Ach, schon wach? Das ging ja früher als die Polizei erlaubt. Die wird gerade ihres Schlafs beraubt. Denn an der Polizeiakademie in Spandau geht ein Räuber um; intern wird wegen schweren Diebstahls ermittelt, wie mein Kollege Alexander Fröhlich berichtet. Ein Polizeischüler behauptet, aus seinem Umkleideschrank sei am Freitagabend der Autoschlüssel gestohlen worden. Nur finden sich dummerweise keine Spuren. Eine falsche Fährte? Eine versteckte Prüfungsaufgabe? Ein XY, das für immer ungelöst bleibt? Der Fall ist fast so rätselhaft wie die neue Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ über Berliner Polizisten mit Doppelleben und Dreifachauftrag (Vorgeschmack hier). Die nächste Hundestaffel ist schon in Planung.
Grün werden sie sich nicht mehr. Jens-Holger Kirchner, der trotz abklingender Krebskrankheit, gegen seinen Willen und wider alle Fachkompetenz heute seinen Posten als Verkehrs-Staatssekretär verliert, wird mit Berlins Verkehrtsenatorin Regine Günther nicht mehr in einem Haus arbeiten. Schließlich hatte sie ihn kurz nach seiner letzten OP schon im Krankenhaus angerufen, um ihn zum Entlassungsgespräch zu zitieren. Nun suchen die ob ihrer Kälte erblassten Grünen einen neuen Job für Kirchner, aber nach Checkpoint-Informationen könnte auch Regiermeister Michael Müller (SPD) heute in der Senatssitzung ein Machtwort sprechen. Den r2g-Selbstsuggestivslogan „Gutes Regieren“ kann man jedenfalls bald negieren, wenn die Spitzen nicht schnell reagieren. Und Senatorin Günther? Der darf so was nicht mehr passieren. Sonst ist es um sie passiert.
Berlins Museumsinsel wird zum Taka-Tucker-Land. Denn hier tuckern nicht nur die Dieseldampfer für Touristen vorbei - alle unter ruß-ischer Flagge -, sondern stranden nach der Rekonstruktion der zu Feinstaub zerfallenen Museen bald wieder Horden von Reisebussen. Für das noch baustellenstaubige Humboldt-Forum hat der Senat in Zukunft ganze drei Haltebuchten vorgesehen, wie FDP-Chef Sebastian Czaja via Parlamentsanfrage herausbekam – zum Ein- und Aussteigen. Zum Zwischenparken findet sich bisher kein Platz, aber „erfahrungsgemäß normalisiert sich nach drei bis vier Jahren das Besucheraufkommen wieder“, teilt Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert mit langstrumpfigem Langmut mit. Frei nach Pippi: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut.“
Es ist nicht selten, dass Berliner einen Vogel haben. Aber diese Recherche des australischen „Guardian“ treibt einen nervös aus den Federn: Hat der in Berlin ansässige Verein „Association for the Conservation of Threatened Parrots“ in den letzten drei Jahren mehr als 200 seltene australische Papageien importiert, um sie womöglich teilweise illegal und zu hohen Preisen privat weiterzuverkaufen, statt sie wie vorgeschrieben öffentlich in Zoos zu zeigen und zu pflegen? Die Vorwürfe, am Montagabend in Australien veröffentlicht und vom Firmenchef allgemein zurückgewiesen (die ganze Recherche gibt es hier), beschäftigen nun deutsche Naturschutzbehörden. Trotz der seltenen Tiere sind Kontrollen nur selten.
Am Berliner Fastflughafen kriegen sie ja die Brandschutztür nicht zu, deshalb löscht man den Durst nach Erfolgsgeschichten mit Gefolgsmeldungen. Bei der letzten Personalie des Aufsichtsrats – der Bestellung eines Chefjuristen für 160.000 Euro jährlich – wurde klar, warum es in Unschönefeld vor allem eine Entrauchungsanlage für Köpfe braucht. Zwei Untersuchungsausschüsse, unzählige abgehobene Chefs und gerissene Termine später landet die einfache Einsicht, warum seit 2006 hier nur die Geschäftsführer fliegen: Der BER scheitert männlich. Aktueller Delay: zwei Männer und eine Frau in der Geschäftsführung, zwölf Männer und zwei Frauen in der Führungsebene darunter. Jetzt kann es nur noch eine Rettung geben: die BER.
Kein Halten mehr am Hauptbahnhof, Schleichen auf Weichen bei der S-Bahn, Tumulte und Tam-Tam in der überfüllten Tram. So lief das gestern im Berliner Nah- und Fernverkehr. Vom angekündigten Streik war allerdings nix zu merken. Gut, dass wenigstens die U-Bahn zur Abwechslung nicht unterirdisch fährt: Auf Lkw gehievt verkehren die Waggons derzeit als neuartiger Schienenersatzverkehr rund um die Humboldt-Universität – natürlich in schöner Unregelmäßigkeit (Beweisfoto von Checkpoint-Leserin Ines Märkle-Coldewey hier). Genießen wir also heute wieder das Leben in zu vollen Zügen. Denn so was hat man lange nicht geseh‘n: eine voll leere Bahn.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Zwei Meldungen, eine Welt. Nadia Murad, jesidische Friedensnobelpreisträgerin, ruft die Menschheit gegen sexuelle Gewalt und die Unterdrückung von Minderheiten in Kriegen auf. Die weltweite Waffenindustrie hat ihre jährliche Produktion für Kriege auf fast 400 Milliarden Euro gesteigert.
