Berlin startet FrühjahrsputzErfinder der Weltzeituhr ausgezeichnetBerlin fördert Abbiegeassistenten für Lkws

jetzt kommt Berlin endlich ins Rollen. Rechtzeitig zum Wochenende fing die Stadtreinigung gestern damit an, den Rollsplitt von den Bürgersteigen zu scrollen, der unter unseren Füßen knirschte wie der unwirsche Lockdown-Winter. Und auch die zerknirschenden Nachrichten sollen sich langsam mal trollen. Also fegen 2200 Beschäftigte der Stadtreinigung die Stadt durch, davon 1300 mit dem Handbesen. Winter, Winter seid’s gewesen – ganz so fix geht das allerdings nicht.

Falls die Kälte zurückkommt, hat der Schneeräumdienst noch einmal Vorrang; auch die Kehrmaschinen versprühen ihr staubbindendes Wasser nur bei Plusgraden. „Der große Frühjahrsputz ist sehr wetterabhängig und dauert mehrere Wochen“, erzählt Sebastian Harnisch von der Stadtreinigung. Nur Berlins 25.000 Abfalleimer, die im Corona-Jahr mit den weggeworfenen Verpackungen mitgebrachter Lebensmittel überworfen werden, könnten noch umwerfender geleert werden. Damit Berlin endlich mal ganz sauber ist – und damit völlig von der Rolle.

Man kann es sich kaum vorstellen, erst recht nicht in diesen Zeiten, in denen man das Pflaster unter seinen Füßen lieber schnell hinter sich lässt. Aber es stimmte ja: Der Alexanderplatz war mal ein Ort des Verweilens; ein Ort an dem man eine Weile die Zeit stehen lassen konnte. Am liebsten an einem Ort, an dem sich die Zeit am schwungvollsten immer weiter drehte: der Weltzeituhr. Das mondän designte Räderwerk war in Berlin, Hauptstadt der DDR, Treffpunkt einer Welt, die nicht in alle Welt reisen konnte.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen ist die beliebteste Einkaufszeit der Deutschen, mit Trolley-Stau an Supermarktkassen, Run auf die roten Preisschilder und dem beruhigenden Gefühl, alle Unwägbarkeit der kommenden Woche mit dem Wocheneinkauf zumindest in puncto Nahrung schon jetzt auszumerzen. Wer das Gedränge entzerren will und außerdem Wert auf Nachhaltigkeit legt, besucht heute zum Markttag die Stadtfarm, Allee der Kosmonauten 16. Die Veranstalter:innen haben reichlich Sturm und Regen bestellt, um die Besucher:innenzahlen klein zu halten.

Samstagmittag – Apropos Unwägbarkeit: Gelassen und zufällig, statt bis ins Letzte durchgeplant, erscheint die Gruppenausstellung „Long Time – No See“ in der Galerie Taubert Contemporary (Knesebeckstraße 90). Die Galerie hat schlicht aktuelle Arbeiten von Künstler:innen aus dem eigenen Portfolio zusammengetragen, von denen zurzeit, wegen der allgemeinen Lage, wenig zu sehen ist. Perfekte Voraussetzungen, um die eigenen Überlegungen in flaneuristischer Manier von den Exponaten leiten lässt, statt von einem übergeordneten thematischen Rahmen. Obligatorisch ist die vorherige Anmeldung per E-mail, da sich in den Räumen nur drei Menschen zugleich aus dem Weg gehen können. Di-Sa 11-18 Uhr.

Samstagabend – Regen, Regener, Sven Regener. Der rege Kopf der Berliner Band Element of Crime und Autor solcher Bücher wie „Herr Lehmann“, gerade dabei seinen neuen Roman „Glitterschnitter“ fertig zu schreiben, hat jüngst mit den Bandkollegen Richard Pappik und Ekkehard Busch die Platte „Ask Me Now“ rausgebracht, ein Jazz-Album mit Regener an der Trompete. Dass immer er im Vordergrund steht, wenn es um die Band geht, hat er sich übrigens gar nicht ausgesucht. Das behauptet er jedenfalls im Podcast Narzissen und Kakteen, in dem er mit seinen Bandkollegen nach und nach die EoC-Diskographie nacherzählt. Angereichert mit sehr viel Kontext, Berliner Zeitgeist und nerdigen Musikdetails, plaudern die drei frei drauf los und geben einen ziemlich unverstellten Einblick in die Berliner Musikgeschichte ab 1984. Aktuell sind acht Folgen verfügbar, die mit achteinhalb Stunden Hörzeit einen unterhaltsamen Kontrapunkt zum miesen Wetter bieten.

Sonntagmorgen – Kinder lieben bekanntlich Pfützen, Gummistiefel und alles Nass sowieso. Und da genau unter diesen nassen Bedingungen weniger Menschen unterwegs sind als sonst, empfiehlt sich der Einstieg in den Frühling eben spätestens jetzt. Die Gärten der Welt (Blumberger Damm 44, Marzahn) sind schon voller Knospen und Sprösslinge. Wer den elterlichen Bio-Erklärbär heute zu Hause gelassen hat, kann sich und/oder die Kinder auf den Irrgarten loslassen. Halbstündige Zeitfenster werden im Vorfeld gebucht, dafür kann man sich dann wirklich ungestört verlieren. Anschließend nur pünktlich den Ausgang wiederfinden.

