Auch schlecht geschlafen? In der Schwitze der Nacht hat es Berlin nur kurz und vereinzelt am Himmel krachen lassen. Dem vertrockneten Tempelhofer Acker hat der Blitzstart in den Donnerstag aber nichts gebracht (Beweisfotos aus dem Weltraum hier) – und für die Seele der Berliner war es nur ein Tropfen auf das heiße Sein. „Herrliche Sommer, in denen es in Strömen vom Himmel heruntergoss, wie hart werden wir gestraft, weil wir Euch gelästert haben“, klagte treffend die Berliner Illustrierte Zeitung über den Jahrhundertsommer des vorigen Jahrhunderts. Inzwischen ist unsere Stadt wieder so heiß wie 1904: Die Wirtschaftsverwaltung feiert auf Anordnung von Senatorin Ramona Pop nachmittags hitzefrei, die Polizei brät Spiegeleier auf ihren Einsatzwagen (Foto hier) - und auch heute fühlt sich jeder ohne Anlass in die Pfanne gehauen. Deshalb fordern wir: Butter bei die Frische!
Und jetzt kommen wir zu den Schattenseiten:
Menschen im Kampf gegen Krebs allein zu lassen, sie gar mit unwirksamen Medikamenten zu betrügen, um sich selbst zu bereichern – dieser Verdacht kann nicht ausgeschlossen werden im Skandal um einen Brandenburger Pharmahandler, der auch Berliner Apotheken beliefert hat. Ausschließen kann man dagegen inzwischen die Ausrede der Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke), dass sie dem Treiben wegen korrupter Mitarbeiter in der Arzneimittelaufsicht nicht auf die Schliche kommen konnte. Damit ist ein Rücktritt der überforderten Politikerin nicht mehr ausgeschlossen (und sogar zwingend, wie mein Kollege Alexander Fröhlich kommentiert). Die Linke wollte mit Golze als Spitzenkandidatin in Brandenburgs Landtagswahl in einem Jahr gehen – nun trifft sie der Skandal ins Mark. Und mit jedem weiteren Tag des Zögerns zurecht.
Karo macht das Leben froh, sagt man beim Skat. Karow macht das Amt k.o., sagt man wohl in Pankow. Es geht um ein paar Fahrradbügel an einem S-Bahnhof, an denen viele Büroklammern hängen. 2013 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung 36 neue Radständer an der überfüllten Pendlerstation Karow, 2014 sagte das Bezirksamt sie zu. Drei Jahre lang passierte berlinisch nüschte, dann fragte die Bezirksverordnetenversammlung wieder nach, daraufhin sagte das Bezirksamt 2017 erneut die eigene Zusage zu. Nun ergab eine zusätzliche Nachfrage zu der zugesagten Zusage durch eine Kleine Anfrage der CDU an Baustadtrat Vollrad Kuhn diese Antwort: „Das Bezirksamt kann die Fläche nicht mit Fahrradständern bebauen, da sie gegenwärtig und auch in Zukunft für den Schienenersatzverkehr der S-Bahn benötigt wird.“ Jetzt kann Pankow die Sache in den Skat drücken.
Wichtiges Zeichen der Mannschaft für ihren unter Druck stehenden Spieler: Bundestrainer Joachim Löw und die Nationalspieler haben sich hinter Mesut Özil, ach nee – doch immer noch nicht. Stattdessen das hier: Die Eisbären Berlin haben sich hinter ihren alkoholkranken Spieler Constantin Braun gestellt und dies öffentlich unter dem Hashtag #staystrong mitgeteilt. Der Verteidiger hat sich freiwillig in eine Behandlung begeben und fehlt heute beim ersten Training. Zuvor war er bereits offen mit zwei Krankheitspausen wegen Depressionen umgegangen und hatte jeweils starke Comebacks gefeiert. So geht #zsmmn.
Noch immer sind viele Leser berührt von unserer Wochenendreportage aus dem Jugendamt Marzahn-Hellersdorf. Deren schnelle Eingreiftruppe ist oft der letzte Verbündete der Kinder: Manchmal sind die Wohnungen voller Dreck. Manchmal sind die Kinder mit blauen Flecken übersät. Manchmal wünschten die Helfer, das wäre schon alles - hier noch einmal der berührende Bericht von Karl Grünberg zum Nachlesen (und dazu ein vergleichbarer aus dem Jahre 2011 von meiner Kollegin Ariane Bemmer aus Spandau). Kinderschutz bleibt in Berlin kein kleines Thema. Allein in Marzahn-Hellersdorf gibt es aktuell 1000 Kinderschutzfälle; im vergangenen Jahr bekamen hier 4000 Kinder und ihre Familien Hilfen zur Erziehung. Jeder Einzelfall ist einer für uns alle.