Zwei Meldungen aus der Wüste. Das gefakte Sexfoto eines dänischen Fotografen und eines Models auf den Gipfeln der Pyramiden erregt ganz Ägypten, allerdings vor Zorn. Währenddessen ist das ägyptische Visum der Berliner Rallyerentnerin Heidi Hetzer abgelaufen, wie sie bei Instagram postete, „aber Heiko meint, wir können 14 Tage überziehen – hoffentlich geht das gut.“ Gut Sphinx will Weile haben.
Alles, was rechts ist: Die Jugendorganisation der AfD hat auch in Berlin enge Kontakte zur Identitären Bewegung, die vom Verfassungsschutz als gefährlich für Leib und Demokratie eingestuft wird. Das Netzwerk hat mein Kollege Robert Kiesel freigelegt (die ganze Recherche lesen Sie hier). Nun könnte sich die AfD selbst darin verfangen.
Offene Frage: Was macht eigentlich Friedrich Merz?Offene Antwort: „Einer Jugendorganisation wird nicht viel zugetraut“, sagt Berlins Juso-Chefin Annika Klose, 26: „Und einer jungen Frau schon mal gar nichts.“ (via „Berliner Zeitung“)Offener Brief: Alexander Schwarz, Deutschlandchef der Ferienwohnungsmietpreisschleuder Airbnb schlägt Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) per Post „eine echte Kooperation“ vor und bietet eine Datenschnittstelle zur Verwaltung der vermieteten Wohnungsadressen an. Offenbar kennen sich die Fremdenführer aber nicht in Berlin aus: diese Schnittstelle soll digital sein.
Gibt es noch einen Exit aus dem Brexit? Gestern verschob Kleinbritanniens Noch-Premierministerin Theresa May die Abstimmung im Parlament, die sie sowieso nicht mehr gewinnen kann. Noch 108 Tage bis zum Brexitus.
Und auch das noch: Australien trauert um sein bekanntestes Känguru. Es hatte enorme Muskeln, konnte boxen und starb nun mit zwölf Jahren an Altersschwäche (Foto hier). Sein Name war Roger. Over.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich kann keine Intrige sehen. Es gibt nur Befürchtungen und Fantasien.“
Marianne Birthler, kommissarische Vertrauensleitung der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, im Tagesspiegel-Interview über die Entlassung des langjährigen Direktors Hubertus Knabe.
Tweet des Tages
„Es ist doch seltsam, dass man auf älteren Bildern immer jünger aussieht.“
Stadtleben
Essen Mit der richtigen Ernährung stehen und fallen auch diese Zeilen – eigentlich sollte an dieser Stelle der Hinweis auf den Bauernmarkt am U-Bhf Leopoldplatz stehen, der jeden Dienstag von 10-17 Uhr beste Produkte aus der Region anbietet. Was hiermit auch getan wäre. Die üblich ausschweifende Umschreibung aber muss heute unter den Tisch fallen – und zwar unter den Tisch im Restaurant Prism, an dem unser Restaurantkritiker Bernd Matthies gespeist hat. Ganz unüblich für ihn, kommt er in seiner Kritik (oder ist es eine Ode?) nämlich kaum aus dem Schwärmen heraus. Was heißt „kaum“, er tut es einfach nicht. Sogar das Licht auf den Tellern ist „wunderbar“ schreibt er. Tja, Prism… nomen est omen. Mehrgängemenüs gibt es ab 55, Weinbegleitung ab 54 Euro. Ein Tisch, unter den aller Alltag fällt, während darüber die Sinne feiern, ist online zu reservieren. Fritschestraße 48, Do-Mo ab 18 Uhr, S-Bhf Charlottenburg
Trinken Nach so viel Aufregung ums Essen kann man gut ein kühles Bierchen vertragen. Das gibt‘s heute im Multilayerladen ab 18 Uhr. Und wer seine Speisekarte oder Quittung von anderswo mitbringt, kann diese zur eigenen Unterhaltung von den Jungpoeten Aron Boks und Yusuf Rieger vorlesen lassen. Die beiden lesen nämlich erstens alles und zweitens für Freibier. Wer also schon immer mal seinen Romanauszug professionell vorgelesen hören wollte oder zu schüchtern ist, jemandem sein Liebesgedicht selbst vorzutragen, hat hier Gelegenheit. Lesen für Bier, ab 18 Uhr in der Adalbertstraße 4, U-Bhf Kottbusser Tor. Der Eintritt ist frei
Geschenk Email, eine Geschichte voller Missverständnisse. Laut RAL-RG 529 A3 ist Email nämlich eine zwar anorganische, aber keineswegs immaterielle oder elektronische Postsache. Wie auch – emailliert werden seit jeher schließlich nur Metalle und Gläser, die überwiegend in Form von Schildern, Badewannen und Geschirr daherkommen, das besonders in ländlichen Gegenden stets ob seiner Robustheit beliebt war. Ja, es gibt auch den Begriff „Emaille“, der die beglasten Erzeugnisse von der Elektropost abgrenzen könnte – allerdings wird aus kunstgeschichtlichen Gründen weiter am Email festgehalten. Und weil Email die Zukunft ist, um eine Prognose aus den Anfangstagen des Internet aufzugreifen und weil Zukunft stets im Trend liegt, gibt es reichlich Schmelzwerk bei liv Emaille in der Stargarder Straße 9, U-Bhf Schönhauser Allee zu kaufen. Mo- Sa, 10-18 Uhr