Sonntagmittag – Die Gummistiefel gleich anlassen können wir beim Besuch der Alfred-Ehrhardt-Stiftung in der Auguststraße 75. In der Ausstellung Seestücke – Fakten und Fiktion geht es um das Meer als Sehnsuchtsort, immergleiche, aber in stetiger Bewegung befindliche Landschaft, Geheimnis und Gefahr. Und um ein empfindliches, bedrohtes Ökosystem. Statt stimmungsvoller Postkartenmotive und dramatischer Sturmbilder stehen hier gegenwärtige gesellschaftliche Prozesse im Vordergrund, denen das Meer als Projektionsfläche dient. Mit Werken von 23 internationalen Künstler:innen ist die Ausstellung Di bis So von 11 – 18 Uhr für begrenzte Besucher:innenzahlen geöffnet. Die obligatorische Terminbuchung erfolgt per E-mail.

Sonntagabend – Vom verregneten Berlin in den sonnigen Süden – und damit vom Regen in die Traufe, allerdings mit hohem Unterhaltungswert: In einer Inszenierung von Christof Loy feiert Francesca da Rimini, Riccardo Zandonais meistgespieltes Werk, um 19 Uhr an der Deutschen Oper Hauspremiere. Sonnige Aussichten verspricht der Stoff nicht: Voll menschlicher Abgründe geht es eher tragisch zu, wenn die Protagonistin zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen an eine Frau im Italien des Fin de Siècle und dem eigenen Drang nach Selbstbestimmung Halt zu finden sucht. Anspielungen an Dantes Göttliche Komödie, Wagners Tristan und andere, damals in Mode stehende Sujets, sorgen auf der Metaebene für eine kleine Zeitreise zum Wochenendeende.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. In diesen Zeiten bleibt er jedoch lieber im heimischen Bau und kocht, aus Gründen der Selbsterhaltung, feine vegetarische Gerichte.

„Wir haben doch keine Zeit, die Museen haben geöffnet, überall Warteschlangen und es gibt so viel zu sehen. Aber noch nicht genug, denn auch ich werde ein Werk beitragen, im öffentlichen Raum, Land-Art, versteht sich, nur bin ich noch nicht ganz fertig. Die Bedingungen sind perfekt, der Boden ist nass und gut formbar, mein Wühlwerkzeug bestens in Schuss. Jawohl, die Expressionistensau geht mal wieder mit mir durch, so ist das. Chantal, die Sau von Nebenan, kennt das schon. Eben bei künstlerischer Tätigkeit haben wir einander kennengelernt, falls Sie das noch nicht wussten. Chantal ist nämlich auch Künstlerin. Im schönen Sauen, in Brandenburg sind wir einander begegnet, im Wald gleich hinter der Begegnungsstätte der Berliner Kunsthochschulen. Wir waren Seminarteilnehmer:innen. Wie dem auch sei, ich bin kurz angebunden – und Sie sind es auch, wenn Sie nichts verpassen wollen – darum ein schnelles Rezept: Auf den Tisch kommt ein Zucchinisalat mit Schafskäse, der bei der vielen Bewegung beim Kunstmachen oder Kunstschauen nicht schwer im Magen liegt, aber dennoch bestens mundet und mit allem Nötigen versorgt. Das Rezept finden Sie hier. Mit freundlichen Grunzen.“

Lese­empfehlungen

Wer nach elf Monaten im Homeoffice noch nie Stress mit den Nachbarn hatte, sei beglückwünscht. Für alle anderen hat Susanne Grautmann hier (Abo) aufgeschrieben, was man tun kann.

„Alle verfahren sich, wenige reden darüber“ - die 60-jährige Susanne Schmidt hat 2015 eine Ausbildung zur Busfahrerin bei der BVG absolviert und danach mehrere Monate im Berliner Linienverkehr verbracht. Über Stress, Drohungen, Sexismus und Leberwurst am Lenkrad hat sie mit Moritz Honert und Julia Prosinger gesprochen (Abo).

Wie geht's weiter? Darüber entscheiden am morgigen Sonntag rund 15 Millionen Deutsche bei den Landtagswahlen im Süd-Westen. Wer sich bereits heute einlesen will: Robert Birnbaum hat den rheinland-pfälzischen CDU-Spitzenkandidaten Christian Baldauf (Abo) porträtiert, Felix Hackenbruch war in Baden-Württemberg unterwegs und stellt die Frage, was Grünen-Überflieger Winfried Kretschmann (Abo) mit seiner Macht eigentlich noch anfangen will.

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Encore

Tja, ganz am Schluss geht’s hier doch noch um die Pandemie. Die rafft auch die Königinnen der Berliner Lüfte dahin: Mehrere Japanmöwen im Tierpark sind vorzeitig verendet, weil das West-Nil-Virus bis Berlin mutiert ist. Aber es wäre ja gelacht, wenn sich die Vögel mit einer Spannweite von 1,20 Metern auch in angespannter Not nicht zu helfen wüssten. Die übrig gebliebenen zwei Männchen und sechs Weibchen haben in der Berliner Mövenkuppel jetzt eine Art Kommune gegründet, in der die Möwinnen als gleichgeschlechtliche Partner die Kinder großziehen. Damit das Leben auch in der Luft weiter in der Schwebe bleibt.

Berlins Lach-, Sach- und Krachgeschichten haben wir heute mit Thomas Lippold geschickt ausgesucht und mit Cristina Marina ausgesucht verschickt. Am Montag geht’s hier weiter mit Lorenz Maroldt. Bis dahin wohnt auch diesem Wochenende ein Anfang inne. Fangen wir was Zauberhaftes damit an. Ich grüße Sie!

Ihr…
 

Robert Ide