmackloser, Burger-King“: Die Fast-Food-Kette hat in einem russischen sozialen Netzwerk allen Frauen, die von Weltfußball-Stars schwanger werden, eine Belohnung angeboten. Indem die Mädchen die besten Fußballer-Gene ergattern, würden sie den Grundstein für den Erfolg der russischen Nationalmannschaft für Generationen legen. „Jede von ihnen bekommt drei Millionen Rubel und eine lebenslange Versorgung mit Burgern.“ Der fette Shitstorm, der folgte, wird dem Unternehmen zu Recht noch schwer im Magen liegen. Die Aktion wurde bereits wieder eingestellt.
165 Städte weltweit hat die IESE Business Schools auf Lebensqualität und Nachhaltigkeit geprüft (PDF). Als beste deutsche Stadt liegt Berlin auf Platz 11, unter anderem hinter New York, London und Paris. Besonders punkten konnte die Hauptstadt in Sachen „sozialer Zusammenhalt“ (Platz 3). Inhaltlich fasst der Begriff Kriminalität, Gesundheitssystem, Sterblichkeit und allerhand andere Faktoren bis zum Anteil weiblicher Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung zusammen. Zu den weiteren Kriterien des Rankings gehören „Internationale Ausstrahlung“ (4), Mobilität und Verkehr (6), Humankapital (7) und Regierungsführung (14!).
Der Berlin Startup Monitor hat derweil die Gründerszene an der Spree ausführlich analysiert. Das wichtigste Ergebnis: Berlin trägt seinen Ruf als Startup-Hauptstadt zu Recht. 42 Prozent der Arbeitsplätze des gesamten Gründer-Ökosystems befinden sich in Berlin. 17 Prozent aller Startups in Deutschland sind hier beheimatet. Der einzige Stadtteil ganz ohne: Marzahn-Hellersdorf. Der typische Berliner Gründer ist der Studie zufolge übrigens 35,2 Jahre alt, männlich und BWLer. In Sachen Frauenquote (16 Prozent) ist da noch einiges zu tun.
Seit Jahren kämpft eine Elterninitiative erfolglos dafür, den Schulweg zur „Grundschule an den Buchen“ in Niederschönhausen zu entschärfen, wie mein Kollege Christian Hönicke in seinem "Leute"-Newsletter Pankow berichtet. Weder vor der Schule noch an der benachbarten Kita könnten Kinder die Wilhelm-Wolff-Straße sicher überqueren oder den Bürgersteig entlanggehen, „da sich Autofahrer nicht an die Verkehrsregeln halten und aufgrund der vielen Fahrzeuge die Situation unübersichtlich ist“. Eine Gehwegvorstreckung wurde vom Bezirksamt als „zu teuer“ und „nicht zielführend” abgelehnt, eine Anfrage für den Einsatz von Schülerlotsen „aus Sicherheitsgründen“ von der Polizei. Bereits im Februar wurde bei der Senatsverwaltung ein Antrag für einen Zebrastreifen gestellt. Passiert ist seitdem nichts. Das große Chaos bleibt ein Problem für die Kleinsten.
Apropos unübersichtlich: Unsere Aktion Gefahrenmelder läuft weiter. Sie kennen abrupt endende Radwege, Raserstraßen oder ungesicherte Übergänge? Twittern Sie gern unter #Gefahrenmelder oder mailen Sie an checkpoint@tagesspiegel.de, möglichst mit Foto und Ortsangabe. Jüngstes Beispiel: Die Schulstraße im Wedding. Allein dort haben gestern Abend vier (!) Autos auf dem Radweg geparkt.
Telegramm
Zeiten ändern Berlin. Die DDR förderte Wohnen in Kleingärten, Pankow will nun echte Wohnviertel daraus machen und wagt sich an das heikle Pilotprojekt: Häuser statt Datschen. Die Anlage Schildow-Waldeck soll den Anfang machen.
Die rund 440.000 Bäume Berlins sollen nicht verhungern und nicht verdursten. „Zur nachhaltigen Stärkung des Berliner Baumbestandes“ stellt der Senat den Bezirken 2018 und 2019 jeweils drei Millionen Euro bereit. Bis zur Umsetzung gilt: Gerne weiter gießen!