Damit hat niemand gerechnet: Peter Scholze aus Berlin ist mit der Fields-Medaille als weltbester Mathematiker ausgezeichnet worden. Der 30-Jährige, der sich jetzt als Professor in Bonn für Deutschland summiert, hat beim Subtrahieren etwas Wichtiges abstrahiert: perfektoide Räume, eine Art geometrisches Werkzeug für Zahlentheoretiker. Dazu passt diese Nachricht des Senats perfektoid: Berlin wird permanenter Sitz des Mathe-Weltverbandes. Willkommen in der Stadt der Nullsummenspiele!
So, genug abgezogen für heute. Jetzt sind wir alle Amt, aber glücklich. Bus, Schule, Arbeitsamt, Verkehrsverwaltung – arbeiten Sie in einem öffentlichen Amt, sind aber rundum zufrieden? Dann wollen wir Sie kennenlernen und wissen, warum Ihr Beruf Sie glücklich macht, selbst wenn andere das nicht verstehen können. Schreiben Sie uns Ihre Geschichte an checkpoint@tagesspiegel.de, berichten Sie uns von Hindernissen und Erfolgserlebnissen und verraten Sie uns, was Ihren beruflichen Alltag spannend hält. Das würde uns glücklich machen.
Telegramm
Erst mal umsteigen in die S42. Hier teilt die S-Bahn am Heidelberger Platz auf Plakaten mit: Wagen nicht geheizt (Beweisfoto hier). Hitz komm raus, Du bist umzingelt.
Kein Scherz: Ab Freitag ist Michael Müller auch Bundespräsident. Der Regierende Bürgermeister vertritt als amtierender Bundesratspräsident für zwei Wochen den verreisten Schlossherren. Hejo, spannt die Wagen an!
Morgen geht die Bundesliga wieder los, allerdings nur für den HSV (gegen Holstein Kiel in Liga zwei). Für richtigen Fußball lädt Hertha BSC ab dieser Saison alle Kinder bis 14 Jahren kostenlos zu den Berliner Spielen ein. So bleibt das Olympiastadion nicht immer voll leer.
Wichtige Nachricht: Ein Verdächtiger, der vor eineinhalb Wochen am S-Bahnhof Schöneweide zwei schlafende Obdachlose angezündet haben soll, ist gefasst worden. Hintergrund war offenbar Rache nach einem Streit. Eines der Opfer liegt weiterhin im Koma.
Neue Zahlen aus der Halbschattenwirtschaft: Ein Jahr nach Inkrafttreten des Prostitutionsschutzgesetzes haben sich erst 2100 Prostituierte in Berlin registriert. Offiziell zugelassen sind inzwischen 160 Bordelle, Polizisten gehen von drei Mal so viel aus. Sexarbeiterinnen kritisieren das Gesetz weiterhin als stigmatisierend.
In Berlin wird vieles schleifen gelassen. „Aber länger kann ich das nicht mehr machen“, sagt Werner Lehmann. Der 90-Jährige betreibt Berlins letzte Solinger Schleiferei. Die besten Köche der Stadt haben hier ihre Messer wetzen lassen; nun ist Sense im Laden in Schmargendorf. Herr Lehmann geht ins Altersheim, und Berlin stumpft ab.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Es grenzt an ein Wunder, alle Bäder offen zu halten.“
Berlins Bäderchef Andreas Scholz-Fleischmann beklagt im Tagesspiegel-Interview den Personalmangel in den überfüllten Freibädern.
Zitat
„Berufstätige haben vor oder nach ihrer Arbeit kaum eine Chance, es ins Bad zu schaffen.”
Berlins bekannteste Schwimmbloggerin Bianca Tchinda bemängelt lange Schlangen vor den Kassen und zu kurze Öffnungszeiten.
Zitat
“Der Popo sollte möglichst weit weg von der Wasseroberfläche gehalten werden, um wenig Auflagefläche zu bieten.”
Sven Schubert, Deutscher Meister im Rennrutschen, erklärt wie man schnell ins Wasser rauscht (via „Zeit Online“).
Tweet des Tages
„Auch 20 Jahre nach der Rechtschreibreform stellt sich mir immer noch die Frage, weshalb der Plural von ‚Fuchs‘ ‚Füchse‘, der Plural von ‚Luchs‘ aber ‚Luchse‘ lautet.“
Stadtleben
Im Februar eröffnete Promi-Gastronom Bülent Demir das Restaurant „La Diva“ im Norden von Spandau, an der Fähre nach Tegelort. Direkt am Ufer gelegen, lässt sich vom Gastraum aus das Treiben auf der Havel beobachten, von Zeit zu Zeit schippert Moby Dick vorbei (Kenner der Tegeler Gewässer sichten die winkende Wal-Silhouette der Touri-Fähre schon von Weitem). Das Menü hält z.B. Saltimbocca alla Romana bereit (17,50 Euro), unter den vegetarischen Optionen finden sich Risotto (14,50 Euro) und Bandnudeln mit Steinpilzen (12,50 Euro). Tipp für den anschließenden Verdauungsspaziergang: Nach Valentinswerder übersetzen, die kleine Insel erkunden und die Beine vom Steg baumeln lassen. Aalemannufer. 31, Di-So 12-24 Uhr