Nicht durchgesetzt hat sich im Abgeordnetenhaus ein CDU-Antrag, der Rattenbekämpfung intensivieren will. Man habe das Thema „auf dem Schirm“, sagte Staatssekretär Jens-Holger Kirchner. Aber Ratten ließen sich gar nicht „bekämpfen“. Dafür seien sie zu schlau.
Ebenfalls nicht durchsetzen konnte der AfD-Verordnete Eckhard Paetz in der Bezirksverordnetenversammlung Mitte einen Antrag, der vorsah „eine geeignete Ersatzgegend“ für das Rotlicht-Gewerbe in der Kurfürstenstraße zu finden. Parteikollege Clemens Torno drohte derweil, so lange in der Bezirksverordnetenversammlung zu bleiben, bis diese einen Antrag der AfD annimmt. Das Angebot der FDP wiederum, dem Antrag bei sofortigem Rücktritt vom Mandat zuzustimmen, blieb folgenlos.
Beschlossen hat die BVV Mitte gestern einstimmig, dass ein Zusatzschild für den Elise-und-Otto-Hampel-Weg am Rathaus Wedding angebracht wird. Zumindest ein kleines Zeichen, nachdem zunächst der große Platz nach dem Ehepaar benannt werden sollte und es schließlich doch nur der Fußgängerweg wurde. Sie hatten während des Zweiten Weltkriegs mit Handzetteln und Postkarten zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufgerufen, wurden verraten und in Plötzensee hingerichtet.
Einen polizeilichen Großeinsatz gab es gestern Abend am Adenauerplatz: Vor einem Restaurant in der Wilmersdorfer Straße wurden zwei Männer niedergestochen und schwer verletzt.
Ein langjähriger Mitarbeiter der SPD-Landeszentrale soll mindestens 15.000 Euro veruntreut haben und wurde nach seinem Geständnis unverzüglich freigestellt. Er handelte nach Angaben der Berliner SPD „vermutlich aus einer persönlichen Notlage heraus“. Dem Vernehmen nach wollte er seinen schwer kranken Partner nach einer erfolglosen Operation finanziell unterstützen. „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ drang, wie es scheint, nicht bis in die eigenen Reihen durch.
Apropos Gelder: Brandenburg fordert einen Anteil des Milliarden Bußgelds das Volkswagen im Dieselskandal an Niedersachsen zahlen muss. 30 Millionen Euro würden dem Land rechnerisch zustehen und könnten in Umweltmaßnahmen investiert werden. Falls Sie sich an dieser Stelle zufällig fragen, wo eigentlich all die Autos sind, die VW zurückkaufen musste: Einen von mehreren Orten sehen Sie hier.
Don’t do it like Melania: Vielleicht waren es gute Absichten, die Melania Trump dazu brachten, die von ihren Eltern getrennten und eingesperrten Kinder an der mexikanischen Grenze zu besuchen. Schlecht jedenfalls war, dass sie dabei einen Mantel mit der Aufschrift „I don’t really care, do you?“ trug.
Passend dazu lohnt ein Blick auf das neue „Time“-Cover. Der preisgekrönte Fotograf John Moore hat festgehalten, wie ein zweijähriges Mädchen aus Honduras in Tränen ausbricht, als seine Mutter es absetzen muss, um von einem amerikanischen Grenzkontrolleur abgetastet und anschließend festgenommen zu werden. Das Bild des kleinen schwarzhaarigen Mädchens mit dem rosa Pulli und den rosa Schuhen, das nicht versteht, was da gerade passiert, ist jetzt als Fotomontage auf dem Titel zu sehen. Welcome to America.
Zauberstäbe raus, es wird magisch! Die internationale Wanderausstellung „Harry Potter: The Exhibition“ kommt im Oktober in den Filmpark Babelsberg. Gäste können den Quidditch-Bereich betreten, ihre eigene Alraune im Kräuterkunde-Klassenzimmer ziehen und sogar eine Nachbildung von Hagrids Hütte besichtigen. Butterbier gibt’s nicht, dafür aber Schokofrösche. Muggels müssen draußen bleiben.
Aus der Reihe „Amt, aber glücklich" hier noch ein Beitrag von CP-Leser Christian Sommer, der von seinen „positiven Erfahrungen“ mit dem Jugendamt Pankow berichtet: Nicht nur wurde kurzfristig ein persönliches Beratungsgespräch ermöglicht, auch wurde ein Bescheid unkompliziert digital übersandt. Digital. Lassen Sie das ruhig kurz auf sich wirken.
Selten, aber möglich: BER-Chef Engelbert Lütke Daldrup ist mit der Arbeit der vier wichtigsten Unternehmen auf der Flughafen-Dauerbaustelle zufrieden. Obwohl es ambitioniert sei, dass bis zum ursprünglich angepeilten Datum August 2018 alle „kritischen Gewerke“ ihre Arbeit abschließen könnten, geht er weiter davon aus, dass der Eröffnungstermin Oktober 2020 realistisch sei. Optimistischer wird’s heute nicht mehr.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Wir sind auch fassungslos, aber wir rätseln noch über die Gründe.“
Der isländische Fernsehkommentator Gudmundur Benediktsson auf die Frage, warum in Island die Einschaltquoten für das WM-Spiel gegen Brasilien von 99,8 auf 99,6 Prozent im Vergleich zur Europameisterschaft zurückgegangen sind. Das gesamte Interview lesen Sie heute in unserer täglichen „11 Freunde“ WM-Beilage (E-Paper).
Tweet des Tages
Guten Morgen. Bekommen wir heute endlich wieder #Hetzefrei?
Tweet des Tages
Kind kommentiert Twitter: „Da sind ja so kleine Herzchen - weil ihr euch gegenseitig liebt, oder?“ Ja. (Wir vergessen es hier nur manchmal.)
Stadtleben
Essen in Schöneberg Traurige Berühmtheit erlangte das Feinberg´s durch ein Video in den sozialen Medien, das den alltäglichen Antisemitismus in Berlin zeigt. Seitdem wirken die Userbewertungen verzerrt, mäandern zwischen himmelhoch jauchzend bis vernichtend. Die Realität sieht so aus: Hier wird israelisch und jüdisch gekocht, es gibt sehr gute Gerichte vom Lavasteingrill, der bei Hühnchen, Rindersteak, Lammhackklopsen und Dorade schön rauchige Aromen hinterlässt. Der Hummus ist ausgezeichnet, dazu passen Mezze, Rotkohlsalat mit Koriander und Dattelsirup. Die Präsentation ist einfach, die Preise leicht gehoben (Hauptgerichte 10-14 Euro), dafür mittags eine der besten Adressen im Kiez, wie unsere Genuss-Redaktion bezeugt. Fuggerstraße 35 (U-Bhf Viktoria-Luise-Platz), Di-So 12-23 Uhr, barrierefrei, Reservierung empfohlen
Trinken mit der russischen Community, die sich im Gegensatz zu der deutschen schon im Siegesrausch befindet. Egal, wie das Spiel der deutschen Nationalelf am Samstag (Anpfiff 20 Uhr) ausgeht: Ein paar Gläser Nastoika im Kvartira 62 werden helfen, den Schmerz oder die Freude zu verarbeiten. Den mit Früchten aromatisierten Wodka setzt Inhaber Alexander Grüner selbst an, im Regal stehen aber noch seltenere Spirituosen wie Polugar, ein Vorgänger des russichen Wodkas mit Knoblauch- und Pfeffernote. „Nastrovje“, so Grüner, sagt in Russland übrigens kein Mensch, vielmehr seien Trinksprüche auf sein Gegenüber, die Liebe oder sonst etwas Passendes üblich. Trinken wir also auf Sieg, statt Niederlage, damit die gute Stimmung noch etwas länger anhält. Lübbener Straße 18, U-Bhf Schlesisches Tor, tgl. ab 17 Uhr, zur WM ggf. schon früher (je nach Spielstart)